Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- Seite 112 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ö SamueUNeisets: Gssthr km Ghetto. — §rltz Meö!Znörr: hemrunö Goethe Raimunö Eösrharö: Goethe unö das ^!te Testament Wenn man auf das Jahr zurückblickt, irr dem Goethes 100. Todestag Anlazyd tausendfältiger literarischer Aeußerung wurde, werden noch ein Paar Schriften sichtbar, die das Verhältnis des größten Deutschen zu sehr verschiedenen Bezirken und Schichten des jüdischen Lebenskreises erörtern. Von der * gegenwartsnahen Lebensform des Ostjudentums bis zürn Urgut alttestamentarischer ^.raditton reichen diese Betrachtungen, und eine wesentlichste Gestalt des modernen Kulcurjudentmns steht in der Mitte. Samuel Meisels ließ eine Schrift erscheinen „Goethe i in Ghetto" (Verlag Die Neuzeit, Wien). Es ist eine Sammlung von Arrfsätzen, die an ganz verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen Goethe und jüdischen Personen und Dingen berühren; die Aussätze sind offenbar nicht im Zusammenhang entstanden und früher einzeln verössentlicht worden. (Denn es sind sogar Partien stehengeblieben, die sich in verschiedenen Aussätzen Wiederholen.) Bon lebhafterem Jnterege sind nur diejenigen Artikel, die wirklich, denr Thema gemäß, die Beziehungen andemen, die zwischen Goeche und dem O st j n d e n t u m, dem eigentlichen Ghetto, bestehen. Das ist, von Goethe aus gesehen, beinahe nur jene Kritik über die „Gedichte von einem polnischen Juden", die der junge Frankfurter 1773 schrieb. Es ist immerhin interepant zu wissen, daß der Autor dieser Gedichte Jsaschar Bär Falkensohn hieß, 1746 in Salaniin in Samogitien geboren wurde und 1781 als Arzt in Mitau starb. Gr kam, zunächst wohl ohne alle Kenntnis der deutschen Schriftsprache und Kultur, nach Königsberg und von dort nach Berlin, wo er durch Mendelssohn mit Rammler und .Lessing bekannt wurde. Gr war offenbar einer von jenen unheimlich begabten, fast gespenstisch schnellen Grlernern aller Kullursormen, wie man sie auch in der letzten Generation unter dörr ösrlickM Juden noch zuweilen fand. Denn er konnte nach sehr kurzer Zeit schon den Band mit richtiggesetzten deutschen Verwn veröffentlichen. Meisels hat ganz recht, wenn er sagt, daß das eine außerordentliche und anerkennenswerte Leistung ist. Aber er irrh.wenn er meint, es Ware Goethes Sache gewesen, diese Leistung anzuerkennen: der hatte ja nicht eine Person, sonderrr ein Gedichtbuch zu würdigen, und da hob er mit dollem Recht hervor, wie bedauernswert es sei, daß diese Verse auch nicht das mindeste von der ungewöhnlichen Herkunft oder sonstigen Eigenart des Mannes verrieten, sondern völlig sich in der literarischen Konvention der Zeit bewegten. Wenn das so ziemlich Goethes einzige Berührung mät dem Judentum de? Ostens ist, so hat sich, wie Meisels in verschiedenen Aussätzen berichtet, das östliche Judentum um so lebhafter und mannigfaltiger um Goethe gekümmert. Gs ist freilich charakteristisch, daß Schiller als Verkünder freiheitlicher Tendenzen und als Jdeenverkünder überhaupt nix Ghetto immer voranstand unter den deutschen Autoren. Aber auch Goethe wurde sehr viel gelesen, vor allem, der „Wertster* in seinem großartigen Gefühlsüberschwang und der „Faust" in seiner eeisngen Leidenschaft. Zunächst natürlich im Urtext. Doch gab es schon 1857 eine Uebertragung von „Hermann und Dorotäea" in? Neuhebräische, und 1863 erschien die merkwürdige hebräische „Faust"-Umdichttmg von Mar Leueris, der für den Namen des Faust den des Ben Nbnja einsetzte, der als sagenumwobener geistiger Eimeloänger altjüdischer Tradition in ernigm Erundzügeu an die Figur des Faust allerdings erinnert, eo fragwürdig dies in der Tat viel befehdete Grlwrirnent erscheinen mag, so bleibt der Giser, mit den: diese Mewchen ostjüdischer Herkunft sich um. das Werk Goethes bemühten, doch bedeutsam. Man kann nicht ohne Rührung die Anekdote von der Jüdischen Gemeinde in Zolkiew lesen; dort war der Oberrabeiner ein kultivierter Mann und großer Goeehe-Derehrer und wurde durch die Nachricht vom wode Goethes in tiefe Trauer versetzt. Der bestürzten Gemeinde antwortete er auch ihre Frage nur: „Goethe ist gestorben." Und da diese Männer sich nichts anderes denken konnten, als daß es sich um einen berühmten Bmbbi, einen Freund ihres Führers, handele, so wurden dort die Totengebete für „Rabbi Goethe" gesprochen. Als dies vor hundert Jahren im Osten geschah, nahmen die deutschen Juden schon lange lebhaft und aktiv teil an den Kämpfen der deutschen Kultur — und das waren, wenn nicht überall an der wberlläche und im Bewußtsein, so