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Central-Verein-Zeitung · 1933-04-06 · 14 (6.4.1933) · p. Seite 124

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
14 (6.4.1933)
Date
1933-04-06
Page
Seite 124 (sequence 8)
Language
German
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724 Masvsr und Elm Eine Betrachtung zürn Leveraberw Von Stettiner Tr. Joseph Lehmann So wertvoll für uns die historischen Genalren sind, die die Bibel als Vorbilder vor uns hinstellr — wertvoller sind vielleicht noch die Syw.botge'ralten. d'.e in der Tiere der Volksseele auhistorischen Persönlichkeiten oder au? freier Vhantasie geschahen wurden, da sie nicht eine einrnälige vorübergehende Erscheinung sind und un? so ein deutliche? Spiegelbild der Gemeinschaft-ernpfindung geben. Eine solche Erscheinung if: un? „Elia der Prophet". Ta? Bild de? Juden vi verschieden gezeichnet worden, je nachdem e? au? der eigenen Seele entstand oder da? Produkt der Seelenvorgänge seiner Gegner war. Aui dem großen Wandgemälde im Treppenhause de? Berliner Neuen Musernns, da? die Zerstörung Jerusalem? darfrellen soll, befindet sich link? vom Beschauer die Gestalt Ahasver?, des ewigen Juden, de? Eottverfluchten, Fluchbeladenen, der mit wirr flan.erndem Haar von den Rachegeistern durch die Jahrhunderte gehetzt wird. Wir kennen die Srunde. in der diese Gestalt zuerst auftauchte. Es war die Zeit nach dem Lateranlonzil vorn Jahre 1215, aus dem jene traurigen Bestinunungen getroffen wurden, die den Juden für Jahrhunderte zum Paria degradiertem Da taucht das Bild Ahasvers anü eine ^elbstemschuldigung der Peiniger vor dem eigenen Gewissen. Wenn man den Juden so grausam behandelte, so mußte er e? verdient haben. Und fand man keinen genügenden Grund, so erdichtete man jene wahnsinnigen Verleumdungen, an denen kein Geschichtsschreiber der Welt heute ein Atom von Wahrheit findet, und die doch so entsetzlich viel Leid über die Juden gebracht haben. Und als Träger all dieser erdichteten Schandbarreiten erscheint die Zerrgestatt de? Ahasver. Tie Juden haben ne nicht geschaffen; die Juden haben sie nicht gekannt, außer aus den Schriften und Worten ihrer Verfolger, und die Juden sind vom Anblick dieser grauenhaften Gestalt noch mehr abgestoßen als ihre Gegner. — Aber e? gab eine SynnbWgeslall, in der die Juden sich selbst gesralret haben, die das Spiegelbild ihrer Seele und die Sehnsucht ihres Herzens war — das war d i e Gestatt Elias. Nicht der Elia vom Karmel, der so gewaltig stürmen und strafen konnte, sondern der Elia in der Wüste war der Ansgang dieser Erscheinung. Elia, der verzweifelt ob seiner äußeren und inneren Friedlosigkeit unter dem Ginsterstrauch zusammenorach und nun im Traum jene wunderbare Gotteserscheinung hatte, die zur höchsten Offenbarung seine? Leben? wurde: Gott nicht im Srurm, in Wetter und Feuer — sondern. im leisen Säuseln des Windes. Gott nicht ein Gott de? Zorne?, der Rache und der Strafe, sondern der Güte, der Liebe und de? Friedens. So ist Elia in die Sage und von der Sage in die Legende gegangen. So taucht seine Gestalt in den folgenden Jahrhunderten auf, und so geht sie durch die Jahrtausende. Wie Barbarona im Klchfhäuwr den Rcichsgedanken verkörperte und erlöst war, al? das neue deutsche Reich begründet wurde — so ist Elia der Friedensbote, der Künder froher Botschaft, der Vorläufer des Messias, der Bringer der Zeit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Wenn ein Kind ausgenommen wurde in den Bund der Vater", so stellte man einen besonderen Stuhl hin für „Elia, den Propheten", der als Friedensengel diese? Kind durch da? Leben begleiten sollte. Wenn Streit entbrannte im Lehrhause, so erwartete man die endgültige Entscheidung. wenn Elia kommen würde, um aus alle Fragerl befriedigende Antwort zu geben. Wenn der Jude am Sabbat-Ausgang den Frieden seines Hause? wieder verlieh, um den Gefahren 'und Sorgen der Woche entgegenzugehen, so saug er das Lied von „Ella, dem Propheten", der bald kommen sollte, den Menschen Sicherheit und Ruhe zu bringen. Und wenn man am Sedertuch bangte, daß Verfolger draußen harrten, so stellte man auf den Tisch den Becher für Elia und öffnete weit die Tür, einen Erlöser zu begrüßen, nicht einen Engel der Rache — sondern den Boten de? Frieden? und der Liebe, „Elia, den Propheten". Dieser Künder de? Frieden? und der Versöhnung unter den Menschenkindern, die sich als Kinder des einen Vaters in dem Daterhause Gottes erkennen und empfinden sollten, stand unseren Vätern vor Augen selbst in den düstersten Zeiten mittelalterlicher Bedrohungen. Er soll auch für uns das Bild unserer Seele, die Sehnsucht unseres Herzens bleiben. ' Psdlm / Von Arthur Silbergleit Indessen Deine Adler irunbjn vom Rausch der Südwinde und Föhne um Deine Berglehnen fegen, dass voll Erstaunen über ihren rasenden Filtichschwung