Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 10 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- Seite 81 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277993-2278003--07819-2288760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
W V 0 «*• ff >/ S MN MrimssA Von Rabbiner Dr. Zosef Lehmann Zwei Typen von Judengegnern bietet uns die Bibel: Haman rmd Bileam. Hamans Gestalt und Schicksal haben etwas grotesk Komisches wie das Purimfest, das den Fastnachtscharakter nie verleugnet hat. Man hat den Juden aus dem burlesken Ton und Inhalt des Esther-Buches einen Vorwurf gemacht, da man den wahrhaften Charakter dieses Büchleins verkannte. Die Derbheit der Charakteristik und die plumpe Freude an dem Zusammenbruch der Feinde konnten nur dann beanstandet werden, wenn sie ernsthaft gemeint gewesen wären. Sie waren nur der übermütige Ausdruck einer überschäumenden kindhaften Volksphantasie. Nie hat ein Jude wirklich solche Rachegedanken im Herzen gehegt; niemals hätte er sie in die Tat umgcsetzt. Wie das Judentum ernsthaft über seine Gegner dachte, und wie es sich eine Auseinandersetzung mit ihnen wünschte, zeigt die Gestalt des Bileam, die im jüdischen Schrifttum, auch späterer Zeit, gern als Beispiel herangezogen wird. Die Erzählung von Bileam, so altertümlich sie klingt, hat noch für unsere Zeit höchste Aktualität. Wenn irgendwo, so hat in ihr der hohe sittliche Geist der Bibel seinen Ausdruck gefunden. Wohl wird im Judentunr nicht gefordert: „Ihr sollt eure Feinde lieben!" Das geht über die Kraft. Diese Forderung kann nur aus einem Drang nach Celbstauslöschung erklärt werden, der dem Judentum fremd war. Ihre Erfüllung ist in Wahrheit bis zu dieser Stunde eine Fata Morgana geblieben, die der leiseste Windhauch des Lebens stets in Nichts zerrinnen ließ. Wer auch im Feinde den Menschen sehen, achten und ehren, auch dem Feinde sein Menschenrecht und seine Menschenwürde zubilligen — das ist die hohe Forderung des Judentums. „Wenn dein Feind hungert, so gib ihm zu esien, dürstet ihn, so gib ihm zu trinken!" — „Siehst du den Ochsen oder Esel deines Feindes erliegen unter seiner Last, so Hute dich, es ihm zu überlasten; aufhelfen sollst du mit ihm!" — ,Wenn dein Feind fällt, so freue dich nicht! Strauchelt er, so frohlocke nicht dein Herz!" Ein gefährlicher Gegner war Bileam, ein Mann besonderer Gaben, der sich der Bewunderung seiner Volksgenossen in hohem Maße erfreute. Er wollte Israel vernichten — aus Liebe und Eifer für die Seinen. Er wollte Israel verfluchen — durch diesen Fluch Israels Kraft lähmen und den Seinen die Möglichkeit geben, Israel zu vertilgen. Wie sollte man diesem mächtigen Feinde gegenüber sich verhalten? Seinen Ruf herabsehen? Seine Absichten verdächtigen? Seine Pläne überlisten? Nichts von alledem! Tie Bibel weiß einen anderen Weg, der ihrer würdig ist. Man erkennt Bileams Gaben an. Man erkennt an, daß er von Absichten erfüllt ist, die an sich nicht zu tadeln sind. Er will seinen bedrohten Volks« genosten Heil und Hilfe bringen. Man betont, daß er nicht geldsüchtig und eigennützig ist. „Und wenn Balak mir sein ganzes Haus voll Silber und Gold geben würde — ich kann nur sagen, was Gott mir in den Mund legt." Bileams feindliche Einstellung gegen Israel aber wird erklärt aus den Schilderungen, die ihm geworden. „Siehe ein Volk ist ausgezogen aus Aegypten und bedeckt die Fläche des Landes." „Eindringlinge sind sie"', sagt Balak er verschweigt, daß ihrs Väter schon vor Jahrhunderten im Lande waren — und ihre Menge und Macht wird in phantastischer Weise überschätzt. Was soll Israel tun in dieser drohenden Gefahr? Vor allem den Glauben bewahren an das Menschliche, das Göttliche in jeden Menschenbrust. Selbst das vernunftlose Tier hat einen Instinkt, der es sicher leitet. Wieviel mehr muß der Mensch, von Gott begnadet mit Vernunft, von Gott erfüllt mit Liebe, sich zu seinen Wesenheit zurückfinden! Wohl kann er verblendet sein, blind