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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-12 · 2 (12.1.1933) · p. Seite 13

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
2 (12.1.1933)
Date
1933-01-12
Page
Seite 13 (sequence 5)
Language
German
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13 J -!!i? fl$ ü;!|: ' n- - u \ , 1i i > UJuJLl^?aJsÖ cq .no r”!^ ~~ O ¥' u? yuö r.s*. ‘ Die Berliner Jüdische Gemeinde veranstaltet neuerdings in verschiedenen Stadtteilen Gemeindeabende, um, wie der Vorsitzende des Vorstandes, Dr. h. c. Wilhelm K 1 e e m a n n, Hauptvorstandsmitglied des C. V., ausführic, die letzte Grenze zwischen Genie in devcrs tan d und Gemeinde zu beseitigen. Den besonderen Problemen des Judentums in der Gressstadt war der Abend gewidmet, der letzten Dienstag Tausende von Männern und Frauen in dem Marmorsaal und dem Kaisersaal des Zoologischen Gartens versammelte. Dr. Kleemann sprach über Gemeinde und Ümwelt und stellte dabei die Forderung auf, dass kein Jude sich absondern dürfe, sondern jeder die Verbindung mit der Umwelt suchen müsse. Direktor Heinrich Stahl, der Leiter des Wohlfahrtsamtes, schilderte die Fürsorge für die Armen als unmittelbare Religionserfüllmig und bat die Gemeindemitglieder um Unterstützung im Kampf gegen die Austrittsbewegung; denn jeder Steuerfähige, der die Gemeinde verlässt, mindert die Möglichkeit, bei der immer steigenden Not lindernd einzugreifen. Dr. Walter Breslauer stellte den Satz auf „Die Gemeinde für alle und alle für die Gemeinde". Moritz Rosenthal setzte echten jüdischen Geist, der aus den Werken der Grossen des Judentums ersichtlich ist, den Schmähungen der Antisemiten gegenüber und zeigte, wie „jüdische Solidarität" in Wirklichkeit „Solidarität im Helfen" heisst. Das besondere Problem der seelischen und physischen Fürsorge für die beranwachsende Grossstadtjugend legte Wilhelm Graetz, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde und Hauptvorstandsmitglied des Centralvereüis, in einer gedankenreichen Rede, aus der wir einige Absätze nachstehend wiedergeben, auseinander. Herrliche musikalische Vorträge von Lotte Schöne, Joseph Schmidt, Michael Taube, Charlotte Rosen und Hermann Weil umrahmten die Reden der Gemeindeführer. Wilhelm Graetz führte unter anderem Das Problem Jugend und Gemeinde ist Zweifellos das bedeutsamste -und zugleich schwierigste; bedeutsam, weil es in die Zukunft wirft, für die allein wir arbeiten können, schwierig aber auch, weil Erfassung und Beeinflussung der Jugend, besmrders der Großsradtsugend, heute doppelt schwer ist. Es geht nicht nur darum, die verhältnismäßig wenigen Drganisierten, sondern die ganze Maste der Heranwachsenden Jugend urT die Gemeinde herauzusühren. Es geht jetzt nicht mehr nur um die Kreise des Mittelstande-s, des Westens, der sogenannten Intellektuellen, sondern vor allem um die Maste der Werktätigen und des Proletariats. Tenn die Prolotarisierung der Berliner Judenheit nimmt mit Riesenschritten zu. Und doch handelt es sich hier nicht um die Problematik der jüdischen Jugend allein; die Umwertung aller Werte hat das Problem der Jugend überhaupt von Grund, aus geändert. Ueberall steht die Jugend heute zuerst m Zorge und in Kampf um ihre physische und materielle Existenz, um Beruf, Stellung und Zukunft. Daher stehen auch im Brennpunkt ihrer Interessen zuerst die sozialen und wirtschaftlichen Probleme. In immer größeren Kreisen suhlt die jüdische Jugend jetzt den Drang zur Selbstbesinnung. . Vielleicht auch erst unter dem Truck von außen, weil