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Central-Verein-Zeitung · 1933-01-05 · 1 (5.1.1933) · p. Seite 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
12 (1933)
Issue
1 (5.1.1933)
Date
1933-01-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Politischer Art ün Gange find obir enffeffelt werden sollen (Antimarxismus, Antisozialismus, Antiparlamentarismus, Antikapitalisrnus. Lntipazisismus usw.), so erhalten sie Schwung und besondere Sprengkraft erst durch die Amalgamierung mit dem antisemitischen Neffen timen t. Ter Antisemitismus spielt da- Lei aber auch die Rolle des Schrittm a ch e r s. Erst in Verbindung mit dem Antisemitismus vermögen nämlich alle diese Ideologien wirklich M a s s e n b e wegun - gen zu werdew Man kann sich als Demagoge für dieses Geschäft. Manen in Bewegung zu fetzen, wahrhaftig kamn eül iderüeres Jnstrnment denken. Nur der Antisemitismus hat nämlich Zugang zu den breiten Manen, die sonst fernab von allen Ereignissen des öffentlichen Lebens dumps dahinvegetieren, die sogar unterhalb der Politik leben, weil es für sie keinerlei geistigen Zugang in diese Sphäre gibt, der ihnen eine Stellungnahme ermöglichen würde. Trotzdem lebt aber auch in diesen Schichten latent amgestaut soziale und politische Energie in großem Umsange. Durch die Berührung mit dem Antisemitismus erfolgt die Auslösung; denn wenn der antisemitische Agitator von dieser Seite her in das Gemüt sleben dieser geistig primitiv organisierten Eef cllf chastssch icijten eindringt, so verleiht er ihnen mit denn Argumeitt „Ter Jud' ist schuld!" zu gleicher Zeit auch die p s e udopolitische Fähigkeit, zu ihrer sozialen Umwelt und den Vorgängen des öffentlichen Lebens Stellung zu nehmen. Sie werden sich des antisemitischen Jargons bedienen, nicht weil sie Antisemiten sind, sondern weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, um ihrer Not überhaupt Ausdruck zu geben. Daß sie damit zugleich diesen Ideengehalt in ihren Kreisen weitertragen. macht die Gefahr so groß. Aus dieser Feststellung ergibt sich, daß jeder Versuch, der antisemitischen Propaganda durch rationale Aufilärungsarbeit entgegenzuwirken, nur beschränkte Aussicht auf Erfolg haben kann, und daß der Gedanke, durch Aufklärung in Reden, durch Verbre' ung von Broschüren, in denen in noch so populärer Form der Unsinn, die Unlogik und die Amoral der antisemitischen Argumentation rational widerlegt wird, ein Versuch mit untauglichen Mitteln ist. Wenn sich dieses Vorurteil bei solchen Leuten erst einmal sestgesreffen hat. kann man es niemandem mehr „ausreden". Man wird der Verbreitung des Antisemitismus erst dann mit Aussicht aus Erfolg Leikommen können, wenn es gelingt, die primitive Masjenseele in einem früheren 01 a t> i u m zu erreichen als die antisemitische Demagogie. Das ist das ganze Problem. Wer zuerst die Mapenseele mit dem von ihm gewünschten Bewußtseinsinhalt zu füllen, sie gleichsam in seinem Sinne v o r z u? o r m c n vermag, bevor sie in Kontakt mit der antisemitischen Propaganda kommt, hat das Spiel gewonnen. Den politischen Parteien, denen der DnLisemitismus als politische Gefahr in Gestalt der Hitler-Bewegung heute schwer zu schaffen macht, ist dre Erkenntnis von der Gefahr dieser Methode im Lause der letzten Zeit so stark zum Bewußtsein gekommen, daß man heute fast davon sprechen fann: sie ist Gemeingut der deutschen Arbeiterbewegung. Man hat erkannt. daß man sich gerade um diese Millionen politisch Primitiver (polrt^ck) gesprochen: Nichtwühler) kümmern muß, daß man dabei mit