doch im Wesrnskern und Hintergründe Kämpfe um Goeiheh Es ist deshalb gewiß nicht ohne Jnterene, wenn Fritz Friedländer die bedeutendste jüdische Begabung dieser Epoche und ihr Verhältnis zu Goethe untersuchen^ will: „Heine und Goethe" (Verlag Malier de Ernhter & Go., Berlin'). Gs kann freilich nicht sehr fruchtbar sein, den Dichter Goethe und den TiMer Home zu vergleichen. Dazu ist nicht nur der Rangunterschied zu groß. Es gib: da mul) den Unterschied der Art, der den Vergleich fast unmöglich macht: Goethes Gichten war ein allmähliches Anstaucheu natürlich wachsenden Lebensgehalts ins Licht der bewußten Form. Heines ständig gespanntes und zielendes Bewußtsein griff nur in einigen Momenten seines unendlich beooegten geistreichen Schrifttums in so leiden ichafrliche Tiefen des Erlebens, daß Dichwrisches entstehen konnte. Bei ibm ist Literatur die Regel und Dichtung die Ausnahme — bei Goethe ist es umgekehrt. Der zweite Teil 'Diner Schrift, in dem Friedländer die beiden Dichter „stilkritüch" vergleichen will, ist deshalb wenig ergiebig; man kann da kaum mehr sagen, als daß Heine selbstverständlich, wie jeder in dieser Epoche und späwr im Material demscher Sprache arbeireude Mensch, Goetse hundertfach verpflichtet ist. — Biel interesianter ist der erste Teil der Arbeit, der cntwicklungsgeschichllich das meruchstcüe und geistige Verhältnis Heines yi der Gestalt Goethes darstellon will. Tenn dies ist bei den: großen und weitreichenden Einfluß Heines kein unwichtiges Kapitel aus der so belangvollen Geschichte der Goetheschen Wirkung. Wie überall bei Heine zeigt sich auch hier in reizvoller und aufreizender Vermischung Wesentliches und Privates, geistig Notwendiges und Allzumenschliches. Tie sehr sorgfältige, wohl nahezu vollständige Sammlung zeitlich geordneter Zitate und Hinweise bei Friedtänder zeigt uns, wie Heine zunächst in Berlin unter dem Einfluß der Rahel Varnhagen ein gläubiger Verehrer Goethes wird, bi? dann nach seinem Besuch in Weimar 1824 die kühle Aufnahme durch Goethe, vielleicht auch irgendwelche ihm hinterbrachten ablehnenden Aeußerungen seine Stellmig sehr beeinfttmen. (Bei dem für -veine so überaus charakteristischen Schwanken zwischen Demut und Hochmut halte ich auch die von manchen Seiten bezweifelte Ueberlieserung für sehr wahrscheinlich, daß er den großen Alten auf die Frage, was er jetzt zu schreiben vorhabe, durch die Antwort „Einen Faust" schottert hat.) Allerdings ist hier das persönliche Moment nur Auslösung oder Verstärkung einer tieferen Zeitöeweaung. Denn allgemein meldet sich ja jetzt die jnngdeutsche Opposition zu Wort, die das scheinbar rein Aefthetische, Unpolitische in Goethe bekämpft, und der sich Heine mit der Formulierung anschließt: „Wird Kunst und Altertum imstande sein, Natur und Jugend zuiückzudrängen?" Allerdings bringt es Heines reicherer Geist niemals zu der schroffen Einseitigkeit eines Börne, irr verliert doch auch in der Opposition niemals das Gefühl für die großartige Leistung des Künstlers Goethe. Und nach Goethes Tode, und in Heines erster blühender Pariser Zeit kommt dann abermals ein Umschwung. Bewunderung Goethes, indem er jetzt vor allen Dingen den großen Verfechter des Heidentums gegen das Nazarenische verehrt, wird bei ihm wieder übermächtig. „Wenn ick; mich schlecht befinde, bin ich immer antigoetheanisch gesinnt", hat Heme gesagt — und damals ging es ihm sehr gttt! Im lechen Teil seines Lebens, als seine schreckliche Krankheit ihn in die Matrahengruft warf, gab es freilich im Sinne dieses Wortes wieder eine rückläufige Bewegung. Freilich keine eigentliche Polemik gegen Goethe findet sich in diesen späten Aeußernngen — eher eine Art schmerzlicher Resignation—, der „arme, todkranke Jude" vermag dem „Großherzoglich-Weimarischen Jupiter" nicht mehr zu folgen. Es ist gewiß sehr viel Privates und Einmaliges in dem Verhältnis Heines zu Goethe; aber doch berührt jede Wendung dieser Entwicklung sich eng genug mit wesentlichen inneren Vorgängen der Zeitgeschichte, um bedeutsam zu sein. Wie alle genial veranlagten Menschen blieb auch Öeine noch in seinen persönlichsten Aeußerungen Srrecher allgemein wichtigen Geschehens; und tatsächlich war und ist dieser deutsche Jude mit der gesamtdeutschen Entwicklung des 19. Jahrhunderts hundertfältig verwachsen. Das dritte Buch, das sich unserer Betrachtung darbietet, hat das allerreichfte Schone weiBe Zahne rrljcKen Sie bei täglichem Gkl-trad) ws Cliloro* douf, der Soljnpaiie vonli<>ch-ster QcmlitJU. Sparsam ic? Derbrauch. Tube 50 Pf. und 80 Pf. Derlarzen Sie nur ChlorodenL und weisen Sie ßden Ersatz dafür zurüä.