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Central-Verein-Zeitung · 1932-12-23 · 52 (23.12.1932) · p. Seite 530

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
52 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
Seite 530 (sequence 10)
Language
German
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530 Musik, sondern bleibt Italiener. Die Der- Wendung einer ihm artfremden Melodik dient illusionistischen Zwecken. Eine letzte Möglichkeit, jüdische Musik schaffen zu können, scheint in der Verwendung traditioneller Synagogenweisen zu liegen. tierunter find mündlich überlieferte zu ver- . chen. Der Sinn auch dieses Verfahrens kann nach dem Dorhergesagten nicht sein, eine jüdische Musik zu schaffen. Lediglich eine den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft entgegenkommende und zweckentsprechende Mufik ist das Resultat und der Sinn dieses Verfahrens. Ich selbst habe es in einer Spielrnufik für dreistimmigen Streicherchor angewandt, indem ich die Schewuoth-Wei.se im Verlauf des Werkes durchgeführt habe. Ich rede mir aber nicht ein, jüdische Musik geschrieben Zu haben, weil eine synaHvgale Melodie ohne liturgische Bezogenheit ihren Sinn verliert, sondern ich wollte durch die Benutzung besagter Weise andeuten, daß dies Werk eine „Gemeinschastsmusik" zum Gebrauche bei jüdischen Veranstaltungen sein soll. Es hat an sich für dieses Werk keine Bedeutung, ob es Misch empfunden wird oder nicht, nachdem ich etwas Derartiges nicht voraussetzte. Zudem kann man das Verwenden jüdischen Melodiegutes immer dann billigen, wenn das Kunstwerk als künstlerische Form keinen Schaden daran nimmt. Tie Musik eines Juden kann nach alledem nur insofern jüdisch wirken, als es möglich ist, vorhandene Erbanlagen herauszuhören. Ob diese vom Andersgläubigen überhaupt verspürt werden, steht dahin und — hören wir selbst sie denn aus den Werken der Meyerbeer, Mendelssohn und anderer heraus? Meine Zweifel hierüber kann ich mit gutem Recht auf eine Arbeit Profeffor Jdelsohns „Der Anteil der Juden an der Mufik" stützen. Was man nicht heraus Hort, das'soll man nicht hinein- Horen wollen, weil man es gern wahr hätte! Was die Mufik nicht willig darbietet, dem sollten wir nicht weiter nachjagern Wahrscheinlich aber wäre, daß eine eigenjüdische Musik einmal wieder aus Palästina kommen kann, falls es gelingen sollte, dort eine jüdisch-produktive Gemeinschaft aufzubauen. Diese Wahrscheinlichkeit aber kann uns das Geständnis nur leichter machen: „Es gibt heute noch keine jüdische Musik, wie es eine deutsche oder ungarische Musik gibt." Dir verlassen diese Frage mit der Erkenntnis, daß BrDenständigkeit und ihre Nebenerscheinungen auch den Menschen und Künstler jüdischen Glaubens formen und feine Schaffensäußerungen maßgebend und wesenhaft bestimmen. So schreiben wir nicht nur für unsere kleine Gemeinschaft allein, sondern für die Welt. - II. ■ . - ' ■ Im Gegensatz zu dem Ziemlich unbestimm. ten Komplex „jüdische Musik" ist die Synaavgalmufi; ein sestumreißbarer Begriff; daher läßt sie sich der Eebrauchsmusi? in stilistischer Hinsicht ohne weiteres zuordnen. Gebrauchsmufik wurzelt in dem Zwecke, für den sie geschrieben wird, erweist sich als solche durch die Anwendung einer ihr gemäßen musikalischen Satztechnik und dient der Gemeinschaft, deren Bindung durch ihre Wirkung vertieft werden soll. Eine