Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 9 (2.3.1933)
- Date
- 1933-03-02
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
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'74 Es ist ein müßiges Spiel, in Rahels Kekennknisten „moderne^ oder „aktuelle" Züge aufzustöbern, denn überall, wo hohes Sc-elentum sich rein erhielt, ist sie zugegen. Wenn in verbogenen Zeiten gegen Rückschritt und Prüderie gestritten wird, ertönt ALahe^ Kampfruf: „Weg mit der Mauer! Weg mit dem Schutt!" Rahel, die Jüdin, empfand sich als echte Deutsche: sie hat sich für Fichte begeistert nnd Verwundete des Befreiungskrieges gepflegt. Me ihr Schützling Heine fand sie, vre protestanttsch Gewordene, im Alter zum Judentum zurück. Aus ihrem Sterbebett gestand sie: ^Was so lange Zeit mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt mlffen/ Dieses Eingeständnis, abgelegt in einem Augenblick. wo der Mensch die Bilanz seines irdischen Daseins rieht, sollte denen zu denken geben, welche Rahel als ein kardinales Beispiel für den Glaubensabfall im Zeitalter oer Emanzipation anzuführen pflegen. Am weitesten dürfte hierin Dubnow in seiner ^Weltgeschichte des jüdischen Volkes" gegangen sein. Aber nicht nur jüdischerseits ist Rahels religiöse Hälttmg herbe und. wie uns dünkt, einseitig beurteilt worden. Gewiß ist es verständlich, wenn ein Dilthey in fernem Leben Schleiermachers" bemerkt: „Man erschrickt vor der Leidenschaft, mit der sie in ihrem intimen Briefwechsel das Schicksal empfindet, eine Jüdin zu sein; wie eine Ausgestoßene fühlt sie sich." Jedoch sie mußte sich als Ausgestoßene fühlen, falls man ihr den Weg ms Freie, den Zutritt zur europäischen Kulttrr und Geistigkeit, verwehrt hätte! In der dumpfen Luft des Ghettos wäre sie hoffnungslos verwelkt. Rahel bedarf keiner Rechtfertigung und Verteidigung, man muß sie begreifen, wie sie gewesen ist. Als Tochter eines wohlhabenden Eoldwarenhandlecs blieb sie zwar von der nackten Rot bewahrt; allein sie verspürte den stumpfen Widerstand der Lebensmächte. Die gesellschaftliche Tragik des jüdischen Menschen bedrückte sie. Nur eine Waffe taugte, um von der Bindung zur Freiheit, vom Rattelalter zur Neuzeit zu gelangen: der Verstand. Rahel hat die jüdische Leistung zur Geltung gebracht. Nur der Macht ihres Geistes verdankt sie ihr Ansehen. Sie war hvh allem echt jüdisch, weil sie ganz menschlich war. In ihrer Taufe sollte man nicht viel mehr als einen formalen Akt: die bürgerliche Voraussetzung für ihre Ehe mit Varnhagen suchen. Wenn uns berichtet wird, sie fei vor ihrem Lebensende zur Beobachtung jüdisch-religiöser Gebräuche zurückgekehrt, so beweist dies zur Genüge, daß die Wurzel jüdischen Empfindens in ihr niemals verdorrt ist. Tie deutschen Zeitgenossen, die sich am Strahlenglanze ihres Geistes sonnten, sei es Prinz Louis, des wankenden Staates schönste Hoffnung, sei es Wilhelm von Humboldt, der Staatsmann von perilteischem Gepräge, seien es Dichter wie Jean Paul oder der preußisch-konservative Immermann, seien es Künstler, Männer und Frauen der Gesellschaft — alle halben in ihr die Jüdin nicht verkannt, aber sie haben die menschlich überragende Persönlichkeit gesucht und verehrt. Gerade die jugendlichen Männer des altpreußischen Adels haben über Standes» Vorurteile hinweg