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Central-Verein-Zeitung · 1933-03-09 · 10 (9.3.1933) · p. Seite 84

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
10 (9.3.1933)
Date
1933-03-09
Page
Seite 84 (sequence 8)
Language
German
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S4 von Tendenzdichtung und Schriftsteller- Pädagogik hatten ebenso die Kunst wie die Ethik zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Dichtung ist nicht die Magd der Philosophie oder Theologie, aber der Dichter gibt sich selbst auf, wenn er au? eigenes Ringen um metaphysische und sittliche Erkenntnis verzichtet. ' In diesem Ringen geht er unbetretene Wege. Ob er auf diesen mit den innersten LebenZtendenzen seines Volkes und seiner Zeit zusammentrifft, ob er der Mitwelt geben kann, was sie von geistigen Führern zu verlangen berechtigt ist: diese Frage entscheidet über das Schicksal des Dichters. Man darf Zweifel aussprechen, ob es Wassermann bisher stets oder überhaupt gelungen ist, den Einheitspunkt der Erkenntnis und Gestaltung, der künstlerischen und ethischen Unmittelbarkeit zu treffen. Man darf aber nicht verkennen, daß Wastermann sich niemals damit begnügt hat, seine Anschauung und seine Phantasie unter den Schuß anerkannter Grundsätze zu stellen, durch deren Billigung er eine Vorgabe für seine künstlerische Wirkung erzielen konnte. Das dichterische Schüssen bedeutet ihm nicht Illustration eines sittlichen Programmes, das bereits Geltung hat, sondern Erzeugung ethischer Werte. Daher bleibt sein Wille zur unmittelbaren Wesenserfassung auch im Fehlgreisen von höherer Bedeutung für die Kunst und für die allgemeine Kultur als ein Anschluß an bewährte Helfer. Kampf für Gerechtigkeit gegen „Trägheit des Herzens" ist in allen Werken Jakob Wasiermanns das Motiv, das seinen beobachtenden Blick, seinen sittlichen Willen Und seine künstlerische Gestaltungskraft aufregt. In dem Roman „Kaspar Hauser", der Geschichte des plötzlich in eine von Interessen und Intrigen bewegte Welt versetzten Findlings, denen Unschuld den Haß selbstsüchtiger Gewalttäter und die Liebe der Gerechten auf sich zieht, aber Gerechten wie Ungerechten rätselhaft bleibt, hat die Herzensträgheit ihre prcbleruatische Prägung und die Herzensreinheit ihre rührende Verkörperung erhalten. Mer schon in dem Roman von der jungen Renate Fuchs gilt die innerliche Zustimmung des Dichters seiner Heldin nicht nur, weil sie liebenswürdig, leidenschaftlich, gütig ist und in allen Verirrungen lauter bleibt, sondern weil sie alle Menschen, die ihr nahekommen, aus ihrer bisherigen Lebensgebundenheit heransreißt und in ihnen das Verlangen nach einem erhöhten Dasein wachruft. In vielen Färbungen, unter verschiedenen Daseinsbedingungen, bleibt es die gleiche Erregung, die den „Mann von vierzig Jahren", die Christian Wahnschaste aus der gesicherten Existenz heraustreiöt und Etzel Andergast im „Fall Maurizius" in den offenen Konflikt zum Kampf um das Recht stürzt. Ob Ueberwältigung durch Instinkte und Triebe oder ob Einsicht und.Eingebung, ob soziales Schuldgefühl oder Ueberdruß und Uebersa-tigung den Anlaß bieten: das Erlebnis erhält den Charakter einer über alle Rot triumphierenden Begnadung in Menschen, denen ungewöhnliche Ereignisse und Begegnungen, Rausch und Leiden das Weiterverharren in dem bisherigen Zustand unleidlich und unmöglich machen und sie ein neues Dasein suchen läßt, in dem sie nach tiefster Erschütterung von neuem fürchten, hoffen, begehren. Das Lebensgeheimnis, in dem Liebe und Tod verschlungen sind, wie es Prometheus in Goethes Fragment aufleuchten läßt, ist im Grunde auch der Enoausblick aller Schicksale der Menschen, zu denen Wastermann sich innerlich bekennt. Mit dem Vorwurf der Herzensträgheit bringt Wastermann in vielfach wechselnden Formulierungen und an einer Fülle anschaulicher Beispiele seine pessimistische Beurteilung entscheidender Tendenzen der modernen Kulturentwicklung zum Ausdruck. Die