Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 22 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 203 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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L0A Im „Berliner Tageblatt", Nr. 244 vom 27. Mai, lesen wir in einem Aufsatz Weiser spricht". ..In revolutionären Zeiten hat es der Verse nick: leicht, ir.lt seiner zarteren Stimme den Cher der erregten Planen zu übertönen. Sie buben andere, drängendere Sorgen und Wünsche als er, und seine Mahnungen und ihnen unbeguem; sie zollen ihnr vielleicht den schuldigen Respekt. aber machen üch seine Gedanken nicht zu eigen. Es wäre betrübend, wenn dieses Schicksal auch denn Mann widerführe, der seit Oariiacks Tode der Erste im Reiche der de ui sichen Tö'n'enschan rt: dein greisen Physiker Max Planck, dem eben erst an'seinem 75. Geburtstag die gelehrte Welt ihre Verehrung bezeugte. Planck hat vor ein paar Tagen aus der -Hauptversimimlung der zwi'er-Wilhelm-Geselllchaft eine (von uns im Auszug wiedergegebonG lliede gehalten. die leider in der O-esientlichkeit nicht genügend beachtet wnrde. obgleich selten so kr inall klare und gedankenschivere Vs orte über die Mission der Wiyenschaft in unserer Zeit geprägt wurden wie dort von ihm . . . Planck versprach zunächst feierlich eine aktive Mitarbeit der Wissenschaft an dem Ausbau unseres ^Vaterland-es. Aber während manche Zeitgenossen die Gelehrten in eine dienende Stellung hineindrängeu wollen, wies er sehr nachdrücklich daraus hin, wieviel der deutsche Name und überhaupt die Voltsgesamtbeir den unabhängigen Forschern verdanken. Reicht von ungefähr befanden sich unter den vier Männern, deren außerordentliche Verdienste er besonders hervorhob. zwei, deren Nennung unseren Raffenjorschern gewiß nicht gewillt: der Physiker Heinrich Hertz, der — ebenso wie Röntgen — Millionemverte geschallen, und der eben freiwillig zurückgetretene Chemiker Fritz Haber, der — zum Teil gemeinsam mit Earl Bosch — im Weltkriege uns die Mittel zur Ernährung und Verteidigung geliefert habe. Nach dieser taktvollen. aber deutlichen Zurechtweisung geuch'.er völkischer Fanatiker schilderte Pllmck die Forschungsmethrden der echten Wissenschaft. Lie länrpfe nicht mit tönenden Worten und mit klirrenden Wallen, sondern in stiller, schlichter, unscheinbarer, zäher Arbeit, die zwar nicht unmittelbar nach außen, aber um so gründlicher und zielbewußter im Innern und dadurch — mif weite Licht betrachtet — auch ans das praktische Leben wirke. Und dann kommen drei Lätze, die man ungekürzt wiederholen nmß, weil niemand wuchtigere Formulierungen für diese Mahnungen finden könnte: ,Nm aber ihre im höchsten Sinne nationale Arbeit erfüllen zu können, bedarf sie (die Wissenschaftder freien Entfaltung ihrer Kräfte, bedarf sie vor allem der Führung durch wiffenschastliche Forscher, denen die unumgänglich nötigen Nittel zur Verfügung gestellt werden, ihre Ideen zu erproben, und die sich in ihrer Arbeit von den höchsten Behörden geschützt suhlen dürlln vor unsachlichen Beunrnhignngen durch Ereignisse der Tagespolitik. Es steh! heute stör die deutsche Wissenschaft zu viel auf dem Spiele, als daß dieser doppelten Forderung nicht immer wieder Ausdruck gegeben werden mühte. Tenn in der wiffeuschaitlichcn For'chung vt die EinzelpersöuUchkeit ebenso unersetzlich wie in der Kunst oder in drw Politik.'" Das weit verbreitete „(shcmrritzer Tageblatt" zitiert in feiner Nr. 140 vom 21. Mai die Darstellung der „($. V.