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Central-Verein-Zeitung · 1933-03-09 · 10 (9.3.1933) · p. Seite 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
10 (9.3.1933)
Date
1933-03-09
Page
Seite 85 (sequence 9)
Language
German
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S5 Iß sonnigster and ruhigster -, Lige von V?»A ii t{ '.v iyy 5 v i v A4 uj \j» ßüd; „„H©ts! E Schweiz) - I?aai <SsÜ ModernsterEomlert Zeitgemässe Preise daß er in seinem Judentum etwas Unabänderliches, Beharrendes sieht, in seinem Deutschtum ein Werdendes, das seinen Bildungstrieb aufregt, seine geistige und moralische Kraft ins Spiel setzt. Judentum ist ihm eine Sache der Selbstbesinnung, Deutschtum eine Sache der Leidenschaft. Tie Erkenntnis der Durchdringung von Ahnenhastein und' Wahlhaftem begründet seine Ueberzeugnng, Deutscher und Jude in unlöslicher Verbindung zu sein, ,Fines so sehr und völlig wie das anderes Wassermanns Solidaritätsgefühl erstreckt sich keineswegs auf die Gesamtheit der Juden. Kaum ein anderer jüdischer Schriftsteller der Cegenwart hat seinen Stammesgenossen so scharfe Anklagen entgegengehalten wie der Versager der „Juden von Zirndorf". Bei verschiedenen Gelegenheiten hat er polare Gegensätze in der Existenz des Juden festgestellt. Entweder sei der Jude wahrhaft sozial oder er lebe in anarchischer Vereinzelung nur sich selber. Ter aus sich selbst gestellte Jude glaubt die Tradition von sich abschneiden zu können, der soziale Jude lebt in einer geistesmächtigen Üeberlieferung, und nur die lebensvolle Fühlungnahme mit. dem Altertum seiner Seele macht ihn fähig, auch die Tradition des Dolles, in besten Mitte er lebt, innerlich in sich aufzunehmen. Ter Judo, für den Wasterxrtmm sich erklärt, ist „kein Leugner, sondern ein Bestätiger". Tas Festhalten an der großen lieber* lieferung des Judentums ermöglicht Wassermann die Verwurzelung im deutschen Volke. Seine Auseinandersetzung mit deutschen und jüdischen Problemen bedeutet Kurz vor Vollendung seines 50. Lebensjahres legte der Dichter Jakob Wassermann der großen Gemeinde seiner Freunde fein Lekenntnisbuch „Mein Weg als Teutscher und Jude" vor. Ein Jahrzehnt später fühlt er sich gedrängt, diese Schrift zu ergänzen. Zu seinen! 60. Geburtstag erscheinen im Verlag S. Fischer seine „Selbstbetrachtungen". Auf noch nicht 100 Seilen wird eine Fülle von Kenntnissen und Erkenntnissen vor dem Leser ausgebreitet. Weniger stürmisch als vor zehn Jahren, resignierter, in der Sprache noch gefeilter erzählt Wastermann skizzenhaft von seinen Begegnungen mit Menschen und - Landschaften, mit der Literatur der Welt und mit der Idee der Gerechtigkeit. Unter ihren Stern stellt er sein gesamtes, mühevolles Schaffen. An ihr entzündet sich wieder die Frage nach der Stellung des Juden im deutschen Kulturkreis. „Tas Maß von Gerechtigkeit, nach welchem in irgendeiner Gemeinschaft verlahren wird, sei es der Staat, sei es die zwei verschiedenen Dolkstümern und Nationen. Die Juden sind ihm kein Volk, kein Staat, sondern eine „Summe von Individuen". Sie würden sich selbst auf* geben, wenn sie wieder ein Volk, ein Staat neben anderen Völkern und Staaten werden wollten. Auf Grund seiner künstlerischen Erfahrung, auf Grund einer Ueberzeugung, die vom Künstler nicht nur Verbundenheit mit dem-Volk, mit der belebten Gesamtheit der Kulturepoche, sondern auch von der künstlerischen Gestaltung Verbindlichkeit für das Leben fordert, lehnt Wastermann die Beurteilung von Menschen nach Kategorien der Herkunft und des Standes ab. Für ihn ist allein die'Gestalt entscheidend. Er verschließt sich nicht der Möglichkeit, daß äußere Gewalt ihn ins Exil treiben kann, aber auch Gewalt hat weder Recht noch Macht, das Bewußtsein des Menschen, die Form des Künstlers um ein Jahrtausend zurückzudrängen. Tie Verbundenheit mit dem deutschen Volk, dessen Landschaft er liebt, dessen Geschichte ihm innerlich gegenwärtig