Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 15 (13.4.1933)
- Date
- 1933-04-13
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Dolk und Staat Iodbereit waren, sollen durch ihn noch Leben dürfen. Der Heldentod der Väter baut den Kindern Hütten, und die gefallenen Söhne schaffen den alternden Eltern Brot. Die Not der Zeit Zwingt uns, jede Erleichterung, die irgendeinem unserer Gemeinschaft zuteil wird, entgegenzunehmen, weil die allgemeine Last, die auf uns ruht, über alle Maßen groß ist. Gewiß hat der Frontkämpfer Anspruch auf den Dank des Vaterlandes. Aber sicherlich empfinden alle die Hunderte und Tausende, denen nun ihr Fronilämpfertum.die Existenz sichert, diese Verbindung von Leistung und Gegengabe tiefinnerlich als eine Kränkung. Cie zogen nicht ins Feld, um persönlichen Vorteil zu haben. Ihr Kämpfen und Sterben galt Deutschland, galt dem blutvollen Nachweis, daß hundert Jahre Emanzipationsgeschichte aus dem Nebeneinander von Juden und Nichtjuden im deutschen Volk ein Mteinander geschaffen hatten. Fast 100 000 Soldaten, 12 000 Gefallene — das sind nicht mehr Einzelleistungen, das sind nicht mehr Ausnahmen! Das ist der Nachweis eines Gemeinschafts- Wertes und Gemeinschastserlebnisies. Die aufgeschossenen Augen, die amputierten Beine, die gelähmten Hände — sie sollen nicht für die Unversehrtheit des deutschen Bodens ausgeschosfen, abgesagt, zerstört worden sein, sondern — so deutet es heute die Gesetzgebung um — für Richtersessel, für Anwaltsroben und für Staats- Pensionen! - Die Leistung und das Sterben einzelner deutscher Juden verkörpern die Fähigkeit des deutschen Judentums zu staatlicher Mitarbeit überhaupt. Gerade die Generation, die das, Fronterlebnis ihren unzerstörbaren Wert nennt und deshalb aus ihm den neuen Staat errichten will, sollte Verständnis dafür haben, daß man die Heiligkeit des Kämpfens und Sterbens für eine gemeinsame Sache, für das Ganze, entweiht, wenn es jetzt nur einzelnen Vorteile bringen soll. Im körperlich Gehemmten, Kriegsuntauglichen, mochte die reinste Flamme vaterländischen Wollens geglüht haben — er fällt jetzt aus! Der jungen Generation des deutschen Judentums, die ohne ihr Verschulden zur Teilnahme am Kriege noch zu jung war und doch als Kind schon die Rückwirkungen des Krieges in der Heimat kennengelernt hat, ihr nimmt man. jede Möglichkeit staatlichen Gemeinschastserlebnisies. Tie Staatstheorie setzt voraus, daß es nicht vorhanden ist. Die Staats Praxis schafft aber die Voraussetzung, daß es in Zukunft nicht mehr da sein kann. Das deutsche Judentum aber will leben und kann weiterleben. Es schafft sich keine Theorie dafür, sondern es lebt seine Wirklichkeit: das deutsche Judentum wird nicht dadurch u n deutsches Judentum werden, daß einige Paragraphen einen anderen Wortlaut erhalten. Die ewigen Gesetze des Lebens, von denen Reichskanzler Hitler in seinen Ansprachen redet, gelten auch für das deutsche Judentum; sie lauten, daß Lebens- und Schiasalsgemeinschast unzähliger Generationen auf einem und demselben Heimatboden, daß Luft, Licht, Sonne, Jahrhunderte hindurch dieselben, daß Aufstiegs- und Notzeiten, von allen geteilt, auch Menschen verschiedener Art wefensähnliches Gepräge geben müsien. Wir fühlen uns wie Verbannte, die im eigenen Heimatlande bleiben dürfen. Wir sitzen im deutschen Exil an den Strömen Deutschlands, aber wir weinen nicht. Wohl legen wir die Harfe beiseite, aber nur, um so kräftiger die Geräte der Arbeit zu schwingen. Wir singen dabei kein neues Lied, sondern die alte ewige Melodie unseres Judeseins und unserer jüdischen Erhaltung: Wir vertrauen auf die eigene Kraft, auf die uns innewohnende sittliche Idee und auf jenes Walten, das göttliche Vorsehung heißt. Die Gegenwart hat die Außenlage des deutschen Judentums außerordentlich vereinfacht. Man möchte fair sagen: Theoretisch ist die deutsche Judenfrage von der deutschen Seite her gelöst. Dem entspricht aber noch nicht die innere Situation des deutschen Judentums. Der jüdische Mensch, loyal äußeren Gewalten gegenüber, hat selten die Reite gehabt, sich seinen eigenen Autoritäten unterzuordnen. Es mag im deutschen Judentum zum Teil daran liegen, daß es zu vielerlei Autoritäten gab und daß zuviel entgegenstehende Meinungen autoritativ geäußert