Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I 45 Zum 13. Februar 1933 ©fe®to$s ZUM 3®$mhm Von Hans Hartmann Richard Wagner wird von den Judenfeinden All einer ihrer Hauptlrouzeugen angesehen. Es wird vieler Mühe bedürfen, nach den Wagner- Feiern sestzustellen, wie man Wagner im antisemitischen Sinne ausgeschlachket hat, wie man ihn zitiert, wo man ihn falsch Zitiert und wo man abschwächende oder gegenteilige Aeußerungen unterdrückt, auch ob man Psychologisch vorging und gerade bei einem so reizbaren staune wie Wagner nach den Motiven fragte. Ter Erleichterung dieser Arbeit soll die folgende Betrachtung dienen. Sie legt „objektives" Material vor und gibt zudem eine Beurteilung nach Psychologischen Maßstäben. Aber zuvor sei eine kurze Besinnung darüber gestattet, was es überhaupt bedeutet, wenn überragende Geister znm Judentum Stellung nehmen, und was es bedeutet, wenn wir uns im Kampfe des Tages darauf berufen. Man kann hier geradezu von einer „Ambivalenz" sprechen, und es ist Nicht ganz leicht, zwischen den beiden extremen Smndpunkten hindurchzusteuern. T-er eine meint, auch ein Genie sei nicht gefeit gegen F-chl- und Kurzschlüsse, ein Mann wie Wagner sei schon in seinem eigentlichsten Bereich, dein der Kunst, nicht ganz objekiv gewesen (man denke an seinen, freilich von den Anhängern stark übersteigerten Gegensatz Zu Brahms), und so komme seinen Urteilen üb-er andere Fragen der Wissenschaft und des Lebens erst recht keine ernsthafte Bedeutung zu. Tie anderen meinen, das Genie als einen solchen Slückssall der in seiner Schrift „Das Judentum in der M u s i V, ihr ließ er eine Erläuterung von gleicher Länge folgen, und zwar aus Triebschen zu Neujahr 1869 in einer an Frau Marie Muchanosf, geborene Gräfin Nestelrode, gesandten Schrift „Aufklärungen über das Judentum in der Musik" (in der Ausgabe von Dreitkopf u. Härtel, Band 8, Seite 238). Tazu kommen noch gelegentliche Bemerkungen aus kleineren Schriften, so aus den „Ausführungen zu Religion und Kunst", 1. Abschnitt „Erkenne dich selbst" oder aus dem kleinen Aussatze „Modern". (Beides Band 10.) Der letztere beginnt mit einem Knalleffekt, und da hier das niedrige Niveau des antisemitischen Kampfes sofort erreicht wird, sei dieser Anfang wiedergegeben. Wagner Zitiert „eine bedeutsame jüdische Stimme" aus einer ihm zu gesandten Flugschrift, die folgendermaßen schließt: . denn in der Tat arbeitet jetzt das deutsche Judentum so kräftig, so riesig, so unermüdet an der neuen Kultur und Wissenschaft, daß der größte Teil des Christentums bewußt oder unbewußt von dem Geiste des modernen Judentums geleitet wird. Gibt es doch heutzutage fast keine Zeitschrift oder Lektüre, die nicht von Juden direkt oder indirekt geleitet wäre." Wagner knüpft daran an und schildert unter vielen Seitenblicken auf Frankreich den Einbruch der Juden in die deutsche Kultur, der sie weder sprachlich noch fachlich Das ganze deutsche l-olk muss sehen, wie wir deutschen Süden wirklich sind Siärlit unsere Linie! für ßiesBürösIt! Sgsndsi eafPös!scksG!&Gn!o3ö472,E9?nn Menschheit betrachten Zu müssen, daß man jedes seiner Worte prüfen und wägen müsse. Wie man es bei Goethe tut . . . Tie wiederholte Lektüre von Wagners Schriften zeigt ein erstaunliches Ausgreisen nach allen Seiten, eine Fülle von Gedanken und Urteilen, die dem Beurteiler ein Uebergcheu auch nur eines Gebietes, das Wagner selbst wesentlich erschien, unmöglich macht. In konzentrischen Kreisen umschreibt Wagner immer wieder dis großen Fragen des Daseins, im Mittelpunkt swht seine Idee von der Regeneration der Menschheit — eine Frage, die jüdischem Denken doch wahrhaftig nicht gleichgültig ist! —, sein künstlerischer Humanismus ist ein so in sich gc'chloffelns Gebilde, und bei aller Romantik in. der Form steckt doch eine so große Gewissen- Hastigkeit hinter seinem Wollen, b-aß, wer sich cm Urteil anmaßen will, scharf hinhören muß, was er eigentlich sagt. Wenn man dann aus der Sache heraus urteilt und feine Ansichten nicht übernehmen kann — so tut das der Der- Ehrung seines künstlerischen Genies keinen Abbruch. Für diejenigen, die die Materie nachprüfen wollen, jeien kurz die Quellen angegeben. 