Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 24 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Tiefer Ton erscheint uns eines ärzllichen SkandesblatteZ nicht sehr würdig. Noch weniger eber die Tat, wie man sich neuerdings bemüht, die hervorragenden Leistungen jüdischer Forscher rmd Acrzte zu verdunkeln, seliger tut es in srlgcnder Weise: „ . . . Man Zeige dem Studenten in der Medizin deutlicher als bisher. Latz man den Enk- Lecker der Lpiroedaeis pallida: den ßiofejn deutschen Forscher Schaudinn, denen Angehörige ich als Berliner Armenarzt behandelte, als quLutile vö^liLeabls binßelle und sllcn Glanz und Nahm aus den sremdrassigcn Sslvarsancntdccker Ehrlich lenkte, obwohl dieser das Salvarwn nicht allein, sondern zusammen mit d-cm Japaner Ha tu entdeckte. Man sei doch einmal bei dieser Gelegenheit einen Augenblick §crech: und streng rrincnschastlich: Schaudinus Tat war adsolui schöx''arisch und neu! ^Ehrlichs nnd des Japaners Tat war nicht „schöpfervch'" und neu; denn Arscnpraparate wurden schon lange vor Ehrlich und HaLa gegen Lues benutzt; auch hatten wir im QuccknLer und Jod schon lange vor dem Salvarsan sehr heilkräftig wirtende?Jtittcl gegen Syphilis. Ja, wir können sie euch heute absolut nick! entbehren, weil sie in vielen Fällen retten, wo das Salvarsan versagt . . Was ist denn schöpferisch in einer Wissenschank Aus dem hier zur Diskussion stehenden Gebiete ist vielleicht als einzige grobe schöpferische Tat das Lebenswert Rodert Kochs und Pasteurs zu verzeichnen, die das riesige Gebiet der Bakterioli.'gie erschlossen haben. Es ist nicht einznsehen, inwiefern die Entdeekuncen der Schüler dieser Männer, z. B. eines Schurdinn — die auf den grundlegenden Gedanken ihrer Lehrer ansbanten und dabei systematisch den Nachweis der einzelnen Krankheitserreger geliefert haben, schöpferischer sein sollen als etwa die Arbeit eines Ehrlich, der gegen eine der größten Geißeln der Menschheit das dis heute noch wirksamste Heilmittel schuf. Schöpferische Phantasie rmd shstemntische Kleinsrbert gehören nun einmal zu jeder großen wissenschaftlichen Tat. Ein bedeutendes Heilmittel deswegen Zu bagatellisieren, weil seine Erfinder Juden waren, ist nicht fair Play. Weiß übrigens Herr Tr. Seeliger. daß die Herstellung und der Export von Salvarsan eine der Hauptstützen der deutschen pharmazeutischen Industrie darstellend In dem gleichen Heft lesen wir die Besprechung des Luches von I. N. von Noithberg, Hammer Verlag, Leipzig: „Tie ungenügende rnonrgame Ehe", gleichfalls ans der Hand von Herrn Dr. Seeliger. Das Buch fordert ans völkischen Gründen eine ßheresorm im polygamen Sinne. An diesem Borschlage bemängelt der Verfasser nur eins: nämlich, daß der Verfasser bei diesem Vorschläge die Eiferstnht zroischen den beiden Ehefrauen nicht genügend in Rechnung gezogen habe. Im übrigen empfiehlt er den Kauf und das Lesen des Roithbergjchen Buches dringend. Tie folgende Numnier des „Sächsischen Acrzwblattes" gAr. 11 vom Brachmond Illach enthält einen grundsätzlichen Artikel von Professor Tr. S t a e m m I e r über „Tas Judenlum in der Medizin". Man dürfte diesem Artikel mit um so größerem Interesse entgegensehen, als Herr Professor Stammler einer der führenden Männer der nationalsozialistischen Aerzteoewegung ist. Er hat sich auch kürzlich an anderes Stelle (..Eugenik". Heft 5) über die Sterilisierung Mind-envertiger in einer anderen Arbeit ausgesprochen, die sich von anderen Ausführungen über dieses Thenna („C.-D.