wurden. Jeder konnte sich die ihm gemäße Ansicht aussuchen. Derartige Bequemlichkeiten gestattet die Zeit nicht mehr. Tie Drapierung ihres Judeseins, wie sie diese oder jene Gruppe vornehmen möchte, kann zwar die Akustik ihrer Stimme veröesiern oder mindern, das Allgemeinecho ,Lrrde" aber gilt allen gemeinsam. Hieraus die Folgerung zu ziehen ist höchste Zeit. Es muß eine moralische Unmöglichkeit innerhalb des deutschen Judentums werden, daß irgendeine Gruppe den Versuch macht, aus den zertrümmerten Bewertungsmaßstäben anderer Juden sich selbst das Gerüst der eigenen rechtlichen oder moralischen Stellung zu zimmern. In früheren Zeiten gab es in der jüdischen Gemeinschaft eine Art stillschweigender Aechtung von Menschen, die sich un jüdisch, d. h. ohne jüdische Würde, benommen hatten. Sie waren da, aber man sah durch sie hindurch und über sie hinweg. Je stärker der Truck der Umwelt unser jüdisches Bewußtsein und das Empfinden für jüdische Würde kräftigen wird, um so weniger Menschen wird es geben, denen es an Würde mangelt. Eine Arbeit von h i st o r i sch e m Au sm a ß steht vor den Führern des deutschen Judentums. Tie Führung verlangt von ihren Anhängern Verständnis und Disziplin von gleichem Ausmaß. Ter Truck, der alle deutschen Juden gleichmäßig trifft, braucht unbeschadet weltanschaulich-parteimäßiger Unterschiede eilt einheitliches deutsches Judentum als Arbeite gemeinschafi. Tie Sorge für unsere Jungen, die die staatliche Gesetzgebung aufs schwerste gefährdet, ist ebensowenig wie die Sorge für unsere Allen von einzelnen Gruppen zu tragen. Unsere lernenden Kinder wie unsere lehrenden Menschen in allen Berufsschichten bedürfen der Möglichkeit, ausgebildet zu werden und ihre Kenntnisse mitzuteilen. Ter drohend verengte Lebensraum für unsere Menschen wird wie in früheren Epochen dazu zwingen, Eiistenzmöglichkciwn auch außerhalb des Vaterlandes zu suchen. Es spricht nicht gegen die deutsche Gesinnung eines Menschen und es bedeutet keine Anerkennung nationaljüdischer Gedanken, wenn er auf der Suche nach einem Existenzraum für seinen Sohn oder seine Tochter das Land Palästina ebenso wertet wie England oder Spanien oder Nordamerika. Die ungeheure Ausgabe, die die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zur Erhaltung dos deutschen Judentums zu erfüllen hat^ wird sie als d e u t s ch j ü d i s ch e Gemeinschaft vollbringen. In dem, was sie schafft und in dem, w i e sie schasst, wird schöpferisch zum Allsdruck kommen müsien, was Ge- * schichte auf deutscher Erde, deutsche Kultur-» gemeinschaft und Erleben deutscher staatlicher Ordnung aus uns jüdischen Menschen gemacht hat. Es wird innerhalb des allgenieinen deutschen Lebens unter dem Druck der Verhältnisse eine Art deutschjüdischer Sektor entstehen, der nicht freiwilliges Ghetto ist, sondern aller Welt und vor allem der deirtschen Umwelt jeden Augenblick und an jedem Ort zugängliche und nachprüfbare Ausdrlrcksform einer Menschengruppe, die, vor eine große Gemeinschaftsaufgabe gestellt, sie in d er Form und mit den Mitteln gerade der Umwelt verwirklicht, die sie ausschloß, weil sie ihr die Fähigkeit hierzu absprach! Die vergangene Epoche des Liberalismus mit seinem Individualismus begräbt auch die Hoffnung und Anschauung, daß der Nachvoeis des Jndividualwertes, des Einzelwertes jüdischer Menschen ausrciche, um die Erup;>enanerkennung des Judentums zu erreichen. Schaffen wir darum einen deutschjüdischen Ernppenwerl, damit wir durch ihn als Einzelmenschen, als Angehörige dieser Gruppe anerkannt sind! Unser Ziel ist, die deutschjüdische Gemeinschaft innerhalb Deutschlands materiell, körperlich und seelisch in ihrer inneren Kraft ungebrochen zu erhalten. Sie soll dem Lebensrhythmus der Umwelt ebensowenig entfremdet werden, wie sich selbst isolieren, wo noch lebendige Verknüpfungen zrrr Umwelt führen. Sie soll jeden Augenblick fähig und bereit sein, wieder in vollem Umfange gleichbewertete Gruppe des staatlichen Organismus zu werden, sobald die lebendige Entwicklung die Härte und Ungerechtigkeit der Theorie überflüssig und entbehrlich macht. Wir bieten uns nicht an und wir fordern nicht irgendein formales Recht. Wir stellen uns dar, wie wir sind, und erweisen unseren Werk zu Opfern fähig und diszipliniert, ent*