Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1933-01-26 · 4 (26.1.1933) · p. Seite 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
4 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277993-2277997--07758-2288693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

verbrauchten Reklameiricks wieder und wieder anzuwenden für ratsam hält. Und gegenwärtig ist zum hundertsten Male die Judenparole fällig. In diesen Blättern ist wiederholt über das Auf und Ab der nationalsozialistischen Bewegung berichtet und das System enthüllt worden, in absteigenden Kurven der Parteientwicklung das billige Ablenkungsmittel der Judenhetze anzuwenden. Wir fürchten fast, unsere Leser zu langweilen, wenn wir heute zum xten Male neue antisemitifche Feldzugspläne der Hitler-Partei bekanntgeben müssen. Seit einigen Wochen ist der Ton der Hitler-Presse noch um einige Grade rüder geworden als sonst. Bon „galizischen Läusen im deutschen Pelz" berichtet die Parteikorrespondenz, der C. V. wird mehrfach wöchentlich angegriffen, Herrn Mutschmann ist der Kampf gegen das Judentum „bisher viel 51t anständig" gewesen, die ^galizischen Knoblauchjudon" marschieren auf und preußische Beamte werden „Judenlümmel" genannt. Herr Dr. Goebbels schreit mutig, weil seine erste Pogromaufforderung im August bisher ungesühnt geblieben ist, die alte Parole ins Land: „Die Juden sind unser Unglück, sie müssen erkannt und gebrandmarkt werden, wenn die Nation zu neuem Leben erwachen und Deutschland endlich gesunden soll." In den Kulturdebatten des Preußischen Landtags besagen sich die Sprecher der En unsere Kltglleösr \m EeisIiS Wir bitten unsere Mitglieder im Reich, uns die Adressen ihrer Söhne und Töchter mitzuteilen^ die ach zum Studium oder beruflich in Berlin aufhalten. Wir beabsichtigen, Heimabende für die Auswärtigen vorzubereiten. Zuschriften erbeten an Landesverband Gross- Berlin des C. V., Berlin V/15, Einser Str.42. Hitler-Fraktion weniger mit deutscher Kultur als mit dem „jüdischen Eastvolr", so daß die mutige sozialdemokratisthe Abgeordnete Frau Dr. Wegscheider fragen mußte: „Soll eigentlich die Hetze gegen jeden jüdischen Menschen so weitergehen?" (Zuruf bei den Nationalsozialisten: „Das wird in Zukunft noch schlimmer!") Frau Tr. Wegscheider hat auf diesen Zuruf festgestellt, daß „die Judenhetze kein Kampf für christliches Wesen" ist. Wir müssen dieser Feststellung noch eine andere hinzufügen: Der Zwischenruf „Das wird in Zukunft noch schlimmer!" ist mehr als eine spontane Bekräftigung. Er entlarvt bestimmte agitatorische Pläne der NSDAP, mit denen sie ihre schwierige Situation verschleiern zu können glaubt. Das ist nicht unsere Vermutung, sondern Gewißheit. In der Amtswaltertagung des Berliner Kreises HI erklärte am 8. Januar d. I. der Kreispropagandaleiter Witzel: „Unser Hauptkampf gilt den Juden. Unser Gauleiter (Dr. Goebbels) hat schon mehrfach daraus hingewiesen, daß wir loieder verstärkt den Kamps gegen die Juden aufnehmen müssen. Tie jüdische Weltpest, die hinter allem steht, muß ausgeschaltet werden. Nehmen Sie jede Gelegenheit wahr, darauf Hinzuwersen, daß alles Elend und alle Not von den Juden gekommen ist." Und in der gleichen Tagung gab der Eauredner Protze als Vertreter der Berliner Eauleitung das folgende Programm bekannt: „Wir wollen den Kampf gegen die Juden in alter Frische wieder ausnehmen. Lasten wir alle kleinlichen Diskussionen. Ter Kampf gegen die