Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 24 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- Seite 226 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Ä7. Karl Iiosenihal \m Tr. ZofeO Lchkmnn ZW GrbDknks Eie haben sich fast überall bewährt. Jeder nnfercr älteren Führer tritt gern ab, wenn der brauchbare Nachfolger die Schwelle überschreitet. Der „brauchbare" — darum geht es. Simmel, der scharfsinnige Soziologe, bezeichnte vor Jahren den, der einen geeigneten Rcrchstagökandidaten ausfindig zu machen verstehe, selbst als Kandidaten zum Parlament. Das ist es. Führer, wie wir sie heute brauchen, sind dünn gesät. Wir alle müsien sie suchen. Besonders mangelt es in dem großen Berlin an Persönlichkeiten, die hervorstechende Fähigkeiten und unumstößliche Befähigung für ein Ehrenamt von Rang mitbringen, an Persönlichkeiten, die, mit solchen Qualitäten geschmückt, nicht nur die Bereitwilligkeit zur Uebernahme bekunden, sondern auch gern Zeit für die Arbeit hingeben. Tiktatur, selbst zu dreien, die sich auch im Gentralvcrein nach den Märzwahlen zwangsläufig herausgebildet hat, erfordert nicht weniger Zeit und Verantwortung als die nun schon der Sage angehörenden stundenlangen Beratungen im großen Kreise, die früher „ortsüblich" und „gerichtsnotorisch" waren. Das alles soll und darf nicht heißen, jeder Führer im deutschen Judentum sei nun ewig unersetzlich, lind die Führer seien nun Edelmenschen, die nie geirrt hätten, und die stets fehlerlos verfahren wären. Nein! So ist es nicht! Keinen Stein in beit Weg dem, der es bester macht. Er soll sofort mit der Führerkrone geschmückt werden, die heute oft nur aus Stacheln besieht. Ist das 100. Jahr in diesen Wochen fällig, in dem der Führer vom Himmel steigt: Tausendstimmiger Willkommengruß erwartet ihn im jüdischen Lager. Wenn nicht, wie wir glauben, so möge das dringende Mahnung bedeuten, die neu aufgekeimte Liebe zum alten Stamm nicht in Sentimentalem, nicht in Kritik, nicht in Desserwissen verklingen Zu lasten. Judentum heißt Wißen. Führertum heißt Erfahrung und Schulung. Kommt noch Jugend hinzu und das offene Herz für die Nöte dieser Zeit, dazu der Adel der Persönlichkeit, Klugheit, Besonnenheit und die Harmonie des Wesens — dann ist der Mann da, den wir suchen. Mögen wir stets viele solche' Männer besitzen. Sorgen wir, daß im deutschen Judentum das Geschlecht der Horwitz und Fuchs, der Nathan und Sonnenfeld, um nur vom Eentralverein zu sprechen, nie aussterbe. Die Lebensfragen des deutschen Judentums behandelt die Literatur des Philo Verlags. Niemals war es so notwendig wie heule, sich mit diesen Fragen eingehend zu beschäftigen. Dian verlange daher die kostenlose Zusendung des Verlag-prospekts. Tie angeschlostene Philo- Brrchhandlurrg liefert schöngeistige und fach, wisienschastliche Werke sowie jüdische Antiquaria. Literaturzusammenstellungen und individuelle Beratung — besonders wichtig für alle Interestenten in kleinen Städten — erfolgen jederzeit kostenlos. Wenn ich dem verehrten Kollegen, noch erfüllt vom Schmerz des Abschieds, ein Wort des Gedenkens widme, so tue ich dies in dem Bewußrsein, daß gerade in den bewegten Zeiten, die wir durchleben, sein Heimgang einen nicht so bald zu ersetzenden Verlust bedeutet. Tenn diese harte Zeit erfordert M ä n n e r . ganze ausrechte Männer, die in Klarheit der Erkenntnis und Nnbeirrbarkeit des Handelns ihren frei gewählten Weg tapfer — gleich dem Ritter zwischen Tod und Teufe! — bis zu Ende gehen. Solch ein Mann und Führer in aufrechter Gesinnung und ehrlichem Handeln ist unser toter Freund gewesen. In ihm war etwas von jener westfälischen Art erkennbar, die sich nicht leicht allen Eindrücken und Bewegungen erschließt, die über, einmal zum festen Entschluß gelangt, nur in letzter Unbcdingtheit und restloser Hingabe ihre Aufgabe zu erfüllen trachtet. Tiefe Ausgabe, die für Tr. Joseph