Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- Seite 41 (sequence 1)
- Language
- German
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11. 2.1S33 Oerttn, H. §ebruar 1-ZZ^ XU. Jahrgang » Nr. S Einzrlsvmmer 20 pfennis o i^vV^K^^s). y •cis> i^4j^Cs/vy<^vvO4>vv0<3 VQÜ> MWNLWW. DierteliabrZobonnerrrent 2,22 MS-L. (ZULügl. Destellgeld). .__}0 j wo* v/wÄ^.lyw4y'.'y Allgemeine Zeifun^ des Dudenfuma Verlag unb Echriftleitung: Berlin W15y CmsrrStr. 42. Frrnsprschrr: J2 OI:tc 5074. .?. 'Postscheckkonto: Berlin $04 72. .r. BanNonts: Dresdner Dank, DeposttrrJaffe - ' Berlin.Dilinersdorf I, Hohenzollernd2n:nr 193. Nllemige Bnzrigerrannohme: Annoncenexpedition Rndolf Masse, Berlin W1:0, und deren Filialen. AnZrixrirpreise: 0LS 4ML für die ^gespaltene Feile nach Rudolf Mosses Nonnalzeilenm^sser Nr. 4, Fcnnilienanzeigsn unL Sleüengefuche (niHt Sre7rna^geoole) für MiLgliedrr des Cenrralvrrrins v,4o £.<&, die 62 nun dreire Rettamezeile 3,50 3UL* Ä. H. Diese Worte, die Reich-Präsident bon Hindenöurg nrederjchrreb, ais er 1925 seine Präsidentschaft an trat, gelten mit gleicher Richtigkeit, mit stärkerer Berechtigung auch für den Abschnitt der deutschen inneren Politik, der am 39. Januar 1933 begonnen hat. „Keine A b e n t e u e r* — das bedeutet: Realpolitik treiben und Menschen und Werte nach ihrem wirklichen Inhalt annehmen und einsetzen. „Keine Abenteuer" — das bedeutet: auf einer Grundlage bleiben, die Rechtsbasis ist und bleiben muß. Wir deutschen Juden sind in unserer ül^rwältigenden Mehrheit immer eine Schicht gelvesen, der jede Abenteuerpolitik fernlag. Unsere Geschichte ist eine Warnung vor einem Schweifen ins Unbekannte und Unumgrenzte. Wir waren auch in den Epochen Element einer abenteuersreien Ordnung, die uns in Gegensatz zu den herrschenden Gewalten sahen. Was wir wollten, war dann eine stärkere Unter Mauerung der Ordnung durch Einbeziehung aller ordnungsbewußten Kräfte in den Staat. . Heute besteht in weiten Volkskreisen die Befürchtung, daß neuerdings a b e n - t e u e r l r ch e Z ü g e in die deutsche Politik hineingekomnion seien oder hineinkommen konnten. Darüber müssen sich die deutschen Juden an den Stetten auseinander'etzen, die für sie Ausdruck ihrer staatsb ü r g e r l i ch - p o l i L i s ch e n u.is i i i e n § * richtung sind: in Parteien und Wirtschastsverbänden. Sie verlangen für sich kein besseres Schicksal als ihre nichtjüdischen Berufs- und Parteigenossen, und sie sind bereit, Aufstieg oder Niedergang als F o l^g e d e r B e r s l e ch t u n g mit ihrer Klage mitzumachen. Wir deutschen Juden haben freilich auch andere Züge in der deutschen Politik zu beachten, die zunächst nur für uns bedeutsam sein können. Wir sehen Bestrebungen, die einen wenn auch erheblichen Bruchteil des deutschen Volkes leiten, an der Macht, die eine auf Recht und Leistung des einzelnen Bürgers beruhende -Ordnung ins Abenteuerliche umkehren wollen. Tenn als abenteuerlich müßte eine Politik betrachtet werden, die Blut an die Stelle von Willen und Geist setzt; als abenteuerlich eine Wirtschaftsführung, die Teuchchlands Rettung inmitten einer Weltkrise ton ungeheuerlichem Ausmaße nur durch die Entrechtung von wenigen hunderttausend wirtschaftenden deutschen Juden möglich sieht; abenteuerlich muß eine Vorstellung von Geisteswerten