sie die Zusammenhänge ihres besonderen iübikfjen sozialen Elends mit dem wirtschaftlichen Antisemitismus, mit Boykott und Judenfeind schaft fühlt. Teils kommt dieser Drang zur Selbstbesinnung aber auch von innen, weil sie dort die große Leere fühlen, das Fehlen eines übormateriellen, eines irraaus: kionalen Haltes. Und dazu kommt in dieser Zeit des erwachenden Krllektivgedankens auch das Erwachen des Kollektivbewußlseins einer jüdischen Gemeinschaft. Heute ist nun einmal der einzelne hineingestcllt in die Gemeinschaft Er kann nur sein als Gemeimchaftsglied, und er wird nur als Glied einer Gsmeinschast gesehen. Wir müssen auch wögen: Der Kampf des jungen Juden um seine physische Existenz und um seine jüdische Existenz ist der Kampf der Judenheit um ihre Zukunft. Anders und viel früher als in der'Vorkriegszeit stürmen diese sozialen wirtschaftlichen und geistigen Problems auf unsere Jugend ein. Ta zu kommt die Krise in dar Familie, die den jugendlichen Suchern und Kämpfern oft nicht mehr den festen Rückhalt bieten kann, lind dann die Krise im Religiösen, die in diesen materiell betonten Zeiten alle Religionen gleichmäßig erfaßt hat. Als Ersatz greift dann die Jugend zmn Sozialismus in jeder Form und zmn Komnmnisnms. in dem sie ihre Ersatzreligion sieht, obgleich er doch nur Ausdruckssorm und niemals ethische Gesinnung und geistige Lebenshaltung zugleich sein kann. Immer und überall aber steh! die Forderung der Jugend nach Einheit in Gesinnung und Lebensstil an erster Stelle. Auch die Frage „Was ist Judentum? " stellt diese Jugend erneut, sind hier zeigt sich die ganze Problematik unserer Uebergangszeit. Znerst in der Ueberassimilation an die liebersteigerung der Rationalismen der Umwelt, die den Blick für Proportionen und für die Möglichkeiten verliert, die in bezug auf daZ Erheute schon fähig sind; noch mehr beweist es auch ihre Tätigkeit an den Wiener Hochschulen, die geradezu ihre Tomäue geworden sind, ohne -daß seitens der zuständigen Stellen ihrem wüsten Treiben entschieden Einlplt geboten würde. Neuerdings wird, da die famose ..Studentenordmmg" in der parlamentarischen Bersentung ruht. z:nn Zwecke der Wahrung der Ruhe und Srdnung an die Ausstellung einer „Akademischen Legion" gedacht, die den Pedellen im Falle von Ruhestörungen zu Hilf? kommen soll. Ter Gedanke iväre ein guter, wenn nicht die Besetzung durch die verschiedenen militanten reaktionären Hcchschülverbände geplant wäre — damit ist dein Pancitcrror wieder Tur und Tor geöffnet, und die Dpser werden nach wie vor lernbegierige jüdische Studenten sein. - Tas Jahr IUÜ3 dringt aller Voraussicht nach unserem Lande Neuwahlen in den österreichischen Nalionalr-at. Wahrscheinlich werden die Hakenlrcuzler, dre bis nun im österreichischen Parlament nicht vertreten waren, auch hier ihren (?ir> Zug halten. Tie Größe ihrer Macht hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Verhältnisse im Reiche ab. Tenn so wie die Nationalsozialisten bei uns erst in jenem Moment auskamen, als sie in Deutschland auf der Höhe waren, so werden sie in das Nichts zurückgleiten, wenn sie im Bruderreiche ssorr dieser Höhe herabftürzen. Osear HirseMeld, Wien. langen von Macht und W-rlrlichkeit nun einmal den Juden gegeben sind. Wir fthen wieder einmal diesen Kampf zwischen der Verweltlichung als Vorbedingung der physischen, der dollen ungehemmten Eristen?. rm) de. Gent, den Zielen und Aufgaben deZJudentumL. feinen Zukumts- und seinen rne'siunischen Ideen. Wir sehen euch die Auseinandersetzungen zwischen Religion und Thilosopchr. zwischen