ihre Nahe als Wohltat empfunden. Die Seelenfreundschaft zwischen Rahel und Alexander von der Marwitz bildet ein Muster für die Wechselwirkung großgearteter Charaktere. Sozusagen wie ein Bildhauer hat Rahel aus edlem Material einen vollkommenen Menschen geformt. Als ein Jüngling voller Tatendurst, heldischem Ehrgeiz und musischer Empfänglichkeit trat Marwitz Rahel gegenüber. Sie gab dem allen eine große Linie, die bis zu Marwitz' Heldentod im Freiheitskrieg folgerichtig weiterlief. „Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck, als in Ihren Augen." Wer hat diesen erleuchtenden Satz an Rahel geschrieben? Niemand anders als Heinrich von Kleist. Wir wisien neuerdings, daß zu den wenigen Menschen, die die tragische Lebensfahrt des großen Dichters mit Ehrfurcht und Mitgefühl begleiteten, Rahel gehört hat. Unmittelbar vor seinem freiwilligen Tode hat Kleist an Rahel geschrieben; todessehnsüchttge Zeilen voll schauerlicher Gefaßtheit, gerichtet an ein schwesterliches Gemüt. Rahels Erschütterung über den Aktschluß jener Tichtertragödie liegt uns in einem Briefe an Marwitz vor, der an die letzten menschlichen Dinge rührt. Angesichts solcher unwiderlegbarer geschichtlicher Tatsachen erinnert man sich mit Beschämung der völkischen Rassenlehre unserer sinnverwirrten Zeit, welche die Verständigung zwischen christlichdeutschem und jüdisch-deutschem Wesen leugnet. Demgegenüber stellt Rahel Varnhagen einen r Statt Karten! Alfred Katz Lieselotte Katz geb. Katz VermähSi© Vacha (Rhön) Düsseldorf ^raaun»: T. A4drz 1933, Hots? Cariton, Frankfurt &- M. •' GefchZfrlrchs Ttoü^m ‘ Der tfeigsd r02t teurer Bätet ... Die vor» Pallete Hausfrau gibt ihre Aufträge für Drko« f&tioßea uitb Pslftrrmodel schon je£t an dir 6. Prager, Berlin W, Lardarosta- I»ge 42 (Tel.: Com.: 2&H). LriE Zxinle Jeteit Morgen ein CHas Fachmgrr imö Du ottjt Dich stets frisch LDb aefund fuhlenl Drsttzt doch gerade dieses «sLZrllchs Sefundheitsioas/er dir Ligenschaft. dis beDebe und Adern grüardlich zu reinigen und durch die tägliche ^orpertatiakeit entstehenwen Schlacken korLZuschwämn:rn. Fachinger trägt Mithin Desentlich zur Starlung und Kräftigung Hrs Körpers der. ' Das täglichr Leten stellt an Irden Menschen Anforderungen, die dem «rufgrUärten Welten. Mrger in Fleisch und Blut übergehen. So not» Wendig wie das Schlafen für den Körper ist Das Waschen des von Staub beschmutzten Haut- BZwebes. So nötig wie das Cssen ist auch das Weirngen der zur gttten Verdauung nnentbehr- Uchen Zähne. Dir Reinigung der Zahne und v<s Mundes am Morgen und vor dein Schlafenstrbekt mit der hochwertigen ShlorodondZahn- Mlste sollte jedem Menschen zur unbedingten Vewoynhelt rverd-en. Keues Heilverfahren. Einen sehr weitver- L-rettelen Ruf, genicsit das unter dem Namen der „Lnutsnschlägerschen Pnrmoorkur" bekannte KaturheUoerfahren. Es handelt sich hierbei um Ebne glückliche Kombination der wissenschaftlichen MakurheUrneldode mit den modernsten medizi- «rischen Ersayrungsn in der Behandlung von Nervenleiden, Rückenmarleleiden, Lahmunoen, S-Hla^-ansällen und Epilerte. Prospekte sind koirenlos erhältlich durch die Leitung der Pyr^ rnoor-Heilanstalt München B378, MünZstraße S. 5» .2 C *wa«5S5i®ea lü> £x © Oegr.1883 «§ £*! 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