-Zeitung" Nr. 21) durch den wissenschaftlichen Ernst ihres Tons in wohltuender Weise imkcr scheidet. Stellte diese Arbeit einen beachtenswerten Versuch wiffensch-Lstlicher Auseinandersetzung dar, fo bedient er sich in tem Artikel im ^Sächsischen Aerzteblatt" gcznz anderer Methoden der Argumentakion. Nach einer historischen Einleitung,' über die an sich viel zu sagen wäre, nntersircht er die Frage, w-arum der Aerztesiand den Kontakt mit dem Volle verloren habe: „ . . . Und wenn wir heute von einer Krise der Heilkunde sprechen, wenn das breite Dell sich mehr und mehr von der sogenannten Schulmedizin abzuwenden scheint und der Kurpfuscherei uachläust, so ist das nicht )um wenigsten dadurch bedingt, daß der einfache Mensch bei tan Arzt oft nicht das findet, was er dort sucht. Arztkum war früher Priestertum, honte ist cs vielfach zum reinen Geschäft geworden. Ter jüdische Händlergeist ist in die Medizin eingczogcn rnrd hat auch diele der deutschen Aerzte ergriffen..." Er sieht die Schuld an allem, was sich in den letzten Jahren an unerfreulichen Problemen im Acrziestano ennvickelr hat, bei den Juden. Tie Krankenkassen feien verjudet, der Jude sei in seinem ärztlichen Handeln nur von Erwcrbsgier getrieben. Unerfreuliche Einzelerscheinungen, deren Reklame gerade von jüdischer Seite arn stärksten bekämpft worden ist, werden als typisch jüdisch zitiert. Ter Friedmann-Nunnnel wird erwähnt, aber dabei nicht beachtet, daß es gerade der Jude Julius Schwalbe gewesen ist, der als Schriftleiter der „Deutschen Medizinischen WochensthrisW zum Kampf gegen solche Tinge aufgerufen hat. Tie schon vorhin erwähnten Schwierigkeiten, sich mir den großen jüdischen ärztlichen Leimungen abzufinden, wird von Staemmler mit folgender Frage gelöst: . 1. kann man sich die deutsche medizinische Wissenschaft rhire BUttvirkuna der Juden denken? Würde sie dadurch etwas Wesentliches von ihrer Eigenart verlieren, würde cs ein Verlust für die t>eiü!±e ^ledisin sein, wenn die Juden daraus verschwinden? . . ." Selbstverständlich kann man sich die Wissenschaft, die Kunst und die Technik eines jeden Landes vorstellen, indem man die große Leistung des einen oder anderen Menschen aus ihr herausstreicht. Wenn man aber untersucht, auf wessen Leistungen die Weltgeltung deutscher Kultur auf den genannten Gebieten beruht. so ist es klar, daß keiner der Ecksteins dieses stolzen Baues heransgenommcn werden kann, ohne daß eine sichtbare Lücke entsteht. In einer großen englischen Zeitung konnte man in diesen Tagen die erstaunte Frage lesen, ob man denn wirklich all bis großen Leistungen deutscher Künstler und deutscher Forscher jüdischer Abftammung, die man bisher als spezifisch deutsche Leistungen gefeiert hat, künftig nicht mehr aus das Konto des deutschen Volkes setzen dürfe? Od man sich wirklich jetzt daran gewöhnen müsse, diese Leistungen als „jüdisch" zu betrachten. - Wir wollen urrs diese Argumentation nicht zu eigen machen. Wir wissen, daß die große Mehrheit der deutschen Aerzte nicht daran denkt, den Ruhm deutscher Wissenschaft zu verkleinern, weil man den Juden ihren Anteil nicht gönnen will. Wir können aus solchen Betrachtungen sowie aus all den Angriffen, die heute gegen uns erhoben werden, etwas Positives schöpfen, wenn wir uns einmal zu vergegenwärtigen suchen, welchen fürstlichen Rang die jüdischen Leistungen in der Wissenschaft der Welt einnehmen würden, wenn sie, Herrn Professor Staemmler folgend, getrennt und über alle Lander ztisammengefaßt zur Tarftellung käme. tlölllüZ ßÄNÄA rrMEMAiker MiMüAiÄ m km §Wm oui- In entsprechender Weise, wie sich die Verordnung vom 22. April d. I. gegen die Tätigkeit