Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 53 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- Seite 534 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277939-2277992--07717-2288648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
534 Arbeit des E. ÜD.", \o sagt unni, .uvar unter den früheren Zaßäudeu berechtigt und richtig: aber sie ist falsch und unangebracht ge-rar dem. den uh so fragt mau.„ist cs nicht untragbare Selbstverleugnung, arn Gcdaaten auf Recht und Pflicht des deutsche!; Juden in Deutschland fcstzuhalteu, kann Vaterlandsliebe vom deutschen Juden noch erwartet, kann Hcünatrecht in Deutschland noch für ihn gefordert werden, wo mau ihn als Fremdling, Schädling und Wüstling brandmarkt, wo man ihm geradezu das Recht auf die Luft in Deutschland absprichrG Man darf dem Parlamentarier R. Peel bei» stimmen, wenn er sagt: „Das Recht, seine Meinung zu wechseln, ist eines der wichtigsten menschlichen Privilegien." Dieser Ausspruch hätte Anspruch auf Anerkennung auch im Falle unseres Problems, wenn es sich dabei lim Meinungen, um Ansichten über eine wandelbare Tagessrage handelte. Und der E. V. lM das Recht, sich selber als überholt und abgetan zu erklären, wenn er sich lediglich einer Tagespolitik, die im günstigen Nährboden ihre Begründung und ihre Voraussetzung hat, widmen wollte. Bei dieser Arbeit gehr es aber um die Berwirklichung einer weltanschaulichen Ueberzeugung, die ein 2iüd unseres Wesens und Grundlage unserer Lebensrichtung ist. Die Schwierigkeiten, die sich heute der Verwirklichung dieser .Lebensrichtung eutgegenstelleu, sind zwar ins Riesenhafte gewachsen; Ueberzengungen lasten sich aber nicht formen oder wandeln nach der jeweiligen mehr oder minder ungerechtfertigten Zeitströmung. Geht der Zwcckaedanke des G. V. auch auf Verwirklichung politischer Ansprüche aus und ist auch Politik die Gestaltung des Lebensramnes und .der Lebensöedinaungen, so ist für uns hierbei nicht nur von der äußeren Gestaltung der Lebensmöglichkeiten die Rede. Diese ist nur Ausdruck einer zugrunde liegenden Idee allgemeingültigen Rechts, zu dessen Wahrung wir ganz besonders berufen zu sein glauben, gerade weil es uns immer wieder versagt werden soll, und weil wir ans diese Weise aus dein Vorposten dieses Rechtskampses stehen. Wenn — nach einem Ansspruch des Aristoteles — das Recht die Ordnung der politischen Gemeinschaft ist, dann muß politische Ordnung und Gestaltung eine Lache des Rechts und der Gerechtigkeit sein. Die Idee dieses Rechts ist Grundlage, Ausgangs- und Endpunkt unserer Arbeit und ist unabhängig von jeweiligen Zeitöedingtheiten. Blag die Welt und die Grundlage Politischen Lebens in den -Köpfen fanatisierter Menschen von heute auch anders ans sehen, kein'Jude, dem es ernst ist mit den Grundwahrheiten eines sittlichen Weltbildes, und niemand, aus welchem Lager auch immer er stammt, wenn er nur Wahrheit als Wahrheit gelten 311 lassen bereit und fähig ist, wird die Richtigkeit dieser Rechts-,.ThcoriG lvstreiten. Untragbare Selbstverleugnung ist es deshalb nicht, wenn wir dm Verunglimpfungen zum Trotz Recht verlangen und Recht zu geben gewillt sind oder, anders ansgedrückt, die Anerkennung unsere? H e i m a t r e ch t s in Deutschland fordern und nicht auchörcu werden, sie zu fordern, wie wir den Zweifel an nuferer Vaterlandsliebe nicht aufhöreu werden als ungercchtsertigte Schmähung verächtlich zu jindeu. Aber Verleugnung unserer grundlegenden Ueberzeugung und deshalb Selbstverleugnung und Verrat an uns selber wäre es, wenn wir vor; der äußeren Läge, in die die Gehässigkeit der Gegner uns gebracht hat und die allerdings eine schwere Belastungsprobe für uns darstellt, uns bestimmen ließen. Recht in Unrecht zu verkehren und. aus der heutigen Zeitlage heraus das Preisgaben, was wir aus Ueberzeugung durch Jahrhunderte sestgehalten und erstrebt haben. Fehlt heute der Wille zum V e 1 ft ä n d n i s und zur Verständigung von draußen., so lau net mfere Forderung au uns 'selber „und da.h B . - ü ä n D i a t e i1!