-Zeitung" Nr. 10 vom 11. Mai über Die Vorschläge Jrcytag-LorLnghovens zur Rechtsstellung Der derrtschen Juden, (stö schreibt: „Tie „E. B.-Zeitung", das arntliche Blatt des ..Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der, wie die„E. V.-Zeitung" schreibt, in letzter Zeit, einen außerordentlichen Miti c>v uü A *"£: : A - \ V/‘s?v Das „Israelitische § a m ili enbla l!" Rr. 21 vom 2-1. Mai veröffeniUcht eine Rundfrage „Die Zukunft der deutschen Süden". Da roic annehnren. daß cs unsere Leser interessiert, die Stellungnahme der verschiedenen jüdischen Richtungen zu dieser rvichügsirn §rage »ennenzuternen. gedca wir nachstehend Auszüge aus alles Antworten wieder: Sn einem Aufsatz „Des deutschen Süden seelische Rot" schreibt der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Sudenkum in Deutschland, Rechtsanwalt Heinrich S l e r n , u. a.: „ ... Eine religiöse Minderheit waren wir in Teutschland immer. Ihr zu geben, was ihr gehört: Autonomie des Kultus, der religiösen Erziehung der Jugend, der eigenen Wohlsiahrtspflege, ist überall Sache des Staates. Er muß uns die Mittel gewähren, unter eigener Verantwortlichkeit, unter eigener Autonomie — hier hat das Wort einen guten Sinn — zu leinen, was unsere Gemeinschaft erfordert. Teswegen ist es in keinem Falle zu rechtfertigen, daß etwaige Staatsbcihilseu für Gemeinden und Gemeindeausgaben gestrichen werden, und gerade vom Standpunkt des nationalsozialifti'chen Staates aus müßte dem Judentum die Möglichkeit gegeben werden, seine religiösen Amgaben — religiöse und national^ Aufgaben gehören beim Judentum zusammen — im weitesten Umfange zu erfüllen. Wir lehnen die besprochene Autonomie im Sinne der neuerdings in politistchen Kreisen ausgerauchten Abwandlung jedoch ab. Es sei der Gerechtigkeit halber noch aus folgendes aufmerksam gemacht: So wie man sich das alte Programm jetzt zurechtstutzt, geht cs nicht. Entschlöffe inan sich, eine solche Autonomie zu gewähren und anzunehmen, so müßte sie den Bestimmungen des Völkerbundes über nationale, bzw. religiöse Minderheiten entsprechen, und das erste Prinzip ist, daß die staatsbürgerlichen Rechte dieser Minderheit völlig unberührt bleiben müssen. Will man uns also die sogenannte „kulturelle Autonomie" geben, so dürste dies nach den Bestimmungen des Völkerbundes nicht um den Preis der „Prozentnorm" der staatsbürgerlichen Rechte geschehen. Aber für mich ist dieser ganze Antonomieaedanke, der ja für die Kenner unserer innerjüdischen Geschichte durchaus nichts Neues ist, aus inneren Gründen untragbar. Was hier geschehen ist und werter geschieht, der systematische Ausschluß der deutschen Inden aus der deutschen Volksgemeinschaft, ist historisch, politisch und menschlich ungerecht und unerträglich. Alte unsere Kräfte müßten darauf gerichtet werden, diesen Zustand wieder zu beseitigen. Nicht nur um die Erlämpsnng deH vollen Bürgerrechtes handelt es sicht das kann und muß auch einer nationalen Minderheit erhalten bleiben. Nein, es handelt sich mehr denn je darum, dem deutschen Bolke klarzumachen, daß die jüdischen Tückschen einen nationalen Willen, ein Bolkszugebörigleitsbeivuscksein in sich haben, das sich in nichts von dem der anderen Teurschen unterscheidet, und daß hieraus alle Folgerungen, nicht nur in rechtlicher, sondern auch in stelisch er