Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 5 (2.2.1933)
- Date
- 1933-02-02
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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i 1 F&lsrarelss diarch Kassen und Hessen-Nassau Von den rund 409 Gemänbi-n, die der Landesverband Hessen und Hessen- Nassau des Eentralvereins von Frankfurt aus zu betreuen hat, zählen nur sechs; mehr cls 5ö 000 Einwohner. In etwa 300 Gef meinden ist die jüdische Eeelenzah! so germg,!' daß sie ün VerhälrniZ zu der übrigen Ein- ) \ wohucrschnft kaum eine Nolle spielt, zur Er- '-Halbing ihrer Kultuseinrichtungen aber unge- . wohnlich große £?:n bringen muß. Kultus- ' steuern in Höne ron 40 bis 60 Prozent der sraatl lichen Einkommensteuer sind die Regel, Zroerg- ' gemeinden bringen sogar bis zu 150 Prozent der Einkommensteuer für diese Zwecke auf. Die natürliche Folge solcher Belastungen ist, daß die jüdischen Landbewohner. selbst in wirtschaftlich besseren Zeiten, einen erbitterten Kamps um ihre nackte Existenz führen müsien und nur an Sonn- und Feiertagen Zeit und Neigung haben, sich mit geistigen Dingen zu beschäftigen. Der Landesverband hat cs sich daher angelegen sein lasten, die Zeit zwischen Weihnachten und Mitte Januar zur Entsendung von Freunden zu verwenden, die sich in den Dienst unserer Cache stellten und Zuspruch und Aufklärung unseren Freunden im Lande brachten. i kLdbluLr Dr. Neuhaus : (Mülheim & d. Ruhr): Meine diesmaligen Ferien führten mich in; meine hessische Heimachrovinz, in der ich über '„Ter Talmud und seine Ceg ne r",; über i e Stimmung und politi-; Fefjc Verfassuna an der Schwelle; des Jahres 19^3* sprach. Wo ich auch ' inaner war — sei es in Rotenburg, Sontra,? Guxhagen, Bebra, Spangcnberg, Melsun- ' gen, Hei?rcbüch l Baumbach), Lirnburg,! Vad Ems oder Worms — überall tonnte ich i feststellen, wie die ganze Gemeinde sich freute,; daß man zu ihr kcmu um auf.zuklären, zu unteri richten, anzuspornen. daß sie nicht erlahme und 1 dem Pessimismus anhcimfalle, der mit den Schlagworten arbeitet. .Man könne ja doch \ nichts" andern" um?. Tie Versammlungen, gut } vorbereitet (im Kegierungsbezirk Kastel verdient! unser Landesverbandsvorstandsmitglied, Herr M e i n h o l d Rothschild. Rotenburg,! hierfür besond-eren Taut), waren durchweg vorzüglich besuchteine rege Diskussion schloß sich ' überall au. Hier meldeten sich spontan unter > dem Eindruck des Vortrages neue Mitglieder cm, d o r t (wie in Vebra). bildete sich sofort eine Jngendgrupp?. die eifrig Mitarbeiten will, sofort den Ort und die Zeit ihrer Zusammenfünft fest legt nr.D den Referenten bestimmt. Aus den kleinen Gemeinde, wo nur einzelne Mitglieder wohnen, waren alle anwesend, um an der Versammlung des Bezirks teilzunehwen. Hier hat unser E. V. ein Kulturwerk ersten Ranges geleistet: hier hat er die Verbundenheit der Inden in den kleinen Enklaven (ich nenne nur Dicmerode, Nentershausen, Neumorschen, Holzappel usrv.) mit der Judenheit sertiggcdracht. Das wurde auch allseitig anerkannt, und man war des Lobes voll, daß der E. B. nicht nur vor den Wahlen komme, sondern auch in der ^vermeintlich" ruhigen Zeit sich um seine ..entlegensten" Mitglieder künnnert. Tie Sorgen und 3lcU unserer Glaubensgenossen kamen in der Aussprache zum Ausdruck, und maucheZ auckkareWe. beruhigende und tröstende Wort konnte geipro-cken werden. Denn die seelischen und materiellen Röte der Juden auf dem flachen Lande, wo die Bauern durch eine zügellose Hetze Qusgeputscht werden, sind ganz andere und differenziertere als in der Großstadt. Hier ist der Jude auf sich allein gestellt und ohne das stutzende und schützende Rückgrat der ..Gemeinde". Hier seelisch zu helfen, ist ein Verdienst des C.D., das er getrost für sich buchen kann. Zu den Dezirkstagungen in Limburg und Bad Ems waren nicht nur alle Gemeindemitglieder anwesend, sondern die Gemeinden im weiteren Umkreis, aus dem Westerwald, aus den Dörfern bis »um Rhein und zur Lahn hatten ihre Vertreter und Lehrer gesandt. Es war eine Freude für die Redner, zu sehen, mit welcher Aufmerksamkeit und inneren Gespanntheit man zuhörte, um über die Arbeit des E. V. unterrichtet zu werden. Tie Verbundenheit der E. V.- Mitglieder mit dem Landesverband zeigte sich so stark, daß man getrost aussprechen darf.