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Central-Verein-Zeitung · 1933-04-06 · 14 (6.4.1933) · p. Seite 123

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
14 (6.4.1933)
Date
1933-04-06
Page
Seite 123 (sequence 7)
Language
German
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i / ßlsn MMlm N.NS.L Mner Pesiach ist die Feier der Gebnrtsstunde des biblischen Gottesvolkes, des Fest des Frühlings, da die Freude am erwachenden Leben in der Natur in Den Herzen flammt. Die Erinnerung cm den Anfang unserer Geschichte krollen diese Tage in Einklang bringen mit dem unmittelbaren allmenschlichen Erleben des sich in jungem Wachstum erneuenden Jahres. Es kündet die nimmermüde im Erdboden wirkende Gotteskrast, und feine Sinnbilder und heiligen Worte erzählen von der wunderbar sich betätigenden Macht des Höchsten, der das Volk Israel aus dem Schmelzofen Mizvahims erlös:, um mit ihm eineu einigen Bund zu schließen. Alles schein: da am Zukunft und Leben, auf Hoffnung n.nd Freude abgestimwck zu sein: und wer es aus Seelengrund zu feiern vermag, den: er nult solche Herrlichkeit das Gemüt. Wer unter uns aber vermag cs so zu feiern? — Dieses Fest erinnert heute nicht so sehr an seinen ursprünglichen historischen Sinn,, es ist uns nicht so das Wahrzeichen der aus winterlichem Todechchlas zum sonnigen Früblmgsmorgen gcwcckren Erde, wie es uns an die Sorgen und Nöte verschobener Jahrhunderte denken laßt, da die Feier der Frühlingttoeche unseren Ahnen oft genug nicht Hoffnung und Leben, sondern Verzweiflung und Tod gebracht hat, da sie für die störe ihrer Urvater nicht erst der Symbole der Sedertafel bedurften, sondern sie in ganz ringleichnisartiger Wirklichkeit mit den eigenen erschreckten Augen in ihrer Mine erschauten. Fa, sie sahen es mit ihren Augen, sie sahen dem Tod ins Auge, und — sie feierten ihr Pesiachfctt, feierten es, das Fest der Befreiung und der Zuversicht, aus vollem Herzen, wie das Gesetz es besah!, obwohl das Verderben ihnen im Nacken saß. Das war nicht der jüdische Tptimmmus, dessen Erittäufchnng nachträglich seine ruchlose Gedanke nleere ent hüllt, sondern es waren der Mut und die Glaubei:vgeioischcix des Menschen, der sich des Besitzes, der Wirklichkeit solcher .strafte überhaupt nur am Rande des drohenden Untergangs bewußt ist. Einige von ihnen wurden gerettet, andere starben schweren Todes. Aber die gerettet wurden. fanden mrfjt darum den Glauben au ihren Gott bestätigt, weil er sie dem Leben wiedergab-, und die, welche starben, fühlten sich nicht darum in ihrem Glauben erschüttert, weil die Bitternis des Todes über sie tarn. Sondern was ru it ihnen geschah, mit den einen wie mit den andern, das war beiden viel weniger wichtig als der eine und gleiche Glaube, mit denen diese lebten und jene starben. Erinnerungen an verschollene Zeiten? Warum werden sie f)eute lebendig? — Nicht um des Vergleichs nullen.; der wäre ebenso billig wie oberflächlich und falsch. Die Sphäre des Religiösen hat Menschen erzeugt, Eharaktcre, die den meisten von henic in ihrem Fühlen und Wollen ganz unzugänglich sind, auch denen unter uns, die sich noch gegenwärtig bemühen. ihr Leben so cinzurichteu, wie das Neligwnsgesetz es besiehst. Es ist e t w a s a n d r e s, w a s n n fern Blick lenkt, w a s die alten Schatten her a n s b eseh w ö r t. Daß e s Nt e n - s ch e n g a b i n n n s e r m S r a m nt c, deren st rast n t dj t b l o ß dem Tode t r o tz t e, s o u d e r n — viel bedeutf a m c r n n d s ch :v e r e r — jede m Leben, d a s ihne n das S ch i ck s a t ans z :v a n g, n n d d a \; f i e kein Lebe u der fl richten um biefer n rast tut I ton, bie st arte r war als jedes Leben. Sie liebten ihr Schicksal, ihr gefahrensrhwatlgercs Schicksal um der Nrasl nullen, mit der sie es überwanden. Mannhafte, mutvolle Menschen, tvelrhe die höchste menschliche Ehre besaßen, nur vor Gott sich zu beugeu. Würden wir (eben, wenn nicht so viele von ihnen