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Central-Verein-Zeitung · 1933-05-26 · 21 (26.5.1933) · p. Seite 190

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
21 (26.5.1933)
Date
1933-05-26
Page
Seite 190 (sequence 6)
Language
German
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m ftc sind die große Gemeinschaft der Nicht, konformisten/die das Recht der eigenen, selbständig gewonnenen Ueberzeugung gewahrt und immer von neuem verfochten haben. Baeck selbst hat .stets. Lei aller Üebereinstimmung in der Grundhaltung die Selbständigkeit seiner persönlichen Anschauung. auch abweichend von den Parteifreunden, für sich in Anspruch genommen. Der abweichenden Ueberzeugung des anderen, auch des Gegners, hat er selbstverständlich Achtung und Gerechtigkeit entgegengebracht. Er, der' Liberale und der C. V.er, genießt darunr die Achtung und das Vertrauen auch der Andersdenkenden. In voller Arbeitskraft und Arbeitstätigkeit vollendet er das sechzigste Lebensjahr. Ihm wünschen wir weiteres Schassen in gleichem Sinne, und ihm und uns allen gilt der Wunsch, daß seine nnd gleichgesinnter Männer und -Frauen Arbeit für das Eesamtjudentum und in erster Linie für das deutsche Judentum erfolgreich sei. So mag solches Gedenken ihm Anerkennung und anderen Awporn sein, in Gesinnung, in Wort und Tat überzeugungstreues Judentum und festes Deutschtum zu wahren und zu pflegen. Hermann Yogelstein (Breslau), Das erste Konzert in der Synagoge prinzregsntenstraße Tas Cbor- und Orchesterkonzert am 22. Mal in der Synagoge PrinzregentensL ratze, Berlin- Wilmersdorf, war rächt. wie frühere gelerntlich? Konzerte, der gotte-dienstlichen jüdischen Musik gewidmet. Ticsnml handelt es sich um ein aus der Rot unserer Tage emslandcrens, neuewichtiges und vielversprechendes Unternehmen. Ein Akt der Selbsthilfe liegt rar, das Bestreben, der Bedrängnis jüdischer Musiker einen Tamm entgeg:nzuwerwn. Eine Gemeinschaft jüdischer MMNer bat sich gebildet: ein schon sehr restnkmblcs Orchester, ein wchlgeschnlter kleiner Cbor neben zur Bcrfüanng, um einem jüdischen Publikum unter der Leitung hervorragender Künüler ernste, reine und weihevolle Musik derznbinen. In einer einleitenden Ansprache setzte Tr. Gach die Ziele der nengebildeten künstlerischen Gemein'chaft auseinander, und Babbiner Tr. Baeck sprach schöne, erhebende und eindringliche Worte der Würdigung und Erläuterung. Es gilt nicht nur für die aus ihrer Wirksamkeit gewvrünen jüdischen Musiker einen neuen, ihrem Wesen besonders gut ennprerchenden Wirkungskreis auszubauen, sondern auch den mit Sorge beladenen jüdischen Blerichen von Zeit zu Zeit Feierstunden zu bereiten, den Sinn für echte, wahre, heilige Knust zu wecken und zu fördern, die tröstende, lebensbejahende Kraft der großen musikalischen Meisterwerke ^in bie Breite und Siefc ausschwingen zu lauen. Kein Z:reifel, daß sich hier mit der Zeit etwas übera:rs Wertvolles erreichen läßt. Tie ,Zulle von musikalischer Begabung innerhalb des Judentums, der hohe Rang vieler jüdischer Künstler lauen gerade in der Musikmetropvle Berlin das Beste erhrsfen, wenn eine zweckmäßige Organisation gesunden wird und die dauernde Unternützunz seitens des jüdischer Publikums nicht au-bkeibt. Mit dem ersten Konzert durste man wohl zufrieden sein. Michael Taube, ein Orchestererzieher und -lener von allgemein anerkannten Fähigkeiten, bewährte seine Kunst wiederum ausbeste mit dem stilvollen, an erlesenen Feinheiten reichen Bortrag der Ouvertüre zu Glucks „Iphigenie in Aulis" und der Fünften Sinfonie von Beethoven. In den Kauf nehmen musste man freilich die akustische Ungunst des für das Auge so schönen Kuvpelramnes der Synagoge. Weniger als l>eim vollen Orchester treten die schädigenden Einflüsse der Klangentsaltung beim Ehorgcsav.g ans. Man hörte /Z-eapeUa-Eköre von Schubert (Gedet) und Haydn (Tankgebet) und den ergreifenden Traucrcnor ans Handels „Judas Maccabäus" klaugchön und ausdruck-voll gesungen von einem kleinen, aber Vorzug!-ich gebildeten Chor unter der feinsinnigen Leitung des langbcwährten imö in Ehorsachen erfahrenen Dr. Kurt Singer. Paula Lindberg, eine unserer besten Altistinnen, saug mit großer Kunst imb ergreifender Wirkung die berühmte Alt-Arie „Baker des AtlM aus „Judas MaccabäusB An der Orgel bewährte sich Erwin I o? p e. der ständige Organist der Synagoge. Auf das am 29. Mar stattfindende zweite Synagogenkouzcrt (mit Professor Lconid Kreutzer als Solisten) seien alle Musikfreunde nachdrücklichst hirrgcwicscn. Dr. Hugo LeichtentrUt, Leo --'aecks «mKr ^Wege im Judentum^ (Aufsätze u. Reden). Schocken-Derlüg,Berlin iL933. Ltzer wissen will, wie ein repräsentativer Geist des deutschen Judentums in den letzten zehn Jahren zu den ausschlaggebenden Fragen des Lebens Stellung genommen hat, der greife zu diesem umfangreichen