Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 20 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Warum ....... (Antwort auf unser Preisausschreiben) Ls sei gesagt mit wenig Worten, Warum man Chlorodont benutzt: J>as Wort ist ein Begriff geworden Für den, der richtig Zähne putzt* wegt. Es waren die Praktischen Menschen, die Rabbinern, der Presse und der Partei oder den Vereinsführern die Verbreitung ihrer Ideologien überließen. Bestimmt waren es nicht die Schlechtesten unserer Gemeinschaft, die so lebten und wirkten; und vielleicht vermöchte das deutsche Judentum die Erschütterungen der letzten Monate nicht zu überstehen, wenn nicht diese stark in sich ruhende Masse vorhanden wäre. Es muß deswegen als ebenso undankbar wie politisch und psychologisch unklug bezeichnet werden, wenn man diesen Menschen ihren Wert für gestern als Unwert für heute attestiert. Das jüdische Leben zeichnete sich von jeher durch ein sehr starkes Mißverhällnis von Offizieren und Mannschaften aus. Tie jetzt führen, sollten zunächst einmal damit Zufrieden sein, daß sich auch in den Vorher nicht erfaßten Menschen des deutschen Judentums ein Prozeß anbahnt, der sie zum Bewußtsein ihrer jüdischen Einordnung bringt. Wer dabei 100 Prozent verlangt, wird bei wenigen alles und bei den meisten an Stelle der alten Sicherheit eine neue Unsicherheit erreichen. Schon vier Monate — sagen Menschen, und sind voller Unzufriedenheit und voller temperamentvoller Kritik, daß nichts Neues, dem Idealbild ihrer Vorstellung Entsprechendes aus der Asche emporsteigt. Das trifft ebenso für die Ideologen des Abbruchs wie für die Ideologen des Beharrens zu. Nichts ist heute so b e g u e nr wie eine radikale oder eine reaktionäre Ideologie in jüdischen Tingen; denn man braucht für sie nichts zu gelernt zu haben. Das nationaljüdische Wunschbild bekommt durch die Zeit lebhaftere Farben, aber seine Grundlagen sind die alten. Die assimilatorische Ideologie hat neue Worte erhalten und zeigt sich insoweit konsequent, als sie unüberbrückbare Widersprüche zwischen der gewandelten neuen Wirklichkeit und d-en erstarrten alten Betzrifsen einfach übersieht. Die einen warten ungeduldig, daß das deutsche Judentum in jähem Absprung einheitliches Nationaljudentmn wird, die anderen wundern sich, daß man bei noch blutenden Wunden nicht schon daran geht, Narbenplastik zu machen. Es wird heutzutage in der jüdischen Oeffentlichkeit so außerordentlich viel Selbstverftändliches in ideologischer Verbrämung gesagt. Wenn wir heute in Deutschland eine Abstimmung des deutschen Judentums über Forderungen herbeiführten wie: Wiederherstellung aller unserer staatsbürgerlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rechte, Stärkung des jüdischen Bewußtseins, Förderung des jüdischen Aufbarrs — wir glauben, daß sich nur rMchtarier", aber nicht Juden der Stimme enthalten oder dagegen stimmen würden. Warum also soviel Deklamationen? Die Ungeduldigen erfüllen, wie unser großer, gerade in diesen Zeiten schmerzlich entbehrter Freund Paul Nathan einmal sagte, eine wichtige Funktion im Leben jeder Gemeinschaft: weil sie, vorwärts drängend, die Zufriedenen, die Resignierten, Eingerosteten stören. Aber nur Ungeduld, nur den zweiten Schritt vor dem ersten tun, nur Ideologie und kein Wirk-' lichkeitsbewußtsein, das ist zu ertragen, solange es geistige Spielereien einiger weniger bleibt. Das wird unerträglich und eine Gefahr für die Geschlossenheit des deutschen Judentums und seine Einsatzfähigkeit für wirkliche Führung, wenn man diese Ideologien den Massen anfzwingen will. Wir Juden haben schicksalsmäßig vor vielen anderen die Fähigkeit zum Denken in langen Zeiträumen voraus, denn „1000 Jahre sind vor dir wie ein Tag!" Vier Monate sind viel für Menschen mit kurzem Atem, für Menschen mit Heber die vielseitige Arbeit des Centralvereins