Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 22 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 204 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das res ''ruinierte Haus. Be« PA&ECHOlfcL higLVuhige Unterkunft, Volksgemeinschaft, von diesen: unseren deutschen Heimatboden immer noch außerordentlich schwer machen wird. Die planmäßige Abgabe eines gewissen Menschenüberschusses, für den der Heimatraum keine Aufnahmefähigkeit nuehr besitzt, ist jelbswerständlich anders zu beurteilen. Zeuch dem Gesetz der Polarität kommt nun der Gegenvorschlag, daß wir innerhalb der deutschen Grenzen ein Eigendasein nach dem Vorbild und den Gesetzen nationaler Minderheiten führen sollen! Es wäre eine sehr künstliche nationale Minderheit, die dann entstünde. Losgelöst von den lebendigen Kraftströmen der großen deutschen Volksgemeinschaft, würde sie sehr bald das ^Zerrbild einer echten nationalen Minderheit bilden und den Wert dieser unter anderen Voraussetzungen, so etwa für die deutsche Minderheit außerhalb der deutschen Grenzen, so wichtigen staatsrechtlichen Konstruktion schmälern. Denn die wichtigsten ihrer Merkmale, die Voraussetzung einer Absonderung und Autonomie als nationale Minderheit bilden, fehlen dem deutschen Judentum: die eigene lebendige Sprache und eigene lebendige Kultur. Und ebenso fehlen die Erneuerungsströme eines Mutterlandes zu den Minderheiten wie die gemeinsam erlebte kontinuierliche Geschichte. Wir wollen keine innerjüdische Auseinandersetzung damit beginnen. Aber Palästina, so wie es heute ist, kann und wird auf lange Zeit hinaus nicht das Mutterland für jüdische Minderheiien bilden können, die kulturell aus westeuropäischer Höhe stehen. So muß die Konzeption einer nationalen Minderheitsoersaffung» die manchem Menschen zwar als unliebsames Ende unsere deutschen Geschichte, aber immerhin als erstrebenswert vorschwebt, so lange verworfen werden, wie noch nicht jede begründete Hoffnung auf eine den sachlichen und ideellen Voraussetzungen in stärkerem Maße entsprechende Lösung geschwunden ist und eine befohlene Neuregelung erfolgte. Der heutige Zustand kann sich zurück- oder hiwrufentwickeln. Ein anerkannter Nechtszustand jedoch, der in sich masere Llusschaltung mit unserer Zustimmung enthielte, würde endgültig das Ende besten bedeuten, was als deutsches Judentum geschichtlich war und geworden ist. Zwischen den beiden Polen der Entfremdung durch räumliche Trennung und der Entfremdung durch rechtliche Trennung liegt die unendliche Fülle einer zerquälten, gefesselten. geplagten, aber doch lebendigen jüdischen Wirklichkeit in Deutschland. Niemand vermag die Entwicklung der nächsten Monate vorauszusagen. Niemand weiß, welche endgültigen Absichten die maßgebenden Männer in der Negierung mit dem deutschen Judentum haben. Aber das eine jedenfalls steht fest, daß ein Judentum, das so oder so seine deutsche Position freiwillig aufgäbe, niemals einen inneren Anspruch auf Revision seiner Lage und auf Berücksichtigung seiner wohlerworbenen Ansprüche haben kann. Ohne eine sehr starke Konzentration der jüdischen, organisatorischen, materiellen und vor allem auch seelischen Kräfte, ohne Erneuerung und Auswechselung der Führertzenerationen, die sich schon jetzt abzeichnen, wird es nicht gehen. Unsere Möglichkeiten. auf die politischen Entscheidungen Einfluß zu gewinnen, sind sehr gering. Alffr unsere Bemühungen nrüffen dort einsetzen, wo sie unmittelbare Wirkung