Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- Seite 529 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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S2-?>P:aA fhh'Ti rvv"v> i'yVv^'vv'V CL/vv:-/^ H H N EhlGÄ LWstsiÄstZ §Ä / L2I §?.D0 MLM3M.MWMLM Wer Eduard Bernstein einmal während der letzten Jahre in seiner stillen Wohnung in der Bozener Straße gegenüber sitzen dürste, wer ihn von Marx und Engels, von der heroischen Frühzeit des Sozialismus sprechen hörte, als ob die Erlebnisie, von denen er berichtete, sich gestern zugetragen hatten, der hatte das Erfühl: hier ist die Zeit stehengeblieben, dieser Mann ist über zeitliches Maß hinausgewachfeu zu einem Denkmal menschlicher Unverganglichwit. Nun ist er doch dem zeitlichen Gesetz erlegen und von .uns gegangen. Er stand kurz vor Vollendung seines dreiundachtzigsten Lebensjahres. Eduard Bernsteins umfassende und gerechte Würdigung zu schreiben, darf denen überlangen bleiben, deren Aufgabengebiet sich mit der Hauptarbeit'seines Lebens deckt, seinen sozialistischen Kampfgenoffen. Uns liegt e3 ob, die Linien nachzuziehen, die Eduard Bernsteins, des Juden, Entwicklung vezeichnen. Sie sind in dem mächtigen und eindrucksvollen Gesamtbild seines Lebens nur spärlich vorhanden, und doch stellen sie Linen Wandel von starker, symptomatischer Wichtigkeit und unmittelbarster Gegeimxncksbedeutung dar. Der Verstorbene stammt aus den Kreisen des -Berliner jüdischen Kleinbürgertums, dessen Bindungen an das Judentum hinter dem starken, politisch-demokratischen Jutereffe der Zeit zurückgetreten waren. Sein Vater war Lokomotivführer, fein Onkel, Aron Bernstein, Redakteur der bürgerlichradikalen „Berliner -Bolkszeitung". Dieselbe Linksschwenkung, die Eduard Bernstein gegenüber den Politischen Ansichten seiner Familie vollzog, indenr er sich der sozialisii'cheu Bewegung an schloß, nahm er auch aus jüdischem Gebiete vor: er löste die restlichen Bindungen an die jüdische Gemeinschaft, indem er im Jahre 1877 der Aufforderung seiner Partei zum Kirche:un:stritt Folge leistete. So wurde Eduard Bernstein in einer Zeit, in der die Sozialdemokratische Partei ihre radikale Frühepochedurchwachte, in allzu wörtlicher Durchführung ihrer Parolen zum „roten Asäunlanten'st Genau so selbstrerständlich, genau so theoretisch genau so kurzsichtig, wie heute der KommunisnruZ seine Opfer fordert, forderte sie damals die Sozialdemokratie. Und genau so schnell wird heute wie damals die Scheinkonsequeuz dieses Schein radikalismus offenbar werden. Im Falle Eduard Bernsteins offenbarte sie sich unter dem in mehr als einer Beziehung aufschlußreichen Druck der Kriegsjahre. Es war nicht der einzige Bruch mit dem Radikalismus, den Bernstein vollziehen mußte. Um die Wende des Jahrhunderts harte er in seinem Hauptwerk „Tie Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie^ die Auseinandersetzung mit der materialistischen Geschichtsaussaffung ausgenommen, die die Grundlegung für die vonihm begründete neue Richtung des Revisionismus bildete. Auch sie war eine Absage an die radikale Verelendungs- und Revolutionstheorie des ursprünglichen Lehrgebäudes, dem er die Lehre vom allmählichen, reformatorischen Hineinwachsen in eine neue sozialpolitisch bestimmte Eniwicktungsphase der Wirtsch-aw entgegenstellte. Ebenso wie er hier unter Len starken Eindrücken der TatsachenwelL, die er besonders in England empfing, den Aus einander fall zwischen Wircktichkeit und Theorie in einer historischen Leistung bewies, setzte sich in ihm auch die Erkenntnis durch, daß er mit der Tat> sache des Kirchenaustritts dis auch in ihm nicht zur Ruhe gebrachte Judenfrage ihrer Lösimg nicht angenähsrt hatte. Im Jahre 1917 nahnr er sich zum erstsuma! des jüdischen Problems in einer längeren Abhandlung „Von den Aufgaben der Juden im Weltkriege" an. Von einem sehr bewußt jüdischen Standpunkte aus stellt er es darin als Die Mission der Juden dar, ihre natürliche Stellung zwischen den Völkern zu einer geistigen Vermittlerrolle im Dienste des DölkerfrieLsnZ nutzbar zu machen.' Gleich weit entfernt vom Zionismus wie von einem gesinnungslosen Assimilantentum, verficht er die Gleichberechtigung nnb gleichzeitige Betätigung des „Landes-, des Stammes- und des weltbürgerlichen Patriotismus G Diese Schrift, an der außerordentlich vieles auch heute noch und sogar gerade heute wieder ernster Beachtung wert wäre, bildete nur eine Etappe auf Eduard Bernsteins Weg zurück zum Judentum. Sein tätiges Interesse ist seither nicht mehr erlahmt, sondern in