Juden, dereineZeitlangindentzintergrund getreten war, ist wieder in er st eLinie gerückt." Man wird jetzt wisieru wie echt die antisemitischen Ausbrüche sind, in die sich die Redner der Parteien hineinzusteigern pflegen. Aus kalter Berechnung und frecher Rücksichtslosigkeit steigen die empörten antisemitischen Protestschreie auf, mit denen man naive Versammlungshörer erhitzt. Das also ist der Kern jener skandalösen Kampagne des „Angriü", der seinen Kamps gegen die Kommunistische Partei durch maßlose Judenhotze unterstützt. „Moskaujuden", „gut jüdische Manier", perfide und niederträchtige Weise", „Sympathie der Juden mit dem Unternehmertum", „Niederlage der jüdischen Hetzer", „jüdische Bonzen", „Hetzjuden" — dies etu£ Auslese aus zwei „Angriff"-Artikeln, die die Cleichsetzung von Juden und Kommunisten zwar'ohne Grundlage, aber mit um so stärkeren Ausdrücken versuchen. Ta bisher „Material" für den neuen Kampf, den man „in alter Frische" führen will, fehlt, muß es „gemacht" werden. Als erste geistige Leistung wird eine Broschüre „Judas Macht — Deutschlands Tod" (Titelbild hier S. 28) aus alten antisemitischen Ladenhütern neu zusammengestellt. Sie erhält chre Aktualität durch den Nachweis, daß der C. V. die Kanzlerschaft Adolf Hitlers am 13. August und am 24. November 1932 verhindert hat. Wäre die Tendenz dieses Machwerks nicht so bösartig, man könnte über die Beweisführung lächeln oder den Herrschaften für die durchtriebene lieber schätz ung unserer Wirksamkeit danken. Weitere antisemitische „Materialien" befinden sich gegenwärtig, wie wir wissen, in Vorbereitung. In Hesten hat man die theoretische judengegnerische Einstellung zu einem praktisch-politischen Antrag „Bekämpfung des jüdischen Einslustes" verdichtet. Er fordert sehr gewichtige Maßnahmen, wie das Verbot der Aenderung jüdischer Vor- und Familiennamen und den Zusatz des Synagogennamens zu nichtjüdischen Vornamen. Jetzt wißen wir wenigstens, welche Sorgen' die Hüter des erwachenden deutschen Volkes schlaflos machen. Aus dieser neuen Mion ergeben sich drei Folgerungen: Tre Behörden mögen, nachdem die Systematik des nationalsozialistisch-antisemitischen Treibens enthüllt ist, ihre Vorkehrungen treffen. Tie Verantwortung ist klargestellt. Tie Politiker mögen ihre Schlüsse aus dieser Tätigkeit der Partei ziehen, die ihren „Kampf für Arbeit und Brot" mit den lächerlichsten Jndenparoten bestreitet. Tie innere Schwäche und Ratlosigkeit werden mit der in diese Notzeit hineingerufenen Judenparole so sichtbar, daß die Politischen Parteien gut daran täten, die Blößen auszudecken. Wir selbst aber werden uns dem deutschen Volk mit den bewährten Mitteln unserer geistigen Auseinandersetzung zu stellen haben. Wir glauben trotz aller trüben Erfahrungen, daß ein derartiger „Antisemitismus aus Kommando" die einsichtigen Volksgenossen aus der Front des Herrn Tr. Goebbels eber ansschwenken als in sie einschwcnken lassen wird. Au öen nsueßsn Vorgängen im GroF-Serliner MrMbunö Ja der Groß-Berliner Aerzieschaft bestehen seit längerer Zeit starke Spannungen, die sowohl durch ftandespolitische Gegensätze wie durch die zunehmende Politisierung der Aerzte enrstanden sind. Die narioualjozialisüschen Aerzw heben es in Berlin bisher vorgezogen, unter einem neutralen Namen aufzutreren, indem sie ire antisemitischen Ziele _ verschwiegen. Ihr Bestreben ging sichtlich in Rücksicht auf die kommenden Wehlen zum Ausschuß des Groß-Berliner Aerzwbundes