Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 12 (23.3.1933)
- Date
- 1933-03-23
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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P ver LMMMjS Die juristisch - wirtschaftliche Beratungsstelle des Centralvereins ist in den ersten Wochen ihres Bestehens außerordentlich stark in Anspruch genommen worden, jüdische Männer und Frauen aller Altersstufen kamen zu uns, viele von ihnen, von innerster Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz in werterer Zukunft, manche, schon entwurzelt, vor der schweren Frage stehend, wie sie sich ein neues Leven ausbauen sollen. Vier verschiedene Kategorien lassen sich aus den Erfahrungen einer Woche bereits feststelleu: Menschen, die ihr Recht suchen, wie Beamte, die auf Lebenszeit angcstellt sind und sich nach ihrer künftigen Lage erkundigen wollen, oder Angestellte, die ihres Judentums wegen fristlos entlassen wurden; Menschen, die wirtschaftliche Beratung suchen, weil sie ihre Existenz verloren haben oder in absehbarer Zeit zu verlieren fürchten; junge M e n s ch e n , die vor der Berufswahl stehen, Schulentlassene, Abiturienten, aber auch Studenten, denen die Fortsetzung ihres Studiums heute nicht mehr aussichtsvoll erscheint, und schließlich die Schar derer, die in der Wirrnis der Zeit durch persönliche Aussprache Anregung, Aufklärung und innere Festigkeit zu finden hoffen. Die erste Woche hat uns bestätigt, wie stark das Bedürfnis nach Solidarität und gegenseitiger Hilfe ist. Die Aussprache mit Menschen verschiedenster Kreise — die Sprechstunde ist auch für Nichtmitglieder geöffnet — gibt uns ein Bild von der Stimmung und der Lage im deutschen Judentum, das uns wiederum befähigt, aus den allgemeinen Erfahrungen Ratschläge für den einzelnen herauszuarbeiten. Wir wissen, daß diese Erfahrungen nicht abgeschlossen sind. denn noch ist alles in Fluß, und' wir hoffen, daß manche der harten Maßnahmen, von denen viele unserer Freunde, Medizner, vom leitenden Arzt bis zum Medizinalpraktikanten, Rechtsanwälte, Künstler, Lehrer, Kaufleute und Angestellie, betroffen worden sind, bei der zunehinenden Beruhigung der Lage noch eine bessere endgülrige Regelung finden wird. Wir wiederholen, daß die Beratungsstelle allen, aber auch nur denen ofiensteht, die ihres Judentums wegen, nicht aber aus parterpslirischer; Gründen, der Hilfe bedürfen. Dis Sprechstunden finden fee! ich. au ster Srnnabends, in der Sei¬ -pl¬ C2 sstells des. Central lerei us. % u'in W 15, Enster Alraße 42, von 12 bis 2 Ahr statt. 3n besonders dr itiaeu&en Ml U2U kö nnm Rücksprachen durch fei:? hotll; iche! Anfragen zu anderen ö£1 .Im ve reinb ark werden. ümmrr mm Witglieörr! Unser Aufruf, sich gerade in diesen ernsten Tagen den Reihen unserer Mitglieder anzuschließen, hat starken Widerhall gesunden. 129 neue Mitglieder in Berlin, 117 im Reiche haben sich seit dem 1. März 1933 dem Centralverein angeschlossen. Menschen, die noch vor kurzem außerhalb unseres Kreises standen, haben in diesen Tagen e'mgesehen, daß sie zu uns gehören. Sie bejahen unsere Arbeit, unsere Gesinnung, unsere Ziele. Aber wir wissen, daß nach immer gesinnungsmäßig uns nahestehende deutsche Juden außerhalb des Centralvereins stehen. Auch sie unserem Verein, unserer Bewegung zuzuführen, ist Pflicht jedes einzelnen unserer Freunde! Stärkt unsere Reihen; das ist Dienst am deutschen Judentum? L.H. Die Stellung des Eentralverems zum Ausland ist bereits in einem Aufsatz der „CD.