Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 18 (4.5.1933)
- Date
- 1933-05-04
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MWELB 9 LAe dee hsWiWsKLiie^siN gA ü!! Wenn es noch eines Beweises für den fi von Grund auf veränderten Gestaltungswillen bedurft hätte, mit dem das neue j Deutschland an den Aufbau seines Staates j herangeht, so würde er mit dem stür- | \ mischen, unbckünuuerten Vorwärtsdrängen aus kulturellem Gebiet erbracht j werden. Autodafe — Büchervernichtung!! Das klingt nach fernen Jahrhunderten, nach Inquisition und Spanien, das klingt aber auch nach unerschütterlicher Selbstsicherheit, nach letzter Geschlossenheit eines i Glaubens, von dessen ehernem Boden aus j :! jede außerhalb befindliche Sphäre zu! Sünde, Tod, Verdammnis wird. Sieht t man die Dinge so, dann ist auch die! j Düchervernichtung, die am 10. Mai die [ sogenannte Schädlingsliteratur der Berliner Stadt- und Volksbüchereien vernichten soll, ein verpflichtendes, aber ein j gewagtes Symbol. Viel künstlerisch Wert-; volles, viel meisterhaft Gekonntes, viel echt i Empfundenes, geistvoll Ersonnenes, viel I tief Erlittenes und heiß Gewolltes soll der Vernichtung anheimgegeben werden. Wird der Geist, dem es geopfert wird, weil es i ihm angeblich widerstrebt, stark und dauerhaft sein wie der katholische Glaube, der l einst Flammenopser ähnlichen Ceisteskampses forderte? Die Frage, schicksalhaft bedeutungsvoll , für Fortgang und Entwicklung gesamtj deutschen Lebens, mag bei denjenigen hinter dem unmittelbarsten Schmerz Szurücktreten, der sich als Jude bei der Aufstellung des modernen Inder als den zuck nächst und am stärksten Betroffenen fühlt, j Die Schriftsteller, über deren Gesamt-! schaffen der Stab gebrochen wird, sind, was bei der Gesinnung der entscheidenden Persönlichkeiten nicht wunder nehmen kann, zum größten Teil Juden. S ch a l o m Asch, Max Brod, Alfred Döblin, Arthur Eloesser, Heinrich Eduard Jacob, Robert Neumann, Arthur Schnitzler, Richard Beer- Hofnrann, Arnold und Stefan Zweig, Lassalle, Hilferding. Marx, Hugo Preuß und Rathenau, — eine bunte und merkwürdige Reihe. Darunter vereinzelt auch einige Nichtjuden, solche, die sich, wie Heinrich Mann.BertoldLrechtu. a. aus besondere Weise unbeliebt gemacht hatten. Sie können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Vorstoß in erster Linie dem jüdischen Geistesschaüen gilt. Denn wäre, nicht dieser vor-fchärsende Rassemaßstab angelegt worden, so wäre es einfach nicht zu verstehen, warum unpolitische Schriftsteller. wie der Literarhistoriker von Rang E l o e s s e r, wie der feinsinnige Heinrich Eduard Jacob, warum Arthur Schnitzler, der leise, sinnende wienerische, dem Albert Soergel in „Dichtung und Dichter der Zeit" seine unpolitische Haltung mit den Worten bescheinigt: „Er ergreift nicht Partei, er hat dazu, nach einem eigenen gescheiten Worte, weder den Mut, noch das Temperament, noch die Einfalt. Auf Gerechtigkeit, Sachlichkeit kommt es ihm an. . /, warum alle diese und die beiden Zweigs, um nur wenige aus der Reihe herauszuheben, als zersetzende Schädlinge öffentlich gebrandmarkt würden. Zu viel ist in diesen Blättern von Gewinn und Tragik deursch-jüdischen Geistesschasfens die Rede gewesen, als daß der Verlockung, in Einzelheiten des schöpfen innere Voraussetzungen geknüpft; sie erfordert vor allem die Bereitschaft, sich von allen überkommenen Vorurteilen und Leöensmaßstäben zu befreien. Ein besonderes Aktivum bedeutet die Bereitschaft zu einem neuen Anfang in weiten Kreisen der jüdischen Jugend, insbesondere bei der jüdischen Jugendbewegung. Hierin liegt der entscheidende Unterschied gegenüber der alten Generation, ein Unterschied, der die besondere Gefährdung in wirtschaftlicher Hinsicht in großem Umfange wettmacht. In diesem Sinne hat in weiten Kreisen der jüdischen Jugend eine entscheidende Erziehungsarbeit einzusetzen. Alles, was geschieht, kann aber nur verstanden werden im Zusammenhang frti dem jüdischen Geschehen überhaupt. Damit erhebt sich als entscheidende