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Central-Verein-Zeitung · 1933-06-01 · 22 (1.6.1933) · p. Seite 205

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
22 (1.6.1933)
Date
1933-06-01
Page
Seite 205 (sequence 9)
Language
German
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7 ft 4Sr 3 / von Dr. L. HoLrwo!ö (Münchsn) Wir sind manchmal geneigt, unser Fest so zu nennen, wie Goethe das Pnngftfest bezeichnet hat: ,L)as liebliche Fest". Die Jahreszeit, in der wir es feiern, der Pflan.zenschmuck, der unsere Gotteshäuser ziert, das idyllische Büchlein Ruth, das wir an diesem Tage lesen, legen uns diese Bezeichnung nahe genug. In Wirklichkeit aber würden wir doch eine arge Verkennung unseres Festes damit zum Ausdruck bringen; es ist alles andere als „lieblich", und wir müssen an Carlhle denken, der einen Frermd zurechtwies, als dieser den Sternenhimmel „wunderbar" nannte: „Wunderbar? Er ist erschreckend'" Es ist in der Tat notwendig, das Gefühl für das Erhabene zu behalten, das Große groß zu sehen. Man darf nicht der Versuchung unterliegen, das Gewaltige zu verniedlichen, es auf unser Niveau herab- Zuziehcn, nur damit wir uns nicht anstrengen muffen, uns zu ihm zu erheben. Unter allem, was uns an Erhabenem entgegentritt, ist doch das' Erhabenste die Offenbarung. der Einbruch des Göttlichen in die Mensckmuoelt. In nichts verkörpert sich so sehr das Majestätische, das tremendum der Religion, als hier. Nicht so sehr, weil hier Gott dem Menschen entgegentritt, sondern weil hier das göttliche Sittengesetz in seiner Unbedingtheit erscheint, das „du sollst" und „du sollst nicht". Ties ist der wahre Charakter des Wochemestes, nicht das Liebliche, Idyllische, an das man allerdings erinnert sein mag, wenn man das Wochenfest auch als Erntesen sieht. Diesen Charakter hat es ja, wie die anderen Wallfahrtsseste ebenfalls, und wie bei den anderen Festen liegt auch hier eine gewisse Doppelbedentnng vor. Hierbei liegt das idyllische Element auf Seite der Natur, die Erhabenheit auf der Seite des Geistes. Es kann nicht zweifelhaft sein, nuf welche Seite wir den Nachdruck legen. Unsere alten Weisen sagen: Als Gott die Lehre gab, schwiegen die Vögel am Himmel, die Tiere auf der Erde, die ganze Welt hörte zitternd Zu, als Gottes Offenbarung sich dem Menschen kundtat ilnd ihm das Wort zurief: Ich bin der Ewige, dein Gott. — Wo der Geist spricht, muß die Natur schweigen. Und doch reden wir von einer Doppelbedeutnng des Festes. Man braucht darin nicht etwa unsere gebrochene, nicht mehr ursprüngliche Stellung zu den einfachen und eindeutigen Werten des Judentums Bit sehen. Schon die Talmudlehrer, die doch dein inneren Gehalte unserer Feste näherstanden, als wir es zu erreichen vermögen, befanden sich in einer Kontroverse über die Stellung des Menschen zu den religiösen Festen. Rabbi Elieser sagte, man solle zum Ausdruck der Festfreude entweder esien und trinken, oder aber ausschließlich sitzen und lernen, während Nabbi Josua meinte, man solle teilen: zur Halste solle man sich leiblichen Genüssen, zur Halste deui Studium hinaeben. Es kann uns nicht zweifelhaft sein, daß der Rigorosere von beiden, der eine klare Entscheidung verlangt, unserem Empfinden nähersteht und daß zum mindesten sür das Wochensest die rein geistige Einstellung zur Offenbarung als die diesem Tage allein angemessene Haltung bezeichnet werden muß. Aber ist nicht andererseits auch eine starke Reaktion gegen das Ueberwiegen des rein Gedanklichen vorhanden? Wird nicht ein gesundes Maß naiver, selbstverständlicher Heiterkeit erwartet, die aus einem frischen Lebensgesühl erwächst und ans der Verbunden heit mit der Natur, die die junge Generation wiederzugewinnen im Begriff ist? Dies naive und ungebrochene Lebensgesühl (wenn die Jugend es wirklich hat) ist Zweifellos ein Wert, um den man den beneiden muß, der es besitzt. Aber es ist nicht das Letzte. Der religiöse Mensch, der Jude, der nur als religiöser Mensch ganz Jude ist, muß Stunden haben, in denen er über sein naives Lebensgefühl hmauswachst, in denen sich ihm der Liefere Sinn des Lebens offenbart. Ohne das wäre unser Dasein, wäre vor allem unser Judesein, sinnlos. Mit vollem Bewußtsein soll sich uns der Sinn des Lebens