Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 12 (1933)
- Issue
- 1 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 nunmehr leider genügend bekannten Sinne, sondern um gewisse Mängel in der objektiven Betrachtung des Tatbestandes. Es wäre leicht möglich, an Hand von ungezählten Beispielen nachzuweisen, wie Märchen, die von avttisemttischer Seite mit deutlicher Tendenz aufgebracht werden, von Kreisen geglaubt und verbreitet werden, die sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus aufs energischste wehren würden. Das Wort „jüdisch" als Eigenschaftswort für eine ganze Reihe nirfit erfreulicher Erscheinungen des täglichen Lebens anzuwonden, ist fast so verbreitet, daß selbst der Jude mit einem freundlich-mitleidigen Lächeln darüber hinweggeht, durchaus nicht bedacht der.Folgen, die sich aus dieser Unterlassungssünde ergeben. D-as Wort „jüdischer Schmus" ist schon so geläufig, daß cs kaum gelingt, einem Menschen, der es anwendet. klarzumachen, daß das Wort jüdisch in diesem Zusammenhang gar nicht das ausdrückt, was er damit hat sagen wollen. Redet jemand um den Kern einer Sache herum, findet er kein Ende mit der formalen Ausschmückung eines einfachen Tatbestandes, so wird ihm stets entgegeugehalteu werden: „Btach' nicht solchen jüdischen Schmus." Dabei bedarf es hier ja keines Hinweises darauf, daß ja in Wahrheit gerade der Jude ans präzisen Ausdruck Wert legt. Die allgemeine menschliche Schwäche, unklare oder unsaubere Tatbestände nut einem Wortschwall zu verdecken, ist in der Ausdrucksweise des einfachen Mensck^en — und leider nicht nur in seiner — zum „jüdischen Schmus" geworden. Ein weiteres Beispiel wären die sogenannten „jüdischen GesckmttcheiG. Hier in allerdings eine soziologische Erklärung insofern möglich, als die Arbeiterschaft in der eben absterbenden Generation ' noch, wenn sie überhaupt mit Juden in Berübrung .kam, vorzugsweise den Typus des jüdischen Althändlers kennen lernte, des Trödlers, der durch seine gesellschaftliche Zwangslage bisweilen auf Geschäfte mehr oder minder zweifelhaften Charakters angewiesen war; ganz abgesehen davon, daß eben der Handel mit gebrauchten Gegenständen des täglichen Lebens eine so subjektive Preisgestaltung erzwang, daß sich einer dabei immer übers Shr gehauen fühlte. Schon aus den beiden angeführten Beispielen geht hervor, daß sich hier ohne irgendein judenfeindliches Vorurteil eine Ausdrucksweise eingebürgert hat. die im Juden rein gefühlsmäßig etwas Fremdes, Andersartiges zu sehen scheint, das man zur Unterscheidung von sich und seinereigenen Art mit ganz bestimmten Vorzeichen versehen muß. Diese rein gefühlsmäßige und intellektuell kaum zu erfüllende Einstellung ist natürlich ein schroffer Gegensatz zu der ideologischen Einstellung, daß der Jude ein durch Milieu und historische Entwicklung dem deutschen Bolle restlos eingegliederter Bestandteil ist, dessen Unterschiede von der Bolksg iamtheit nicht etvoa grundsäulrcher, sondern individueller Statur seien. Solange diese gesühlsmäßigeu Rudimente im Unterbewusstsein einer Volksschicht vorhanden sind, die wir Jndeckals uns durchaus freund, lich und objektiv anzusprechen gewöhnt sind, solange sind wir nock) weit vom Ziele einer organischen Emgliederung in die Vollsgemeinsck)aft entsernt. Es wäre natürlich jetzt ein leichtes, dieses Ziel mit dem bekannten fom» munistischon Programmwort von der llnssenlosen Gescllschrst, in der es leine Judenscaae mehr gibt, erreichen zu wollen. Aber Nur haben es mit einer unmittelbaren, drängenden 'Ausgabe zu tum die nicht das H'mausschieben auf eine rmgewrpe Zukunft verträgt. Es handelt sich dartun, Menschen, die