Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ri Aufgaben des C V. in dieser Zeit DJ^VWV^“isj 'Ü^v^v1J^’Jv4r ^v*v*J 1/i^W^jfW/ jfW«y'4?S^%'//4rvi Sen NcÄLZanWQtt Dr. Mard Muwzrr EraEuri o. M.) Dorsihendern -es Lanöes-Iugen-ausschuffes -es Ceniralverems für Hessen-Nassau und Hessen . Der junge Mensch braucht feste Orientierungen. Er sucht in der Erscheinunaswelt nach geistigen Werten, die seinem Leben Inhalt zu geben vermögen, die ihm die Kraft zu bewußter Lebensgestaltung verleihen. Die Bereitschaft, sich für Ideen ganz einzusetzen, sich für Gedanken, die man für wertvoll hält, zu opfern, setzt das Gefühl eigener Kraft voraus, ein Gefühl, das dem jungen Menschen ganz angehoren soll. Wenn mit diesem Gefühl der eigenen Kraft der Wille zur Einordnung und zur Unterordnung unter Kollettivinstitutionen der verschiedensten Art in auffällig starkem Maße verbunden ist, so findet dies seinen Grund darin, daß in dein Willen zur Eingliederung nicht der Verzicht auf eigenes Gestalkenwollcn liegt, sondern vielmehr nur ein Verzicht auf eigene Teilleistung zugunsten einer Gesamtleistung, die vereinten Krasteinsatz erfordert. Ter Wille zur Gemeinschaft und zur Gesamtleistung ist ein Wescuszug der Fugend. Diesen Willen für wirkliche Werte einzusetzen, ist eine Aufgabe, an die nur mit größter Verantwortung herangetreten werden darf. Tie Frage, ob die jüdische Jugend zum deutsch-jüdischen Gedanken erzogen werden, d. h. recht eigentlich, ob sie sich für ihn einsetzen soll, kann nur dann bejaht werden, wenn der deurschjüdische Gedanke ein umfassender Gedanke ist, ein Gedanke, der wesentliche Lebensbeziehungen begreift und der dem jungen Menschen eine bestimmte Haltung im Lebenskampf ermöglicht. Dies soll nicht besagen, daß der deutsch-jüdische Gedanke nur dann als wertvoll angesehen werden kann, wenn er - für alle Lebensfragen und jede Lebenslage konkrete Verhaltungsnormen gibt oder geben kann. Es bedeutet jedoch, daß an ihn die Forderung gestellt wird, für die Lebensbezichungen der Menschen eine Grundhaltung zu ermöglichen. die die Richtung und Art jeder Einzelhaudlung entscheidend zu bestimmen vermag. Ist der deutschjüdische Gedanke ein solcher Gedanke, so v e r. dient er nicht nur den Einsatz der jüdischen Jugend, er ist vielmehr ihn zu fordern derechtigt. Bejahen wir den Gedanken einer deutschjüdischen Gemeinschaft, in die unsere Lebensbeziehungen unlösbar eingebettet sind, erkennen wir die Realität dieser Gemeinschaft an — und sei es auch nur empirisch —, so ist der deutsch-jüdische Gedanke der Gedanke der deutschjüdischen Gemeinschaft, d. h. der Gedanke einer lebendigen Verbundenheit der Juden in Deutschland. Betrachten wir diese Gemeinschaft als eine Tatsache, die wir im Alltag täglich begreifen und zu begreifen genötigt sind, so wird die Frage nach der Entstehung, nach dem Grunde dieser Wirklichkeit sekundär. Tie Frage, ob die deutschen Juden durch ihren Glauben, durch gleiches Schicksal, durch blutsmäßige Gemeinsamkeiten. durch gleiche Kultur, Sprache oder andere Bindungen zur Gemeinschaft geworden sind, hat nur mehr noch die Bedeutung, das Bestehen der Gemeinschaft zu erklären, nicht aber sie zu konstituieren. Tie | Gemeinschaft — gleichviel welche Komponenten! bei ihrer Entstehung mitgewirkt oder sie haupt-; sächlich