Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 7 (16.2.1933)
- Date
- 1933-02-16
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277993-2278000--07787-2288725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
52 tum Anfang de§ 19. JahrhundertS. und kl ei n k r ä me r i sch. hausiererisch war danrals sein Be* russwandel.lieber diese Grundmaffe hob sich schon damals ein freilich noch winziger Oberbau der jüdischen Geldbourgeoisie empor, die im 17. und 18. Jahrhundert bedeutende Kapitalien ausgespeichert hatte/ In Frankfurt a. M., in Berlin und in Hamburg lebten Juden, die sich in ihrer Lebenshaltung in nichts von der übrigen Bevölkerung unterschieden. Hier hatte der Kapitalismus Fuß gefaßt. Ten jüdischen Krämern und Hausierern standen sonst die nichtjüdischcn Kleinhändler. Handwerker und Landwirte gegenüber. Ter Anschluß Posens an Preußen verändert das Bild Jetzt machen sich in zunehmenden» Maße die j ii d i s ch ch Handwerker geltend, die später von so bestimmendem Einfluß auf die Entwicklung verschiedener Industriezweige. vor allen» die der Bekleidungsindustrie, werden sollten. Wie bedeutungsvoll die Emanzipation für die wirtschaftliche Lage der Inden wird, dafür bietet Lestschinsky gute Beweise durch seine Schilderung der Lage der Inden in Dauern. * Hier lebten noch dreiviertel aller Juden vom Handel, während sie anderswo sich schon längst anderen Berufszweigen widmeten. Immer stärker vollzieht sich nach der Emanzipation „die Einbeziehung der Lnsrmenschen, der Hausdiener und auch der Hausierer in den Kreis der werktätigen Arbeit/ Immer lebhafter wird die Bewegung s ü r d i e Verbreitung des Handwerks unter den Juden in Deutschland. Es gibt kaum eine bedeutendere jüdische Gemeinde, in der »richt eine Gesellschaft eigens für diesen Zweck gegründet wurde. Kaum 2(> bis 30 Jahre Ipäter hatte sich der Prozentsatz der jüdisäM Handwerker mehr als verdoppelt. Wie stark unter den Juden in Deutschland in dieser Zeit sich das Bestreben geltend macht, die Berufe des Produzenten zu ergreifen, kann man aus einer Statistik über die Berufsgliederung der jüdischen Bevölkerung Preußens ersehen, die Lestschinsky veröffentlicht. Danach hatte sich die Zahl der jüdischen Handwerker von 1834 bis 1852 um das Sechsfache vermehrt, die der im Handel beschäftigten Juden nur verdoppelt. Aber besonders intercpaut waren damals die verschiedenen Kolonisierungsprojekte Lestschinsky erinnert mit Recht gerade heute an die Versuche zur A n s i e d - l u n g jüdischer Menschen, die im Jahre 1846 zur Gründung des..Zentralvereins z»»r Verbreitung jüdischer Kolonisation" sührten. An alle jüdischen Gemeinden wurden AusforLerungen zur Unterstützung dieses Siedlungswerks versandt, in allen Bethäuscrn wurden Aufrufe ausgchängt, in denen die Bevölkerung gebeten wurde, bei der Gründung jüdischer Kolonien tatkräftig mitzuhelien. In kurzer Zeit hatten sich weit über tausend Familien aus den verschiedensten Orten gemeldet, die Sieolerstellen erhalten wollten. Unter ihnen waren meistens Handwerker. Tiefe mit so viel Energie unternommene Bewegung scheiterte schließlich an den polnischen Ausstanden und an der Tatsache, daß die preußische Regierung ihr Versprechen, Ackerboden zu angemessenen Preisen zur Verfügung zu stellen, nicht erngehalten hat. Dir werden dem Dersasier zustin»»uen, wenn er mit dein Abschluß der ersten Hülste des 19. Jahrhunderts eineGesu nd u n g des wirtschaftlichen Lebens der Juden in Teutschland konstatiert. Auch die Auswanderung vieler Juden trug hierzu bei. .