und sittlicher Beziehung gezogen werden muffen. Unzählige Bande innersten Erlebens binden Juden und Nichtjuden in Teutschland zusammen, Schnlsreundschenst, gemein'ame Lehr- und Studienzeit, der Berufs-, Kriegs- und FronLgemeinschast, also gemeinschaftliches Erinnern, gemeinschaftliche Aröeit, gemeinschaftliches Hoffen und Streben. In mir lebt der felfenfeffe Glaube, daß diese Bande stärker sind als der Fanatismus des Augenblicks, er mag aus noch so ehrlichen Herzen kommen, mag man au ah Gesetze schassen und Berbandssatzungen, die diese Gemeinschust leugnen. Tie einige Gerechtigkeit steht über dem geschriebenen Wort. Tas Empfinden utr Menschlichkeit und Ehre uoird sich auch, denen bin ich gewiß, unter noch so erschwerten Bedingungen in der großen Mehrheit des deutschen Volkes wieder Bahn brechen. Tb wir das erleben, unstre Generation — was tut es? Wir haben nur dafür zu sorgen, daß unsere Kinder nicht auf uns zeigen muffen n.ud uns mit Recht daran die Schuld geben, daß wir ein Gut aufgegeben haben, das unveräußerlich ist: Tas Vaterland unseres HerzensA Dr. Alfredhirsch ber 8. Berlin, stellvertretender Syndikus des Cenkrnlvercms. schlicht seinen Aufsatz „Zwischen Wirklichkeit und Atopie" folgendermaßen: „ ... Es ist sehr verständlich, daß die fast restlose Einkreisung der jüdischen Menschen durch gesetzliche Maßnahmen und durch reale Tatsachen in sehr vielen Menschen, ohne Unterschied ihrer jüdisch-weltanschaulichen und organisatorischen Gruppierung, ein gewisses Angstgefühl anskommen läßt, es könne uns binnen kurzem völlig der Lebensranm fehlen, die Luft der Wirtschaft uns völlig abgmchnürt werden. Tas sind die Augenblicke, in denen Lösungsvorstellungen entstehen, die die äußere Form eines Planes haben, jedoch als Inhalt Panikvorstellungen anfweisem Von der Utopie einer Totalunisiedlnng braucht nicht viel geredet zu werden. Tas war im Mittelalter oder noch früher möglich, als weite unerschlosiene Land- und Wirtschasisraume unbeschränkte Aufnahmesähigkeit hatten; Masjenumsiedlnngen in jüngster Zeit — etwa die der kleinasialischen Griechen ins griechische Mutterland — vollzogen sich unter völlig anderen gesetzlichen und politischen Voraussetzungen. Von diesen Vorstellungen also muß einrealpolitische Betrachtung unserer Lage abschen, ganz zu schweigen von der: Imponderabilien, die uns die Loslösnng aus dieser unserer deutschen gliederzuwachs erfahren hat und der daher jiun wohl als die -vauchorgamsation des dem sichen Judentums anmfehen ist, besaßt sich neuerdings naturgemäß sehr eingehend mit den neu ausigetreteuen Lebensgrundfragen der deutschen Judenschast. In der letzten Nummer gibt das Blatt eine Reihe bedeutungsvoller Aeußernngen ans verschiedenen Kreisen wieder, die geeignet sind, einiges Licht auf die verschiedenen Standpunkte zu werten und die Erörterung von vornherein in überstchtliche^Bahnen zu lenken./ Es gibt dann objektiv die Meinung der „ E. B.-Zeitung", „daßjeder Lösung--Vorschlag,der auf Fremdstämmigkeit oder völkischer Minorität anfgebaut ist, un:.".öglich erscheint/ und die in der „E. B.-Zeitung/ wiedergegebenen Stellen ans Freytag-Loringho: en und ans der vockckonservativen Wochenschrift „Ter Ring^ wieder und fügt ohne kritisiye Stellungnahme hinzu: „Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Erörterung dieser brennenden Frage für lange Zeit nicht mehr aus der Sesfentlichkeit verschwinden wird."