gestaltet haben — steht als Wirklichkeit vor uns. Sich zu ihr zu bekennen, sie als Realität nicht nur hir^uuehruen, sondern sie auch freudig zu bejahen, sie mit Inhalt zu erfüllen, heißt, sich zum deutsch-jüdischen Gedanken zu bekennen, für ihn zu wirken. Erkennen wir, daß es in Deutschland — tief verwurzelt mit dem deutschen Volke, der deutschen Geschichte, dem deutschen Geistesleben und der ganzen deutschen Kultur — eine deutschjüdische Gemeinschaft gibt, wollen wir dieser Gemeinschaft dienen, uns ihr ganz zur Verfügung stellen, so hat der deutsch-jüdische Gedanke einen Inhalt, der unseren ganzen Einsatz verdient. Dieser Gedanke ist Positiv. Tie Erziehung zu ihm setzt mehr voraus als Schulung für den Abwehrkampf. Tiefer behält zwar nach wie vor seine volle Bedeutung, doch nur als Teilausgabe. Ihm muß eine intensive und umfassende Arbeit mit deutschem und jüdischem Kulturgut, mit den großen Kulturwerten unserer Vergangenheit und Gegenwart hinzutreten, getragen von dem Willen zu einer deutschjüdischen Gemeinschaft, in der die Gesamtheit der Lebensbeziehungen jedes einzelnen wurzelt und in der, von dem Geiste der jüdischen Ethik beseelt, die Fragen unseres täglichen Lebenskampfes ausgetragen werden. Rur in diesem Sinne kann die Jugend zum deutsch-jüdischen Gedanken erzogen werden, nur mit diesem Inhalt kann die Jugendarbeit des C. V. weiter fruchtbar seim Tann aber ist auch die Notwendigkeit dieser Arbeit uneingeschränkt zu bejahen. FreiEiger Arösiisöienst im Landwsrk Reuenderf Nicht weit von Berlin, eine Wegstunde von Fürftemvalde ß, d. Spree, liegt das Landrvcrk N e u e n b o r f. ein etwa 1500 Morgen großes Cut, das die Jüdisck)e Acbeirshilfe e. V., Berlin. mit Unterstützung des Preußischen Wohlsahrtsministeriums und jüdischer Körperschaften im vorigen Jahre zur Errichtung jüdischer Wanderarbeitsstätten und Arberterkolonien gepachtet hat. Hier wurde neuerdings ein Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes iFAD.) eingerichtet. Nahezu M arbeitslose junge jüdische Menschen aus allen Gegenden Deutschlands wurden hier untergebracht. Sie bleiben 20 Wochen — eine Verlängerung dieser Frist gestatten die gesetzlichen Vorschriften über den FAD. nur in besonderen Fällen — und werden in der überwiegenden Mehrzahl mit zusätzlichen gärtnerischen und landwirtschaftlichen Arbeiten, aber auch, je nach Vorbildung, in handwerklichen oder hauswirtschaftlichen Ncbenbetrieberi beschäftigt. Tie gegenwärtige Belegschaft setzt sich zu etwa je einem Drittel aus kauftnännischen Angestellten, Handwerkern und ungelernte» Arbeitern zusammen. Tie Arbeitssreiwilligen, Jungen im Alter von 18 bis 2.5 Jahren, wohnen zum Teil in dem geräumigen Herrenhaus, zum Teil in Nebengebäuden. Für die geistige Schulung und Weiterbildung wird in den Abendstunden gesorgt, die Besck'äftigung mit jüdisä^on Fragen ist selbstverständliches Gebot. Eine Besichtigung des Landwerls Neuendorf gab kürstich Vertretern des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, der Jüdischen Gemeinde Berlin, des Eentralvereins und sonstiger jüdischer Organisationen Gelegenheit, sich ui Neuendorf an Ort und Stelle über Organi- Jclion, Ausgaben und Leistungen des jüdisck)en FAD zu unterrichten und sich mit den Arbertssreiwilligen und den Leitern, fach- und