Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 23 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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teil, SnitungshLuser, von Juden errichtet, keine Inden i:n Vorstände haben dürfen. Wäre unser Berichterstatter nicht so zuverlässig. so hätten wir diese überraschenden Mitteilungen eher für einen unan- «ebrachien Scherz als für eine bittere Wahrheit xrhalron. Wir hosfcii hier ans eine gerechte Klärung, der selbst der eifrigste Nationalsozialist nicht ans dem Wege gehen wird. 3. RiiiZrlichksiL Don der Kugel schwer Getroffene unterstehen auf dem Schlachtsclde dem Schuhe des Roten Kreuzes. Aber welcher anständige Soldat würde sich überhaupt je an einem verwundeten Feind vergreisen? Wir deutschen Juden erbitten keine Schonung. Dazu sind wir zu stolz. Dazu sind wir zn gute Deutsche. Daß dem gesäurten deutschen Judentum aber ein schwerer, schivcrcr Schlag verseht wurde, den es kaum zu überwinden vermögen wird, weih heute jeder. Wenn sich trotzdem mancher nuferer Gegner noch nicht gesättigt fühlt — wir müssen es hinnchrncn, aber kampflos gewif; nicht. Immerhin sind Broschüren und Bilderbücher wie ..Juden scheu dich.au' unseres Erachtens kein Ruhmestitel für die, die hinter dieser Schrift stehen. Es wäre besser, sie würde nicht bei allen Berliner Bahnhossbnchhändlern ausgebotcn. Daß gar, wie eine andere schmale Flugschrift behauptet, den Juden der Verlust der — Marneschlacht aufs Konto zu schreiben sei — darüber zu lachen, wäre zn anderen Zeiten ein wirkliches Bedürfnis. Das alles aber ist noch - nicht genug. Waldemar B o n s e l s hält den Augenblick für angebracht, die Judcnsrage in verschiedenen Tageszeitungen aufzurollen. um die Berechtigung der gegnerischen Politik zu beweisen. Wir wollen nicht in eine Kritik seines Aussatzes eintrcten. Seine Linie hat Spengler viel früher und viel tiefer gezogen, und wir haben damals mit diesem Meister die Klingen gekreuzt. Wir hätten Sie, Waldemar Bonscls. den ..Biene-Maja"-Erzeuger. viel höher gewertet, hätten Sie Ihre Gedanken lange vor dem 30. Januar ebenso mutig veröffentlicht; moralische Wertungen hängen manchesmal vom Kalender ab. Nach einem bestiminten Datum plötzlich entdeckte Herzensliebe ficht nicht hoch im Preise, selbst bei denen nicht, die mit ihr bedacht werden. Dem Kämpfer, auch dem fanatischsten, steht Ritterlichkeit am besten zu Gesicht. 'Leider heisst der rinritterliche Kämpfer Waldemar Bonsels. Dient Das dcmArrsbau derWirtschast? Tie Stadtverordneten von Clatz beschlossen, nach Pressemeldungen, 'allen Zeitungen, die Ceschästsanzcigen jüdischer Firmen veröffentlichen, die Verössentlichnng amtlicher Bekanntmachungen zu entziehen. Ed K) v u $ 3u den Grundlagen unseres Seins Tie Ereignisse der jüngsttn Senate traben den jüdischen Deutscher, biS zum letzten «zwar sind die fd:;‘;;n Gefühle und Empfindungen, die utiS mit dem deutidu Vat.-rlattde und Lotte verbinden, auch die, die uns zum Juden erstatten, nicht mcszbar üöch darucübac, aber cZ bringt ncitcr, wenn ernste Freunde innerer Lache sich reizt hier über die Grundlagen unseres Lrinö ausfprecheu« 2n dieser Nummer rummL Zuerst Dr. Fritz G ol d sch rrr i d t das LSort. Die Lchriftleitung. Mit nur wenig verhehlter Geringschätzung pflegen die schwergeprüften Menschen unserer Tage aus die Werther-Zeit als die Zeit des Gefühlsüberschwangs, der Sentimentalität, zurückzublicken. Sie ziehen es vor, in ihrer Qual zu verstummen, als zu sagen, was sie leiden. Solange die deutschen Juden die gleichen seelischen und wirtschafrlichen Nöte wie ihre „arischen" Mitbürger durchzumachen hatten, haben sie noch — wie die anderen — ihren Sorgen und Kümmerninen Ausdruck gegeben. Als inan sie aber unter ein Sonderrecht siebte, als man sie nicht nur wirtschaftlich entuniqefte, sondern ihnen die Zugehörigkeit zum Vaterlande abiprach, da verbot ihnen ihr Stolz, zu klagen und das, wassie bewegte, in die Außenwelt zu 'tragen. Sie empfanden mit Heinrich Heine, der heute kein