schärfste Ablehnung wird in dem Eolumbus-Buch ausgesprochen beiGelegenheit der ersten Berührung der alten und der neuen Welt. Hier stimmt Wastermann mit vielen Kulturkritikeru aus ganz verschiedenen Lagern überein. Mechanisierung, Naturentsremdung. Verkünstelung und Schwächung des Empsindungslebens sind Gegenstand der Anklage, die Wastermann nicht als erster ausgesprochen hat. Aber in Wassermanns Formulierung, die sich im Unterschied von aller kollektivistischen Geschichtsaussasiung fest auf den Lebenspunkt der persönlichen Haltung richtet, ist auch die lleberzeuguug ausgesprochen, daß der Mensch die Möglichkeit der Umkehr, die Aussicht auf Wiedergewinn des Seelenheils nicht verloren hat und nicht verlieren kann. Es bleibt für Wasiermanns Lebensauffastung aufschlußreich, daß er die Herzensreinheit nicht zur Schuld, sondern zur Trägheit in Gegensatz stellt. Hier klingt der biblische Zorn über die Verstocktheit an, die nicht unabänderlich ist, sondern im freien Auischwung und Entschluß überwunden werden kann. Auch Wasiermanns Idee der Gerechtigkeit, die er „das schlagende Herz der WelG nennt, hat durchaus biblischen Tonsall. Sie ist von der Rechtsidee griechisch-römischen Ursprungs deutlich unterschieden. Wie das Problem der Gerechtigkeit dem jüdischen Denken Unruhe und -Zielsicherheit geschaffen hat, so gerät auch Wasiermanns Geistigkeit durch eine lebendige Erfassung der Rechtsidee in heftigste Bewegung, erlangt aber auch in ihr Celasienheit und Freiheit. Durch diese geistesgeschichtlichen Zusammenhänge ist Wasiermanns Verbundenheit mit dem Judentum nicht erschöpft. Er hat zahlreiche Anlässe gehabt, sie als Lebensschicksal und Eristenzproblem zu empfinden und Lu durchdenken, und darüber in seiner Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude" rückhaltlos Rechenschaft gegeben. Sein Bekenntnis sagt aus. mit denen mich gleiches Ziel und gleiches Wollen verbindet, und solche, die mir einfach Liebe schenken; Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und aus die ich dennoch zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen ich vur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und Evesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer Werke spüre. Diese sind mir „die Deutschen". Es sind die Deutschen, zu denen ich mich rechne, und zu denen ich mich stelle. Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Onal, mit meiner Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge zn einem von ihnen komme, ich Juppontcre: zum Edelsten, Bewährtesten, so aßt er doch nicht die ganze Tragweite des lnglucks und verschlimmert meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir znschreiben muß. Er meint, daß die Wut der Lärmmachor und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die Genmtsvecsasiung und sittliche Richtung der Ration: er übersieht aber die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als Gefangener in einem Raum voll Kohlenorhdgas befinde, mich damit zu beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm, sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für die Denn scheu als für die Juden leide: Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn auch am vergeblichsten? Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung, dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun? Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe, und ich schäme mich für ihn. Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon mitleidig Herumstehendcn: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand. Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch, der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein gutgenahrter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm: das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt bcnt Wüterich die Peitsche aus der Hand. Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre viel. Es wäre genug.

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