Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SS Zum Schrchs öss DiL Verordnung des Reichspräsidenten dom «. Februar trägt dis Kennzeichnung: ,L um .Schutz des deutschen Volkes." Eie soll auch an 'dieser Stelle vermerkt werden, da sie, Quf der Verfassung beruhend, auch unsere verfassungsmäßigen Rechte schützen soll. Ter Abschnitt 1, der über „Versammlungen und Aufzüge" handelt, bestimm.L im Z 2 Ziffer 3 und 4. daß öffentliche Politische Versammlungen sowie Versammlungsaufzüge unter freiem Himmel aufgelöst werden können: „3. Wenn in ihnen eine Religionsgesellschuft des öffentlichen Rechts, ihre Einrichtungen, Gebräuche oder Gegenstände ihrer religiösen Verehrung beschimpft oder böswillig verächtlich gemacht werden, oder 4. wenn in ihnen zu einer Gewalttat gegen eine bestimmte Person oder allgemein zu Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Sachen Lufgefordert oder angereizt wird." Der ZlbschniLL 2, „D r u ck s ch r i f L e n" betreffend, lautet ähnlich. In Ziffer 3 und 6 des § 9 heißt es, daß „periodische Druckschriften" verboten werden können, „3. wenn in ihnen zu Gewalttätigkeiten Lufgefordert oder angereizt wird, oder wenn - in ihnen Gewalttätigkeiten, nachdem sie be- - gangen worden sind, verherrlicht werden .. . 6. wenn in ihnen eine ReligionsgesellschafL des öffentlichen Rechts, ihre Einrichtungen, Gebräuche oder Gegenstände ihrer religiösen Verehrung beschimpft oder böswillig verächtlich gemacht werden Nachdem diese Rechtsgrundlage festpeht, die neben der Unterschrift des Reichspräsideuten und des Reichsjnstizininisters Tr. Gärtner Luch die der Leiden Nationalsozialisten, Reichskanzler Hitler und Reichsinnenminister F r i ck, «mfweist, werden wir die maßgebenden Regierungsstellen auf alle Vorgänge Hinweisen, bei denen nationalsozialistische Redner oder Schriftleiter diese Bestimmungen der Notverordnung verletzt haben. Adolf Hitler hat einmal erklärt, daß in seiner Partei nichts gegen seinen Willen geschehe. Er hat die oberste Leitung der NSDAP, such als Reichskanzler beibehalten. Es ist eine Unzulässige Vorstellung, daß der Parteiführer Hitler mit Vorgängen einverstanden sein könnte, die er als Reichskanzler Hitler verbietet und mller Strafe stellt. Die nationalsozialistische Presse hat seit dem 80. Januar, dem Tage der Regierungsbildung durch Hitler, ihre ju den feindlich eNote nicht gemäßigt. Vor allem muß ausfallen, nut welcher Stetigkeit die dem Nationalsozialismus unwillkommenen politischen Erscheinungen und Veröffentlichungen als „jüdisch" charakterisiert werden. Es liegt der Gedanke nahe, daß hierbei die gleicher; Erwägungen mitsprechen, die bei früheren Reichstagswahlen und in Zeiten politischer Kampsagitation eine Rolle spielten; für etwaige Ausschreitungen gegenüber Juden soll rechtzeitig ein Mbi geschaffen werden. Oder reimt n^n in freier Abwandlung einer Grammatikregel: Was man sachlich nicht bekämpfen kann Das preise stets als jüdisch an! So enthält der „Völkisch- Beobachter", Herausgeber Adolf Hitler, in der Ausgabe A vom 7. Februar (Reichsausgabe) auf der Seite „Aus der Berliner Beweg u n g" in den Artikeln „Auch der hat seine Pflicht getan" und „Ter Stoßtrupp, der Stoßtrupp greift an!" sechsmal das Wort ösMfchM VMssl „Jude" oder „jüdisch", obwohl nicht der mindeste Zusammenhang mit den.'. I u d e n t u m n a ch gewiesen wir d. So begrüßt die „D e u t s ch e O st f r o n t" (Nationalsozialistische £ bersckkesischs Tages-- zeinmg) in ihrer Nr. 25 rrm 30. Januar Hitler folgendermaßen als Reichskanzler: „Tie Judenprepe, die sich bekanntlich in der letzten Zeit vollkommen für Schleicher eingestellt hatte, versucht ein letztes Störnngsfeuer . . . Wer mit der Gefahr spielt, foiiunt darin um, dieses Wort gilt mehr für diese üdischen Kulissenschieber, denn für sonst emanden . . Ter „A n g r i f f", Nr. 30, vom 4. Februar übcrfchreibt die Titelseite: „Scharfe Maßnahmen gegen jüdische Hetze." In dem dazugehörigen Artikel heißt cs: . . Es ist selbstverständliche Pflicht der Regierung, den Wiederaufbau der Nation vor der immerwährenden Beunruhigung durch die jüdische Hetz presse zu üchern . . Tie „A n h a l t i s ch e Tageszeitung", Nr. 31 vom 31. Januar: , Kanzler! Führer, wir folgen dir, wohin du uns führst. Das Spiel der Juden und Jndengeuossen ist ans, am Horizont dämmert der Tag des deutschen Volkes. ..." Loeper, Gonleiter. Am 2. Februar sprach in einem Hörstel der Berliner Universirät Rcmwainoau Tr. Frank II in einer narionalwchallnnchen Studentenversammlung. Er erklärte m a.: . . Wir kennen