irrationalen Mitteln arbeiten muß, um sie zu erreichen und ihr politisches Bewußtsein so früh wie möglich zu formen, immer nach der Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Ob allerdings die diesbezügliche Technik schon ausreicht, ist eine andere Frage, die hier nicht zur Untersuchung steht. Tie Politischen Verbände werden aber bei dem Kampfe gegen den Antisemitismus immer um deswillen eine wichtige Rolle spielen, weil sie am tiefsten in. die Maffe hineinreichen und mit der Behandlung der reinen Jntereffensragen am Ehesten an die Massen herankommen. Jedenfalls kann es nicht zweifelhaft sein, daß viele Millionen proletarischer und proletaroider Erntenzcn heute nicht Politisch dem Nationalsozialismus hörig wären, wenn sie nicht durch die Erregung antisemitischer Impulse in seinem Sinne aktiviert und festgelegt worden roären. Es wäre also schon viel erreicht, rvenu durch rechtzeitige und entsprechende geschickte Eegcnarbeit cun der rem politischen Ebene ein Damm errichtet würde, durch den der antisemitisch gefärbten Pseudo- Politik der Einbruch in die Bezirke der Maffen- Pshche versperrt würde. Reben dieser indirekten Methode muß aber unbedingt die unmittelbare Bekämpfung des Antifemirismus erfolgen durch Borf o r m u n g des M a s s e n b e w u ß t s e i n s aus direktem Wege. Wie aber kenunt man zu diesem Zwecke an die Masten heran? Der Politiker hat es in die'er Beziehung einfacher/ Er kann von dem objektiv gegebenen wirtschaftlichen Jntereste ausgehen. Tie Abwehrpropagauda gegen den Antisemitismus wird sich alle die Bezirke aussuchen muffen, die neben dem Politischen den Lebensinhalt jener breiten Massen bilden, die im Banne des Antifemiusmus zu einer so gefährlichen Macht geworden sind. Stirn ist das Inte reffe an Fragen, die jenseits der Berufs- und unmittelbaren Existenzfragen liegen, rächt groß. Aber es ist doch genug, lnn als Einfallspsorte dienen zu können. Schließlich dringt ja auch durch diese Kanäle — wenn man vom Politischen absieht — durch Zeitungen und Zeitschriften, Lektüre aller Art, das antisemitische Gift in die breiten Maffen hinein. Bon dielen Ileberleguugen wird wirkungsvolle Gegenpropaganda ausgehen muffen. Könute man nicht jener antisemitischen Tendenzliteratur, die heute unser öffentliches Leben verseucht, eine bewußt aufgebaute positive Tendenzliteratur zur Abwehr des Antisemitismus entgegensetzen? Ich denke an die breite Schicht der Angestellten. an den Studenten, an den Schüler sowie an bestimmte bäuerliche Schichten. Besteht bei diesen Schichten. deren Leben im wesentlichen mit anderen Jntcreffen ausgefüllt ist, nicht doch noch immer ein bestimmtes Jntereste an Lektüre? Sei es an Unterhattungslektüre oder sei es an Lektüre, die in irgendwelcher Beziehung zu ihren Bcrussinterestcn steht. Hier scheint alle ein Gebiet zu liegen, das von der propagandistischen Abwehrarbeii einmal genauer ins Auge gefaßt werden müßte. Gelänge es dabei u. a. zum Beispiel, einen populären Kriminalroman mit einer solchen unsichtbaren, aber um so nachdrücklicheren Abwehrtenden; Zu schaffen, jo würde damit Wesentliches zu jener Vorwrmung des Manen» bewußtseins geleistet, von der oben die Rede ist. Da die Schule auf diesem wichtigen Gebiet der Zerstörung solcher kulturreaktionären Vorurteile leider völlig versagt, im Gegenteil sogar den entgegengesetzten Tendenzen bewußt oder unbewußt sehr viel Raum gibt, müßte auch das Augenmerk aus eine entsprechende K! n d e r l i t e r ü t u r für Mädchen im b Knaben gerichtet werden. (Man könnte auch daran