dauernder Förderung jüdischer Ziele, insbesondere der sozialistischen Pstckästiua-Arbeit zum Ausdruck gefeilt» men. Dabei hat er feine im Grundsätzlichen ablehnend^ Haltung gegenüber dem Zionismus, in denen Westeuropa!scher Abart er einen Rückschritt in überwundene Epochen der Bölkergeschichte sah, nicht ausgegeben. Die jüdischsozialistische Arbeit war es, die ihn anzog. Daß er sich der Wirkung solcher Anziehung in echter Erkenntnis menschlicher Eigengesehlichkeir nicht entzog, sondern weitgehende Schlüffe daraus zog. legt für die überlegene, reise Persönlichkeit des Verstorbenen schönstes Zeugnis ab. Er ließ sich von den in ihm erspürten Kraftströmen tragen und war nicht zu eigensinnig und nicht zu stolz, im Atter zu erklären, daß er den Austritt a u s d e m I u d e n t u m nicht voll z o gen hätte, wenn er dis Ent - w i d l u n g vorn u s g e a h n t hätte. Eduard Bernsteins deutsch-jüdisches Schicksal ist geeignet, uns in Ausruhr oder tu innere Beruhigung zu versetzen, je nachdem wir seine deutsche oder seine jüdische Seite betrachten. In Aufruhr versetzt uns die Erkenntnis, wie weit wir von einer Zeit entsernt sind, in der ein Jude eine neue Richtung in mutiger, entschiedener Abkehr Vvn der alten begründen durfte, ohne von vornherein die Richtung und die größere Gesamtheit, der er diente, damit zu diffamieren. Tie Seltstverständlichkeit, mir der der jüdische Sozialdemokrat Bernstein arbeitete, führte und . sich bekannte, scheint einer paradiesischen Epoche im Vergleich mit der heutigen anzugehören. Sein jüdisches Schicksal aber gibt Ruhe und Gewißheit: auch der echteste und strengste Sozialismus vermag jüdische Lobenswerte nicht auf die Dauer zu üoerronen und zu ersetzen. Je reifer der Mensch aus der Schule der Wirtlichkeit hervorgeht, um so stärker vertieft sich in ihm die Erkenntnis, Daß .zur Erfüllung einer vollkommeneren Zukunft aus keinen Kraftstrom verzichtet werden darf, und daß der jüdische der unentbehrlichsten einer ist. cn M ö q E2:;;n Von Josef Levi (Mannheim). Im Anschluß an unsere kritische Würdigung der Erösmungsveranstalturtg der Freien jüdischen VolL-Lrchfchulü Berlin (E. B. - Zeitung" Nr. 45 d. I.). „Alte und neue jüdische Musikll führen wirbln dam nachstehenden Aussatz eines jungen Musikers die Besdrechung dieses kulturell wichtigen Themas ein stückt Wecker. D.Red. Ist ein Gegenstand nicht vorhanden oder in einer reinen Erscheinungsform nicht klar zu ^erweisen,^ so wird die Frage nach seiner Existenz berechtigt. Ich kann im Grunde für das Vorhandensein einer jüdischen Musik eine unbedingte Notwendigkeit nicht erkennen; denn nicht die Herkunft, sondern der Wert, den eine^Munk für die Menschheit hat, bleibt das entscheidende Kriterium. Mißt man dennoch der HerkunfLsfrage eine oewisft Bedeutung bei, so verliert sie an Gewicht, wenn man jenem dunklen, mit Herkunft v i e l l e i ch t zu bezeichnenden Wunschbild eine exakte Formulierung zu geben versucht. Jeder Derartige Versuch muß mißglücken, weil er nicht aus der Munk selbst abzuleiten ist, und weil eine Betrachtung notwendig wird, die wir heute ihrer inhaltserklärenden Form wegen aölehnen muffen. Die Einheit eines Volkscharakters ist nur bei bodenständiger Beheimatung möglich. So verhinderte das Leben der Juden in der Diaspora^ das Zustandekommen eines einheitlichen jüdischen Gepräges. Kann es angesichts dieser Andeutung noch wundernehmen, wenn eine jüdische Mußt in Zweifel gezogen wird? Jüdische Musik wäre auf Grund des Vorher-: gesagten nur von gemeinverständlichen und eindeutigen Vollszügen aus denkbar. Gemeinverständliche und ^eindeutige Volkszüge aber existieren nicht, streng genommen, 'können auch die Weisen der Orientjuden nur für diese gelten und nicht als Gemeingut der Juden schlechthin angesehen werden. Die orientalischen Völkerschaften bedienen sich eines überaus fein differenzierten Tonsystems. Die Uebertraguug ihrer Weisen in unsere Notenschrift ergibt über den Klang dieser Gesänge so gut wie keine Klarheit. Danach können die Weisen der orientalischen Juden sowohl angesichts unserer heimischen Musikvraris, als auch wegen ihrer heimatlichen Bindungen verschiedenster Art nicht Material für eine als solche eindeutig erkennbare jüdische Musik sein. Ter Verwendung ostjüdischen Melodiegutes steht praktisch nichts im Wege.^ Was berauskommt, ist leider auch keine jüdi-che Munk, sondern Munk schlechthin, die zufällig ostjüdische Musik Verwender. Wenn Puccmi in seinen Werken zuweilen chinesische Motive zitiert, so schafft er damit keine chinesische