fach-kundigen Persönlichkeiten, aus^isprechen. Bei der offiziellen Begrüßung der Gäste sprachen Alfred Berger im Namen der ^üdnch)en Arbeitshilse. Tipll-Jng. Bruno Wovda für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und Wilhelm Graetz mr die Jüdische Gemeinde Berlin. In allen Reden kamen Wunsch und Wille, dieses mustergültige Werk moderner jüdisch-sozialer Arbeit zu unterstützen und auszubauen, und der Dank an alle, die zum Gelingen des bisher Erreichten beigetragen haben, zum Ausdruck. Pastor Braune, der Leiter der bekannten Bodelschwmghschen Anstalten, beglückwünscht? die Träger des FälD. im Landwerk Neue:'Dorf zu dem Fortschritt. der hier schon nach so kurzer Zeit zu verzeichnen ist. Ein Vertreter der Neucndorfer Arbeitswilligen stellte mit Recht die schon vorher aufgeworfene Frage nach dem Schicksal der Arbeitswilligen nach Ablauf der' gesetzlich zugebilligLen Frist von zwanzig Arbeitswochen und gab die Gründung eines Vereins ehemaliger Neuendorser bekannt, denen Hauptaufgabe Beschaffung von Arbeirsmöglichkoiten sein soll. Ter jüdische Freiwillige Arbeitsdienst in Ncuendorh ist eine soziale Tat allerersten Ranges. Neuschaffung und Ausbau ähnlicher Arbeitslager im Interesse der jüdischen Jugend sollte zu' den. vornehmsten Pflichten und Änfgaben derdeutsche» Judenheit und der dazu berufenen Stellen sein. Stadtlust macht nicht mehr frei! E. G. L. Zum 19. Zanuar 1933 £ea SaS&lner Sr. 3IL LsHerSaHer (Suffeldorf) Am 19. Januar wird Werner S o ui - bart 70 Jahre alt. Wir deutschen Juden haben besonderen Anlaß, dieses Tages zu gedenken. ^Somöarts Vater war bedeutend als Landmeper, als großer Landwirt und Führer der deutschen Zuckerindustrie, als Parlamentarier und Förderer der inneren Kolonisation. Ter Sohn erbte von ihm den Blick für das Leben in seiner ganzen Breite. Darum fesselte ihn auch das Judentum. S-ein bevorzugtes Sondergebiet rvar die Erkenntnis jener Wirtschastsa-sinnung. durch die sich die neue Zeit seit einigen Jahrhunderten von früheren Epochen unterscheidet. In großen Werken, so in seinem „Modernen Kapitalisirru§\ hat er nach den Quollen ge forsch, denen das besondere, ckmrakteri st i siche Ethos der kapitalistischen Wirtschaftsordnung entspringt. Namentlich hat er sieh in seinem großen Werke „Sie Juden und das Wirtschaftsleben", 1911, mit diesem Problem auseinandergesetzt. Ter wichtigste Abschnitt in diesem außerordentlich umfassenden, inhaltreichen Buche ift für uns das Kapitel über die jüdische Religion. In dieser Religion sucht er die geistige Kraft, die zunächst in den Juden und dann durch deren Vermittlung in der modernen Welt überhaupt jene neue Gesinnung erzeugt und zum Siege geführt habe. Sie, die Religion, babe den" Juden von der Welt der Ewigkeit abgelenkt aus das wirtschastlich? Leben. Sie habe die natürlichen inneren Hemmungen gegen schraukeulosen Gewinn hinweggeräumt. Selbst reiner Rationalismus, ihrem Wesen nach Konto, korrent der Beziehungen Zwischen Gott und Mensch, habe sie den Juden zu jener Neckienhastia'cit erzogen, die zunächst ihn, dann aber übcrh-aup! den Menschen der kapitalistischen Epoche kennzeichne. Trotz seines ungeheueren wissenschaftlichen Materials ist das große Werk doch nach Art und Anlage viel mehr Ausdruck persönlicher Meinung und subjektiver Willkür, alZ veranr-