Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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43 > ra (~3 >r; . O, V>. i J ff en o /3 RI? Direktor MW KM W VZM7^ Am 15. Januar fand in Nürnberg dis öiZ’ijc Tagnna dcs bayeri s ch e n Landes- Verbandes des E. B. statt. Tie bettährten Führer des Q. B. Nechtsanwal: Tr. Alfred ferner (Müncbew, Juni zrat G a l l i n - ccr (Nürub-rch, Tr. Waller Berlin (Nürnborg'». Frau Else Dormitz er Dürnberg), Dr. Eugen Strauß (Aug-durgft Sanilalsrat Tr. Baron (München) fartten sich mit Vertretern des Bayerischen Lanttesaeräandes Jüdischer Gemeinden, des Beichsbnndes jüdischer Frontsoldaten, der Jüdischen Gemeinde Nürnberg zur Arbeit zusammen, die von Tr. Werner geleitet wurde. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Referate von Lynditus Tr. Werner Cohn m cnn (München), Rechlsanwalt Levinger (München) und Tirekror Dr. Ludwig Holländer (Berlin). Alle Fragen, die die gegenmärtche Lage der deutschen Juden betreffen und uH aus der Tätigkeit des E. B. im letzten Jahre ergaben, wurden bis ins einzelne erörtert, Äichttinien für die Zukünftige Arbeii und besondere Einzelmaßnahmen unter Berücknchügung aller lokalen Nöte sestgelegt. Besonderes Jnrerepe fanden die grundsätzlichen Erwägungen und Lehren aus dem Fall des Brose^ors Cohn (Breslau) sowie die Behandlung der Boykottfrage. Ter Bericht über die erfolgreiche Tätigkeit des E. B. auf diesem schwierigen Gebiete wurde mit besonderem Jutereye und mit Genugtuung entgegengenommen. Tie Tagung, die einen außerordentlich harmonischen Verlauf nahm und der Arbeit unseres Landesverbandes neuen Auftrieb, unseren bayerischen Freunden Mut und Vertrauen gegeben bat, wird sich hoffentlich segensreich Luswirken. Im Anschluß an diese wichtige Tagung hat Direktor Dr. Ludwig Holländer ned) itf ürth, Würzburg, Augsburg und' ü n ch e u in herzlicher Berührung mit den reunden des C. B. in Versammlungen und 'Einzelbesprechungen die großen Probleme er« örtert, die uns immer wieder erneuten Anlaß zum Wachen und Wirken geben. Tie mustergültige Arbeit des Landesverbandes Bayern hat ihm die arbeitsschweren Tag? seiner Tätigkeit besonders freudvoll gestalte^ MdWMMZZMI in pSMMZM Tie Telegiertentagung des Landesverbandes Bonunerw arn 5. Februar stand unter dem Motto: 25 Jahre rastlose Tätigkeit für die Gleichberechtigung der deutschen Juden. Eine überaus große Zchl von Abgesandten der Ortsgruppen aus der ganzen Provinz und viele unserer Stettiner Freunde als Zuhörer füllten die Allemannialöge, um sich ans berufenem Munde über die Geschehnis der letzten Zeit unterrichten zu lassen und in gemeinsamer Aussprache Mittel und Wege zu finden, eine schwere Zeit zu überwinden. Direktor Dr. Ludwig Holländer legte die zwangsläufige Entwicklung der Lage dar. Er gab Fingerzeige für die zu erwartenden Geschehnisse und wies darauf hm. daß. nur mannhafte Entschlossenheit und Würde der deutschen Juden und daunbedingte Festdalten an unseren erworbenen Rechten neben d<r von uns geübten wahren Vaterlandsliebe die Verhältnisse meistern können. Die Amtssprache ergab den unbeugsamen Willen unserer Freunde in Stadt und Land, mit dem Deutschtum verwurzelt zu bleiben und unsere Stellung als gleichberechtigt deutsche Staatsbürger mit allem Nachdruck und allen Möglichkeiten zu verteidigen. Vo3 Mutlosigkeit war nichts zu spüren, auch bei den Delegierten nicht, die an den kleinen Orten den Folgen der verhetzenden Propaganda am meisten ausgesetzt sind. Daß auch diese Zeit überwunden werden wird, war die einmütige Austastung der Berjamnuung. Am Nachmittag veranstaltete die Ortsgruppe Stettin für ihre Mitglieder und die auswärrigen Delogierten einen G e s e l l s ch a f t s t e e 4 der umrahmt war von Gesang und Rezitation von Arthur Blumenreich (Stettin) und Meinhard Manr (Berlin). Der Landesverbandsvorsitzende Tr. Marc u s e zog die Bilanz der 25jährigen Tätigkeit des Landesverbandes und untersuchte besonders die Frage, die angesichts der heutigen Situation sich anfdrängt. „Hat die Eentralvereinsidee Bankerott gemacht?" Er kam. zu dem einmütig ausgenommenen Ergebnis, daß auf diese Frage nur mit einem ,M ein" geantwortet werden darf. Im Mittelpunkt der außerordentlich und Kirche nicht getrocknet, und schon sehen sich die evangelischen Kirchen immer neuen, zum Teil aus der Ungunst der Zeit geborenen Nöten gegenüber. Die Finanzen leiden, nicht zuletzt unter der steigenden Unfähigkeit des Staates, die Zmchüste in der vereinbarten Höhe weilerzuzahlen. Tie von Moskau dirigierte Gotrlosenbewegung, verstärkt durch den Kirchenhaß des an sich bedeutungslosen, von Ludendorn geleiteten Tannenbergbundes, tobt vor den Türen der Gotteshäuser. Das