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Central-Verein-Zeitung · 1932-12-30 · 53 (30.12.1932) · p. Seite 539

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
53 (30.12.1932)
Date
1932-12-30
Page
Seite 539 (sequence 7)
Language
German
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§5- „M RsWZSLL nkm VöZs" Conrad Heküens Gsschlchir öss KeLksNs!fsMrsmLS Bon Dr. Engen Lchunvt (München) - Ist es ein Zufall oder ist es mehr, daß in den Tagen, in denen der Nativnalioziaüömus es zum zweiten Male abaetehnt hat, in der Lenkung der deutschen Geschicke verantwortlich mitzuarbeiten, ein Buch erschienen ist, „Geschichte des.Nationalsozialismus". Wer wagt hier die Geschichte einer Bewegung zu schreiben, die nach den tönenden Worten ihres Gründers in wenigen Monaten die endgültige und ausschließliche Leitung des deutschen Staates in ihre Hand nehmen wird? Es ist ein junger. Journalist, der, lange Zeit am Ausgangspunkt und Sitz der Bewegung in München tätig, es unternommen hat, die Historie einer der interessantesten und farbenreichsten politischen Bewegungen zu schreiben, die Deutschland jemals gekannt hat. Diese Geschichte, zurückgehend bis in die Uranfänge der nationalsozialistischen Bewegung, liest sich spannender als ein Roman. Dabei ist der Stil von einer ungemeinen Lebendigkeit. Dieses Buch) reitet in Karriere durch dr Karriere der nationalsozialistischen Bewegung: Der Anfang mit denn vergessenen Gründer und Ehrenvorsitzenden der Partei, Drealer. welcher 1918 einen freien Arbeiterausschuß für einen guten Frieden gründet mit 40 Mitgliedern — ihr erster politischer Lehrer Walcher Rathenau — Hitler tritt ein als Mitglied .des politischen Zirkels Nr. 7, einer Untergruppe der dann umbenannten Deutschen Arbeiterpartei — Dietrich Eckart und Feder gesellen sich hinzu die Münchener Reichswehr, bei der Hitler „Bildungsoffizier^ ist, unterstützt die Bewegung — „Soldaten suchen eine AnckeiD Nach der ersten Rede Hit¬ *) Krnrad Heiden, „Geschichte des Nationalsozialismus. — Die Karriere einer Joeeck Rohwöhlt Verlag, Berlin 1932, lers, Oktober 1019, tritt der damalige Vorsitzende Harrer ans das Podium und warnt vor Radau-Antisemitismus- — Der Name National sozialistische Arbeiterpartei wird gegen den Willen Hitlers angenommen — Hirler schasst den neuen Kampsstit. Weg mit der liberalen Bersammlungsgepslogenheit der freien Diskussion' — Terror, Niederknüppelung, SA. — Erwerb des „Völkischen Beobachters" — russische Antisemiten kommen in die Partei, die Geheimnisse der Weisen von Zion rauchen aus — Alfred Rosenberg, der Balte, wird Außenpolitiker und Theoretiker der-.Partei — Rühm macht München zum Aktionszentrum für die kommende Militärrevolmion — Organisation C tritt zur nA. über — der große Glücksmll 1922: Mussolinis Marsch aus Rom — Südtirol wird vom deutschen Faschismus preisgegeöen — Reichswehr Hilst Hitler aus den schwierigsten politischen Situationen — ein Mai-Putsch Hitlers vom Jahre 1923 bleibt von der bayerischen Justiz unversolgt — Innenminister ch w eher fragt vergeblich an—der November-Putsch 1923, um einer vermuteten Mion des bayerischen Generalstaatskommisiars zuoorzukommen - — Zusammenbruch — Ludendors und Hitler vor Gericht, der größte politische Prozeß Deutschlands — Kaltstellung Hitlers im Gefängnis zu Landsberg — 24 "bayerische Landtagsmandate des Völkischen Blockes, ein schwerer Schlag gegen den Antiparlamentarier zu Landsöerg — Hitler biedert sich nach seiner Enrlapung aus" Landsöerg an Ministerpräsident Held an, vergeblich — Redeverbot. Partei scheint erledigt — Gregor Straffer breitet sich im Norden aus — zwei Parteien: Hitler- Parrei und Straffer-Partei. V-'-r-tei W saudischen Schichtung und sozialistische Partei der Volksgemeinschaft! — Straffer wird anläßlich der Fürstenabfindung aögehalftert — Hitler wird Monarch', die Gauleiter werden "nicht mehr gewählt, sondern von Hitler ernannt — Josef Goebbels in Berlin — Hugenberg stückt die NSDAP, im Dollsbegehren gegen, den Noung-Plan — Hitler und Goebbels werfen Otto Straffer aus"der Partei, Gregor Straffer redivivuä pariert, wenn auch nicht ^überzeugt — der Sieg mit dem großen Hausen — in den Septem dermalsten 1930 erhält die NSDAP. 107 Reichsmgsumndate. Damit ist nach Ansicht des Verfassers. die Geschichte des Nationalsozialismus beendet. Eindrucksvoll sind die Porträts der Führer gezeichnet. Hier interessiert in erster Linie die Charakteristik Adolf Hitlers. Ter Verfasser sieht in ihm einen Menschen, der „von Hause ans bereit ist, Untertan zu sein", „einer, der sich nach Beherrschung sehnt, übernimmt schließlich selbst die Herrschaft, weil sich lein anderer Herr findet". Hitler ist ihm . ein Mann von ausgezeichneterstogischer Begabung', von zwingender Folgerichtigkeit des Denkens, wobec man allerdings die Voraussetzungen, aus denen er seine Schlüge zieht, zunächst einmal gelten taffen muß. So scharfsinnig die Schlußfolgerungen Hitlers sind, so fahrig, schnellsertig und weltfremd sind seine Wahrnehmungen. Er ist daher ein schlechter Prophet. „Ein alter Scherz sagt: Wer politisch prophezeien will, muß sorgfältig alle gegebenen Umstände berücksichtigen, sehr scharf seine Schlüsse ziehen und dann das Gegenteil annehmen. Von diesen drei Voraussetzungen erfüllt Hitler nur die zweite. Zur ersten fehlt ihm die Geduld, zur letzten die Weisheit." Sehr anschaulich wird die Technik von Hitlers meisterhafter Demagogie geschildert. „Hier offenbart sich eine nicht geringe Kunst: das Lavieren mit vollen Segeln. Hitlerversteht cs. so auszuweichen, zu schweigen und zu verdunkeln, daß seine Zuhörer den Eindruck temperamentvoller Offenheit haben. Die bänglichsten, mühseligsten Fineyen klingen bei ihm noch wie Hiebe mit der Streitaxt, und selbst auf seinen Schleichwegen fährt er mit 100 PS." Besondere Aufmerksamkeit verdient das Kapitel Ehrenwörter, eine interesiante Auszählung! Wer hat nicht schon Ehrenwörter öder bindende Versprechungen von Hirler bekommen? Der bayerische Polizeioberft MB WH WM 169. SBMMW m BO. IWMMe WM Wenn von jüdischen Parlamentariern dis Rede ist, werden in erster Linie die Namen Gabriel Rießer, Eduard Lasker, Ludwig Bamberger genannt, ihr Ruhm ist von der Zeit noch in keiner Weise verdunkelt. Doch noch ein anderer Name reiht sich ihnen würdig an, ein Name, der einst zu den meistgenannten seiner Epoche gehörte, der noch in seinen Auswirkungen bis heute fortlebt: Doktor Mar Hirsch ist es, der Gründer der Hirsch-Dunckerschen Gewerk- Vereine, der Schöpfer unserer heutigen Sozialgesetzgebung. Am 39. Dezember sind hundert Jahre vergangen feit seinem Eintritt in das- Leben: fast dreißig Jahre hat er den irdischen Kampfplatz verlassen und ruht.in der Ehrenreihe des jüdischen Friebofs Berlin-Wcißensee. Aber sein Werk ist von Tauer und wird weiterleben und wachsen. 'Die Beurteilung seiner politischen Großtaten muß ich Berufeneren überlasten: sein Lebern an sich, sein Entwicklungsgang bietet aber des Interessanten genug. Einer wohlhabenden Kausmannssanulie in Halberstadt entstammend, besuchte Max Hirsch das Dvmgymnasium in Magdeburg, studierte in Tübingen, Heidelberg, Berlin die Rcchtsrmd - Staatswissenschast und promovierte summa cum laude. Zur Vervollständigung seiner Kenntnisse begann er dann ein mehrzahrrges Reisewbeu, Der Weg u:!