Sammelband, den der um das zeitgenössische jüdische Schrifttum hochverdiente Scheckeu- B erlag fnebeix 311111 60. Geburtstag des Verfassers in schönem Gero and hat erscheinen lassen. Die Probleme, die da behandelt werden, sind vom Tage ausgegeben. In entscheidender Stunde haben sich jüdische und nichtjüdische Menschen an Baeck gewandt und von ihm Auskunft und Bekenntnis gefordert. Die Antworten, die er gegeben hat, sind im Formalen sehr oft von der Stunde diktiert, im Inhaltlichen reichen sie aber weit über das Zeitbedingte hinaus. In ihnen spricht sich eine eigenwüchsige, starke Persönlichkeit aus, in der die Jahrtausende des Judentums ihre eigene Sprache gesunden haben. Hier wird um die Fülle der Weltweisheit in einem ungewöhnlichen und beglückenden Ausmaß gewußt. Aber die Stunde, und ivas sie füllt, wird gemessen am Eigenen, das über die Zeit hinausweist und vom Ewigen her feinen Sinn erhält. Am schlagendsten kommt diese Fähigkeit, im Einzelnen das Ganze mitzuschauen, in den Arbeiten zum Ausdruck, die unter der lleberschrist „Menschen und Geschicke" zusammengefaßt sind. Die Gedenkrede auf Rabbiner Nobel weitet sich zu einer Studie über „Schöpferische Empfänglichkeit", die auf Fra nz N 0 s eu zw eig zu einer Auseinandersetzung „lieber Bildung". Tie liebevolle Schilderung des Lebenswerkes von Eugen Caspary trägt den Untertitel: „Ueber den bürgerlichen Menschen" und die der Persönlichkeit G u st a v Bradts: „Ueber Begabung." Wird Baeck aufgefordert, über „Heimgegangene des Weltkrieges" in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu sprechen — eine Rede, in der sich die Menschlichkeit des Lehrers in dem selbstverständlichen Wissen um das Private des Schülers ossenbart —/ so spricht er gleichzeitig „Ueber den preußischen Staat". Soll er dem jüdischen Frauenbund zu seinem Jubiläum gratulieren, so behandelt er in seiner Ansprache zugleich das Problem der echten Frauenemanzipation. D:e gleiche Weite des Blickes ordnet das Z u st ändliche der gegenwärtigen Situation in das Ganze des Lebenszusammenhanges ein. In einer Reihe von Aufsätzen („Religion und Erziehung", „Philosophie und Religionsunterricht" usw.) werden wertvolle Anregungen zur E r z i e h u n g s - frage in unserer Zeit gegeben. In ihnen spricht sich nicht nur der Fachpädagoge/ sondern ein wirklicher Künstler und Menscheiibi-dner aus. Der in unseren Tagen so notwendig gewordenen Wohlfahrt s - a r b e i t wird in eindringlicher Form ihr Recht und ihre Grenze aufgewiesen. („Das Geistige im Wohltuu", „Wohlfahrt, Recht und Religion".) Dem Staat wird zuletzt sein Ziel in einem mutigen Artikel „Friedensbahn und Friedensziel" und seine tägliche Ausgabe den verschiedenen Bevölrerung-gruppen gegenüber in einer heute besonders lesenswerten Abhandlung „Neutralität" (zuerst erschienen in den „Blättern des Deutschen Roten Kreuzes") zugewiesen. Zu seiner ganzen Größe und Meisterschaft erhebt sich aber der Theologe in Baeck, wenn es gilr, dem Judentum in unserer Zeit zu seinem Selbstbewußtsein zu verhelfen, wenn es sich darum handelt, der jüdischen Gemeinschaft ihren Platz unter den Völkern und Religionen der Welt zu sichern. Hier ist eine große Gefahr mit Geschick und nimmer erlahmendem Verantwortungsbewusstsein vermieden. Tie Sprache gleitet nie, wie das so oft bei ähnlichen Unternehmungen zu geschehen pflegt, ins unangenehm Pathetische und die Darstellung nie ins schömärberisch Apologetische ab. Es werden die Mängel und Gebrechen am Körper der zeitgenössischen Judenheit rücksichtslos ausgedeckt. Aber der Historiker zeigt uns gleichzeitig in allen Erscheinungsformen das geschichtlich Bedingte und so Gewordene auf, und der gütige Weltweise und klar analysierende Psychologe wird nicht müde, auch im Komischen und Abwegigen heutigen jüdischen Gebarens das einmal Wurzelechte und sinnvolle wiederzufinden. Das Einmalige und Nichtaustauschbare jüdischer Religiosität und biblischer Weisung wird im ersten und gewichtigsten Teil des Buches „Vom Glauben" in großzügigen Gegenüberstellungen mit den Lehren Griechenlands und Noms, den Anschauungen Chinas und Indiens und in besonders wirksamer Weise unter Abhebung gegen die Weltanschauung eines Karl M a r r und eines He 1 nri ch von T r e i t s ch k e cherausgearbeitet. Dabei wird das Vorwnrtstreibende, das Messianische, das zur Verwirklichung Drängende in der Gottesausfassimg Israels auf immer neuen Wegen betont. Man beendet das Buch mit dem Gefühl des Nicht-zu-Endegekommen-seins, mit der Ueberzeugung, daß sich das Judentum trotz aller Not der Tage in seinen großen Aufgaben erhalten wird. Darum sollte dies Sammelwerk von Juden und Nichtjuden, die über den Alltag hinaus den Weg Iwaels in der Welt begreifen wollen, aufs eifrigste gelesen werden. Dr. Hugo Hahn (Essen).

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