\ Wir dürien und sollen das Bewußtsein buben, daß wir uns mA einer rnllGu Ferber^^g an uns seiner nin;: bemannen. Demi mir nennen nichts nmeerbrenterueeiie geschenkt haben. Wir deutsche Juden haben ans deutschem. Baden wir anderthalb Jahr tat! senden durch Tenna.nne an allen Ausgaben und Leistungen der auf diesem Boden seßhaften Völker unser Anrecht auf die Heimat und die Anerkennung unserer Vaterlandsliebe verdient. Mai; wird es als ehrliebender Mensch schon überdrüssig, immer wieder daraus Hinweisen zu firnen, daß wir deutsche Juden gleich allen übrigen Mitbürgern jederzeit Gut und Blut für das Vaterland geopfert haben, daß wir Knust und Wissenschaft mitgeschassen und gepflegt, Handel und Gewerbe gefördert. Auf und Nieder der Geschichte des deutschen Volkes mitgetätigt und mitgetragen haben. Als Jude am Rhein, wo die ältestem Spuren jüdischen Schaffens unverwncht erhalten sind, muß man betünunert staunen über die Blindheit weiter Kreise, die den vaterländischen Geist in Reinzucht zu besitzen glauben und geschichtliche Tatsächlichkeiten nicht zn erkennen vermögen. Hier haben unsere Vorfahren durch Sprache und Sitte, die sie trotz Bedrückung und Vertreibung treuer sestgehalten haben als manche Auswanderer, deren Teutschtümlichkeit nnangesochten und unöezweifelt mar, und treuer sogar als Fürsten und Könige, den Beweis erbracht, daß sie gewillt und fähig waren, als Juden die deutsche Sendung zu erfassen und festzuhalten und das Schicksal des deutschen Volkes zu dem ihrigen zu machen. Auch wir sind — dies sei ausdrücklich erklärt — nicht gesonnen und sehen uns nicht gezwungen, bei unserer Forderung „und doch Beständigkeit!^ unser Judentum Preiszugeben. Die Erfüllung jüdischer Pflicht, die Gestattung unserer jüdischen Lebenswerte, die tätige Erhaltung jüdischer Gemeinschaft hindern uns nicht an vollwertiger Betätigung jeder staatsbürgerlichen Leistung, die der Staat von Gesinnung und Tat der Staatsbürger gerechterweise verlangen kann. In der Bereitschaft für die hingebungsvolle Mitarbeit an den vaterländischen Aufgaben brauchen wir aus dem Gründe, weck wir Juden sind, uns von keinem anderen über treffen zu lassen. Mit vorbildlichen Beispielen aus den verschiedensten Zeiten und Schichten können wir diese Auffassung belegen. Blau wird uns nur dann mangelhafter Vaterlandsliebe zeihen tönmen, uunm Engherzigkeit und Vorurteil, weuu rohe Gew'alt und Haß als höchste Güter und Pflichten der Vaterlaudsliene gelindert werden. D e r Z w e ck g e d a n k e des C. V. i st nicht falsch geworden, er hat noch immer seine Berocht igbng. Und gerade weil in unseren Tagen unter den Erscheinungen des Rückschlages, den unsere Lage in der Nachkriegszeit erfahren hat, tueite Kreise der deutschen Jndenheit in .Hoffnungslosigkeit zu versinken drohen, erwachst dem (5. V. eine Aufgabe, die ihm von keiner anderen Organisation abgenommen lverden kann. Der falschen und schädlichen Auffassung, als vb die judengegnerische Sturmflut, die über uns hereingcbrochen