>rte ihn durch ganz Deutschland, die Schweiz, Italien, Oesterreich, Frankreich, Belgien und Holland; daran 'schloß sich' ein 'längerer Ausenthatt in All gier. damals ein großes Unternehmen, da noch nicht Cook die Fahrkarten zusammensteüte und die Salondampser noch nicht Anschluß an die FD- Züge hatten. Das Resultat waren seine ersten größeren Schriften „Skizzen der volkswirtschaftlichen Zustände in Algeriers und „Reisen in das innere Algerien, die Kabylie und die Sahara'". Es folgte eine Zeit praktischer Arbeit in einem großen Leipziger Derlagshaus und dann die Uebernahme eines eigenen Verlages in Berlm sowie die Gründung der politischen Wochenschrift „Der Fortschritt". Bon nun an blieb Mar Hirsch, abgesehen von kürzeren studier:- und Erholungsreisen, dauernd in der Reichshauptstadt. Er verheiratete sich 1863 mit Agathe Finkelstein aus Leipzig und gewann in dieser intelligenten und liebens'.oürdigen Frau eine treue Lebens- und ArbesiRmueradm, die ihn bis an sein Lebensende als Sekretärin unterstützte. Nach gründlichem Studium der traurigen Lebensverhältnisie des Arbeiterstandes empfand Hirsch die Gewiffensausgabe, „die Organisation der deutschen Arbeiter a u f dem gegebenen Rechtsbvden im Sinne der freien Entwicklung zu übernehmen". Eine Reise durch England und Schottland galt der Orientierung über die dortigen, damals viel bester geordneten. Lebensbedingungen der Ar. beiter und der Prüfung ihrer Verwendbarkeit für deutsche Verhältnise. Die Frucht dieser Studien war der Plan der Gründung der „Gewerte weine" und deren Konstituierung „zur materiellen Entwicklung - und geistigen Hebung des ganzen Standes". ' 189,8 entstand diese Organisation, welche bald Verbreitung über, ganz Deutschland fand und .die Grundlage ’ unserer heutigen Sozialpolitik bildet. Anschließend gründete er Kranken-, Invaliden, und Altersversorgungskanen, errichtete durch die Eewerkvereine Schiedsgerichte und Einiaungsfiniter. 1869 war Mar Hirsch in dem Wahlkreis Plauen-SachsimM zum Parlamentsuntglied gewählt worden: 1677 wählte ihn der erste Berliner Wahlkreis in den Reichstag, den gleichen Wahlkreis vertrat 'er im Preußischen Abgeordnetenhaus. Er gehörte zur Deutschen Fortschrittspartei. — Dem Vereinsorgan. „Der Eewerkverein" diente er bis zu seinem Tode als Redakteur und Herausgeber. All diese riesige Tätigkeit erschöpfte aber nicht die Arbeitskraft dieses seltenen Mannes.' Er tat sich mit Freunden zur Gründung der Humboldt-Akademie zusammen, der Vorläuferin der beuriaen V o l ks h och sch u le n, die bald zu einem' wichrigen Faktor im Berliner Bll* dungsleben wurde und vielen Tausenden Kenntniste und Erhebung vermittelte. Er trat auss eifrigste für die Welt - Friedensbewegung ein und wurde Goschäfr-leiter. für Deursa-kand bei der Interparlamentarischen Friedenskomerenz. Bis ins hohe Alter führte Hirsch seine Arbeit fort, wußte cleichstrebende Mitarbeiter heranzuziehen, wirtte anseuernd aus die Jugend.- Er sah, daß ein Teil seines Lebenswerkes vom Staate übernommen und dadurch sichergestellt wurde, und durfte 'an dem Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung Deutschlands mittoirken.' Im Jahre 1905 schloß dieses aröeirsreiche und gesegnete Leben. Rach einer Aufbahrung in seinem ‘ „Gewert schaftshaus^ jührte ihn Pein letzter. Weg. zu.dem Ehrengrabe in Weißensee. -Tausende gaben ihm das Geleit. - J«Ja Magnus (Hamburg).

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