-Zeitung*^ rovom9.Märzd.J. behandelt worden. Wir haben dem, was dort gesagt ist, nichts hmzuzufügem Wir wissen, daß alle Tatarermachrichterr über die innerdeutsche Lage, wie sie in der letzten Zeit im Auslände vielfach verbreitet worden sind, dem Vaterlande und auch den deutschen Juden schaden. Und schon deshalb ist es ein Irrsinn, anzunehmen, daß etwa der E. V. oder die deutschen Juden dem Auslande derartige Nachrichten übermitteln. Wir sind, und das ist in diesen Blättern oft genng ausgesprochen worden, mit Deutschland- Schicksal genau so verbunden wie jeder andere Deutsche. Und wir empfinden es genau so wie alle anderen Deutschen als eine scharfe Kränkung, wenn Ehre und Ansehen Deutschlands im Anslande durch falsche Nachrichten herabgesetzt werden. Wie aber kommen solche Tatarennachrrchlcn ins Ausland? Täglich weilen zahlreiche Ausländer in den deutschen Großstädten. Sie lestn die Zeiuingm, sie sehen, was sich in diesem Lande aosplekt. Wenn z. B. in den Abendstunden des 21. März in einem Zentralpunkt des Berliner Westens eine Broschüre mit dem Titel: „Die Juden sordern: Ermordung Hitlers!" ausgerufen wird, so sehen und hören nicht nur wir und nicht nur die deutschen Vorübergehenden das, sondern natürlich auch Ausländer, die des Weges kommen. Wir wisien zwar, daß dieser Titel eine grobe Verleumdung enthält und daß auch keine Behörde diese Broschüre billigt. Aber der Fremde weiß das nicht, und die Tatsache, daß dre Broschüre laut ausgeruson wird, läßt sich nicht leugnen. Ebensowenig kann in Abrede gestellt werden, daß sich in letzter Zeit zahlreiche Ausschreitungen ereignet haben. Tie Führer der Negierung haben ausdrücklich in Presse und Nundsunk erklärt, daß diese Untaten gegen den Willen der Behörden von Menschen vollbracht worden sind, welche in Uniformen, die ihnen nicht zukamen, auf eigene Faust und unverantwortlich gehandelt haben. Aber das Ausland beobachtet diese Dinge und berichtet sie. Wie der „Völkische Beobachter" und andere ihm nahestehende Blätter über die Tatarennachrichten im Auslande berichten, kann die Stimmung der ausländischen Presse nur noch mehr erregen. Er sollte die falschen Meldungen richtigstellen und sich sachlich mit allem Nachdruck gegen sie verwahren. Statt dessen werden die Juden beschuldigt. Co schreibt der „Völkische Beobachter": „Die E V.-Juden aber werden sich an die Brust klopfen und mit den devotesten Bücklingen versichern, daß sie mit jenen Juden nichts, gar nichts, auch nicht das Allergeringste zu tun hätten. Und sie werden sich auf die alte jüdische Taktik zurückziehen, daß eben jene Juden keine Juden wären, weil diese den Namen des Höchsten geschändet hätten, d. h. soviel nach der Lehre des Talmud, weil sie nicht vorsichtig genug waren, sondern sich festnageln und brandmarken ließen/ Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß alle Erklärungen des Central Vereins nicht ernst gemeint seien, ja. daß sie sogar umdesJnteressesderjüdischen Gemeinschaft willen unaufrichtig sein müßten. Daneben enthält die Behauptung des „Völkischen Beobachters" einen ungeheuerlichen moralischen Angriff auf die Ehre der l e i- Lenden Männer des Eentralverems. Wer die Führer des Eentralverems im Lande kennt, weiß, daß es Männer und Frauen sind, die sich eines überall geachteten und anständigen Namens erfreuen. Ihnen innere Unwahrhaftigkeit, ja, Lüge und Heuchelei vorzuwerfen, bedeutet die m o r a l i s ch e B e r n i ch t u n g und ist schlimmer als ein Angriff gegen das Leben. Unseren Führern steht nichts höher als ihre menschliche Ehre. Der „Völkische Beobachter" sollte endlich erkennen, daß die ihrer Sache nicht nützen, welche