Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1$ Lungen von Professoren gefordert wurden, die wirklich Anlaß zu empörten Protesten gegeben hatten. Die Erklärung des Profeffors Cohn ist von dem Wunsch getragen, den Friedensstörern jeden Anlaß Zu weiterer Agitation zu nehmen, die sie aus Mangel cm positiver LeistungMr Befriedigung ihrer politischen Anhängerschaft brauchen. Wenn der „Völkische Beobachter" kürzlich die Entfernung des Rektors gefordert hat, so müßten die verantwortlichen Persönlichkeiten der Breslauer Universität schon aus dieser Anmaßung den Schluß ziehen, den sowohl die politische wie die rechtliche Situation gebietet: jede Nachgiebigkeit gegen Terroristen innerhalb und außerhalb der Universität schwächt das Ansehen des Staates und ist eine ständige Quelle weiterer Unruhe zur Freude der gewerbsmäßigen Friedensstörer. (me neue Fälschung JL V.-Verbreter erklärt: Schleichers Programm ist dos Programm der jüdischen Gern eiude." ' Diese aufsehenerregende Ueberschrist war in diesen Tagen über mehreren Artikeln nanonalsozialistischer Tageszeitungen zu leien, so im „Völkischen Beobachter", im „Angriff", in der ^Deutschen Ostfront", der nationalsozialistischen oberschlesischen Tageszeitung. Es hieß da. indem man auf einen Artikel der Londoner jüdischen Wochenzeitung „Jewish Chronicle“ über Äußerungen des Präsidenten der britischen Insel Malta, Lord Strickland, Bezug nahm, folgendermaßen: „Das gleiche Blatt' bringt die bezeichnende Erklärung des Beamten des Vereins ' deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Tr. Alfr^ Hirschberg: Es scheint, daß endlich eine breite Front aller anständigen und - vernünftigen Menschen gesunden wurde. Das Programm des Reichskanzlers General von Schleicher ist das Programm der jüdischen Gemeinde Dentschlauds. („llevi'8b Chrom de“ vom 6. Januar 1933.) Wir gratulieren, Herr von Schleicher!" Zweifelsohne eine aufsehenerregende, aber ebenso merkwürdige und zu Zweifeln Anlaß gebende Meldung! Was ist wahr an der Meldung? Dr. Alfred Hirschberg, stellvertretender Syndikus des E. D., hatte im „(5. B.-Pressedicnst". einer vom C. V. herausgegebenen Artikelkorrespondenz für jüdische Zeitungen, zu der bekennten Rundfunkrede des Reichskanzlers von Schleicher am 16. Dezember 1932 unter der Ueberschrist „Das Minimalprogramm: Arbeit" einen Aussatz veröffentlicht, der die realpolitische, ollen diplomatischen und phantasievollen Projekten ferne Art des neuen Kanzlers feftftcüte; jede Verminderung innerpolitischer Spannungen vermindere auch die Anlässe für judenseindliche Exzeße. Aus der nüchternen Bet rach, tungsweise des Kanzlers sei zu lernen. Tann heißt es: ..Das Minimalprogramm des Kanzlers für das deutsche Volk gilt also, richtig verstanden, auch für unsere jüdische Gemeinschaft in Deutschland: Arbeit am Rächstliegenden unter Verwendung der vorhandenen Praktischen Möglichkeiten." Die Gegenüberstellung der Zitate läßt erkennen, daß die nationalsozialistischen Zeitungen die ursprüngliche Fassuna des Satzes un. vollständig, entstellt und damit mißverständlich wiedergegeben haben. Ter Versager hat sofort nach Erscheinen der Entstellungen den drei genannten Blättern, von denen die „Ostfront" Herrn von Schleicher inmitten karikierter jüdieer Typen .zeichnerisch darstellt, Preßgesetzliche richtigungen zugestellt. ..Völkischer Beobachter" und „A n - griff" vom 18.Januar haben die Berichtigung mrt einem langen aber lendenlahmen Kommentar veröffentlicht. tft, <ff 0O V i'? r % fl (irre EntgLgmmg LA Dr. Co v tw* Jr b- . ''Cy l y j,1* * bad) / von Do. Marnttius Nchrr In einer Zeit, in der durch die antisemitische Hetze die Frage des Zu'ainrnenbestandes deutschen und jüdischen Lebens in den Vordergrund des politischen Bewußrseins gerückt ist, sind wir eine Flut von Veröffentlichungen zur Judenfrage nachgerade gewohnt. Berufene und Unberufene, Sachkundige und solche, die nichts von den Dingen wißen, Freunde und Gegner des Judentums, verantwortliche Männer des deutschen öffentlichen Lebens, Führer des deutschen Judentums und daneben hemmungslos unverantwortliche Einzelgänger suhlen sich berechtigt, verpflichtet, veranlaßt oder auch nur bemüßigt, Stellung zu nehmen. In dieser Flut gibt es, wie uns scheint, weniger Klärung als Verwirrung: sie bildet noch keinen breiten Strom des Bewußtseins über politische, faktische, ideelle Möglichkeiten und Notwendigkeiten, sondern vielmehr erst einen wirren Strudel von Leidenschaften, Bekenntnissen. Stimmungen. Ressentiments. Aber wenigstens schienen bislang die Ufer fest, die sie, freilich schon abbröckelud. dämmen. Wenigstens schienen bisher die Fronten klaren Bestand in aller Wirrnis zu haben: der antisemitischen Front, die das Judentum bekämpft, srand die Front derer gegenüber, die für Recht, Freiheit. Bestand des Judentums kämpiie. Und es konnte, bislang wenigstens, kein Zweifel