Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1933-01-26 · 4 (26.1.1933) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
4 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277993-2277997--07761-2288696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aufgaben des C V. in dieser Zeit Hm MffsK kerN Don Dr. .Hermann Serfc-n (Lerl-n) Versucht man einmal, von kagesbezogenen Formeln losgelöst, sich Las Weftuhafle der ) eutschjüdischen und der z i o n t ft i * chen Auffassung der Judensrage n ihrer Unterschiedenheit klarzmuachm, so ollie man doch erwarten, auf der dentschjüdichen Leite eine stärkere Betonung der geistigen, : uldungsmäßig zu erfassenden jüdischen Werte anzutreffen. Will doch diese Front den Kern jüdischer Existenz nach ihrer eigenen Aussage in bestimmten geistigen Gütern sehen, welche die Juden.heit zusammenhielten; eben deswegen spricht man ja von einer Religionsgemeinschaft (und die. so oft als Zentrum jüdischen Lebens berufne „jüdische Ethik" braucht ja schließlich eine Fundierung aus der geistigen jüdischen Tradition). Wo man also bei jedem Versuch, sein Jude- Sein für sich zu begreifen und cs anderen klarzulegen, auf die geistige Besonderheit des jüdischen Ltammes öUrücfgreifr; wo man in dieser Besonderheit den Grund zur Erhaltung der Gemeinschaft findet. da sollte doch diesem geistigen Erbgut sorgfältigste Pflege zuteil werden. Eine solche Haltung findet sich ja auch wirklich z. L. bei einem so herausragenden Äepräsentauten unserer deutschjüdischen seite wie Hermaim Gehen. Man denke nur an sein empörtes Wort gegen die Zionisten: „Tie Kerls wollen glücklich sein?" — Wenn man ferner im deutschiüdischen Lager das Bewußtsein hat: .^Tas Schicksal der deutschen Juden entscheidet sich nicht in Palästina, sondern in Deutschland", wenn man dann nicht nur eine Tatsache sieht, sondern etwas bewußt Bejahtes, so sollte auch unter diesem Gesichtspunkt der Witte zu geistigem Begreifen und Vertiefen seines Jude-Seins, jüdi'ch ausgedrückt: zum Lernen, stark werden. Tie Selbstverständlichkeit eines Alltags im jüdischen Milieu, ^vie sie Palästina oder vielleicht auch manche Magenren heute noch bieten, wird uns deutschen en ja versagt bleiben. Don hier aus muß mer wieder die Frage auftauchen: ..Ja. wozu sollen wir denn eure so wenig wirkliche- Beziehung wie die zu dem Judentum ausrechterhalten?" In unserer Lage wird ein entscheidendes Element der Antwort am diese — oft ja von sehr ernsten Menschen gestellte — Frage stets geistiger Art sein müssen. Tas heißt: erst aus der geistigen Klärung, aus dem Herausstellen der historischen, soziologischen, religiösen Zusammenhänge, in die wir als Juden eingeordnet sind, wird sich eine Sinngebung der Tatsache .Zude-Sein" erzielen lassen. Und sie ist für unsere Erhaltung notwendig. Jede in ihrem Bestand angegriffene Gemeinschaft versucht ja durch Festerknüpstn der verbindenden geistigen Bänder sich zu sichern — die Juden besonders hielten es stets so. . Ein ganz grundsätzliches und ein mehr praktisches Motiv -müßten also scheinbar die Menschen des deutschjüdischen Lagers aus die elementare Wichtigkeit jüdischer Bildung hindrängen. Wie sieht es aber in Wirklichkeit aus? Wir spreazen hier natürlich nicht vom Religionsunterricht; wir denken vor allem an die Arbeit an der schulentlassenen Jugend und unter Erwachsenen. Wer gerade in der erstgenannten Arbeit drin steht, weiß, das; ne zu ganz überwiegendem Teil heute von Zionisten bestimmt und getragen wird. Tas ist für uns erne bedauerliche Feststellung. Man braucht durchaus Jein