Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 53 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- Seite 537 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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537 Mo co SLÄSLsLALsclML Dh mnt WstÄrms foi „§M Lohn Rei. Tie Nationalsozialistische Deutschs Arbeiterpartei ist reich in Bersprechurrgen und arm an Erfolgen. Ihre Anhänger an den Universitäten aber sind tatenburftiger als die Führerschaft. Tie treiben im engen Rahmen ihres Wirkungskreises eigene Politik. Resolutionen genügen ihnen nicht mehr. Deshalb haben sie sich schon öfters vorgewagt, um den Universitütsbetrieb zu beeinflussen. Die Zahlreichen Demonstrationen und Skandale sind bekannt. Berlin hat fast in jedem Semester der letzten Zwei Jahre mindestens einmal PoliZei in seinem Umversitälsgobäude gesehen. Der Fall der Professoren Messing, Dehn und Gurübel ist durch das unermüdliche Treiben der Studentenschaft ]u einem wirklichen Fallen dieser Universitätslehrer geworden. Die Aktivität aber fordert neue Opfer. Jetzt ist der ordentliche Professor der Rechte Tr. Ernst E oh n in Breslau als Opfer ansenehen. An seinen wrffemchafnichen Dualitäten Zn Znoeifeln hat die Studentenschaft, wenn ihr überhaupt ein Recht Zur Kritik Zustände, keinen Anlaß. Nach einer hervorragenden Laufbahn ist dieser Mann in ringen Jahren durch das Vertrauen der uristnchen Fakultät;um ordentlichen Prozessor ernannt worden. Er ist auch kein „PstrrterbuchbeamterR Er heißt nur Eohn, und er ist ein jüdischer Deutscher. Das genügt, genüge Teile der Studentenschaft in Aufruhr zu bringen. Ihre Parteipresse schürt die Erregung, die bei manchem der randalierenden jungen Leute gewiß nicht eigenes tiefes Erlebnis ist. Man steht in der Menge, rnan läßt sich aufhetzen, so wie etwa nu Sornmer dieses Jahres die Beuthener Nationalsozialisten gegen das Potempa- Urteü bis zur Pogromhetze aufgestachelt wurden. Tie staatlichen Gewalten nahnren die selbstverständliche Haltung ein, die Wahrer des Rechts allein vertreten können. Alan hat sich in Leuthen der tobenden Menge nicht gefügt, und Kultusminister wie Rektor der Breslauer Universität beugten sich bisher auch in Breslau den Protesten und Demonstrationen nicht. Selbst die deutschnationale Studentenschaft rückte in einem Flugblatt von dem Straßenradau ab, wenn pe auch entsprechend ihrem antisemitischen Parteiprogramm gegen die Erhebung eines jüdischen Deutschen auf den Professorenstuhl protestierte. Inzwischen fommt Professor Tr. Eohn seiner Lehrpflicht nach. Tie Angriffswelle ebbt ab. Ta wird am 22. Dezember in die Privatwohnnng des Rektors durch die Fenster hindurch eine Masche mit stinkender Flü'sigkeit geschleudert. Ter bejahrte Rektor und seine Gattin fühlen sich selbst in ihre persönliche Sphäre hinein von feigen Schandouben verfolgt. Wenige Tage zuvor hatte die nationalsozialistische Landtagsfraktion eine große Anfrage an das Staatsmimstenum gerichtet und das Eintreten des Rektors Jüx seinen Freund Eohn" scharf angegriffen. Am 23. Dezember veröffentlicht die mit den Nationalsozialisten sympathisierende „Schlesische Zeitung* einen Artikel „Trotzki oder der Kaiser?". Sie greift Professor Cohn an, weil er sich zu eurer Umfrage der Berliner überparteilichen Zeitung „Dt. M. (Der Montag Morgen") geüusnrt har. So erlebt der durch das zermürbende, jedem kultivierten Menschen widerstrebende Stratzengeheul der Nationalsozialisten beeindruckte, durch die Anfrage der NS-Fraktioit verletzte urrd durch das Attentat verständlicherweise schwer erschütterte Rektor einen neuen Borstoß, und zwar von einem Blatte, dessen politischer Richtung zahlreiche Universitätsprofessoren nahestehen. Es ist nicht mehr die alle antisemitische Argumentation, gegen deren Durchsetzung der Rektor bisher Widerstand geleistet hat. Jetzt ist der Angriff auf das politische Gebiet hinübergetragen. Profestor Cohn habe seine Parteislagge gezeigt, indem er für den Kommunisten" Trotzki eingetreten sei. (Professor Cohn hat sich übrigens nie um Politik gekümmert, und er ist nie parteipolitisch hervorgeireten.) Als alles davon sprach, sich entrüstete oder belustigte, je nach politischem Temperament — vor allem aber: als sich daran die politische Räukesucht entzündete und Beteiligten und Unbeteiligten ein häßliches Schauspiel bot, da haben wir geschwiegen. Jetzt, da Schweigen eingetreten ist in der größeren Oesfentlichkeit, Hallen wir es für unsere Pflicht zu sprechen: es handelt sich um den Fall Düsterberg. Die Tatsachen sind so bekannt, daß eine Wiederholung sich fast erübrigt. Es hat sich heransgestellt, daß des Stahlhelmnihrers Düsterberg