- e s waren Tagungen einer großen Familie. Abschließend muß festgestellt werden, daß der C. V. aus dem richtigen Wege ist. wenn er Aufklärung auch in unsere eigenen Reihen trägt, denen diese — leider — oft allzusehr normt. Damit beseitigt er geistige Not, aber auch seelisch richtet er da auf, wo der einzelne cn pch selber und seinem Judentum verzagt, mürbe gemacht durch siete Anfeindungen und Nadelstiche kleinlichen Hasses, umtobt vom Konkurrenzkampf feindlicher Mächte. Ter Mann auf dem flachen Lande will sich bekennen zu Deutschtum und Judentum, Lehrer L. Kahn {Alsfeld); Ter nördliche Teil von Oberhessen und die angrenzenden preußischen Gebiete sind schon seit Jahren eine der stärksten Domänen des Nationalsozialismus. Bis zu 73 Prozent aller abgegebenen Stimmen haben bei den letzten Wahlen die Nationalsozialisten hier erreicht. Schon zu den Zeiten Böckels und Bindewalds, welche einstmals die ungekrönten Köniae dieser Gegend waren, war die nichtjüdische Bevölkerung der Verhetzung des Antisemitismus leicht zugänglich. Ter Nationalsozialismus fand also für seine mdenseindlichen Bestrebungen einen günstigen Boden vor, und er hat nichts versäumt, den Haß gegen die Juden neu zu schüren und so eine Lage zu schaffen, wie sie wohl in ganz Deutschland kaum schlimmer und gefährlicher sein kann. An manchen Orten, wie z.B. in Grebenau, wo früher Huden und Christen in schönster Harmonie lebten, ist cs heute so. daß kaum ~ ein Nichtjude mit einem Juden spricht. Mit den Mitteln des Bohkotrs sucht man dem jüdischen Geschäftsmann die wirtschastliche Existenz zu untergraben, so daß man manchmal an die Zu» stände des mittelalterlichen Ghettos erinnert wird. Ta der E. V., der schon seit seinem Bestehen in dieser Gegend treue Anhänger hat, stets für die Rechte der bedrängten Juden eingetrcten ist, in vielen Fällen auch Abhilfe leisten konnte, so ergibt sich von selbst, daß alle Versammlungen, in denen ich in diesen Tagen sprach — Grebenau. Niederohmen, Homberg nsw. —, gut besucht waren und daß meine Ausführungen, die einen Querschnitt durch das Arbeitsgebiet des C. D. Haben, einmütige Zustimmung fanden. Ter E. Ä. tft und gilt den Juden auf dem Lande als der berufene Vertreter im Kampfe für unsere Gleichberechtigung und Sachwalter jür ihre Röte. Predige? 3.Cohn (Werburg): Während unsere Freunde in den Landgemeinden es in früheren Jahren oft abgelehnt haben. Vorträge zu hören. Zeigte sich diesmal ein brennendes Verlangen. Aufklärung über die politische Lage zu erhalten und Berichte über die Tätigkeit des C. V. entgegenzunehw.en. Tie Versammlungen waren daher ausnahmslos gut besucht, in den meisten Gemeinden fehlte kaum ein Mitglied, und in einigen Orten waren sogar die Mitglieder von Nachbargemernden vollzählig erschienen. Tie Anstrengungen der Fahrten nach- Gilserberg, Gcröfcld, Flieden, Eikerfeld, Rotenburg (Fulda), Niederaula, Oberaula, Schlüchtern, Girdcnöbcrg, Ncutirchcn, Hünfetd, Fritzlar wurden ausgewogen durch das Gefühl der inneren Genugtuung, erneut die Verbundenheit des einzelnen mit unserer Idee und unserer Arbeit gezeigt und gefestigt zu haben. Lehrer A. Blck (Michelstadt i. O.): Tie Ungunst der örtlichen Verhältnisse brachte es mit sich, daß ich bisher nur in zwei Gemeinden meiner engeren Heimat — Höchst r. O. und König L. O. — sprechen könnte, während weitere Zehn Gemeinden für Versammlungen vorgemerkt sind. Schon in diesen beiden Veranstaltungen konnte ich aber feststellen. daß ein Thema wie „Was leistet der E. V.?" offene Ohren findet und selbst diejenigen Glaubensgenopen unseren Reihen Zuführt, die von der Wirtschaftslage schwer getroffen sind, aber den Willen zeigen, für den Kampf der deutschen Juden um Ehre und Gleichberechtigung Opfer zu bringen. « Die Schilderungen unserer Mitarbeiter sprechen für sich selbst. Mehr als 50 rrerre Mitglieder korrnlerr Durch die VorLrags- und Wcrbereisen gewonnen werden. Nicht aber darin liegt der Erfolg, vielmehr in der Tatsache, daß unsere Freunde gehört und gesehen haben, daß der E. V. ihre wirtschaftlichen und politischen Sorgen kennt, würdigt und nach seinen Kräften zu lindern bemüht ist.??ÄL»MZrts In einer von etwa 200 christlichen geladenen Gästen besuchten Versammlung in Bad Freienwalde sprach unser Freund Prediger Dr. Karl Rosen tha l über das Thema: ,llDie Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft. — Eine Auseinandersetzung mit der sogenannten Judensrage. — Dr. Rosenthal zeigte in sachlicher, dabei sympathisch-temperamentvoller Art der interessierten Zuhörerschaft, wie durch den Wahnsinn des Rassen- und Kulturantisemitismus letzten Endes der Bestand der deutschen Volksgemein, schaft gefährdet wird. Tie in der Aussprache auftretenden christlichen Redner unterstrichen besonders den Appel! zu nationaler Einigkeit, den Herr Dr. Rosenthal an die Versammelten gerichtet hatte und betonten auch ihrerseits die Hochachtung, die sie vor den geistigen und kulturellen Leistungen der jüdischen Mitbürger empfänden. Der spontane Beifall aus der Versammlung zeibte. daß der Eentralverein auch hier auf dem rrchtigen Wege ist. Besonderer Dank gebührt auch der Ortsgruppe des E. V. Bad Freienwalde und dem verdienten Leiter der Versammlung, Herrn Dr. med. Happ, der durch seine aufopfernde Arbeit das Zustandekommen der Veranstaltung ermöglicht hat, H. C. j