^-er Wettkampf im Lande nahm ruhigere Formen an. wodurch der soziale Ausstieg sich leichter vollziehen konnte/ Tiefe Auswanderung versprengte die Juden in die ganze Welt. Die Auswanderer „wurden Pioniere einer Ueberwanderung. die nicht ihresgleichen in der jüdischen Geschichte kennt. Denn dieser Wanderung?ström leitete in einem Zeitraum von nur 190 Jahren mehr Juden nach llebersee. als es ihrer zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der ganzen Welt gab/ Deut»che Juden wurden so zu wirtschaftlichen Vorkämpfern in Amerika, aber auch in England und Frankreich. Wie Teutschland in dnuer Zeit viele wertvolle Mitbürger durch die Auswanderung verloren hat. so büßte es auch in den jüdischen Emigranten außerordentlich tüchtige Elemente ein. Vielfach waren es auch politische Gründe, die die Juden pur Ausnoanderung veranlaß ten. Einmal in Bewegung geraten, setzte sich dieser Strom auch in Deutschland selbst fort, und cs begannen nun die Jahre einer starken j ü d i s ch e n Bi n neu» Wanderung in Deutschland. Bei seinen Untersuchungen über das Wachstum und die Verteilung der Juden in Teutschland — und nicht nur bei ihnen — stützt sich Lestschinsky aus das Standardwerk von S i l b e r g l e i t, das in diesen Blättern einer mehrfachen Würdigung unterzogen worden ist. In den ersten sünisig Jahren des 19. Jahrhunderts hat die düöi'che Bevölkerung um 7-l Prozent, die nichtjüdi'che um nur 63 Prozent zugenommen, Leststchiusly verweist aber mit Recht aus die Tatsache, daß sich das Bild sofort ändert, »venu man den Zeitraum von 1820 bis 1910 betrachtet. In diesen neunzig Jahren ist die nicht indische Einwohnerzahl um mehr als das 2fache gewachsen, der jüdische Teil hat sich inzwischen knapp verdoppelt. Ter Hinweis ans die immer stärkere „Urbanisierung" der Inden in Teutschland und _ ihre Konzentrierung in wenigen großen Städten bringt uns nichts Neues. Wir haben in der „E. B.-Zeitung" des öfteren auch auf dieses Problem und seine Gefahren hingewieseu. Tenn da die Großstädte und die Weltstadt Berlin allen Erscheinungen der Wirtschaftskrise besonders stark ausgesetzt sind, muß diese Zusammenballung in den 'Wirtschafte Zentren, diese „Berlinisieiung", die wirtschaftliche Situation der deutschen Juden besonders erschweren. Wenn der „Angriff" aus die Judenexpansion in Berlin hinweist, vergißt er nur die nötige Schlußfolgerung aus dieser Erscheinung zu ziehen, daß gerade sie die WirtsckMtskatastrophe unter den Juden beschleunigt hat. Auch die Betrachtungen über die heutige Beruisgliederung der deutschen Juden wären ohne das Buch von Silbergleit nicht möglich geivesen. Aber die Schlüffe, die Lestschinsky aus dem statistischen Material zieht, sind deshalb wertvoll, weil sie die Behauptungen anderer Autoren — auch die des Verfassers dieser Zeilen — bestätigen. Unter den Juden zeigt sich früher als unter der übrigen Bevölkerung ein ft ä r k e r e s Anwachsen der Erwerbstätigen. Aber dieser Abstand verringert sich immer mehr. Mit Recht formuliert Lestschinsky die Tendenz dieser Entwicklung „als das Bestreben zur Eingliederung in die wirtschaftliche Umgebung und zur Angleichung an sie". So kommt er zu der in unserm heutigen Kampfe ungemein wichtigen These: je einfacher die Wirtschaftsstruktur eines Landes, desto höher der Prozentsatz der im Handel tätigen Juden. Tiefe Ermittlungen bestimmen dann auch die Feststellungen über den Umschichtungsprozeß. den das deutsche Judentum in der zweiten Halste des 19. Jahrhunderts und besonders in der letzten Zeit erfahren hat. Tie statistischen Zahlen zeigen »ms deutlich, „daß die wirtschaftliche Entivicklung der preußischen Juden in einer andere»» Richtung verlies als bei der umgebenden Bevölkerung, und daß die Juden, die die Wahl hatten zwischen verschiedenen aussichtsreichen Möglichlciren — dem