ist, eine Auslösung unserer Rechtslage und unserer Rechtsansprüche bedeute, muß in den eigenen Reihen mit allem Nachdruck cntgegengetreten tuerbeu. Unverantwortliche Selbsttäuschung wäre es zwar. die Größe der Gefahr zu leugnen. Biele Millionen Menschen stehen im Lager unserer Gegner, das eine nie erwartete Stärke gewonnen hat. Abernicht alle, die im Lager unserer Gcgncr stehen, sind unsere Gegner. Wärtswanliche Sorgen bestsmmen häufig die parteimäßige Ein- -U* " " - > G-;- B V >GA. w t'iui;\unu Friedhof in A; rmt iRlnnnhG'- n- Gen von nnnnnuintrit Tätcrn Pst vcrc (7>rabstci:77rrnrgesiüezt, <: n. Giw/NkrgDes A/biellstofcs wurve ci.'mit lPewalt aus Dem io s Den hcrarisgcrissen und urugcworfcn. -Die Gendarmerie hat die erforderlichen Ermittlungen mtfmiommen. Die Isrcwliiische Religionsgemeinde Osthofen hat auf die Ergreifung der Täter eine namhirfte Belohnung ausgesetzt. In Freu z bei D ü x e n im Rheinland mürben auf dem jüdischen Friedhof zwei Grabsteine Zerstört und mehrere Gräber beschädigt. Die eiserne (vi;tgangstür zum Friedhof wurde Zertrümmert. Da an dem Ort mir noch wenige jüdische Familien wohnen und der Friedhof selten ausgesucht wird, wurden die Zerstörungen, die schon im Oktober begangen fein dürften, erst jetzt bemerkt. stellung. Auch heute noch kann Aufklärung bei verautwortunasbew'nßten Menschen zur Besinnung und Mäßigung führen. Nicht unaufhaltsame Austönmg. sondern eine neue Auflockerung alter Zustände ist Bezeichnung unserer Lage. Ein Boden, der geschlossen scheinen durfte, ist ausgepslügt, zerrissen ist, was verbunden war. Vielleicht ist es — wie beim Bauer auf dem Feld — erster Anfang einer neuen Ernte. Jedenfalls entspricht es nicht jüdischer Geisteshaltung, verzagend sich, sein Hoffen und sein hi echt o.uszu geben. Die Son.derlage unseres deutschen Vaterlandes bringt cs auch mit sich, daß fall in jeder Gerteration Kampfe um neue Gestaltungen cmsznsechten sind; in den engen Grenzen Deutschlands stoßen sich eben Parteien, Gruppen. Lebens- und Weltanschauungen Lebhafter aneinander als in anderen Ländern. Darum vielleicht ist Deutschland gerade immer wieder vorn Annsemitismns geschüttelt. Bald ging der Kampf um Religion und bald um Regierungsformen, bald um allgemeine Kulturgüter, bald um An.sstiegssragen der Stände. Diesmal geht es um die Errungenschaften des letzten Jahrhunderts auf dem Gebiete des staatsbürgerlichen Rechtes. Deutschland ist hart genug heimgesucht von diesem inneren Kampf, von diesem Sturm, der' manchen Pflänzling früherer Jahrzehnte entwurzelt. Und wir Juden stehen als Zielscheibe da. Bequem hatten wir's nie und nirgends. Man kann es die Sendung des Martyriums nennen. Martyrium ist nicht ohnmächtiger Verzicht. sondern' Heldentum, Zeugenschaft des Glaubens. Warum wir immer wieder und auch diesmal Zicllcneibe sind? Vielleicht weil wir eine Minderheit sind; vielleicht weil nur als Inden eine alte, an vielen Zeitströmungen geschlissene geistige und religiöse Lebensform besitzen. die das Augenmerk ans sich zieht; vielleicht weil wir stark genug sind, den Anprall, der letztlich gar nicht uns gilt, anszuhalten; vielleicht weil wir erkennen sollen, daß wir nicht Deutsche sein sollen von Gnaden staatsbürgerlicher Unangefochtenheit, wie wir nicht Juden sein sollen von Antisemitismus' Gnaden. Wie die Krisis enden und an uns sich auswirken wird, weiß, man nicht. Der Judo verhalte sieh aber in kritischen Zeiten so, wie er nach Ueberwindung der Krise wünscht, sieb verhalten zu Hanert: „tmd doch Bcstäudigkeit'G