irr Liebe, blind in Zorn. Vorurteile können seinen Blick verhüllen, aber einmal muß der Schleier zerreißen, der die Augen bedeckt. Ter Schrei des mißhandelten Tieres weckt in Bileam die Sottesstimme des Innern, löst die Binde von seinen Augen, und er schaut den Engel Gottes, den Engel der Wahrheit und der Liebe. Alle Gewalten dunkler Triebe sind gewichen; nun weiß er, wo sein Weg ist, er wird nur noch sprechen, was Gott ihm in den Mund gelegt hat. Und wenn Israel nun doch dem Bilde entspricht, das marr von ihm entworfen? Er will es sehen „erschlossenen Auges", „enthüllten Blickes". Und er sieht Israel von dem Gipfel des Berges, aus der Klarheit der Höhe, in einer gewissen Entfernung und darum gerade in freierem Ueberblick. Da schwinden die kleinen Flecken und Schatten, die allem Irdischen anhaften, und Israels Lager in seinem Wesen und seinem Wert erscheint dem geklärten Blick. Bileam sieht die Stämme im Kreise gelagert. Keine Königsstandarte in der Mitte, kein Feldherrnzelt! Von Kriegern und Kriegswesen ist nichts zu sehen. Ein Heiligtum bildet den Mittelpunkt. Und staunend künden Bileams Lippen: „Siehe, ein Volk eigener Art ist es, und es rechnet sich nicht unter die Nationen der Erde." Ein Volk der Religion, eine religiös-sittlichs Gemeinschaft! Und Bileam erblickt nirgends besondere Idole, Fetische, phantastische Götzenbilder, wie sie sein Auge mit Grauen bei den Seinen geschaut. Und bewundernd spricht sein Mund: „Nicht gibt es Zaubertrug in Jakob, nicht Wahrsagertrug in Israel."- Vor dem heiligen Zelt aber schaut Bileam die ehrwürdige Gestalt des Führers, Rat erteilend, Urteil sprechend, dem jeder sich fügt. Und Bileam kündet: „Nicht schaut man Schuld an Jakob, nicht sieht man Unrecht an Israel." Das ganze Lager aber, als er es mit einem Blick umfaßt, bildet das Bild des Friedens. Friedlich spielen die Kinder, friedlich sitzen Greise und Greisinnen vor ihren Zelten, und begeistert spricht der Seher: „Friedlich wie der Bach im Tal, wie Gärten am Flusse, so segensreich wird die Saat vom Master getränkt." So sieht Bileam Israels Gemeinschaft, ruhend auf den Grundlagen, auf denen, nach der Ansicht unserer Weisen, jede sittliche Gemeinschaft bestehen kann und bestehen wird: „Wahrheit, Recht und Frieden." Da wandelt sich das Wort des Fluches auf seinen Lippen in Worte des Segens, und aus dieses Judenfeindes Mund kommt das Wort, das heute noch die Pforten unserer Gotteshäuser ziert: „Wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel.^ ii «Ui *i J L i» j ü 'iuLä jJ-5 Uff «■» J ö fy T.y * f? 7 fjäf rT*"r? Cid w löL Am 26. Februar hat der Landesverband Ost- Westfalen-Lippe des C. V. eine überaus besuchte Telegiertentagung in Herford abgehalten. Direktor Tr. Ludwig Holländer und Syndikus Prediger G o l d m a n n berichteten über die Gesamtlage, über die Arbeit des Landesverbandes, über die Forderungen der Zeit, über die wirtschaftlichen Ereignisse ül^er deren Bedeutung für Heimat und Menschen, und stellten alle die großen Fragen, die heute jeden bewegen, zur Debatte. Ter Wunsch nach Aussprache wurde reichlich erfüllt. Allgemein verlangte man Ruhe und Schaffung inneren Friedens als Hauptaufgabe. Ter Borsttzende der Telegiertenversammlung, Tr. K a h e n st e i n (Bielefeldch, betonte die Notwendigkeit einer inneren Stärkung unserer Gemeinschaft. Tr. Holländer hielt im engeren Kreise unserer Freunde noch in Bielefeld und Tetmold Besprechungen ab, die im gleichen .Rahmen wie die Delegiertenversanunlung verlief. Prediger Cohn (Marburg') und Prediger Gold mann versammelten unsere Freunds in Marburg um sich. * Tie Ortsgruppen Gleiwih und H i n d e n - bürg des C. B. hatten gemeinsam für den 26. Februar, die Ortsgruppe O p P £ I n für den Abend vorher ihre Mitglieder sowie die übrigen Gemeindeangehörigen zusammengerufen, um sie über die Lage aufzuklären und in ihrem Be* hauptungswillen dnrch das Bewußtsein gemeinsamer Ausgaben zu stärken. Tie c-bersch lesischm