und kulturbildenden Kräften eines Volkes genannt werden, die eine Entwicklung von anderthalb Jahrtausenden — seit den Anfängen des Christentums in Deutschland — in ihren Zusammenhängen auslöschen zu können meint. Wir wenden uns gegen solche abenteuerlichen Programme, die Zunächst nur uns als Material behandeln, weil wir winen, daß von ihnen ausgehend eine allgemeine Störung jeder Ordnung Zu befürchten ist, die als Voraussetzung für staatlichen Zusammenhang und volksgemeinschastliche OpferbereiLschaft Anerkenung menschlicher Grundwerte braucht. Wir deutschen Juden, als E'mzetmenfch'n über fast alle deutschen Parteien verteilt, weisen als Gemeinschaft einen einheitlichen Zug auf: die Bejahung von Forderungen, die überzeitlich verbindlich sind: Gerecheigkeit, menschliche Freiheit, geistige Unabhängigkeit. Ter Wahlkampf für den Reichstag und für den Preußischen Landtag hat begonnen. Sein Ergebnis braucht noch kein Weg ins Abenteuer zu sein! Tie Fragestellung, unter der er geführt wird, gibt ihm in jedem Falle historische Bedeutung. Wir erwarten und verlangen, daß die deutschen Juden diese Bedeutung der kommenden Wochen erfassen und daß keiner seine persönliche und zahlenmäßige Belanglosigkeit in einem Wählerheer von 40 Millionen als Vorwand benutzt, einer Stellungnahme auszuweichen. Die doppelte Verantwortung, die uns unsere Verflechtung mit Deutschlands Schicksal und Volk und zugleich die Erhaltung unserer jüdischen Menschen und Werte äufertegt, verlangt doppelte Opferbereitschaft und verdoppelte starke Ablehnung jeglichen Abenteuers, auch irr bezug aus mögliche Theorien in unseren eigenen Reihen. Es ist möglich, daß am 5. März 1933 eine neue Epoche in der Geschichte des deutschen Judentums beginnt. Aber es ist moralisch unmöglich, daß auch nur von einem einzigen deutschen Juden späterhin gesagt werden kann: er sei nicht dabei gewesen. Kßkwe ü» Gsrsfslh . Im Laufe der vergangenen Woche sind in Cersfeld verschiedenen jüdischen Familien die Fensterscheiben ernge» w o r f e n worden; außerdem wurde ein jüdischer Kaufmann, der auf das Klirren der Scheiben die Verfolgung aufnah m, durch Messerstiche erheblich verletzt. Tie Täter flüchteten, ließen aber eins Mütze und Handschuhs zurück, so daß mit der Feststellung ihrer Personalien gerechnet weroen dürfte. Zu größeren Ausschreitungen kam es am Sonnabend, dem 4. Februar, abends. Ter Führer der NSTAP., Schreiner Heun, forderte auf dem Marktplatz seine Anhänger auf. die jüdischen Einwohner aus ihren Häusern zu holen. Die fanatisierte Menge zog hierauf vor das Haus des. angesehenen Kaufmanns Bachräch i. Fa» Liebstädter; drei Nationalsozialisten verschafften sich mit Gewalt Eingang in das Haus und verletzten den ahnungslos inr Kreise seiner Familie sitzenden Kaufmann Bachrach durch Schläge und Tritte so schwer, das; Herr Bachrach zusammcnbrach und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mutzte. Ter rohe Ueberfall ist um so unverständlicher, als Kaufmann Bachrach niemals politisch hervorgetreten ist und sich persönlich wie geschähtlich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Aus dem Inhalt: Professor D. Wind fuhr, Hamburg: Wie steht die evangelische Kirche xu den Juden? ....... Seite 42 Hans Hartmann: Richard Wagners Stellung zum Judentum £ t { fi Seite 45