haben können, nämlich in der Arbeit für dis Aufrechterhaltung einer trotz aller Widrigkeiten nicht völlig wirtschaftlich verelendeten, politisch Willensstärken und gesinmmgsmäßig un- Leörcchcnen deutschen Judenheitst Dr. Ludwig Areund. Bsr- Nu» Bundesgsschäflsführer des Reichs- Hundes jüdlMr Icoukioldclken» führte „Zur jüdsichsn Lage der Gegenwart" kl» 6» CIHD» . Die Aufgabe» die uns gestellt ist, ist eindeutig und klar: Judentum der Jetztzeit ist an die Diaspora gebunden. Vollgültiges Sein als Menschen könnten wir in dieser Gebundenheit nur gewinnen, wenn wir in den außerjüdischen Lebensöezirken ungebrochen toilhaben au den Lebensverhältnisien der Umwelt. Der Schnitt, der heute zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland gelegt wurde, zerreißt die Grundlagen unserer Normaleristenz. Juden, die stch national als Juden fühlen, roerden von diesem Schnitt gar nicht oder weniger getroffen. Aber die Frage der Zugehörigkeit zu eiuer Nation kann nicht in die Sphäre des Intellekts gehoben werden. Die Intellektualisierung von Gesüöstszusammenhängen ist ein Vorwurf, der von außen her gegen uns Juden sehr oft erhoben wurde. Auch im Nahmen unseres jüdischen Seins foulen wir uns davor hären, gefühlsmäßigen Zusammenhang zur Klarheit der Verstandeseiusicht zu erheben. Echte Gemeinschaft besteht nicht durch den Verstand, sondern durch das Gestuft, llnd wen sein nationales Zugehorigkeiisgs'ühl zu tu Deutschtum drängt, dem wird man das Gegenteil nie „beweisen" können. Ilm für die Masse deutscher Juden gesunde Lebens verbältniste zu schaffen, ist die Neugewiumurg des Anschlusses an die deutsch? Umwelt nötig. Der andere Wog wäre die restlose Nationalisierung alles jüdischen Daseins. Dieser Weg aber ist erst möglich wenn jedes nationale Zusammenhanasgefühl deutscher Juden mit dem deutschen Element verloren gegangen ist. Abwehrorganisationen haben sich als Instrument des Willens ihrer Träger Lu fühlen. Die Masse deutscher Juden von heute will keine spontane Trennung von den deutschen Dingen, die sie in ihre Seele verpflanzte. Die Wirklichkeit, die heute vor uns ausgerichtet ist. ist eine aufgezwungene. Wenn wir sie anerkennen, geben wir uns selbst aus als Menschen und als Bürger. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat seine ganze Arbeit in der Jetztzeit darauf gerichtet, diejenigen Positionen, die er für die deutschen Juden retten konnte, bis zum äußersten zu verteidigen. Die Sonderrechte, die für gewisse Kategorien cuftgerichlet wurden, haben wir schmerzlich, aber nicht als ehrenvoll empfunden. Auf der anderen Seite wißen wir, daß Sentimentalitäten unangebracht sind. Wir führen heute den Kampf um die letzten und äußersten Positionen der deutschen Juden in der deutschen Welt. Geben wir freiwillig das auf, was wir halten können, so haben wir alle Chancen für die Zukunft verspielt. Was jüdische Frontsoldaten z. 23. heute noch an Aemtern und Stellungen besetzt halten, ist Hoffnungsanker für die Zukunft. . .* Georg nareski. Berlin. Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Dolksparter fnaiionLljüdrsch), fordert in feinem Beitrag „Die ich es sehe": „... Für diejenigen, die in Deutschland Zurückbleiben, und das werden immerhin mehrere hunderttausend Menschen sein, muß ihre Beziehung zum Staat in eindeutiger Weise geregelt werden. Man kann unter jedem Gesetz leben, nicht leben kann man aber in völliger Unkenntnis dessen, was erlaubt ist und was nickst. D-as erfordert politische Arbeit, deren Schwere in keiner Weise imterschätzt werden soll unb die doch getan werden muß, weil sie die notwendige Voraussetzung für alles andere bildet. Es ist nicht Sache des kleinen Häufleins der deutschen Juden, seine Rechsstellung selbst zu bestimmen. Wenn das deutsche Volk in seiner gewaltigen Mehrheit sich dahin entscheidet, daß für den deutschen Juden ein neues Recht gelten soll, daß der bisher geltende Begriff des Staatsbürgers aozftöscn ist durch andere Grundbegriffe, so muß das deutsche Judentum, so schwer dieses Erwachen aus dem hundertjährigen Traum der Emanzipation-Periode im einzelnen ausfallen mag, diese Entscheidung akzeptieren und sich aus sie einstellen. Für diejenigen Juden, die den nationalen Charakter unserer Gemeinschaft begriffen haben, ist diese Einstellung eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Auch als Glied einer Minorität inmitten eines großen Volkes kann man ein nützlicher und geachteter Bürger sein. Es ist durchaus lein Unglück, wenn der 'Schleier, der bisher die Beziehungen zwischen dem deutschen Volke und seinen Juden verhüllt hat, zerreißt. . st Schließlich schreib! Rabbiner Dr. Pinchas Cohn, Berlin, der Gefchafksführends Vorsitzende der Agudss IiZroel-RNltorgamsMon „Orthodoxie lehn! Lulluranlonomie ab": „. . - Seitdem im Versailler Vertrag der Gedanke des Minorirätenrechtes in die Welt kam, seitdem ferner zum Treuhänder dieses Strebens der Völkerbund gemacht wurde, bewegte sich die bewußte Orthodoxie immer in der Linie, daß dir Juden jedes Landes ihre Rechte und ihre Wünsche im Rahmen der Gesetze und Organe ihres Siedlungslandes zu vertreten und zu erwarten hätten, und daß es den jüdischen Traditionen widerspreche, einen Einfluß außenstehender Faktoren aus die Geschicke dieses ihres Siedlungslandes herbei zuführen. Wir betonen, daß dies nicht etwa aus der Erwägung hervorgiug, daß so das MinoritäLenrecht ein sehr bedenkliches Danaergeschenk werden könnte, durch welches eine Entfremdung zwischen dem Majori- Lätsvolke, d. h. also dem herrschenden Volke des betreffenden Landes, und den Juden notgedrungen herrorgerufen werden muß, sondern, wie bereits gesagt, diese Ablehnung ist tief religiös begründet und kann — wir muffen das zu unserem Schmerz offen sagen — auch in jüdischen Kreisen wohl nur ron denen verstanden werden, welche in ihren ganzen Lebensbeziehunaen und Lebensamchammgen nur und ausschließlich in der Religion wurzeln und auch in der Religion ihr Polnisches A und O erblicken. Schon daraus ergibt sich rein politisch die Folgerimg, daß die Orthodoxie den Eedanken einer jüdisch-nationalen Kurie rundweg ablehnt. Tenn denkbar wäre die Sache doch nur in Verbindung mit Unterstellung dieser also gebildeten Minorität unter den Schtch des Völkerbundes, und dann würde eine Geschlossenheit Deutschlands gegenüber dem Völkerbund nicht mehr bestehen. Z'u diesen rein politischen Erwägungen kommen noch religiöse Momente. Wie die Dünge nun einmal liegen, würden in diese jüdisch-nationale Kurie alle verwiesen werden, die zumindest bis in die dritte Generation zurückreichend nicht rein-ari'cher Abstammung sind, d. h. also auch selche, die die Gemeinschaft der jüdischen Religion ablehnen und ihrer ganzen Weltanschauung nach mit dem Judentum nichts Gemeinsames haben wollen, wohl auch nicht können. Daß dies vom religiösen Gesichtspunkt aus untragbar ist, braucht wohl nicht weiter aus-geführt zu werden. . *-