einer objektiven Aufklärung durchaus zugeneigt sind, von Jrrtümern des Unterbewusstseins zu befreien. Dazu gehört eben vor altem eine zielbewußte Ausklärungsarbcit. wie sie jetzt bereits und auch in der Vergangenheit von den großen Arbeitervrganisationen . und der Sozialdemokratie, überhaupt von allen an einer demokratischen Entwicklung interessierten Menschen in weitem, jedoch noch nicht genügendem Maße geleistet worden ist. IMffchs IuLlmfr irr Druffchlan- Nach öec Irankfucter IugenStagung / von vr. Mfres H-rschberg Ter Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands brauchte seinen „Weg in die Wirklichkeit", den er seit Dresden 1928 beschreiten wollte, nickst zu Ende zu gehen: Die Wirklichkeit kam ihm entgegen: besser/ sie hat ihn erreichr, ihn überholt. Roch M ü n ch e n 19Z0 mit seinem Tagungsmotto „Jugend, hilft der Jugend" konnte starke verbandsegoistische und deklamatorische Elemente aufweiscn. Frankfurt 19s2 stellte sich unter den Satz: „Der Kampf des jungen Juden um seine E r i st e n z ist der Kampf der Iu d e nh e i t um ihre Zukunft", und traf damit zugleich Konstatierung, wie es Forderung erhob. Für gedankliche und taktische Spielerei war weder Stimmung noch Gelegenheit. Echo fanden nicht die amnzeuoen. sondern die sachlichen Sprecher, und weder Dppoprion noch Radikalismus allein reichten diesmal aus, um stürmische Bewegtheit, es sei denn gegen sich, zu erregen. Es gibt keine typische B e r b a n d s p r o b l e m a t i k mehr, die um organisatorische und begrisssdcuterische Erörterungen wie Jünger-enarl^it. Neutralität, gesamtjüdische Haltung" kreisen könnte. Tie a l l g e ui e i n e K r i s c d-.s deutschen Judentums ist Verbands g e s a b r und zugleich Verbands a u f g a b e geworden. Der Verband hat ohne lebendige jüdische Gesellschaft in Deutschland keinen Nährboden, keine Eriftenzberechtigung. Wenn er heule c a o i st i s ch arbeitet, wirkt er unmittelbar für die Gesa in theit. Denn er muß die um ihn und in ihm gleichartigen jüdischen Fragen wertvoller, der Jugend wesenseigoner als die Umwelt um ihn beantworten. Sonst ist er ükerftüssig. Der äußere Taaungsrabnicn und Tagungs- Verlauf zeigte das gewohnte Bild. % Etwas weniger Teilnehmer als sonst. Rciftn kosten mitunter wehr Geld, als da ist. Aber weit über An Delegierte aus allen Teilen des Reiches saßen laudswannschastlich gruppiert, als Tr. Gustav i' o e f i! e r , der getreue Eekchard des Veibau-es. wä'nrend seiner letzten schwersten Qrgani'ationskrne. Erössnnnas - Worte sprach. Begrüßungen durch die ^tad: Frankfurt (Tr. Hahn', die Frankfurter jüdische Gemeinde «Sanitä'srat Tr. Et t1 i n g c r>. das gastgebende Ptzilantropin (Tdcrstudieudirektvr Tr. D r 11 f e n), den Allgemeinen deutschen Rabbiner- Verband und den Kcnstrva-:r<n Cemeinder-erein (Rarrincr Dr. Horovitz-, die Grrßloae. die Frankfurter Lagen und den Verband der jüdischen Lcbrervereine Teutschlands (I. B. Levy) und den Henistchen Gemeindeverband wwie namens des Frantstirter Jugendbundcs Mon'stwre (Speyer) jolgnu. Kundgebung-artig war die anschließende Lormitragssitzung mit Referaten von Tr. Eduard Strauß (Frankfurt a. M.) und Privaldozenk Tr. Paul Eppstein (Mannb-im). Strauß gab seine .jüdische A n twortaufdieF ragen derZeit". Das war der außerordentliche Reiz seines in for> maler Gestaltung wie gedanklicher Zuspitzung, auch in seinen Widersprüchen segelnden Referats. Er forderte Abkehr von der Ornamentik des Geistes, Beseitigung der Teilung von Geist und Politik, „befelilenoo Philosophen". Den großen Zeitgeaensatz zwischen liberalistischeur und kollektivistischem Denken zeigte er anst und prägte das achtungsvolle Wort „Die