Zionistenfresstr zu sein und muß trotzdem mntellen. daß dabei wichtige Interessen von Menschen der deutsche üdiscsim Nichtung zu kurz, zu kommen pflegen. Man sieht es am klareren an den allerorts gegründeten hebrüischm Eprechlchulen: von zionistischen Bünden beiucht. von zionistischen Lehrern geleitet, ist es selbstverständlich, daß das Hauptgewicht aus das Sprechen und die moderne Literatur gelegt wird, was ja die Verbindung mit Palästina ermöglicht. All das wird durch den starken Zug zu palästinozentrischer Einseitigkeit. der gerade heute die zionistische Jugend beherrscht, noch unterstützt. Es ist selcstverständlich, daß man aus dieser Tatsache kein Politikum machen darß das etwa durch Abbaumaßnahmen der betreffenden Ge. meinden zu erledigen ist. Vielmehr handelt es sich um eine pädagogische Aufgabe, die aus unserer Seite zu leisten ist. Tenn die Dirklichkeit der deutschjüdischen Richtung sieht ja leider in unserer Frage ganz, ganz anders aus. als wir cs oben aus ihren geistigen Voraussetzungen herleiteten. Es herrscht weithin die Einstellung, die ich einmal klassisch sornuultert hörte: ..Wozu lernst du hebräisch? Tu willst doch nicht Rabbiner werden?" Tas heißt man lebt so cintaas'liegenhast, daß man völlig um den historischen Zusammenhang des Judentums vergißt, daß die „dreitausendjährig? Geschichte" nur noch bisweilen in Predigten austritt aber keine das Leben und die Lebensauffassung mitbe.stnnmende Wirklichkeit mehr ist. Tenn dazu reicht das bekannte., inhaltlich unklare ..Gefühl sür jüdische Zusammengehörigkeit" nicht aus. lind die Fragwürdigkeit solcher jüdischen Existenz wird von den führenden Srgunisalionen durchaus nicht beleuchtet. Es hat sich in der Praxis langsam eine spezifische. „deutschsüdtsche Bildung" entwickelt. Sie ist im wesentlichen Zwecköildung: „Wisse, was du dem Antisemiten zu erwidern hast." Bon diesem Gesichtspunkt her wird dann die jüdische Veraangenheit und Gegenwart gesehen: aus der Bwel kennt man einige Sätze, welche die humane Dortrefflichkeii prophetischen Ethos beweisen sollen; aus dem Talmud und schulchan Aruch die einschlägigen Stellen zur Widerlegung der antisemitischen Behauptungen über Christenschädigung usw.; aus den aktuellen jüdischen Wirtschaftsfragen eine Statistik, welche die Ansicht von überragendem jüdischen Wirtschastseinsluß - widerlegt.^ Wo man sich spezieller mit den Problemen befaßt, kennt man allenfalls noch einige von den Büchern der Bibel (natürlich auf deutsch) und die Geschichte des 19. Jahrhunderts Eine Bildung, die so ihren Schwerpunkt nach außen, in apologetische Zwecke verlegt, hat selbstverständlich keine geistig ersasiende und bewegende Kraft, kann gegenüber vom Jüdischen abgchenden gesellschaftlichen Lösungen nicht stand lullten Sie hat mit dem wirklichen Leben des einzelnen nur peripherisch zu tun, gewährt vor allem keinen Beitrag zu den geistigen und gesellschaftlichen Grundfragen des Lebens. In all dem haben wir einen Zustand vor uns. welcher die Menschen an die Wirklichkeit der jüdischen Geschichte und Religion meist gar nicht erst heransührt; demgegenüber ist das Reden von der jüdischen Religionsgemeinschaft leer, eine Ideologie, welche gerade die ernsten und wahrhaftigen Menschen nicht anerkennen werden. Wir wimn wohl, daß es für den geschilderten Zustand aus der deutschiüdischen Seite viele gewichtige Entwickkungsgründ? gibt. Wir wißen auch, daß eine ernsthafte Aenderung dieser Lage auf gewaltige Schwierigkeiten stoßen muß: es bleibt im Wirtschaftskampf meist wenig Raum sür jüdisches Lernen. Und: es fehlt uns ein