vorzeitig gestorben waren? — Das ist es. was die Stunde 31t uns spricht, tow wir überhaupt noch von etwas andrem zu reden und zu hören verstehen wie von dem Schweren, das jeder Tag bringt, und von dein Schlimmeren, mit dem der kommende droht. Vermögen wir nur dies, so sind wir schon verloren und hasten uns selbst die Totcnklage. Aber dazu hat es immer noch Zeit. Es gibt neben innrer jüdischen und murcr deutschen Situation noch eine persönlich-menschliche. Was bedeutet dies? Es ist auch in den glücklichsten Zeiten, da Fried? und Wohlfahrt allenrhalberr herrschte, mehr gegenseitiges Verständnis als Feindschaft das Tascinstes der Menschen zu erleichtern schien, oft genug vorgekommen, daß einzelne ohne Schuld zusammenbrachen und' alle Hilst und Brüderlich keil der andern ihnen sehr wenig hals. Wen solches Unheil traf, den richtete der Blick aus das ungetrübte Wohlbefinden der andern sicherlich nicht am. Denn dis Gewißheit, daß die Uebem.chl gesund ist, birgt keinen Trost für den unheilbar Kranken. Nur große persönliche st rast u nd Seibstbeherrsch n n g rer mö gen da seelisch dur ch;uhalten. Uns hat ein Massens ch i ck s a l in seinen Griff ge n 0 m m c n. Es iä.st über jeden in besonderer Weise her; aber es schont niemanden. Das ist furchtbarer; denn die Ehanee wirksamer Hilfe durch den selbst schwer Getroistnon neben uns stheint geringer. Aber es enthätt in aller Schrecklichkeit, gerade um ihrer willen, zugleich über alle Zufälligkeil dos Einzcllosts bin aus tragische lsiröge und geschichtlicho Berannvortung. Tenn jetzt sollen wir, wir deutschen Inden, die als geschlossene Gemeinschaft das Anbe-l krust, beweisen, ob wir über die Postuoueu hinaus, aus denen wir gejagt und, über die materiellen Gitter, die wir gestern besaßen^ überhaupt noch etwas sind. Wir sollen beweisen, daß wir nicht bloß eine Gemeinschaft der Berstunen und Geschmähten sin), sonder:: ein Bund v0 n M c nf ch e:i, in denen eine getn e i n s a m e -Kraft des Errr a g e n s. Fähigkeit, b e - s 0 n n e n z u handeln, eine Ist a ch t der Liebe w 0 h n t t mit der m i r a u ch diese nt S ch i ck s a l trotze n. Tb wir diese Probe bestehen werden, ob wir die gewaltige Nervenstarke, die straft zum richtigen Entsagen und richtigen Handeln besitzen, die der g e s ch i -ch 11 i d) e A it g e n b l i ck von uns verlangt, das weiß heute niemand. Aber das steht doch fest, daß. wenn wir jetzt vor uns stubst und vor unsrer Geschichte kläglich versagen, ein späteres Ge'chlecht urteilen wird, der Ruin der deutschen Juden in: 20. Jahrhundert habe im Grunde nur bedeutet, daß ihr Ende etwas früher gekommen sei. als es die Thnkraft ihres jüdischen Wesens ohnedies bei friedlichstem und. wohlwollendem Verhältnis zu ihrer Umwelt herbeigeiührr Hüne, lieber Gräbern wächst bald Gras. Tb die Menschen, die in ihnen rtlhen, sich glücklich oder unglücklich gesükstr haben, ist sehr rasch eine gleichgültige Angelegenheit geworden. Tb aber diest Menschen ihres Schicksals, auch des harten Schicksals, wert gewesen sind, das mack;: das Grab zum Denkmal des Lebens, das? sich gelohnt hatte, gelebt zu werden. Die uns befehden, haben trotz allem, was sie an uns tadeln, eine hohe Meinung von dem, was wir können. Enttäuschen wir sie nicht; enttänfd'ott wir vor allen: uns selber nicht und die, die einstmals umere Haltung beurteilen werde::, indem es uns an M u t, an W ü rde, au i u n e r e r st rast gebricht! Mir schwerem Herzet: werden wir an der Pforte dieser heiligen Tage Gott den Dank dafür aussirecken. daß er uns hat leben und beuchen lassen und erreiche;: die'? Zeit. Möge Wchempstnduug unsre Seele nicht ganz ausftällcn und Schwere nicht nur auf uns drücken; sondern möge die Sorge, die unsre ganze Gemeinde wie jeden einzelnen dnrchdringt, uns vor allem den Mut nickst zerstören, der allein mllt Gottes Hilfe uns die Erlösung bringt. ■? r 1 ■V ck V V st si I A &

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