h der jüdischen Aerzte bei den Krankenkassen ge- 1 wandt hat (RGBl. I, S. 222), beendet die nun- ] inrijt veröfs'euttichke Verordnung des Reichsarberiominifters vom 2. Juni »1933 (RGBl, I, S. 350) die Tätigkeit von Zahn-! ärzten rmd Zahntechnikern, die nichtarischer Abstammung sind oder sich im kommunistischen Sinne betätigt hab-en, aus Kosten von Krankenf küssen (tz 223 der Reichsversicherungsordnung); solche Zahnärzte und Zahntechniker sind auch künftig von dieser Tätigkeit ausgeschlossen <Z 1 der Verordnung). Tics gilt nicht für (nichtkommunistische) Zahnärzte und Zahntechniker, die bereits seit dem 3. August 1914 niedergelassen; sind oder die im Weltkriege an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gckampft haben oder deren Väter oder Söhne im Weltkriege gefallen sind, ferner nicht für Zahnärzte, die im Weltkriege für das Tcutsche Reich oder für seine Verbündeten als Arzt an der Front oder in einem Scuchenlazarett tätig gewesen sind (§ 2). Tie kasseuärztlichcn Vereinigungen erklären die Tätigkeit der auszusch-icßcnden Zahnärzte und Ztchntechniker mit Wirkung vom 1. Juli 1933 ab für beendet (§ 4). Sie haben ihre Entscheidung dem Zahnarzt oder Zahntechniker und denn Vor- - stände des Verbandes der Aerzte Deutschlands unter Angabe der Gründe mitzuteilen t§ ö). Gegen diese Entscheidung steht dem Zahnarzt oder Zahntechniker binnen zwei Wochen nach Eingang der Mitteilung die Beschverde an den Reichsarbeitsminister zu. Die Beschverde hat keine ausschiebende Wirkung; sie ist bei dem Vorstande des Verbandes der Aerzte TeutschlanLZ einzureichen (§ 6). Ist zu befürchten, daß die Beendigung der Tätigkeit zum 1. Juli 1533 die Versorgung der Versicherten ernstlich gefährdet, so können dis kassenärztlichen Vereinigten gell oder bei Entscheidung auf Befchverde d-er Reichsarbeitsminister den Zeitpunkt für die Vs» ' kndigung hinauskchieben. bis die Versorgung der Versicherten ausreichend geregelt ist 7)- Ter Zahnarzt oder Zahntechniker darf die Fortsetzung seiner Tätigkeit nicht deshalb venveigern, weil deren Beendigung auf Grund der Verordnung dorn 2. Juni 1933 zu erwarten ist (§ 16). Ter grundsätzliche Ausschluß der jüdischen Zahnärzte von der Tätigkeit bei den ltzrankenkassm entspricht der sonnigen neuesten deut;ck)en Gesetzgebung. Tie Nationalsozialistische Tcutsche Arbeiterpartei hat seit jeher den Standpunkt vertreten. daß die deutschen Juden in bcn akadcnlischen Bernstn übcrwüßig stark in'rLretcrl seien. Es würde zu weit führen, genauer zu unterstützen, welche historischen Derhüttnisie zu der heutigen Berufsschichkung geführt haben. Jedenfalls strebt man allch von jüdisck)er LcUS nach einer Berussurnfchichtung. Wie soll diese Umschichtung aber in die Wege geleitet ivcrden, wenn auch die sogenannten mittleren Berufe — z. B. die mittlere Beamtenlaufbahn, in dcr Juden verhältnismäßig feiten vertreten such — gesperrt werdend f. 66L. ,,Jnformatronöbrätter"< Tie in Nr. 20 der „E. V.-Zeitung^ vom 18. v. M. erstmalig erwähnten „Informationsblätter^, die der „Zentralausschnsz der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" herausgibt, liegen bereits in ihrer 3. und 4. Ausgabe vor. Sie enthalten wichtige organisatorische Hinweise, Berichte über Arbeitsmarkt, Berufstage, Wanderung, Ausbildung?- und Schulfragen. Die „Juristisch-Wirtschaftliche Beratungsstelle" des GenLralvererns liefert laufend Atatcrial. Tie wertvollen Mitteilungen können von der „Zentralwohlfahrtsstelle der Veurschen Juden", Berlirr- Charlottenburg 2, Kantstr. lob, von interessierten Stellen bezogen werden.