Lehmann den Inhalt seines Taseins ausmachte. war der' D i e n st am deutschen Judentum. Aus der Lrthodorie hervorgegangen, hat er in schwerem Ringen mit sich und den metaphysischen Problemen des Lebens den Weg zum jüdischen Liberalismus gefunden. In ihm sah er die entscheidende unb zukirnftgestaltende Ausdrucksform jüdischer Wesenheit und jüdischen Tatwillens. So wurde er zum Prediger der Jüdischen Reformgcmeinde berufen, in deren Zielen er seine Auffassungen vom Juden turn und seinen Aufgaben glaubte betätigen zu können, und an der er fast ein Vierteljahrhundert in reichstem Segen und mit jenem echten Erfolg, der Liebe heißt, gewirkt hat. Ein wahrer Führer seiner Gemeinde, hat er im Gotteshaus wie in der Schule, in der Sozialarbeit wie in der Seelsorge eine weit über durchschnittliches Maß hinausgchende Tätigkeit ausgeübt. Mit vorzüglicher rhetorischer Begabung ausgestattet, hat er Judentum im Geiste des israelitischen Prcphetismus gelehrt und ge* kündet. Als Religionslehrcr wußte cr ein (re* schlecht gesinnung-tüchtiger, aufrechter religiöser Juden heranzubilden. Ihm war die Gabe zu eigen, in der Jugend und mit der Jugend zu leben und in engster Fühlung mit ihr icliaiwcZ Leben zu wecken und zu nähren. In der sozialen Arbeit unermüdlich wirksam, hat er vor altem in der seelischen Betreuung hilfesuchender Menschen reichen Segen gestiftet. Weit über den Kreis der Jüdischen Reformgemciudc hinaus wirkte gerade auf diesem Gebiet sein segenvolles Tun. Beine lebendige Persönlichkeit brauchte wer* tm Raum für all seinen Schaffensdrang. So wird er zum geschätzten und führenden Mitarbeiter zahlreicher jüdischer Organisationen. Seine besondere Liebe und ernste Sorge zugleich galt dem E. V., dessen Hauptvorstand cr augehörte. Tie Synthese von Teutschtmn und Indentum, für die er selber ein sv lebendiges Beispiel war, bedeutete ihm höchste VerauiworNichleit. Ihm war — aus seiner Ersasiuug des prophetischen Judentums heraus — die jüdisthe Ausgabe eine rein religiöse. National-jüdische Betrachtung oder gar Betätigung erschien ihm als eine Versündigung am Geiste des Judentums. .Niemals hat er die Rotwendigkeit einer sozialen und charitativen Fürsorge zugunsten aller Glaubensbrüder — auch aus dom geheiligten Boden Palästinas — verneint. Aber die Verquickung oder Begründung solcher Aufgaben mit irgendwelchen jüdisch-völksichcn Gedanken hat er bis zum letzten.Tage seines Taseins abgelchnt. Tie Wescnsgestalt des Judentums beruhte für ihn in ihrer religiös-ethischen, universal-humanistischen Ausgabe. Darüber hinausgehende Tendenzen lehnte er auch in den letzten Monaten ab. als er mit tiefen» Bedauern in manchen Kreisen der deutschen Judenbeit ein Schwanken und llnsicherwerdcn zu erkennen glaubte. So schloß cr den letzten von ihm in . den „Mitteilungen der Jüdischen Reformgemeinde"' veröffentlichten Aussatz mit folgenden Worten: „Mit aller Entschiedenheit lehnen wir es ab, uns innerhalb der Heimat in ein bcfon- ' deres Ghetto zu bannen, eine besondere Gruppe, ein besonderer Sektor zu sein. Tas kann rnan uns gegen unseren Willen aufzwingen. Aber es sreiwrllig auznbiclen, wie es von gewissen Seiten geschieht, müssen »vir auss entschiedenste .zurückweiseu, da wir damit in eine Richtung steuern, gegen die »vir gerade um unseres guten deutschen Rechtes »rillen bis zum letzten Atemzuge nnfämp?cn müsien. Wir würden damit der Minderung un'eres Rechtes, ei»»em besonderen Miudcrheitsrecht nur Vorschub leisten. Wir müsien in völlig loyalem Vorgehen, in »veiterer treuer Arbeit an» Weh! des deutschen Volkes und deut'chen Vaterlandes das Ziel erreiche»», für das unsere Väter gelebt und gestorben, für das »vir m»s mit Gut und Blut (»»»gesetzt: unseren vollen Anteil a:n deutsche:» Heimaterde!^ So steh! vor uns sein lebendiges Bild, ge* prägte Form eines wahren Menschen: ein edler Jude — ein deutscher Mmrm. Tenn vverbff Mü J , E* 8 M @