das Karussel des Sternenhimmels im Rundianz um die Gipfel, Hügel und Ebenen einen Augenblick innehüll, sinnen und träumen Derne Hymniker und Propheten in ihren Berghütten und suchen in der Gelassenheit Deines blauen Mondcmpellichts eine neue Musik* nach deren Rhythmik und Sprächetgd Adler, Sterne, Verliebte und Gottestrunkene tanzen sollen. Indessen Deine Heraldiker, Deine Bergküfer, Deine Wappenzeichen in milliardenfacher Vernnnzigung mit den Punktierungen und Griffeln ihrer Fiisse in den Sand zeichnen, sucht die durch WcsserfLle und Quellen gleitende Sonne Dir in Flutstreif cn und Strahlenschleifen rauschende und funkelnde Spruchbänder zu flechten, klingende und sprühende Gewindet denen zuweilen der grosse Magier und Verwcndlungskünsllcr Wind, der Wipfelfeger urJ Madchenkleiderjüger, die Initialen Deines Namens formt. Ich lag in einer Mulde und erlauschte selbst aus einem ganz schmclcn klingenden Spruchband einer von Mot genlicht liebkosten Rille einen Psalm auf Deine Herrlichkeit, in den eine Grille, an Fddermusikant und Spiel mann des Sommers, und eine vom Zephyr zum Klang erwecke Seite auf Deiner Zither der Helme selig einslimmte, und mein Atemhauch Wurde ein leiserf melodischer Begleiter aller eJ(stalhchen Naturgesange, Mötschs GsttüshcwM rmö §r:st-h§fs in Vmttrmbseg Aus Anlaß seiner Jahrhnud eiist'ier fv.t der iwaeliloche Oeerrat des Freistaates aus feinem Archiv eine Geige architekionistst. bistoeuch und künstleristh überaus wertvoller Bilder in einem sehr beachtenswerten Sainmelaestch veröffentlicht, dem eine fur^c Geschichte der jüdischen Besiedlung Württembergs aus der Feder von Sradtraelsiner Tr. Rieger vorangeht. Schon die Anlage de? erwähnten Archiv? w.nß man als beachtliche kulturelle Tat chndjüfen. Term wie auch in anderen Teilen des Reiche? sind in den letzten Jahrzehnten die kleir:en jüdischen Gemeinden entvölkert oder gänzlich ausgeb oben worden. Darum erschien es besonder? notwendig. rechtzeitig alle bemerkenswerten Synagogen Grabsteine und Ritualgegemßände im Liebtvild sesizuhalten bzw. einer Zentralsielle einzuverleiben. Taß die? rechtzeitig geschah, ist ein besondere? Verdienst des Oberrats, dessen Weitblick wir vergeblich bä anderen Körperschaften de? Reiche? suchen müssen. Man denke z. B. an Oberschlesien, Posen usw., wo wertvolle Ritualgegenstände der Wsissenschast verloren gingen und architektonisch bedeutsame Synagogen und Friedhöfe verfallen. Württemberg unterscheidet drei Epochen der Siedlung: die alte römische, die mittelalterliche bi? Ende de? 15. Jahrhunderts und endlich die neuzeitliche ab 1713. Ta? älteste Denkmal, eine Katakombe mit dom Grabe des Gemeindevorsteher? Nathan in E ß l i n g e n, stammt ans dem ueunLen Jahrhundert; nebst dieser alten Siedlung sind solche in Hall und Hetlb r o n n nachgewiesen. Tie zweite Siedllmgsepoche, die mit der Austreibung der Inden 1498 endet, weist im 13. Jahrhundert Jndengemeinden in 32 Ortschaften Württemberg? ans. Tie dritte Epoche zeigt un? Siedlungen anfangs nur in vier Städten (darunter Freudent h a l); eine allgemeine Erlaubnis zur Juden- Niederlassung erfolgt erst 1758. Ans der zweiten Epoche und außer den Resten eine? Judenbades in Wilberg nur einzelne Grabsteine. znm Teil in romanischem und gotischem Gepräge erhalten; ne zeigen uns außerdem die für den Fachmann hochintercsiante. stilgeschichtliche Wandlung der hebräischen Schriitzeichen. .Ter älteste vorhandene Grabstein ist au? Ulm nachgewiesen (1243). Tiese Stadt weist im ganzen nenn derartige Steine aus, und zwar zwei aus dem 13., vier an? dein 14. und drei 6n? dem 15. Jahrhundert, heilbronn und E h i n g e n besitzen gleichfalls Grabsteine aus der Zeit von 1370 bi- 14-2. Besonderes Interesse erregen zwei Grabsteine, deren Rückseiten nach der Vertreibung der Juden ztt anderen (hier kirchlichen) Zwecken verwendet wurden. So zeigt die Rückseite eines Ulmer Grabsteine? von 1341 romanische Skulpturen und Inschriften, die Grundsteinlegung des Münsters (1377) in Wort und Bild sesthaltend; ein Stein von 1435 ist über dem Choreingang der Uliner Dreifaltigkeit-i-kuche verwendet al? Träger von Wappentafeln. Jnterc-siant ist. daß andcrswärt? da? umgekehrte Verfahren geübt wurde. So z. B. in Polen, ree der Versa per Werkstücke von längst verschollenen, zum Teil mittelalterlichen Monumentalbauten auf der Rückseite jüdischer Grabsteine entdeckt hat. („Ta? Bürgerhaus in den Vosiner Landen." Breslau 1932, Verlag Markus.) Achnliche Stücke fand er auch kürzlich eich den alten Judenfriedhöfen in Prag und grautfurt a. All Tie sonstigen in dem Werke veröjsentlichteu *) Das durch feinen Quellennachweis wissenschaftlich gut verwertbare Werk ist inr Verlag Dr. Benno Filser (Augsburg) erschienen und geradezu oorbild« lich ausge stattet. Preis 10 Mark.

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