und seiner Beratungsstelle geben zahlreiche Rundschreiben Auskunft, die die Zentrale in den letzten Wochen versandt hat. Neben der umfassenden Denkschrift über das Kündigungsrecht, auf die in diesen Blättern schon hingewiesen wurde, wurden Zusammenstellungen über die Rechtslage der jüdischen Arbeitnehmer, über das Recht der Betriebseinschränkungen, über die Frage von Streiks und nichtbehördlichen Eingriffen in Betriebe versandt. Die ersten Entscheidungen des Berliner Arbeitsgerichts über fristlose Entlassungen am Boykottage, die Bestimmungen über Auftragserteilung der öffentlichen Hand und Wirtschaftsfrieden sowie die Frage der Arbeitslosenunterstützung bei fristlosen Entlassungen wurden in anderen Jnformationsblättern niedergelegt. Sie stehen unseren Mitgliedern auf Wunsch ebenso zur Verfügung wie der Leitfaden über die Organisation der zentralen Beratungs- und Hilfsstellen und verschiedene Blätter über Hilfsmaßnahmen für die deutschen Juden im Ausland und über Bestimmungen für Auswanderer. Die Juristisch-Wirkfchafkliche Beratungsstelle des Cenlralvereins, Berlin W 15, Emser Straße 42 (Telefon: Oliva 6654—57) erteilt in ihren Sprechstunden (Montag bis Freitag poy 12—14 Uhr) und auf schriftliche rasch erlahmender Elastizität, für Führer, deren innere Unsicherheit raschz Bestätigung und immer erneute Zustimmung braucht. Im Leben einer Gemeinschaft, die nach 120jährigem Ausstieg den ersten schweren Rückschlag erlebt und sich mit einer bewunderungswürdigen inneren Widerstandskraft anschickt, ihn zu überwinden, sind sie kaum ein Beginn. An die Stelle der Ungeduld man-, cher Führer über mangelnde Entschlußkraft, über mangelnden Glerchtritt der Mafien mit ihren Anschauungen während der letzten vier Monate sollte, so schlagen wir vor, versuchsweise für die nächsten vier Monate die Unzufriedenheit dieser Führer mit sich selbst treten. Vielleicht stellt sich heraus, daß, wenn man den ideologisch Zurückgebliebenen Zeit zum Aufholen läßt und den Führern an Stolle der Ideologien den Zwang zum praktischen Tun auserlegt, sich beide sehr gut verstehen und sich aus halbem Wege treffen werden, um eine lange Strecke gemeinsam zu gehen. Anfragen bereitwilligst Rat und Aus- | fünft. | Die Rechisberatung (insbesondere | Kollektivberatung) erstreckt sich auf | Angestellte und selbständige kaufleuke, f Beamte und Dehördenangesiellke aller f Art. | Außerdem erhalten Rechtsanwälte, | Notare, Pakenlanwälke, Aerzke und § Zahnärzte sowie Angehörige aller f anderen freien Berufe (Künstler, Jour- 1 naüslen usw.) fachmännischen Rat. f Fast für jede Berufsgruppe ist 1 ein dem jeweiligen Stande angehören- I der ehrenamtlicher Mitarbeiter neben f dem C. B. - Dezernenten tätig. f Die Auswanderungsberakung, die f nur in Ausnahmefällen erfolgt, ge- 1 fchieht gleichfalls im Einvernehmen J mit der „Zentralstelle für jüdische ,!f Wirtschaftshilfe" und dem „Hilfs-;i verein der deutschen Juden", die in % erster Reihe hierfür zuständig sind. $ Die staatlichen Zuschüsse für Spnagogengemeinöen in j Preußen gestrichen j Wie der „Amtliche Preußische Pressedienst* jj mitteilt, hat Kultusminister Rust angeorbnei, :j daß von der Bewilligung von Bedürfnis. st Zuschüssen an Synagcgeugemeinden zur Bestli düng sowie Ruhestands- und Hinterbliebenen-? Versorgung der Rabbiner sür die Rechuunesjahre 1932 und 1933 abgesehen wird. \\ Tie preußischen Synagogengemeinden ScA* 'i Len im Jahre 1931 133 000 Mark StaalszuG'lwe ' j sür die Besoldung sowie die Ruhestands- und J Hinterbliebenenversorgung der Rabbiner, stiür j| das Etatsjahr 1932 waren ihnen 120(00 | Mark zu gesichert, deren Auszahlung aber jetzt unterblieben ist. Tie Gemeinden hatten st naturgemäß mit dieser in den preußischen | Etat aufgenommenen Summe schon gerechnet J und werden durch die plötzliche Streichung in;| eine sehr schwierige Lage geraten^ i