den jüdischen Aüatismns, der der Drahtzieher bisber geneewn ist. Mit ihm werden wir gründlich aufräumen. Wir kennen seinen volkszersttzenden Eharakier und lvcrdcn ihn restlos ausrorten. .. Am 31. Januar erklärte der nationalsozialistische Redner Protze in einer Man eurersammlung der Ortsgruppe Spaudau-Nenftadt: . . Ein erbitterter Kampf gegen das Judentum wird jetzt durchgeführt werden. Tenn der Jude ist an allem schuld. Wenn ein geknechteter deutscher Arbeiter in seiner Verzweiflung einem Inden einen Tr-.tt in den verlängerten Rücken gibt, den Dolksgenoncn werden wir belohnen." Tie'e Zitate stammen allerdings au? der Zeit vor dem Inkrafttreten der Notverordnung. mh U-S HM chbychs m hm NküM? Don Professor O. Windfuhr/ Homburg Tie Juden machen in Deutschland zahlenmäßig zurzeit noch nicht einmal 1 Prozent der Eesamtbevölkerung aus. Wenn man sich das vergegenwärtigt, muß es zu Verwunderung Anlaß geben, daß die Judenfrage bei uns eine so große Rolle spielt. Sollte man doch meinen, daß eine so geringe Zahl Menschen besonderer Art, Aber das ganze Land verteilt, sich einfach im Volke verliert. Allein mit den Juden geht es wie mit einem in der Schlacht heiß umstrittenen Hügel. Nicht die niedrige Erhebung an sich ist da von Bedeutung, sondern man ringt erbittert um sie, weil ihr augenblicklicher Besitz von ausschlaggebender Bedeutung für den Ausgang der ganzen Schlacht ist. Ter Hügel bildet die Schlügelstellung für Sieg oder Niederlage. So geht es bei der Judenfrage letzten Endes auch nicht um die halbe Million Juden, welche in Deutschland leben. Vielmehr scheiden sich an ihr im Augenblick die Geister. An der Stellung, die einer zu ihr einnimmt, kommt an das Licht, wie er zu den wichtigen Fragen nach Volk, Staat und letzten Bindungen überhaupt steht. Tie Judenfrage wird so zum Exponenten der Welt- und Lebensanfchauung im ganzen. Bei solcher Sachlage, wo man mit lautem Getümmel um die Juden, in Wahrheit aber um den Primat Gottes oder der Rasse kämpft, muß man ein besonders lebhaftes Interesse der christlichen Kirchen an der Judenfrage vermuten. Das aber ist, was wenigstens die evangelische Kirche als Eesamters'cheinung oder ihre einzelnen Teile. anbetrisft, nicht vorhanden. Als Beweis dafür darf auf die beiden letzten Jahrgänge zweier Zeitschriften verwiesen werden, in denen sich das Leben der evangelischen Kirche recht gut spiegelt, nämlich auf „Das Evangelische Deutschland", kirchliche Rundschau für das Eesamtgebiet des Evangelischen Kirchenvundes, und auf das „D e u t s ch e P s a r r e r b l a t t". Im „Evangelischen Deutschland" finden sich 1931/32 unter, dem Stichwort „Judentum" im Register nur einige Mitteilungen über den Zionismus in Palästina, ferner Notizen über erfolgreiche jüdische Missionstärigkeit unter Christen in Amerika und über die Wanderung der Juden von Osten nach Westen. Es wirdggelegentlich auf Grund von Nup- Pins „Soziologie der Juden" auf das starke, heute wohl kaum noch vorhandene Wachstum der Juden in den letzten dreißig Jahren hingewiesen, wird berichtet von einem angeblichen neuen Prozeß Jesu, der sich jedoch bei genauerer Prüfung als eine harmlose Unternehmung jüdischer Gelehrter in Jerusalem auf dem Gebiet der talmudischen Wissenschaft herausgestellt habe, und von dem Komponisten Heinrich Schalit in München und seinem Versuch einer neuen jüdischen Kultmusik. Das alles sind Einzelheiten, die mit der eigentlichen Judenfrage kaum etwas zu tun haben. Im Inhaltsverzeichnis des „Pfarrerblattes" kommen im gleichen Zeitraum einschlägige Stichworte überhaupt nicht vor, ialls man nicht einen Artikel „Luther über die Judentause" dahin rechnen will. Aus diesem Befund erhellt hinreichend das nur ganz peripherische Interesse der Kirche am Judentum und die völlige Gleichgültigkeit der großen Masse der Pfarrerschast ihm gegenüber. Selbst die mit dem Ziel eines Claubenswechsels betriebene Iudenmission ist weit davon entfernt, ein kirchliches Anliegen zu sein. Sie wird nur von kleinen privaten Kreisen getragen und fristet zurzeit ein recht kümmerliches Dasein. Tie einzelnen Landeskirchen haben murr freilich Sorgen genug, welche die Beschränkung auf die eigenen Angelegenheiten vollauf rechtfertigen. Kaum sind die durch weitgehende Trennung von Kirche und Staat bedingten Schwierigkeiten zur Erlangung^ neuer Verfassungen behoben und der Zusammenschluß der verschiedenen Landeskirchen unter dem Notdach des Kirchenbundes einigermaßen zuwege gebracht, noch ist die Tinte der Unterschriften unter den ersten Verträgen zwischen Staat