denken, den Zugang zu diesen Kreisen mehr über ihre Bernssinteresten als über die Unterhaltung zu finden. Jedoch dürfte die dabei erforderliche Differenzierung die Lösung des Problems sehr viel schwerer gestalten.) Es ist die Jwauüe der antisemitischen Hetze, alles Indische als das Böse und Minderwertige an sich hinzustellen. Sollte das Judentum nicht das Recht haben zur Verteidigung gegen solche Diffamierung, seine positiven Seilen und Leist u n g e n mit Nachdruck herauszustelleu, um damit alle jene Vorurteile zu zerstören, die über die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens von der antisemitischen Propaganda bewußt verbreitet und genährt werden? Vorurteile kann man nur unterbinden, iudeur man die Voraussetzungen für ihre Entstehung zerstört. Das lväre der Zweck einer solchen auf Maffen» Wirkung abgestcllten Literatur, die keineswegs gratis verbreitet werden müßte, sondern nur so billig, daß sie zum Maffenkonsum anreizt. Hat das Judenimn nicht so viele ausgezeichnete Schreiber und Künstler hervorgebracht, die für eine solche Produktion alle Voraussetzungen mitbringen? Man muß die Eedankenlosigkew und die Lberslächlichkeit der Vorurteile zerstören, die heute, austzepeitscht von skrupellose. Hetzern, ungeheure Verwirrungen und Vem Wüstungen in der Maffenseele und in der Seele des deutschen Volkes anrichten. Das Zerrbild, das heute von den Demagogen über das Jndentmn in der Maffenseele fixiert ist, könnte unmöglich entstehen, wenn schon vorher durch eine positive, aus breiteste Maffenwirknng abgestellte Propaganda der hier vorgcschtagenen Art ein objektives Bitd über das Judentmn in die Maffenseele projiziert würde. Don Or. Alfred Herrmanns Voll bM Meilern und vor» den Wen Zum Eingang: Um jedes Mißverständnis auszuschalten, eine wichtige Klarstellung. Wenn 'hier vom Arbeiter, vom Proletarier die Rede sein wird, wenn seine Stellungnahme zu:n Problem und Begriff „Jude" erörtert werden soll, so handelt es sich immer nur um den einzelnen Arbeiter und den einzelnen Proletarier als soziologische Erscheinung, niemals um die Organisationen der Arbeitsbevölkerung, seien sie mm politischer Art oder ein Zusammenschluß nach beliebigen anderen Gesichtspunkten. Die deutsche Sozialdemokratie und die freien Ewwerlßchfften haben viel zu oft ihren Standpunkt in der Judenfrage öffentlich bekanntgegeben, als daß ihre strikte programmatische und politische Ablehnung des Antisemitismus noch in Zweifel gezogen werden könnte. . Eine andere Frage ist es, welck)e Vorstellungen sich im Kopfe des einzelnen Arbeiters mit dem Begriff Jude verbinden und welche Terminologie er sich in diesem Zusanunenhange an» zuwenden angewöhnt hat. Dabei leuchtet ein, daß die Berührung der Arbeiterschaft mit einem üblen Radauantisemitisnrus, wie er sich in der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei zeigt, gewiffen Sprach- und Deukunarten Vorschub geleistet hat, die auch in durchaus gegen den Antisemitismus gefeite Schichten der deutschen Arbeiterschaft eingedrungen sind. Diese geistige Infektion ist aber lange nicht so schlimm, wüe man sie oft anzusehen pflegt, weil sie wie jede Jnsekliou heilbar ist. Viel bedeutsamer und lehrreicher ist die Tatsache, daß diese Infektion auf gewiffe Gefühls- und Ausdrucks. Möglichkeiten beim Arbeiter stößt, die erkennen lasten, daß hier für die Verbreitung der Ideologie vom deutsch-jüdischen Staatsbürger noch ein reiches Detätigungsseld ist. Es handelt sich nicht um Antifemiiismns in dem

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