ist, desten Sprache er auch nach dein Urteil ferner Gegner mir künstlerischer Ueberlegonheit meistert, kann bezweifelt, aber nicht aufgehoben werden. Ter Weg, den Wastermann unter schweren Scelenspannungen zurückgelegt hat, der Weg von der „Intelligenz des Augenblickes" zur geisiesgeschicht-ichLN Tauer ist zum Ereignis deutscher Seelengeschichte geworden, desten Wirkung verkannt werden kann, aber aus der geistigen Welt nicht mehr verschwinden wird. Familie, sei es die Menschheit als Ganzes, ist das Regulativ für die Gesamtsumme von Freude, Aufschwung, Willigkeit, Dienst, Behagen, überhaupt von allem Glück, die sie;u produzieren vermag. Daß die Gerechtigkeit nicht nur als Idee, als Inkarnation des göttlichen Wesens, sondern als sittliche Forderung von höchster ungestümster Dringlichkeit das moralische und legislative, politische und religiöse Fundament des Judentums bildet, kann nicht bestritten werden. Sollten sechzig Generationen imstande sein, dieses tiefeingebrannte Geist- und Seelcnzeichen zu verwischen? . . . Diese Idee war nicht bloß' ein Ergebnis vergangener Leiden, sie war auch ein ahnungsvoll errichteter geistiger Schutz gegen die künftigen, an deren Ende als Erlöser von allem Unrecht der große Ausgleicher und Entschädiger, der Messias steht." Und an anderer Stelle: „Bei den Juden allein weist man aus die Niedrigsten hin, nur das Urteil über alle zu fällen. Und der Herd der Umtriebe. das Zentrum der Infektion, für den Judenhaß nach wie vor Deutschland! Das schmerzt! Diesewunderbare! Land, dieses unvergleichliche Volk! Es ließe mich nicht ruhen, auch wenn ich feil* Jucke wäre; den Stachel würde ich nicht los, ich bin desten sicher, den Vorwurf, den Gewissensrus, das Gefühl einer brandigen Wunde am Körper der Nation« Nun hat mich aber doch das Schicksal zum Juden gemacht, das heißt zu einem Menschen, der sein alles dran setzt, Blut und Seele, Leben und Nachleben, um zur Gleichgewichtslage zu gelange... Wunderk cs da noch, daß die Idee der Gerechtig-- keit über mir hängt wie eine azurns Flamme?" Diese Worte, in diesen Tagen geührieberL und gedruckt, erhalten durch die Zeit ihr besonderes Gepräge. Ta ist einer, der auf gehen mochte im Teurschnun, der in deutscher Sprache von deutschen Menschen und ihren Städten kündete und der immer wie-» der, wie jeder einzelne seiner Mitjuden, an diche Mauer des Hastes stößr. „Warum vermag im Bösen ein einzelner so viel: und nn Garen ein einzelner fast nichtsV frag! et und fahrt dann fort: „Das Löse ist seiner Natur nach viel allirer, daran mag es liegen: das meiste, was wir Tat nennen, sieht ja auf der Mesterschneide zwisckM Gut und Böseck Und wenn man ihn fragt« warum er nicht wenigstens über diese natio* nale Gebundenheit hinansswße zum Euro-» püertum, dann findet er heute nur diZ resignierte Antwort: „Das ist eine unhaltbar gewordens Fiktion. Man darf es ja heute kaunl wagen, als Europäer zu denken, und als Europäer zu dichten, gilt beinahe als. Verrat. Europa hat sich selbst auf-- gegeben, wie kann es uns tragen? . . « Einmal war ein Moment, es ist noch nicht lange her, da war mir. als könnte ich mich befreien aus der rätselhaften Bindung. Ich dachte mich darüber hinauszuschwingen in mein eignes erobertes Reich und wiegte mich einen Augenblick in dem Wahn, ich könnte damit Beispiel und Vorbild geben. Es war unmöglich. Ungerechngkeit schmiedet einen an die, die Unrecht leiden . . ck Das ist das Bekenntnis des Dichters, desten Werke jetzt eine dritte Generation befruchten sollen. Die bürgerliche Welt dev Vorkriegszeit hat seinen Ausstieg verfolgt,, die Kriegsgeneration hat seine großen Romane verschlungen, u:tb sein Beckenntnisbuch Heck weithin Echo gesunden. Wie wird die dritte Generation zu ihm stehen? .Hans Oppenheimer (Berlin). rhm keineswegs eine Entscheidung zwischen MWsimchAmm Jakob Wassermanns neuestes Werk

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