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Central-Verein-Zeitung · 1933-03-02 · 9 (2.3.1933) · p. Seite 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
9 (2.3.1933)
Date
1933-03-02
Page
Seite 73 (sequence 5)
Language
German
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73 Zu ihrem lMtEerißsu / Von Sr. Frltz Frledläntt? Vor hundert Jahren, in der Nacht zun» 7. Mürz 1833, ist die größte deutsche^ Jüdin dahinge!chieden. Damals schrieb Heine an den tiefgebeugte Gatten, feinen treuen Freund Karl August Varn Hagen von Ense: - „Ach, lieber Darnhagen, ich fühle jetzt die Bedeutung jener römischen Worte: Leben i‘t Kriegführen. So stehe ich nun cwf der Bresche und sehe, wie die Freunde rings um mich her fallen. Unsere Freundin hat immer wacker gestritten, und hat wohl einen Lorbeer verdient. Ich kann in diesem Augenblick vor Weinen nicht schreiben — ach! wir armen Menschen, mit Tränen in den Augen müssen wir kämpfen. Welch ein Schlachtfeld diese Erde!" (Paris. 28. März 1833.) Heine war sich wohl bewußt, daß er der „kleinen Frau mit der großen Seele" Außerordentliches verdankte. Sie war nichts weniger als seine Erzieherin in menschlichen und künstlerischen Dingen; Schirmherrin des jungen Genies. Als er 1821 ihren berühmten Salon betritt, wittert sie sofort feine große, aber noch undisziplinierte Begabung und läßt den Schwankenden Güte und Strenge — die beiden Pole jeglicher Erziehung — kosten. Unter ihrer lenkenden Hand ist der Poet des Weltschmerzes zum Manne gereift. Was ihm Rahe! anvertraute, hat er nicht zu sagen vermocht: „Sonderbar ist es, daß noch nicht die Zeit gekommen ist und gewiß auch nicht sobald kommt, wo ich alles unumwunden sagen dürfte, was nur Rahel aus tiefster Seele gestanden hat, in bewegten Stunden." (Paris, 31. März 16:38.) Aber nicht nur Heine, sondern eine R^hs der bedeutendsten Zeichenogen bezeugt nachdrücklich Rahels Einfluß und Anziehungskraft. In ihrem ersten Berliner Salon, den sie in den Jahren vor dem Zusammenbruch Preußens offen hielt, drängte sich Kopf au Kopf. Name und Stand tat nichts zur Sache; der Geist entschied. Neben den genialischen Romantikern, einem Schleiermacher, Friedrich Schlegel, den Brüdern Ticck und Gentz, war dort der nicht minder genialische Prinz Louis Ferdinand von Preußen zu finden. Rahel, die gebürtige Jüdin, war die Vertraute seines Herzens. In ihrem zweiten Salon, der sich nach den bitteren Krisenjahren erst 1819 — in der Mauerstraße 36 zu Berlin — austat, verkehren neben anderen Gästen Eduard Gaus, Börne und Heine, bahnbrechende Köpfe des jungjüdischen Geschlechts. Sogar der Widerstrebende erliegt dein Zauber ihrer Persönlichkeit. Mürrisch und mißtrauisch tritt Grillparzer bei ihr ein und ist sofort fasziniert: „Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Art Trunkenheit Platz." Wer war diese Frau, die nüt solcher Macht die Gemüter ihrer Zeit in Baun hielt? Man hat sie als Genie der Geselligkeit gepriesen. Gewiß, sie war es; aber nur, weil sie eine Seelensührerin und Herzenskünderin war. Sie besaß keineswegs jene Attribute, durch welche die Vorsehung die Frauen unwiderstehlich gemacht hat. Im Gegensatz zu Henriette Herz war leibliche Schönheit ihr versagt. Vielleicht bietet sich ein Schlüssel zu dem Geheimnis ihres Daseins in einenr Ausspruch, den sie mit bedeutsamem Akzente getan hat: „Ich bin wie die Natur'" Tie"Natur, das ist die Erde, die uns trägt, die große Mutter, die faustische, Gebärerin alles Seienden. Ebenso erscheint in Rahel das, schöpferische Vermögen der Frau; die Vorstellung der hohen Dürr bezeichnet die Propheten als „relibwse Phänomene", die heute — da das Auge wieder }ur die Religion als Knlturfaklor, für dilulturwerte des Religiösen im Geistesleben und im Ausbau eines Volks, geschärft ist — besondere Beachtung verdienen. „Sie find selbst große und größte religiöse Gestalten". „Männer wie Amos, Jesaja und Jeremia hat die Nellgionsgeschichte nicht viel mehr hervorgebracht." Daß die Propheten „modern sind im wahrsten Sinne des Wortes", erweist Dürr weiter an dem Jntecesie unserer Zeit für die außerordentlichen Erscheinungen der Religion. In den Propheten feien „Geistes- und Scclcnkrüste zum Durchbruch gekommen, die die Wißenschaft, sowohl die theologische wie die medizinische, zur Auseinandersetzung ausrusen". Wickstiger aber als die „Probleme" feien die „Lösungen", die die Propheten uns heute bieten. Dürr sagt sehr Beachtliches über das eigentliche Wesen der Religion und sieht gerade in den Propheten die Bestätigung seiner These: „Ja wirklich strah. lender und reiner ist das Wesen der göttlichen Majestät und das Jhr-Berpflichtetsein von Menschen und Völkern wohl nirgends herausgearbeitet worden als bei diesen religiösen Herren, die in den erhabenen