Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 4 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- Seite 25 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Waröurg (HsMtzurg) Auf der Ceneraherscmmlung des H ilf sv er eins der deutschen Juden cm 23. J(muct m Berlin wurde eme Gedenkrede von Max AI. W arbürg* dem hochgeachteten Hamburger Bankier* auf James Simon verlesen* der wir folgende* tveh über den Tag in ihrer Bedeutung hinaus gehende Stelle entnehmen. Werburg hat darin fchzr und würdig die Empfindungen des deutschen Juden in der Gegenwart ausgesprochen: Wir stehen in einer Zeit schwerer sittlicher Erschütterung unseres Volkes. Die furchtbaren wirtschaftlichen Folgen des Krieges drohen den gefunden Sinn für das Wahre und Gerechte zu zerstören. In törichter Verblendung befangen, und verführt durch eine gewissenlose Demagogie, sehen viele unserer vom Unglück verfolgten deutschen Volksgenoffen ganz allgemein in dom Juden den für die Not Verantwortlichen. Verallgemeinerungen aber sind immer ein Unrecht. Wir münen es ablehnen, daß für die Fehler einzelner Individuen in Presse, Politik oder Geschäftsgebaren die Juden allgemein geörandmarkt werden. Noch einmal wie im Mittelalter stehen die alten Lügen und Verleumdungen gegen alle Juden auf. Welch ein trauriger Anblick! Mühsam erkämpfte zivilisatorische Errungen'chasten gefährdet, der natürliche Gerechtigkeitssinn weiter Kreise des Volkes zerstört und ihr Killturempsinden in die finsterste Vergangenheit zurückgeworsen. In der Lage, in der wir uns heute befinden, kann nur innere Ruhe und Srandhamgkeir den Bedrängten und Bedrohten helfen. Mit der Ueberwindung des wirtschaftlichen Notstandes wird die Irrlehre wieder verschwinden. Den Irrenden und Unwissenden müssen wir verzeihen. Nicht aber jenen. Die um Die Wahrheit wissen. Den Mut jeDoch nicht finden, offen gegen Die Schande Des Antisemitismus aufzutreten, nicht jenen, Die sich mit schwachen, vorsichtig formulierten AustanDserNärungen einem offenen Bekenntnis ihrer Einsicht in Die Zusammenhänge entziehen. Sie trifft unsere Verachtung, und wir empfinden als Deutsche Scham über solchen Mangel an ritterlichem Mut. Es genügt nicht, einzelnen Juden ganz leise zuzuflüstern, daß man kein Antisemit sei, oder daß man in seinem Antisemitismus mit einigen Juden eine Ausnahme mache. In dem beklagenswerten Zustand der Verhetzung und Verwirrung wird das deutsche Volk niemals die wahren Keime seines Unglücks finden. Wo bleibt Die Stimme Der Frontkämpfer, Die Die Eigenschaften ihrer jüvrschen Kameraden bei Der Verteidigung Des Vaterlandes erprobt sahen? Täe deutschen Juden haben im Krieg zwölftausend ihrer Glaubensgenoffen dem Vaterland geopfert mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der die Deutschen ihr Leben opferten, getreu dem Worte Friedrichs des Großen: „Wenn ich mein Blut hergeben müßre. um mein Land glücklich zu machen, ich vergöffe es bis auf den letzten Tropfen/ In einer Erinnerungsstunde an I a m e s Simon, dessen wir hier gedenken, drängen sich solche Gedanken und Empfindungen unweigerlich auf. James Simon sah den Hauptzweck seines Lebens in der Milderung des Leids seiner Mitmenschen und im Kampf gegen die Finsternis, der dieses Leid entsprang. Die bitterste Enttäuschung blieb auch diesem Streiter nicht erspart, stand doch sein Lebensabend unter dem Zeichen eines wild aufflackernden Kassen- und Religion?- fanatismus in seinem eigenen Vaterlande, zu dessen kultureller Entwicklung er in selbstloser staatsbürgerlicher 'Treue so vieles beigetragen hatte. Auch wir werden unserem Vaterlande treu ergeben sein, unbeirrt vor§ Den Angriffen, Denen wir heute ausgesetzt sind. Wir werden weiter wirken im Sinne unseres Führers, Gerechtigkeit üben gegen unsere Widersacher und Mildtätigkeit gegenüber den Bedrängten, eingedenk unserer jüdischen Lehre: ,ch-iebe deinen Nächsten wie dich selbst/ Mini ss/j./ W *s> vv v , Zur neuesten Altung Ar AlZr-MMi AUS D E M l N H ALT: Ueberall Aussprachen mit christlichen Mitbürgern .Seite 27 Constantin Brunner: NureinBeispie! Seite28 Dr. Hermann Gerson: Ohne Wissen kein Judentum .Seite 29 Rei. In Lippe haben die Nationalsozialisten hinter jeden Wähler einen Agitator gestellt. Am Berliner Bülowplah stand hinter jedem Nationalsozialisten ein Polizist, ^o feiert die NSDAP ihre „Triumphe". Weil diese Kampferfolge so marklschrcierisch hinausposaunt werden, wird man mißtrauisch. Hitler übertönt die Stimmen', die die dreifache Krise der Partei laut werden lassen könnten: Führer-, Finanz- und Vertrauenskrise, lieber den Strasser-Konslikt und die Parteischulden ist genug gesprochen worden. In gleichem Maße wie diese Probleme trotz allen Fortleugnens bestehen und die Partei Neuwahlen fürchten lassen, wird das schwindende Vertrauen weiter Volkskreise erkennbar. Gewiß ist in der sehr raschen Entwicklung der letzten Monate ein Stimmungswandel in Teilen des agrarischen Deutschlands wieder sichtbar geworden. Landbunde Der Einfluß bc Annäherung bäuerlicher hat eine neue _ Kreise an die N<sTAP bewirkt. Trotzdem kann von dem suggestiv behaupteten Wiederaufstieg der Partei nicht die Rede sein. Gerade weil die Führerschaft ihre Ohnmacht kennt und die lächerliche und verbitternde Wirkung jahrelanger Opposition richtig cm* schützt, fürchtet sie ein neues Volksurieil. Sre sucht deshalb nach propagandistisch wirksamen neuen Möglichkeiten. Ein Kaufmann, der in jeder Saison mit den gleichen Neklameformeln vor seine Kundschaft tritt, würde sehr rasch bankrott sein. Die NSDAP aber schätzt die Gutgläubigkeit ihrer Anhänger so hoch ein, daß sie die alten, nach allgemeiner Erfahrung längst