deutscher Dichter mehr sein soll: „Das ausgesprochne Wort ist ohne Scham, Das Schweigen ist der Liebe keusche Blüte." Wir sind uns der Größe dieses Schweigens, dieser Verschlossenheit bewußt. Liegt in dieser Scheu nicht aber auch eine Gefahr? Droht nicht unser ganzes Zeitalter, aus der Furcht,- seinen Gefühlen ü b e r sch w ä n g - li ch e n Ausdruck zu verleihen, gefühls- und empsindungs a r m zu werden? Wenn auf der einen Seite das Uebermaß der Gefühlseligkeit eines Werther schreckt, dem Goethe selbst mit der Mahnung entgegentreten zu müssen glaubte: „Sei ein Mann, und folge mir nicht nach!", so droht au] der anderen Seite das Versinken in eine geistige und seelisthe Lethargie. Der Führer des deutschen Vollsbundes zur Wahrung der Minderheitsrechte in-Ostoberschlesien. Otto Ulitz, hat in diesen Tagen das Wort geprägt: „Deutscher ist, wer seelisch verkümmerte, wenn er sein Deutschtum verlieren würde!" Deutschtum in diesem Sinne ist etwas tief Innerliches, von der Anerkennung oder Bestätigung der Außenwelt Unabhängiges. . Die überwiegende Mehrzahl der - deutschen. Juden darf dieses Deutschtum für sich iu Anspruch nehmen. Auch soweit sie ins Ausland verdrängt werden, wird diesen Juden die deutsche Wurzel ihres Seins unverlierbar bleiben. Sie werdenseelisch nicht verkümmern! Ist es doch eine Erfahrungstatsache, daß deutsch-jüdische Auswanderer häufig draußen ihre deutsche Kultur länger und stärker bewahrt haben als andere! Haben dock) die Ostjuden im „Jiddisch" Jahrhunderte lang unter den Slawen die mittethochdeu'sche Sprache bewahrt, so daß noch hellte altertümliche Ausdrücke durch den Vergleich mit dem „Jargon" erläutert werden können und müssen!' ' Diese innerliche Verbundenheit mit deutscher: Sprache und Kultur, die einer Jahrhlmderte langen Geschichte und Tradition entstammt, könnte auch durch die äußerliche Bezeichnung als nationale Minderheit nach dem Vorschläge von Freytag-Loringhoven nicht beseitigt werden. In keinerlei Gegensatz zu diesen Tatsachen und Gefühlen steht der Umstand, daß die deutschen Juden sich gegenwärtig stärker denn je aus die zweite Wurzel ihres Seins, auf ihr Judentum, besinnen. Es blieb einem bedeutungslosen jüdischen Einzelgänger und Außenseiter Vorbehalten, daran Anstoß zu nehmen. Was die jüdische Stammes- und Glaubensgemeinschaft der Menschheit geleistet hat, was sie insbesondere — von allem anderen abgesehen — allein durch den Einfluß der Bibel, des „Buchs der Bücherch für das deutsche Volk bedeutet, hat niemand schärfer hervorgehoben als der Philosoph/ auf den sich die Widersacher der Juden so häufig berufen, als Friedrich Nietzsche: „Im jüdischen Alten Testament, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftentum ihm nichts zur Seite zu stellen hat.., — der Geschmack am Atren Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht aus -Groß', und -Klein' — . . / („Jenseits von Gut und Böse", Nr. 52.) Nach wie vor sehen wir in der künstlichen Grridjtung von Schranken zwischen Volksteilen und Völkern nichts Erstrebenswertes. Wenn aber die heutigen Maßnahmen dahin führen, daß unsere Jugend stärker als bisher mit jüdischem Wissen, jüdischem Gedankengut, jüdischer Ueberlieser.ung, Religion und Ethik erfüllt und vertraut wird, erblicken wir darin einen starken Halt für sie und bejahen diese Entwicklung von ganzem Herzen. Dabei bleiben wir gleich weit entfernt von jedem jüdischen Chauvinismus wie von einer nur für das Alter vertretbaren Archibald- Douglas-Stimmung. Wir bemühen uns, zu erkennen und auszusprechen, was ist. Wir dürfen und wollen nach keiner Richtung sentimental werden! le ErlisSs“ ii&sr ßls iudsnfrags Die Pfingstnummer des ..Berliner Tageblatt*1 hat, dankenswerterweise in ihrer Beilage zahlreiche Beiträge zu dem Thema „Staatsbürgertum .und Volkstum, die Juden in Deutschland*' veröffentlicht. Diese Aussprache wird in der „Brücke“ fortgesetzt werden. Der Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glau* bens wird in ihr noch ausführlich zu Worte kommen.