Großvater Jude gewesen ist. Tüsterberg soll es nicht gewußt haben. Die Entdeckung, die von den Nationalsozialisten Zu einer unerhörten Hetze gegen den verhaßten Nebenspieler ausgenutzt wurde, habe ihn so getroffen, daß er vorübergehend gesundheitlich niedergeworfen worden fei. So und ähnlich berichteten die ihm nahestehenden Blatter. Mit volllun Bewußtsein Haben wir uns in das kleinliche Für und Wider nicht eingemischt. Gleich fern lagen uns die nach so mancher Begebenheit vielleicht verständliche Geste der Schrdensreude wie die Haltung billigen Triumphes oder offener Feindseligkeit. Wir mieden die Sensation, weil wir ihrer weder zum Kamps noch zur Bestätigung längst gewußter Wahrheiten bedurften. Zwar wußten wir nicht, daß der Führer des Stahlhelm, der Präsidentschaftskandidat Düfterberg, jüdisches Blut in den Adern hataber nur wußten, das; so etwas möglich in, daß das große Staunen über die Entdeckung viel mehr einer blinden Voreingenommenheit als einer wahren Erkenntnis der Dinge entsprang. Worüber staunte »um? Darüber, daß ein deutscher Führer, ein Soldat sich pwtzlich als Iudcnstanrmling entpuppte. Ist so etwas Anlaß zum Staunen auch für uns? Kann uns so etwas dazu führen, euren Menschen als entehrt anzuselM oder ihn über stärkste Hemmnisse gefühlsmäßiger und reflektorischer Art hinweg mit einem „Und doch'/ weiter auzuerkeuuen? Kerns von beiden: in unseren Annen ist die Entdeckung zutiefst uninteressant. Interessant wird sie erst durch ihre beweisende bzw. widerlegende Rolle im Streit der Wir wissen nicht, ob Rektor und Senat den Wortlaut in der Zeitung „M. MR geprüft haben, ehe sie zu ihrem unverständlichen Ent'chtuß gekommen sind. Wir wißen auch nicht, ob bewährte Treiber hinter den Kulisien aus der Aeußerung Professor Cohns eine Staatsaktion gemacht und Rektor unb Senat zu dem verhängnisvollen Beschluß gedrängt haben, den sie — ein ungewöhnliches Verhallen — sofort der Presse übergaben. Er lautet: „Rektor und Senat halten es für ihre wichtigste Pflicht, die akademische Lehrfreiheit unbedingt zu schützen. Deshalb sind sie mit aller Entschiedenheit für die unbehinderte Lehrtätigkeit des Professors' Eohn eingetreten. Es wäre eine selbstverständliche Pflicht des Professors Eohn gewesen, unter den besonderen Verhältnissen unserer Universität alles zu vermeiden, was zu einer weiteren Verschärfung der Lage führen konnte. Leider hat Professor Eohn diese pflichtgemäße Zurückhaltung durch sein unnötiges Hervortreten irr einer umstrittenen politischen Frage vermissen lassen. Deshalb halten Rektor und Senat eine weitere Lehrtätigkeit des Professors Eohn an unserer schlesischen Universität im Interesse der Auf- Meinungen. llnb hier verdient vor allem die Stellungnahme des „Deutschen Volkstums" Beachtung, dem das Ringen um fernen Standpunkt sichtlich besonders schwer geworden ist. „D ü fl e r b e r g ist nicht v ö l l i g B l u t s d e u tf dj e t?" schreibt es. „A b e r er ist völlig Schicksalsdeutscher. Gott entscheidet durch das Blut, <nc entscheidet au ch durch das Schicksal. Wir nehmen diese Entscheidung an: Düsterberg ist ein Deutsch e x* Wir haben dieser Entscheidung nichts hinzu- - znsetzen. Mit ihr übernimmt das Deutsche Volkstum" nufere Auffassung von dem Wesen des Volkstums. Denn hier tut das Faktum der Bluts m i) ch u n g nichts zur Sache. Frage ist einzig und allein: Gibt es eine Instanz, höher als d i e Z u s a m m e n f c u n o des Blutes, d i e über die Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft entscheidet? Das „Deutsche Volkstum" antwortet, was wir nnmer geantwortet haben: „Ja! Schicksal und Wille!" Blag sein, daß im Falle Düsterberg, das Schicksal im Sinne des „Deutschen Volkstums" besonders eindeutig entschieden hat, weil ja das „Deutsche Volkstum" eine ganz merkwürdige und höchst gewaltsam einseitige Auffassung vom Wesen des deutschen Volkes hat, eine Auffassung, der Düsterbergs Schicksal in besonderem Maße entspricht. Es gibt andere Austanuik-gen vom deutschen Wesen, mehr minder „deutsch" und nicht minder echt; in sie schicksals- und willensmäßig lnuechzuwachscu, bedeutet nicht loeuiger Entscheidung für deutsche Voltszugehörigkeir als eine zufällige Hingabe an eure Dentjchheit des Militarismus und poütrfchen Konserruurvismus, die ganz bestimmt nicht den Namen der Deutschheit schlechrhin uecöient. Das ^Delltsilre VollsilmE, richtunggeEeud für einen großen Teil der nationalistischen Jugend, hat einen bedeutsamen Tchrüt vorwärts getan. Die Znkunst wird erweisen, ob es aus dem neu eroberten Platz stehenbleibt, auch wenn er ihm nicht mehr augenblicklichen Vorteil verbürgt. vr. E. R.-J. ♦ ♦ ♦ Jf4r*4 f UV* i