1850, also im Alter von 37 Jahren, schrieb Wagner -um ersten Male über dic Juden, und Zwar gewachsen gewesen wären, so daß beide sich im tiefsten Grunde fremd geblieben seien. Hier nun ist Wagners eigentliche starke — oder, wie wir erkennen werden: schwache — Stelle. Ter Fr e m d h ei t s k om p l e x steht im Mittelpunkte seiner Auffassung. Und er sieht ihn im wesentlichen von der Musik her. Tas — wörtlich Zitiert — „unwillkürlich Abstoßende, das unangenehm Fremdartige, die rein sinnliche Kundgebung der jüdischen Sprache, der Begriff des gebildeten Juden, der sich die undenklichste Blühe gegeben habe, alle auffälligen Merkmale seiner niederen Glaubensgenossen von sich adzustreifen" — all diese Dinge, und noch viel mehr, stehen in der ersten Schrift Wagners. Zu einer ernsteren Höhe erhebt sich Wagner erst in jener zweiten Schrift, den „Aufklärungen" von 1869. Um ihr gerecht zu werden, beseitigen wir erst den unangenehmen Geschmack, der uns von der ersten übrigbleibt. Wagner läßt immer wieder mit einer geradezu grotesken Teutuchkeit durchblicken, daß er sich der Verfolgungen seitens der „jüdischen" Presse erwehren müsse. Sein Motiv zur Gegenwehr, wie er sie leider für nötig hielt, ist also ganz egoistisch. Er war ja darin überhaupt von einer nicht zu überbietenden Naivität. Ter jüngst verstorbene Prager Pbilosophiejirofessor Christian von Ehrensels. der zum Kreis der engeren Wagner- Freunde gehörte und in feiner Jugend zu Fuß von Prag nach Bayreuth pilgerte, erzählte mir einmal mit ganz unöekünunerter Freude, Wagner habe in Bayern in seiner Glanzzeit in einem Abteil erster Klaffe geseffeu und wollte einsteigenden Reisenden nicht Platz machen. Als der Schaffner energisch wurde, fuhr er diesen an: „Aber wiffen Sie denn, wer ich bin?" Ich erwähne das. weil solche kleinen Erlebnisft tief Ln die psychische Struktur eines Menschen —, auch eines Genies! — blicken lasten. Ter psychische Verlaus ist nämlich bei den größeren Dingen genau so! Und wenn man so zu den Wurzeln hinuntergräbt, wird manches erklärlich und dadurch freilich nicht „wahrer", sondern in Staub aufgelöst. Alles, was aus Ressentiment geboren ist, ist unzulänglich und fatal, und so auch der Wagnersche Antisemitismus. Und — wenn noch eine kleine Bemerkung erlaubt ist: wie hält sich Wagner über jüdische Musikwerke aus, die den Eindruck hervorriefen, als ob ein Eoethefches Gedicht im jüdischen Jargon vorgetragen würde. Qb es wirklich ein Unterschied war, wenn Wagner in sächsischem Dialekt den „Tristan" vorlas (man denke: „Nie Wiedererwachens wahnlos hold bewußter Wunsch" auf sächsisch!), sei dahingestellt ... Aber nun zu der Formulierrmg aus der späteren Schrift. „In jenem Aufsatz über das Judentum zeigte ich, . . . daß es die Schwäche und Unfähigkeit der nachbecthvvenschen Periode unserer deutschen Musikproduktwn war, welche die Einmischung der Juden in dieselbe zulicß: ich bezeichnte alle diejenigen unserer Musiker, welche in der Verwischung des großen plastischen Stils Beethovens die Ingredienzien für die Zubereitung der neuen gestaltungslosen. seichten, mit dem Anscheine der Solidität matt sich übertünchenden Manier fanden und in dieser nun ohne Leben und Streben mit duseligem Behagen so weiterhin lomponierten. als in dem von mir geschilderten Musikjndentum durchaus inbegriffen, möchten sie einer Nationalität angehören, welcher sie wollen." Tas Pathos Wagners gegen alles Seichte in allen Ehren: hier spricht das Genie, und wir beugen uns vor ihm, zumal er ja durch die Tat bewies, daß er es bester machen konnte. Zlber: ist es nicht ganz fatal, daß Wagner hier jener Kurzschluß — man muß schon sagen — passiert: alles Schlechte, auch wenn es nicht durch Juden geschieht, ist jüdisch?! Hiermit richtet sich Wagners Antisemitismus selbst. Urrd er gibt uns selbst den Maßstab zu seiner Beurteilung in die Hand. Wir brauchen gar nicht zu jener billigeren Methode zu greifen und darauf hinzuwcisen, daß Wagner Geld, Förderung und Mitarbeit von Juden gern nahm, wenn sie sich ihm boten. Nein, im rein Geistigen, in der nicht mehr sauber zu nennenden Ableitung, in der Vermischung der Begriffe liegt der Todcskeim. Daß man mit dieser Methode eine Unzahl Menschen, nämlich jüdische Menschen, aufs tiefste beleidigt, wenn man schlecht gleich jüdisch setzt, scheint Wagner ebensowenig wie allen, die denselben stereotypen Gedanken vertreten, ausgefallen zu sein. Und das wiegt mm freilich bei ihm schwerer« Nicht nur, weil er ein Genie war. Sondern, weil er wirklich ehrlich nach einem wahren, großen, volkhasten Humanismus strebte. Und weil ihrn ganz klar war. daß die Christen an der Schaffung jenes Fremdheitskomplexes schuld auouoon 3* ^?'*; S'i?st»/; -Li ■Tsacnarr.ar.r L