Gottesbegriss vor allem den Zug der Liebe Gottes eingebaut WSlHönO vjcißo Sähno erhallen Bit kck EebrauH ven CMoro- «Sonf, der Zahnpaste von fcöslisier Cur*!Kilt. Sparsam lm Verbrauch. Tube 50 Pf. und 80 Pf. Verlangrn Sir nur CchlorvdvM Ur& SMifca mm Ersatz da-ür haben". Und „das eben, was uns hier in dieser Reinheit und Klarhekt gelehrt wird, ist die echte Religion". Und wie Dürr im „Gottvertrauen den besten Prüfstein für die Echtheit und Stärke der Religion eines Menschen" findet, so sieht er gerade diese Kraft bei den Propheten zur höchsten Blute gelangen. Aus dieser Kraft erwachsen dann, wie er aussührt,- jene herrlichen Ansagen des kommenden neuen Reiches, jene lieblichen. Bilder seines Glücks und seines Friedens mit dem neuen Friedenskönig, dem Hcilsmittker an der Spitze: „Das alles beweist das Vertrauen auf den einzigartigen .Sott Israels". Und darin seien die Propheten vorbildlich auch für den modernen Menschen. Dürr betont ferner noch den „literarischen* Wert der Prophetenbücher. Er akzeptiert B u b e r s Wort, daß ihre Worte nicht sedersondern „zungengeboren" seien. Er unterstreicht die Worte G unkels, daß sie „das Gewaltigste unter dein am Gewaltigen so reichen Alten Testament darstellen", ja daß „es wohl kaum jemals in der Welt eine religiöse Dichtung gegeben, die dieser prophetischen an Schwung und Kraft ebenbürtig wäre". Dürr meint, es sei an der Zeit, daß auch die Literaturgeschichte diese Dinge ausnehme, daß insbesondere die Schulen der Jugend diese Schönheiten vermittelten, und er schließt seine interessanten Zrusführungen mit den Bekenntnis- Worten Goethes in .^Wahrheit und Dichtung", was die Bibel ihm gewesen und was sie ihm gegeben, .. JSargarete Goldstein» .! a^jrlishea ii r\y , Das Goe^i’iisifs» 1788823*1 ' _; Eezng in Gross-Berlin fr--:!; . t.___,j Hans durch die Versand* Etelie der Staatsquellen Faehingen and Niederseltersq Berlin SW 11, Scüöüeberger Str. 18a. Tel.: B2Lütz.&2CC,C2 Frau des späten Mittelalters — BeatricS bei Tante — gewinnt in ihr noch einmal Gestalt. Rahel, die 'Kinderlose und Kinderliebende, ist mütterlich im großen Sinne, denn sie liebt das Menschliche wie ein eigenes Kind. Das Leben hat ihr herbe mitgespielt. Wir wollen nicht erneut den Schleier von ihren Herzenskämpfen abziehen; das hat, wenig angemessen, Ludmilla Assing getan. Es genüge der Hinweis, daß die Leidenschaften der Jugend ihr nur Enttäuschung brachten. Und auch ihr Herbstglück, dis wunschlos-zufriedene Ehe mit Karl August Varnhagen von Ense, war das Ergebnis vernunstvoller Entsagung. Sie hat dis Leiden und Wirren der damaligen Kriegs-» zeit durchlebt, um so mehr, weil sie ihnen nicht aus dem Wege ging. Sie, die Ueber-- empfindliche, wußte die Schläge des Schicksals zu parieren, weil ihr Lebenswille stärker war. In der Bejahung des Lebens ist auch die Wurzel ihrer grenzenlosen Verehrung- Goethes zu suchen. Dieben Bettina oort Arnim wurde Rahel die Priesterin Goethes, die seinen Ruhm unermüdlich verbreitere« Sie empfindet es als die höchste Auszeichnung ihres Lebens, als Goethe ihr 1815 in Frankfurt seine Aufwartung macht. Man höre, wie Rahe! Goethe erlebte: . kurz, mit ihm bin ich verwachsen und nach Lausend Trennungen fand ich ihn immer wieder, er war mir unfehlbar; und ich, da ich kein Dichter bin, werde es nie aussprechen, waS er mir war!" Ein Jahrhundert nach ihrern Tod§ dürfte es angezeigt sein, sich das Bildnis, das die Nachwelt von ihr machte, in dis Erinnerung zu rufen. Ein Jahr nach ihrem irdischen Ende feierte sie ihre Auferstehung durch Varnhagens dreibändige Verösientlichung „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde." Dies Werk gehört in die Reihe der großen menschlichen Selbstzeuk^ niste, es ist ein SeiLenstück zu Hebbels unb Platons Tagebuch. Von ihm nahm der Rahel-Kult des jungen Terrtichlands seinen Ausgang. Rahel ward zur Mythe: sie wurde von Heinrich Laube und Theodor Mundt als „die Wahrhaftige", als „Thyrsusschwingerin des Zeitgedankens", als „ein mitempfiudender Nerv chrer Zeit" gepriesen. Gutzkow nahm in seinem Roman „Wally, die Zweislerin" Aussprüche Rahels auf. Heine erhob sie geradezu zur „geistreichsten Frau des Universums". Die Reaktion blieb nicht aus. Treitschke -unternahm es in seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert", Bettina von Arnims Herzenswärme gegen Rahels angeblich dürre Verständigkeit auszuspielen. Dies wca um so bedauerlicher, als Rahel und Bettina zeitlebens in herzlicher Freundschaft ver- Kunden waren. Noch kurz vor ihrem Tods empfing Nahe! Bettinas Besuch. Und im Geiste Bettinas handelten hochgestimntte Frauen unserer Zeit, wenn sie wie Ellen Key, Ricarda Huch und Margarete Susmann das Bild Rahels erneueren«

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