Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 7 (16.2.1933)
- Date
- 1933-02-16
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r n- SM6gs§Msch§rlZUK§Llz tu RreftLö unö St. Polten In Viersen im Rheinland wurden bei einem nationalsozialistischerr Umzug am 31. Januar die Fensterscheiben dreier jüdischer Firmen durch Kleine zerlrümmerl. Später wurde auch ein Fenster der Wohnung eines jüdischen Viehhändlers emgervOrserr. Die Tater konnten bisher noch nicht festgestellt werden. Am Sonntag, dem 5. Februar, wurden von Nationalsozialisten sechs Revolverfchüsse auf die Haustür der jüdischen Familie Lamberh abgegeben, ein Schuß traf nach das Fenster der ersten Eloge. Zwei hinzueilendr Schutzleule wurden niedergeschOsten und wußten schwerverletzt in das Hospital gebracht werdern Einer der Täter konnte festgenommen werden, auch die beiden anderen Täter sind mit Namen bekannt. In Viersen herrschte bislang ein vorbildlich freundschaftliches Verhältnis zwischen den Angehörigen aller Religionen. Auch jetzt finden die rohen Vorgänge die energische Verurteilung der christlichen Bevölkerung, die den betroffenen jüdischen Familien ihre Trauer über die Vorfälle ausgedrückt hat. Sowohl das Zentrumsblatt wie eine stark rechtsgerichtete Viersener Zeitung berichten über die Unruhen und rufen der Bürgerschaft ein „Haltet ein" zu. Selbst die naLionalsozialistischen Führer haben in der Viersener Presse eine Erklärung abgegeben, in der sie diese Vorkommnisse veaurteilten und mittelsten, daß die Täter aus der Partei ausgeschlossen worden seien. So erfreulich ein solches Abrücken auch ist, so bedauerlich bleiben doch dis Tatsachen, und keine solche Erklärung vermag die Partei, die in ihrer Hetzpresse den Frieden in Viersen gestört hat, von der eigentlichen Schuld zu befreien. Am Donnerstag voriger Woche, also drei Tage vor der Straßenschlacht zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten in Eisleben, wurde der jüdische Kaufmann Karl Helft von drei Nationalsozialisten m^allm und Ichwer verletzt. Helft war in Begleitung eines christlichen Herrn zu einem Bekannten gegangen. Als Helft aus dessen Hause kam, fielen drei Nationalsozialisten über ihn her, bis er mit Kopfverwundungen und Augenverletzungen auf der Straße liegen blieb. Als der Schwerverletzte im Krankenhaus zu sich gekommen war, benannte er zwei der Tater mit Namen. Die Polizei macht jedoch bis heule keine Anstallen, an die Verhaftung der Täter zu gehen, sondern richtet ihren Verdacht gegen Hellt, weil am Talork sein Stock liegengeblieben sei. Helft ist den Nationalsozialisten deshalb besonders verhaßt, weil er niemals davor Zurückgeschreckt ist, Beleidiger zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen. Helft ist jetzt glücklicherweise außer Lebensgefahr. In der Nacht vom 5. zum 6. Februar d. I. wurden in Lrefeld drei Fensterscheiben der Synagoge durch Steine erngeworfen. Der Vorstand der Synagogengemeinde hat für Ergreifung der Täter eine Belohnung von 300 Mark ausgesetzt. „Tie Wirtschaft ist kein Naturprozeß, sondern ist von jeher gewesen und wird es in aller Zukunft sein: eine aus dem freien Entschluß der Menschheit heraus gestaltete Kultureinrichtung. Somit liegt auch die Zukunft der Wirtschaft oder eines bestimmten Wirtschaftssystems in dem Ermessen frei wollender Mensche n." Wer diese Worte Werner Sombarts bejaht, die der geniale Deuter der lehren Wirtschaftsepoche des europäischen Abendlandes feinem jüngsten Buche ,Die Zukunft des Kapitalismus" voranstellt, ward mit ihm des Glaubens sein, daß die Zukünftige Gestaltung der Wirtschaft kein Wissens-, sondern ein Willensproölem ist. Was wir aber der Zukunft zubilligen, werden wir auch für die Vergangenheit anerkennen müssen. Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die Entwicklung, die die deutsche Volkswirtschaft im hochkapitalistischen Zeiralter durchgemacht hat, dann sehen wir, daß der Wille der Menschen das Schicksal dieser Wirtschaft bestimmt hat. Dieses Leitmotiv ist auch für die Beurteilung der heutigen Situation von entscheidender Bedeutung, vor allem auch für die wirtschaftliche Lage derdeut schon Juden. Denn es läßt uns mit völliger Ueberlegenheit die Argumente zurückweisen, die immer wieder in der völkischen Propaganda gegen die Juden vorgebracht werden. Wenn der „Angriff" (Nr. 12 vom 14. Januar 1933) in einem Artikel „Die Wirtschaftskatastrophe und die Juden" die heutigen Krisenvorgänge untersucht und seine in allen Einzelheiten sehr angreifbaren Feststellungen stets dem einen Gedanken unterstellt, als ob sich die deutsche Bevölkerung willenlos den Juden ausgeliefert habe, dann könnte man ihm, dem Ausspruch Sombarts folgend, erwidern, aus welchen Gründen denn die Juden diesen angeblichen Einfluß errungen, und weshalb sich die übrige Bevölkerung diese Entwicklung habe gefallen lassen. Auf eine Fortsetzung dieser Polemik können wir heute verzichten. Für den Kampf um unsere Zukunft und die un'erer .Kinder wird aber die Ueberzeugung maßgebend sein, daß wir Schmied unseres eigenen Glückes sein können. Je stärker sich in der letzten Zeit das Bewußiftin durchgesetzt hat, daß auch die deutschen Juden ssich nicht willenlos ihrem Schicksal ergeben dürfen, sondern Unerkannt gebliebene Täter haben in der Nacht zum 8. Februar die wertvollen Fenstermalereien der Synagoge in S t. P ö l t e n bei Wien zerstört und die Nordseiie des Tempels stark beschädigt. Die Polizei hat eine Belohnung für die Ermittlung der Täter ausgeschrieben. daß sie versuchen müssen, neue Mittel zu ersinnen, um wiederaufzrrsteigen und verlorene Positionen wieder zu erobern, desto wichtiger ist es, die heutige Lage zu erforschen. Tenn das Ringen imx neue Daseinsmöglichkeiten auf einer anderen Ebene kann nur zum Ziele führen, wenn feststeht, unter welchen Voraussetzungen der Kampf ausgenommen werden kann. Seit längerer Zeit sind deshalb Bestrebungen im Sange, die wirtschaftliche Situation der Juden in Deutschland aufs gründlichste kennenzickernen. Tie im vorigen Jahre gegründete Arbeitsgemeinschaft für Wirtschafksfragen beim Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden hat in intensiver Weise mit ihren Arbeiten begonnen. In verschiedenen Unterausschüssen wurde bereits eine Fülle von Material gesammelt, aber eine gründliche Ueberprüfung und Durcharbeitung dieses Stoffes erfordert Zeit. Es werden deshalb noch mehrere Monate vergehen, bis die ersten. Resultate vorliegen können. Aber auch die Untersuchungen dieser Kommission, die einen Querschnitt durch die heutige wirtschaftliche Lage der deutschen Juden geben wollen, müssen sich auf gewisse historische Voraussetzungen stützen. Tenn die Entwicklung der deutschen Wirtschaft im 19. Jahrhundert bildet natürlich auch die Basis für die Gestaltung des wirtschaftlichen Geschicks der deutschen Juden. Das Buch von Jakob Lestschinsky: „ Das wirtf chaftliche Schick - s a l des deutschen Judentums" (Schriften der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Nr. VII), das im Dezember 1932 erschienen ist. will den Ausstieg, die Wandlung und die Krise der deutschen Juden schildern. In dem Versuch einer Betrachtung der immer stärker werdenden wirtschaftlichen Eingliederung der Juden in Deutschland ist gleichzeitig die Entwicklung der deutschen Gesamtwirtschaft in kurzen Zügen mit enthalten. Lestschmsty stützt sich ans eine Reihe be. kannter Monographien. Aber durch die Vor- Wertung dieser Schriften gibt er ein interessantes Bild der Vorgänge des 19. Jahrhunderts. Wir stellen so noch einmal Tatsachen fest, die uns bekannt waren, die aber zur Beurteilung der heutigen Situation immer wieder herangezogen werden können. „Kleinst ä d t i s ch war das deutsche Juden- Don Dr. Kuri Zielenzlgrr r ,<j d wmmmiUUv»