immer noch ausstehende Reichsschulgesetz, welches die religiöse Erziehung der Jugend ucherftellen soll, bildet ein ernstes, die Zukunft unsicher lastendes Problem. Dazu kommen dann im Innern die Kämpfe um die dialektische Theologie und um die Anthroposophie, wie um die Bemühungen zur Umgestaltung der Liturgie mit katholisiereuden Elementen. Das alles sind wahrlich Sorgen gemig, die den Vorwurf unbillig erscheinen lasten, die evangelische Kirche schaue nicht über den eigenen Gartenzaun hinaus auf die Juden. Ganz so weitgehend, wie es nach alledem scheint, ist die Gleichgültigkeit der Kirche in diesem Betracht nun freilich doch nicht. Nur wird hier die unmittelbare Beziehung ersetzt durch die mittelbare über den Nationalsozialismus. Sein Auftreten und seine stark mit antisemitischen Gedanken durchsetzte Eeisteswelt zwingt die Kirche unabweislich zur Stellungnahme auch in diesen Dingen. Und wenn man eine wlck^e heute noch nicht auf öffentlichem Markte verkündet, so wird sehr bald die Zeit kommen, wo ihre Äußerungen an jedermanns Shr dringen. Bei den kürstich abgehal» tenen Wahlen zu den kirchlichen Körperchaften in^Attpreußen. konnten die „Deut- ' chen Christen", das sind im wesentlichen Zje Anhänger der NSDAP., auf Anhieb hieb den dritten Teil der Mandate gewinnen. Charakteristisch für diese neue kirchliche Gruppe ist bekanntlich ihre Forderung, das Alte Testament als Dokument des Judentums aus dem kirchlichen und unterricht lichen Gebrauch zu schaffen. Wie aber das Neue Testament und mit ihm die evangelische Kirche weiterbestehen sollen, wenn man ihnen das geschichtliche Fundament unten wegzieht, ist eine Frage, welche zeigt, vor welch ernste Entscheidungen bei einer Verfestigung jenes Wahlausganges zunächst die Kirche der altpreußischen Union und später bei gleichen Verhältnissen auch die anderen Landeskirchen gestellt sein werden. Mag immerhin eine akute Gefahr im Augenblick noch nicht vorliegen, weil in den wichtigsten kirchlichen Verfassungen das synodale Element sehr stark durch das konsistoriale gedrosselt wird — ein Stück konservativer Erbschaft aus den Zeiten der fürstlichen Kirchenoberhoheit —, so wird sich doch auf die Tarier der aus den einzelnen Kirchenvorständen hervorgehende Wille der Dolkskirche, wie sie auf evangelischer Seite grundsätzlich nun einmal vorliegt, nicht hintanhalten lasten. Brennend ist zurzeit nur die Frage der politischen Pastoren, mit der sich in der Tat auch das „Pfarrerblatt" in zahlreichen Artikeln beschäftigt hat. Dem Pfarrer etwa die Ausübung feiner ihm von der Neichsverfassung garantierten politischen Rechte zu untersagen, besteht natürlich weder der Wille noch die geringste Möglichkeit. Jede von seiten einer Kirchenbehörde in diesem Sinne versuchte Behinderung würde von vornherein von Rechts wegen völlig wirkungslos bleiben, soweit nicht etwa, wie im Falle des zum Kommunismus übergegangencn Pfarrers Eckert (Mannheim), die politische Tätigkeit des Geistlichen zu einer unmittelbaren Gefährdung der Kirche sich auswächst. Entscheidend kann hier letzten Endes nur das sittliche Urteil des einzelnen Pfarrers selber sein, welches ihm sagt, wie weit er, ohne seiner Amtspflicht gegenüber der Gemeinde und der Kirche Abbruch zu hm, bei seinem politischen Auftreten gehen darft' Ten katholischen Priester leitet auch in diesen Dingen der Wille seines Oberhirten. Seinen evangelischen Amtsgenossen vermag, wenn auch nicht entscheidend, so doch eindringlich beratend beim selbst zu verantwortenden Entschluß höchstens das Allgemeinempfinden der Kollegenschask eine Hilfe zu bieten. Ta aber stehen sich einstweilen noch im Kreise der Pfarrer extreme Anschauungen gegenüber. Während manche eine politische Betätigung des Geistlichen überhaupt ablehnen und freiwilligen Verzicht auf sie fordern, wollen andere sie durch keine kirchlichen Rücksichten eingeengt sehen. Richtungweisend zur Bildung einer öffentlichen Meinung in dieser Frage war eine „Dienstanweisung über politische Betätigung des Pfarrers", erlassen vom Landeskirchenamt der thüringischen Kirche, welche die Freilastung der Kanzel von politischen Auslastungen fordert und im übrigen für ein Maßhalterr darin eintritt. Man wird also abwarten müssen, wohin die Meinung der evangelischen Kirche sich entwickelt. Bis diese Entwicklung zw einem einigermaßen festen Abschluß gelangt ist, kann diese Religionsgemeinschaft als sicherer Faktor in die Rechnung nicht eingesetzt werden. Bedauernswert wäre es, wenn das Ergebnis sich erst spät auf Grund einer allgemeinen Willensbildung einstellte, anstatt rechtzeitig genug aus den eigenen Kräften des Evangeliums heraus selber die allgemeine Willensbildung zrL beeinflussen.