dahin, diese neutrale Maske einstweilen beizubehalten. Tie Agitation, die der nationalsozialistische Aerztebund im Reich entfaltet bat, hat jedoch dazu genährt. daß auch die Berliner Aerztefchaft der verschiedenen Lager sich allmählich klar darüber wird, welche Gefahren ihr von dieser „getarnten' Gruppe drohen. Bei alledem war die Lage, in der sich die Führung des Aerztcbundes befand, welche der Mitgliedschaft einen wichtigen Organifationseutwurf in zwei großen Mitaliederversamrrrlungen verlegte, sehr schwierig^ Ter Verlauf der Versammlungen jedoch, cn denen über 1000 Aerzte teilnahmcn, übertraf die schliunusien Erwartungen . Wir haben hier zu den siaudcspoliüschen Gegensätzen keine Brellung zu nehmen, Mägen jedoch über die Vorgänge berichten, die zu einer klaren Enthüllung der wahren Ziele der nationalsozialistischen Aerztebewegung führten. Gegen die Leitung des Bundes hatte siätzeine von den Nationalsozialisten genährte Sppo-uion zusammengefunden, die durch Verschleppungsanträge und lange Diskussionsreden die sachliche Arbeit zu stören versuchte. Bedauerlicherweise haben sich auch jüdische Führer einer oppositionellen Gruppe dieser Kampfstellung angeschlosien, die, wie sich klar gezeigt hat, nur eine Hilfe im politischen Machtkampf der Nationalsozialisten bedeutet. Im Laufe der Tiskusiion war schon Sanitätsrat Tr. Peyser einem nationalsozialistischen^ Sprecher wirkungsvoll entgegengetreten. Tie Trreg»ng, in der sich die Versammlung, als die staudespolitnchen und politi'chen Gegensätze sich zuspitzten, bckand. steigerte sich in der zweiten Versammlung durch das Verhalten der Nationalsozialisten, lie sich heftig danüber beklagten, sie hätten keine Gelegenheit .zu wirklicher Mitarbeit in der Standespolüil. Ihnen trat Tr. med. Friedrich Brodnitz in einer Diskup ionsrede entgegen, in der er feststellte. daß der größte Teil der Berliner Aerztefchaft in Uebereinstimmung mit den jüdischen Aerzten die Zusammenarbeit mit einer Gruppe ablehnte, die zwar aus taktischen Gründen unpolitische Reden hielte, deren Kampfziele aber, die auf die Entrechtung der iüdischen Aerztefchaft hinaus liefen, schon längst durch die Deröstcmlichungen über die nationalsozialistischen Aerztetage bekannt waren. Er stellte weiter fest, daß die nationalsozialistische Aerztefraktion von ihrer Möglichkeit zu wahrer Mitarbeit in den Standesorgannatiouen keinen Gebrauch gemacht hätte, und daß insbesondere der Führer der Fraktion. Herr Tr. Leonardo E 0 n t1, in keiner der vorbereitenden Gillungen anwesend gewesen wäre.' hier in der Vollversammlung jedoch als „sachlicher" Kritiker auftrete. Um die Wirkung dieser Ausführungen, die den Nationalsozialisten sichtlich unangenehm waren, aözuschwächen, brachte Tr. Eonti eine Entschließung. ein, in der mißbilligt wurde, Tagespolitik in Staudesfragen hineinzutragen. Dieser Antrag stand in einem so grotesken Gegewatz zu der sonstigen Tätigkeit Tr. Contis und seiner Fraktion, der gerake die zunehmende Politisierung der Berliner Aerzteschaft in erster Linie zu danken ist, daß Herr Tr. Loevy- Hattendorf beantragte, diese Entschließung mit dem Namen des Antragstellers der Berliner Presto zu übergeben. Tie Aiweinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppen der Versammlungsteilnehmer warm während dieser Tebatten so wild geworden, daß der Vorsitze-de sich genötigt sah, die Versammlung zu schließen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.