lmrsaZsend-gültiges jüdisches Bildungsideal (wie es der alle Talmudlerner harte), dessen verpflichtende Kraft Menschen verbindlich anspräche. Es erhebt sich ferner Die Frage nach dem geeigneten Lehrer. — Wir kennen diese Probleme und ihr Gewicht wohl. Aber es geht uns heute um etwas Vorläufiges, auf dessen Boden erst sinnvoller,veise alle diese Fragen verhandelt werden können: Tie deutschjüdische Oeffentlichkeit muß merken, daß der heutige bildungslose Zustand SB! KZ)!ZN OKKMfäli Vor einiger Zeit wurde von Nationalsozialisten ain offener Straße em jüdischer Gewerbetreibender angesallen und io schwer rnifthanvelt, Das; er noch rmmer krank liegt und arrftevstande ist, seinem Gewerbe nachzugchen. Da der Verletzte an und für sich in dürttig-n Verhältnissen lebt und außerdem Datei non drei Kindern ist, braucht er zurzeit doppelte Hilfe. Der Centralvereirr nimmt deshalb Spenden für ihn entgegen. Einzahlungen auf Post'checkwnto des Cenrvalvereins, Berlin 304 72, mit dem Vermerk „Ueberfall". Bisher eingegangene Spenden: Gin Landesverband 50 RM.. Ungenannt 30 ÄM., Ungenannt 10 RM. Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V., Berlin W 15, Gmser Strafte 42. unter jüdischen Maßstäben abnorm -st; daß es sich in dieser Frag? nicht nur um ein? Sache der Rabbiner handelt, sondern um ein? Kot> wendigkcit der jüdischen Gesellschaft im Kamps um ihre Erhaltung, daß ohne geistige Klärung des Jude-Seins im Lernen der einzelne mchst zu einer standhalrenden. eindeutigen^ S:nngebung der oft bedrückend schweren Tanach-e „Judo-Sein" gelangt; daß .^Lernen" nicht glnchbedeutend ist mit theoretischer Unwrbannng der Abwehrarbeit oder mit einer hiftorrfch-boiiwnrlosen Befassung mit allgemeinen Abstrakrwnen jüdischer Herkunft; daß die ernste Bemühung mn das überlieferte geistige Gut in feiner Sprache und Geschichte nur eine Konsequenz der eigenen Ueberzeugung vom Judentum als primär geistiger Größe ist. Der C. D. könnte bei der hier erbeuteten Wandlung eine wichtige Funktion haben. Zunächst praktisch: durch geldliche und organn-atorische Unterstützung solcher Bildungsbeur?- bungen. Aber ißr wichtiger halten wir auch seine pädagogische Aufgabe: daß er langwm seine Mitglieder von der heute meist voll-andenen Einstellung abbringt: ,Lller hebränch lernt, ist des Zionismus verdächtig." Sd-r: „Die deutsche Bildung genügt uns. wir brauchen keine jüdische als die Abwehrbildung." Tay;o viele Juden heute in prax: nicht dem Jud-ennum angehören, sondern dem C- D., daß ne nicht judentumstreu, sondern veremstreu sind d-aß derart der Horizont sich oft verengt — davon hat der C. B. durchaus keinen Gewinn Tenn diese Verengung schwächt die jüdische Widerstandskraft. indem sie den tragenden Halt ge. währenden Inhalt verkleinert. Und das wm der C. B. gewiß nicht! §UK 70. SsburLstag Molph Solöschrmöts Die gesamte Welt der deutschen Kunstwissenschaft und ihrer Freunde har am 15. Januar in einmütiger Verehrung Adolph Gold schm idt. der bas vor wenigen Jahren als ordentlicher Professor der Kunstgeschichte an der Berliner Universität wirkte, ihre Huldigung dargebracht. Er darf in diesen Blättern nicht nur als ein ^Monster gewissenhastester Forschung, als der Schöpfer außerordentlicher Publikationen von bleibendem Wert, als ein akademischer Lehrer von Weltruf gefeiert werden, sondern zugleich als ein deutscher Gelehrter jüdischen Glaubens, der in den langen Jahrzehnten sich mit ganzer Seele der Erforschung deutschen Wesens bingegeben hat. Fast sein ganzes Leben hat Gc-llh*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.