Weiterausbau ihrer Stellungen in der Handelswelt oder der Begründung neuer Stellungen in der Industrie und in den freien Berufen —. ihr Augenmerk nicht dem Handel, sondern der Industrie und den freien Berufen zuwandten. Die Position der Inden im Handel ist ans den vierten Teil der früheren Starte Lttrückgegangen." In der gleichen Richtung SrügäK I Vor einiger Zeit wurde von isationalsozialisieii auf onener Strasse ein jüdischer Gewerbetreibender angefallen und so schwer misshandelt, dass er »och immer krank liegt, und nussers lande ist, seinem Gewerke itAchzugehen. Da der Verletzte an und für sich in dürftigen Verhältnissen lebt und ausserdem Vater von drei Kindern ist, brauch! er zurzeit doppelte Hih'e. Der Cenfralvereiii nimmt deshalb Spenden für ihn entgegen. Einzahlungen auf Postscheckkonto des Centraherelns, Berlin 304 72, mit dem Vermerk ,.Ueberfair. Es sind bisher M. 290,— ein gegangen. Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V Berlin W 15, Ems er Strasse 42. liegt die Feststellung, deß die Nolle der Hausierer heute lei den Aickgiuden viel größer ist als bei den Juden, die Zahl der ui ch r - j ü d i sch e n A g e u t e u s a st drei m a l io stark angeftdege n ist wie die der jüdische»». Tie Beteiligung der Juden an den freien Beruftn konnte erst nach 1S4S beginnen. Sie führt zu einer besonders starken Anteilnahme der jüdischen Deutschen cn tüeün, Berussgruppen, von Bedeutung aber ist die Tatsache, daß die Zahl der angestellreu Akademiker unter Juden und Nichtjuden eine sehr große Verwandtschaft auffr-eist. Es trifft gerviß zu, wenn Lestschinsky erklärt, daß „die b e r u s l i ch e T i f f e r e u; i c r u u g, die Austeilung der cbcme.ls homogenen, aus* schließdch Handel treibenden jüdischen Maus auf die verschiedenen Berufe, zugleich m i t einer sozialen Klassendissereuzierung der jüdischen Bevölkerung einhergeht". Tenn jetzt stellt die jüdöche Bevötteru.rg „ein vielfach gegliedertes soziales Gebilde dar, in welchem die Lohnempfänger, die Proletarier, schon bei der Zahlung *1925 fast die Hälfte aller Erwerbenden ausmachen". So kommt auch Lestschinsky zu der Behauptung, „daß die bestehenden Unterschiede und Gegensätze durch einen fortschreitenden Annäherungs- und Anglcichungsprvzeß stetig ver-. riugert werden". Daran kann auch die Feststellung nichts ändern, daß sich heute das jüdische Proletariat noch vielfach vom niclstjüdisck en unterscheidet, weil die jüdischen Angestellten meist aus dem Mittelstände. die nicht;üdis-chen vielfach direkt aus dein Proletariat hcrrorgegangen sind. Tiefer Unterschied wird sich un Laufe der Jahre oder Jahrzehnte verwischen, besonders, wenn »uan von Lestschinsky erinnert wird, daß sich die jüdische Bevölkerung feit 1852 nur verdoppelt, das jüdische Proletariat feitbem aber verdreifacht hat. Auch die jüdische Frau steht heute im Winschastsleben kaum hinter der nichtjüdischeu zurück/Währcnd es aber in sozialer Hinsicht zwischen beiden noch große Unterschiede gibt, weil die jüdiiMn Frauen weit mehr als ihre nichljüd/chen Schwestern als Angestellte tätig sind, bestehen in beruflicher Hinsicht zw'/chen jüdischen und'nichtjüdischen Frauen viel größere Aehvl'.chkei:en als zwischen jüdischen und nichtjüdischen Männern. Bei einer so kleiner» Gemeinschaft wie der jüdischen konnte es sich, so betont Lestschinsty mit Recht, immer nur um einen qualitativen Einfluß aus die Gestaltung der Berhältnige im Heimat lande handeln. Acten einer großen Schar von Männern, die die Geschicke^ der deutschen Wirtschaft maßgebend beeinflußt haben, können jüdische Führer von uns mit Stolz genannt werden. (Bergt, das Buch des Verfassers dieser Zeilen „Juden in der