liberalistische Epoche ist zu Ende, aber ohne ne stunden wir nicht dort, wo wir stehen". Jüdifck^s Ausgabe sei, nach innen individualistisch, nach außen kollektivistisch zu wirken, denn die Umwelt kenne keine jüdische E i n z e l äußernng, die nicht zugleich als jüdische G c s amtäußerung gewertet würde. „Aach außen sind wir lauter Antwort^ nach innen sind wir lauter Frage." Kamps um unser Judentum werd-e uns für späteren erneuerten Kamps um die Menschl)eit vorbereiten. Eppstein sprach über „W irtschaftsk a rn p s und L e b e n s ge st a l t u n g des jungen Jude n". Er gab TatfachenmaLerial über wirtschaftliche und b-evÖllerungspoli-» tische Vorgänge in unendlicher Fülle, das durch klare Gliederung üderüchiuch blieb.^ Unseren Lesern ist es aus zahlreichen Beiträgen sachkundiger Mtarbeiter in vielem bekannt. An seiner Stelle wesentlich war Eppsteins Feststellung. daß cs sich darum handele, wie und mit welcher Gesinnung der schmale Raum, den die Zwangsläufigkeit der wirtschaftlichen Fortsetzung des Aufsatzes Seite 4) Tie jetzige Zeit, die eine Proletarisierung eines großen Teiles der deutschen Juden.nnt sich bringt, ist wie keine geeignet, die Arbeiterschaft auch gefühlsmäßig von Jrrtümern zu heilen und sie dem jüdischen Menschen, der ja auch einer von ihnen ist, näber zu bringen. Erleichtert wird dieft Arbeit besonders dadurch, daß eine unmittelbare Berührung eine stärkere Fühlung und Einflußnahme im persönlichsten Sinne mit sich bringt. Dazu gehören allerdings ein ^'erantwortungsgesüh! gegenüber der jüdischen Notgemewsch.ftt und eine manchmal sehr weitgehende ^etbstentäwßerung. Die Tatsache der Proletarisierung weiter bürgerlicher iireife hat bei den Inden die Folge eines nock) stärkeren Anschlusses an ihre jüdischen Brüder, denen ein glücklicheres Schicksal Vorbehalten blieb, mit sich gebracht. Der Gedanke einer baldigen Rückkehr zur bürgerlichen Geborgenheit läßt sie nur eine Gastrolle in der proletarischen Situation spielen, die ihnen die Wirtschaftskrise cmfgezwungen hat. Die ewige Hoffnung: Das ist j-a^nur vorübergehend, macht sie blind gegen die Tatsächlichkeit und entfremdet sie nock viel mehr den neuen Klassengenossen, die bereit waren, sie aufzunehmen, die aber mit ihrer Bereirsthaft aus den Hochmut des nur gezwungen Rachgcbenden stoßen. Daß diese Situation nicht geeignet ist. Terminologie und Gefühlswelt des Arbeiters gegen den Juden, der unter den gleichen soziologischen Verhältnissen wie er selbst lebt, zu andern, leuchtet ein. Hier gilt es einzusetzen und dem Juden einerseits die Notwendigkeiten seiner neuen. gewiß schwierigen und ungewohnten Lage klarzumack>en und dem A ick t ja den anderseils die historische und' augenblickliche jüdische Situation klar ins Bewußtsein zu bringen. Jetzt wäre diese Aufklärungsarbeit keine kalte Theorie, sondern warme Wirttichkeik, cm täglichen Beispiel zu erläutern. Der jüdische Proletarier muß. sofern er sich gesinnungsgemäß der Arbeiterbeioegung verwandt fühlt, auch ans der Erkenntnis seiner Klasienlage die Folge ziehen, sich^ politisch in die Reihen der Arbeiterschaft zu stellen; nicht mit dem Anspruch auf unverdiente Führerstellirng, sondern als gemeiner Soldat in der Front. Keine Trennung, sondern tätige Mitarbeit der Gesinnungsgenoucn an den gemeinsamen kleinen und großen Interessen der Arbeirersckiajt ist das sicherste Mittel, dieses Gefühl vom Anderssein des Juden auszurottcn und bei Menschen, die aus ihrer Natur heraus zur Sbjekiivität drängen, gesüblsfreie Objektivität auch für uns Juden zu schaffen. . Zur OssunMIüog Facbinper Versandstelle, Berlin SW 11 Scbörvebfre'er Sirasse wa. Telef^ts: T,Ützow: 8?Ti'**4