Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 10 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- Seite 83 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜLA ' A AA r"A AAA •if^i!Ml!r^V[[j!j n n!j * rV '^s/ W ,1» y , I» . : A A A /*3 jrV*. a? j r/ : 5 i f : I I v \ ‘ \ .' V W3 MJ Bon Hugo Bieber Für die Menschen, die nach Goethes Wort aus dem Dunklen ins Helle streben, hat das Leben Jakob Wassermanns symbolische Bedeutung gewonnen, obwohl sein Aufstieg aus kümmerlichen Verhältnissen, nach Versinken in bitterste Not, nach unstetem Laudstreichertum und fragwürdiger Boheme zu einem deutschen Schriftsteller von Weltruf untypisch, absonderlich, einmalig bleibt. Wassermann hat mit seiner Existenz, Entwicklung, Selbsterziehung, mit seinem Leiden, Streben und Schassen entscheidende Lebensfragen des Deutschen und des Juden, die Besinnung über die Situation der Juden inmitten des Deutschtums und über die Stellung der Deutschen in der Welt einer Klärung nähergebracht. Seine lebhafte und eindringliche Vorstellung von den inneren Bindungen des gestaltenden Künstlers an die Gesinnung, die Kräfte, das Schicksal desVolkes undZeitalters, dem er angehört, dem er aber auch den Erweis seiner Zugehörigkeit schuldet, hat ihn zu einer -Auseinandersetzung mit Grundfragen des menschlichen Daseins in seiner-Einsamkeit und Verbundenheit, zu einer Prüfung der Gewähr und Fragwürdigkeit des kulturellen Sicherheitsgefühls, zu einer Kritik der Lobenswerte gedrängt, deren Ernst und Wahrheitsgehalt keineswegs durch die Tatsache beeinträchtigt wird, daß sie als Dichtung, als Erfindung, als Phantasiearbeit erfolgt. Wassermann nimmt für sein Dichtertum nicht nur die Fähigkeit zu Lieferer Erkenntnis der geistigen Gebrechen des Zeitalters in Anspruch, sondern auch den Heilwillen und die Heilkraft. Indem er seine Phan- Jakob Wassermann Bildnis ron Su2anne Carvallo-Sdiulein (Original im Jüdibdien Museum) tafle in den Bann aller- Schauer und Aengste zwingt, von denen die Menschheit der Gegenwart gefährdet wird, indem er sein Selbstgefühl allen Erschütterungen aussetzr, die das Streben nach Wahrheit und Reinheit verwirren, glaubt er den Menschen Sicherheit und Festigkeit zu geben, sie zur -Lüenheit und Großherzigkeit erziehen zu können. Er ruft den Geist, indem er das Gespenst ans Licht zieht. Tie schwere Benommenheit des Monomanen, die düstere Skurrilität aus dem „Ganser Männchen", die weltläufig maskierte Gewissenlosigkeit Erwin Reiners, die schleichende Berechnung Ulrike Woylich.s sind Beispiele solcher Bannungen der Seelenlosigkeit einer Zeitkultur, gegen die Wan ermann seine warnende Stimme erbebt. Tie künstlerische Aufgabe Wassermanns ist. nicht mit einer Zusammenstellung bezeichnender Kulturdokumente, auch nicht mit der durchdringenden Erkenntnis der Lebensverfassung, der geistigen Inhalte, des seelischen Verhaltens erledigt. Die Darstellung des Lebens wird zur Kritik des Lebens, wenn auch die kritische Stellungnahme im Unterschied zur Wisienschaft, Pädagogik und Predigt sich von der anschaulichen Gestaltung nicht loslöst. Das Festhalten an der Anschaulichkeit bleibt die letzte Garantie des künstlerischen (Charakters. Aber die künstlerische Freibeit und Sorgfalt der Darstellung, die sinnliche Empfänglichkeit und geistige Beweglichkeit, der Spürsinn für ' seelische Zwischenzustände, der tiefe Blick in untergründige Regungen des Persönlichen, die Vorzüge einer Künstlerschast, die Psychologie und' Phantastik meistert, die den farbigen Abglanz der Welt in mannigfaltigen Brechungen wrderspiegelt. erhalten ihre Legitimation erst, weil und soweit sic eine neue Art ethischer Entschiedenheit ansbilden. Die dichterische Intuition bewahrt ihre Kraft und ihr Recht, wenn sie das sittliche Bewußtsein aktiviert. Damit hat Wassermann eine völlige Umkehrung des früheren Verhältnisses von Sittlichkeit und Kunst eingeleitct. Die überlebten Begriffe Deutscher unö Jude Aus Jakob Wassermanns Schrift: -Mein Weg als Deutscher unö Juöe" Die Inden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es 'war die Peinvollste Ueberlegung, darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennendes fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich aumaßen, Blntart von Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen,. Nordländern, Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche, ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen, Künstler und Feldherren, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht ihr Blut berührt haben. wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft, Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man selbst Physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz dagegen und der Widerstand der Völker, konnten ne sich dem natürlichen Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Bon anderer menschlicher Prägung? * In aller Unschuld war ich bisher überzeugt gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß zugehörig, sondern zngeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit mehr als das Mittel, mich zn verständigen, und mehr als das Nutzprinzip des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes. Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das Material, woraus eine geistige Welt aufzubaueil ich, wenn schon nicht die Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir vertraut, als sei ich dorr Ewigkeit her mit diesem Element verjchwislert gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, irr Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen Seins, Spiel der Lebenslange, Erlebnis der großen. Werke zur Anschauung Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das nicht gültiger als die Matrikel, als chematisiertes Bekenntnis, als cingeleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht und Stolz auf der einen Seite, am' der anderen durch Aberglauben, Bosheit und Trägheit besteht? Ich kenne deuGches Leben genug, um zu wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiest; was auf der Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks. Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen die Mißbilligung und dev heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame; Tapstre, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte, Aristokraten, Kausleute; solche