Notwendigkeit, der grundsätzlichen jüdischen Fragestellung klar ws Auge zu sehen. Man hatte bisher wnerhalb der jüdischen Gesellschaft vielsach geglaubt, die Lösung der jüdischen 8rage aus individualistische Weise herbeisühren zu können. Man hatte geglaubt, baß der einzelne Jude nach seiner jeweiligen Veranlagung und seiner beruflichen und sozialen Stellung den selbstgewählten Weg gehen könne. Ja man legte sogar vielfach geradezu Wert auf eine gewisie Freizügigkeit, und die jüdische Gemeinschaft scheute sich. verbindliche Maximalforderungen an ihre Glieder zu stellen. Aber der Erfolg, den man von dieser liberalistischen Einstellung erhofft hatte, trat nicht ein. Tie jüdische Gesellschaft löste sich nicht in ihre Umwelt auf, sondern verwässerte lediglich ihre Inhalte. Statt der bewußt jüdischen Gemeinschaft hatte man die unbewußte Isolierung. Vielfach fehlte es an dem inneren Gleichgewicht, das aus dem Bewußtsein der Eigenwertigkeit hergeleitet werden konnte. Tie junge Generation hat demgegenüber stets den Gedanken des jüdischen Gemeinschaftslebens als werterhöhenden Faktor in den Vordergrund ihrer Erziehungsarbeit gestellt. Die jüdische Geschichte lehrt, daß die jüdische Entwicklung, einer Eigengesetzlichkeit unterworsen ist, daß es dem jüdischen Schicksal gegenüber kein Entrinnen gibt, und daß die zentrale rischen Werks gerade dieser nim geistigen Flammentod Verurteilten hmeiuzugohen, nochmals nachgegeben werden dürfte. Alfred Döblin, „einer der großen, ganz eigenwüchsigen Erzähler der Gegenwart" (So ergo!'. der chaotische Hymniker der Naturkraft und der Großstadt; Lassalle, der im eigentlichen Wortsinne nationale Sozialist, deren idealistische Aufstrsiung vom Staat und deinen Synthese von Nationalismus und sozialer Gerechtigkeit einen Historiker vom Range O n k e n s zu einer biographischen^Gestaltung großen Stiles verlockten — sie alle bedürfen keiner Ehrenrettung. Der Kulturwille, der sich an ihrer Vernichtung mit einer ersten grosM symbolhaften Tat zu manifestieren unternimmt, stellt sich mit solchem Absprung vor nick: geringe Aufgaben. Wir Juden aber stehen aus der Seite der Verdammnis. Vom neuen Schassen sollen wir ausgeschlossen sein. Tie Zeiten, in denen wir debattiert, beteuert und bewiesen haben, sind vorbei. Wer sich der Wirkung der Worte und Werke entziebm kann, die deutsch-jüdische Männer und Frauen weit ab von apologetischer Nützlichkeitsenvägung aus dem inneren Zwange ihres Daseins aus sich herausgestellr haben, wer heiße, schöpferische Liebe zu Sprache, Menschen und Landschaft so mißachtet, daß er sie. Echtes mit Unechtem, durch einen Federstrich erledigt, der wird erst recht keiner abwägenden Vorstellung zugänglich sein. Irgendwo aber wird es weiter singen: „User nur sind wir, und tief in uns rinnt Blur von Gewesenem — zu Kommenden rollt's Blut unserer Väter, voll Unruh' und Stolz. In uns sind alle. Wer fühlt sich allein? Du bist ihr Leben — ihr Leben ist dein —' (Richard Beer-Hofmamr, „Schlaflied für Mirjam".) E. R.-J. Kraftquelle und der entscheidende Einsatzpunkt für den einzelnen Menschen n u r in der historisch gewordenen eigenen Gruppe gefunden werden können. Nur von hier aus kann auch die Beziehung zur Umwelt geregelt werden. und nur von hier aus können wir auch unverkrampst und unirritiert zu den großen sozialen und nationalen Fragen unserer Zeit Stellung nehmen. Es bedurfte daher nicht des überstarken Trucks von außen, um die Forderung nach starkem jüdischen Gemeinschaftsleben auszustellem Sondern unabhängig von dem Druck der Umwelt besteht die Notwendigkeit hierzu, um der Erhaltung und Ungebrochenheit unseres Judeseins willen. Don dieser inneren Einstellung aus ist auch eine Festigkeit den Ereignissen gegenüber gewährleistet. Wir empfinden das Judesein nicht als Belastung, sondern als befreiende Kraft in uns. Können wir unser äußeres Geschick nicht meistern, weil wir eine Minderheit sind, so liegt es doch in unserer Hand, wie wir aus dieses Geschehen reagieren. Die Arbeit innerhalb der Jugend er»