sein, in welcher Front die Inden selbst stehen, auf welchem Ufer die Juden festen Loden unter den Füßen suchten und -sinnvoll überhaupt nur suchen konnten. Bislang stand dies fest, mindestens für die Meinung der Juden selbst, soweit wir sie kennen — und wir sind der Meinung, daß wir sie recht vollständig kennen. Das soll nun anders werden; vielmehr, es soll bereits anders sein. Es soll bereits, durch kühnen Brückenbau, ein Uebergang von dem einen zum anderen Ufer geschaifcn sein, die Fronten sollen nicht mehr Anusemirismus — Nichtantisemitismus heißen, der Jude könne, aufarmend, hinüberwechseln, sich in die Reihen derer stellen, die zwar nicht Antisemiten sind, sondern nur im „Endziel" die „Allssonderung" der Juden aus dem deutschen Leben wollen — genau im Endziel also das wollen, was der Antisemitismus jedweder Färbung will! Ten Unterschied verstehe, wer kann; dem Judentum wird, wie wir glauben, ein Verständnis für eine solche Lösung auch dann abgehen, wenn sie „unpathetisch" vorgeschlagen wird. Auf solche Art die u d e n f r a g e u n. Pathetisch betrachtet" zu haben, blieb D r. Oskar K a r b a ch in der von Stapel herausgegebenen Halbmonatsschrift „Deuts ch e s D 0 l k s t u m" (1. Januarheft 1983) Vorbehalten. Der Aufsatz ist weder in seinem Inhalt noch in seinem Ergebnis erstaunlich,. Wir kennen die Meinung derer um Stapel, sie ist oftmals vertreten, oftmals von uns belämp't worden. Es ist jener..vornehme" Antisemitismus, der Ausschreitungen weit von sich wüst (sie jedoch stillschweigend duldet, und psychologisch begreiflich findet), jener wissenschaftliche Antisemitismus, von dessen wissenschaftlicher Haltbarkeit man sich aus den Werken von Hans B l ü h e r überzeugen kann (und der sich. beispielsweise, von der wissenschaftlichen lln- Haltbarkeit und dem Ungeist der Rasiemheorie nicht überzeugen kann), jener Antisemitismus der ..Gesinnung", der sich nicht scheut, die gesinnungsloseste Demagogie als einen Polltischen Faktor nicht nur anzuerkennen, sondern auch, zu gebrauchen — wir kennen, bis zur Langeiveile, alles dies, und unsere Leser würde cs nur langweilen, wieder und wieder davon zu hören. Obschon es für die heutige Art tcs politischen Kamysts bezeichnend ist, daß nur die stete Wiederholung den Fels höhlen kann, auf dem der babylonische Turm der Verwirrung in Fragen des Judentums gebaut ist. Ties also ist nicht erstaunlich, daß aus dem Kreise der Edlen der Stapelschen Antisemitenbürg wieder ein Vorstoß unternommen wird auf die Juden im Lande. Erstaunlich wird die Angelegenheit erst, wenn man, weiterblatternd, im gleichen Hcst von Stapels eigener Hand eine Bemerkung findet, ans der man erfährt, was man keinesfalls vermutet hat: — daß der Verfasser des Aufsatzes Jude ist. „Hier spricht nicht ein Assimilant. sondern ein Jude, der das Judentum will, zur Sache. Es m bedeutungsvoll, wie sich die Gegner der Assimilation auf deutscher und christlicher Seite mit denen auf jüdischer Seite in bestimmten Punkten treffen. Es entsteht au.ch unter den Juden eine neue, nicht mehr liberale Anschauung vom Leben der Völler. Das und nur erst Ausäuge, abdr fruchtbare Anfänge. 3)kan kommt aus dem ,Kampst mit den immer gleichen, tausendmal wiederholten Argumenten* heraus und kommt der D irklichkeit näher." (Sperrungen von Ltapel.) Was will der Jude Karbach. der das Judentum will? Zunächst will er eine Einsicht dem Judentum vermitteln: die Lage sei. wie sie sei. verzweifelt; die Aussonderung der Juden aus dem deutschen Leben sei nicht nur beabsichtigt, sondern schon vollzogen. Der Antisemitismus sei also nur noch „Liguidationsantisemitismus". Karbach behauptet. ,P>aß es sich hier größtenteils um schon Verwirklichtes handelt oder auch ohne legislatorische Hille zu Verwirklichendes, das von den Juden vielfach schon schweigend anerkannt und nur akademisch bekämpft wird". So „käme etwa dem Entzug dos alnven und Passiven Wahlrechtes der Juden nur deklarative Bedeutung .zu, da die Wählbarkeit von Juden auch b-ci d-en nichtanrisemitischeu Parteien aus taktischen Gründen bloß theoretisch ist, das aktive Wahlrecht aber bei dev geringes Zahl der jüdischen Wähler als Machtmittel zur Behauptung der jüdischen Position keine ernstliche Bedeutung besitzt". Und endlich behauptet Karbach kurz und bündig: .Diese Ausschaltung ist überraschend glatt zur Kenntnis genommen worden." Kommen solche Behauptungen wirklich, wie Stapel sich ausdrückt, „der Wirklichkeit näher"? Was hier vorgetragen wird, ist das antisemitische W u n s ch b i l d der Wirklichkeit, nicht die Wirtlichkeit selbst. Es ist antisemitische Absicht, die Verflechtungen zu lösen, in denen das deutsche Judentum im deutschen Leben steht, aber gerade in diesen Sturmzeiten des Antisemitismus hat es sich erwiesen, daß diese Verflechtungen uns lösbar sind. Es mag richtig sein, festzustellen, daß sich die Bindungen