erschließen; aus Ahnungen, ans den Liefen des Gemüts soll er ins Helle Licht treten. Ein Sinn des Lebens darf nicht nur im Unterbewußtfein vorhanden sein, klar und deutlich soll er vor uns stehen. Hierin liegt die Lehre und die Mahnung unseres Festes, das mit unentrinnbarer Deutlichkeit dem Menschen als höchste, ihm ganz verständliche Offenbarung die Pflicht entgegenstellt. Als Offenbarung Gottes, aber zugleich auch als Erhellung seines eigenen Selbst. „Tue deine Pflicht und du weißt, was an dir ist." Alle Irrwege der Selbsterkenntnis, alle eitle Selbstbespiegelung und-tauschung hören auf, wenn wir uns der Pflicht gegenüber sehen. Ta die Pslicht sich ans Gott gründet, von ihm gegeben ist, sehen wir uns durch sie auch Gott gegenüber. DasZehngebot mit seiner einsachen Größe, mit seinerKlarheit und Unbedingtheit, ist der feste Boden, aus dem wir uns sicher fühlen, auch wenn alles um uns her schwankt. Aber auch von diesen Worten gilt: „An jeden; Tag sollen sie dir wie neu sein." So vertrant ihr Wortlaut un3 isst so fest wir ihre Gedanken in uns ausgenommen haben, in jeder Situation haben sie uns etwas Besonderes, Neues, Einmaliges zu sagen. In der Not der Gegenwart zeigen sie uns, was uns bleibt, wenn wir alles verlieren, was unsere Ausgabe ist und sein wird, wenn alle anderen Ausgaben sich wandeln, was uns tröstet und erhebt, wenn wir glauben, verzweifeln zu rnüssen. „Ich bin der Ewige, dein Gott, der Ich dich herausgeführt hat aus den; Hause der Knechtschaft." Das war in unseres Geschichte nicht nur das erstemal bei der Befreiung aus Aegypten wahr, sondern erfüllte sich immer wieder und wird sich immer wieder erfüllen. Gort iü es, der die Völker leitet und ihre Schicksale bestimmt. Wir haben uns seiner Führung zu überlassen, und nur seiner Führrukg, und dürfen nichts Irdisches zu unserem Gotte machen, wie das folgende Gebot uns mahnt, das nicht nur im wörtlichen Sinne verstanden werden will. Jeder Glaube an irdische Macht ist und bleibt sür uns Götzendienst. Es bedeutet eine Besinnung auf den innersten Kern des Judentums, wenn wir, dem vierten Gebot solgend, die Arbeit als gottgewollte Kulturausgabe erkennen und in der Sabbacheiligung dem Weltenschöpfer huldigen, huldigen ebenso sehr durch unstre Werkragsarbeit wie durch die sabbatliche Ruhe. Wir haben unseren „Festtag der Arbeit" an jedem Sabbat. Tie Arbeit in uns ebenso sehr religiöse wie vaterländische Pflicht, und in Arbeit und Ruhe geben wir dem jüdischen Leben seine durch den Sabbat besonders geprägte und geweih-e Eigenart. Diese Eigenart ist nicht denkbar ohne den Zusammenhang der Generationen, an die uns das fünfte Bundeswort mahnt: „Ehre Vater und Mutter", das heißt in höherem Sinne, gewaltsame Erschütterungen des Gewordenen vermeiden und bei aller Achtung vor dem Recht des Werdenden die Kontinuität der Geschichte als etwas Gottgewolltes anerkennen. Das Lebensrecht der Menschen in Ehren, aber das Lebcnsrecht sittlicher Grundsätze, von denen das Bestehen der menschlichen Gesellschaft abhangt, steht doch wohl noch höher, und ehe man von Lebensrechten soricht, sollte zuvor gefragt sein, ob der Lebensp'licht genügt ick. Don der Erfüllung solcher Pckicht aber hangt schließlich der Bestand jeder Kultur ab, deren Gebote uns in der zweiten Tafel entgegentreten: Eigentum, Leben, Familie, Wahrhackigkeit, Eindämmung der Begehrlichkeit. Können wir uns eine Kultur denken ohne diese Träger? TieH Grundsätze haken sich bisher für die Gesundheit von Völkern und Kulturen als unentbehrlich erwiesen; Zeiten, in denen man sie außer acht ließ, waren Zeiten des Verfalls. Es sind trübe Bilder, die sich uns entrollen, wenn wir an diesen großen und tragenden Gedanken unsere Gegenwart messen. Andere Zeiten stellen sich wohl auch als unzulänglich dar, aber kaum eine Zeit hat mit größerem Selbstbewusstsein und mit geringerem Recht von KulturfortschritL gesprochen als die unsere. Es würde heißen, unser ganzes öffentliches wie privates Leben unter die Lupe nehmen, wenn wir es am Ideal des Zehuaebotes messen wollten, das doch immer wieder der Ausgangspunkt des sittlichen und kulturellen Lebens ist. Zu ihm Zurückzukehren, sollte gewiß nicht schwer sein. Für uns aber.

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