Herz und Vernunft. Gemüt und Geist, alle diese Kümpfe und Frauen nach dem Lebenssinn und die Gehnsucht nach den Harmonien, durch 'die wir uns alle haben durchkämpftn müsien. und die auch keiner Jugend erspart werden kann. Von Bestand ist nur das. was man sich irn Kampf innerlich erarbeitet bat. Alles bleibt so lange tot und Vergangenheit. bis man es selbst innerlich erlebt bar. Jn allen Lagern sträubt sich die Jugend mit allen Kräften gegen Jnhalilosigkeit und gegen Formlosigkeit. Lie will auch nicht im Juden-, tum nur eine Gemeinschaft sehen, deren Aufgäbe nur sein soll, diese Gemeinschaft um ihrer selbst willen zu erhalten. Wir wißen sehr wohl, daß die Jugend immer Mißtrauen hat gegen alles Fertige. Sie will selbst basteln und formen, und He ist schnell dabei mit dem Schlagmorr vom pLonzentum^ gegen das man enkämrftn muß, weil es daZ Vertrauen lahmt. Allo Mitarb-irer im Ju^ gendpslegedezernat sind aus der Jugendbewegung hervorgeaanaen imd noch jetzt an erster Stelle dort tätig, aoir alle haben daZ Enste Verständnis für die Sehnsuche der Jugend und für die Folgerungen, die aus dem veränderten Weltbild für sie" gezogen werden müssen« Will die Jugend aber "einmal das Erbe antreten, muß sie wmen: nur auf den Schultern der Aelteren. der Vergangenheit. mir anknüpsend an die Entwicklung kann sie wirken, ebenso wie alle unsere Arbeit^ besonders alle Gerneindearbeit. umsonst iw. wenn sie nicht mit 'dem Blick auf die Zukunft, auf die kommerrdtz Zeit der jetzt jungen Generarion getan wird-.. Es war ein Verbrechen sogenannter Jugendbildner. und es ist hoffentlich überholt. daß der Jugend die Eltern als Juden zmefter Klaffe gezeichnet wurden. Gewiß, sie will keine lauen Jugendbildner, sondern bekenn er mutige, bewußte und w'mende Juden. Tie sollen sie. aber auch dann lehren, was Jude sein heißt, und das es eine Ehre und keine schünde ist. - Wer freihalten muß sich die In«? gend von Schlagworten und einseitigen B e e i n s! u i f u n o e n. Es wäre eine Versündigung an der Jugend, wenn diese sogenannten Führer nur Varwifünger oder Wühler erziehen wollten. Werden- und Wachsen- L."en heißt — noch immer — Erziehen. Der Tod aller Entwicklung und aller Jugend 'wäre d:ne Ausschließlichkeit, dieft Abstempelung und Festlegung ein für allemal, .die meist verbunden ist mit Geringschätzung, ja Verachtung der Andersdenkenden. Wir glauben auch, daß wir uns gegen allzu einseitige Abschließung von Andersdenkenden und von den nichljüdnchen Kameraden wenden müssen. Wie oft wird erst durch das Zusamm.enleben die falsche Vorstellung vom Ju< dentum, ja die oft völlige Unkenntnis verhindert. Rur so wird auch jene beiderseitige llcberheölichkeit vermieden, die nur der hat, der immer nur fein eigene- Bild und fernen kleinen Umkreis siebt. Tie Jugend darf' sich' aber auch nicht aus'chalien und nicht ousschalten lamm von der Freude an unserer deutschen Leimat und von der Zorge um ihre Zukunft, die auch ihre Freude und euch ihre Sorge ist. Bewahren wir un'ere Jugend vor dem Pessimismus und der reinen Negation. Halten wir den Geist der Jugend gesund, die einst zur Führung dieser Gemeinde beruftm sein wird. Und halten wir den Geist dieser Gemeinde in seiner ehrenvollen edlen Tradition hoch, indem wir schon jetzt den guten, den gesunden Geilt dieser Jugend auf unsere Arbeit wirken lassen. Nur. wenn sich so Vergangenheir. Eegemoart und Zukunft die GänllK reichen, werden wir auch diese schwere Zeit innerlich stark und ftft und frei und aufrecht überstehen.

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