Belastung solcher Musik durch einen überlebten Willen zur Schaffung von „Ewigkeitswerten" wirkt ihrem Sinne entgegen und verbiegt sie in Richtung auf das konzertante Gebiet. Alle sakrale Musik muß danach Gebrauchsmusik sein, weil sie von dem Zweck bestimmt ist, alle in ßleidjer Weise anzugehen, nach Möglichkeit aktiv zu ihrer Darstellung heranzuziehen. Das Streben nach, innerer Wahrhaftigkeit bringt den Wunsch mit sich, die kultischen Aeußerungen auch der jüdischen Gemeinschaft durch angemesiene Musik zu vertiefen. Dieser Wunsch der schassenden jungen Musiker nötigt uns, der Gegenwart gegenüber eine positive Stellungnahme ab. Die synagogale Musik, der man heute noch allerorts begegnen kann, gehört ihrer H a l - tung nach der Vergangenheit an. Wenn e.ne Vergangenheit — in diesem Falle das 19. Jahrhundert — ihre lebensvollen Beziehungen zu uns verliert, so müßten wir notwendig von ihr abrücken. Dies soll nicht radikal, es kann vielmehr nur ganz allmählich geschehen. Tie jüdische Lage brachte es mit sich, daß die Epoche der Hochblüte deutscher Kirchenmusik jüdischerseits keinen wesentlichen NiÄerfchlag fand. Tie Palestrinazeit aber ist durch Salomone Rossi festgehalten.. Viele Werke diefis Künstlers könnten der Synagoge nutzbar gemacht werden. Die im 19. Jahrhundert ununterbrochen einfetzende Produktion synagogaler Werke mußte ein Kind ihrer Zeit sein. Nachdem die lebendige Kirchenmusikpraxis der Bach-Zeit verloren war, brachen als" unbedingte Folge davon*in alle Kirchenmusik, also auch in die Synagogalmustk, wesensfremde konzertante Elemente ein. Ein Bemühen um sachliche Einstellung zur Frage synagogaler Musik, verbietet an sich die Nennung einzelner Namen, nachdem sich mit ihnen eine vergangene Epoche verbindet. Wenn dennoch die Namen S u l z e r und Lewandowski hier erscheinen, so soll damit das historische Verdienst dieser Männer vollauf gewürdigt sein! III. MMm t:t C:i mt. Eine geistige Umorientierung hat sich vollzogen, deren Forderungen - sich natürlicherweise auch auf synagogal-musikalischem Gebiete geltend machen müssen. Ein Versuch, den ueagewachsenen Lebensstil auch in die Synagoge überzuführen. scheiterte bisher daran, daß es schwer war. eine geeignete Musik zu finden. Sie müßte so beschaffen sein, daß sie dem neuerwuchten Willenzur Vertiefung unserer kultischen Aeutzerung zum Siege verhelfen könnte. Voraussetzung hierfür ist aber, daß solche Musi? in allen Teilen, von der Komposition bis zur Ausführung, von Juden ausgeht. Ohne das Werk Proseyor Emanuel Kirschners (München) wäre eine Umorientierung nicht zu denken. Seine Materialgestaltuna wird maßgebend für eine Reihe junger schöpferischer Musiker. Sie verwenden freilich andere Mittel als er. So find es vor allem die Bestrebungen des Mannheimer Kantors Hugo Adler und die der Berliner Tr. Oskarv ©uttmann, Leo Kopf und Erich Walter Sternberg, die im - Verein mit denen des Münchener Komponisten Heinrich Schalir symptomatische Bedeutung haben. - . Die Genannten sind sich darüber klar, daß die Notwendigkeit einer Umgestaltung der synagogalen Gebrauchsmusik unumgänglich ist, und ihre Bemühungen, mögen sie von noch "o verschiedenen Gesichtspunkten aus eingesetzt haben, gipfeln vor allem in dem Bestreben nach größtmöglicher Einfachheit und Klarheit der musikalischen Faktur. Ihre Mupck vermeidet das Dekorative und gibt sich damit die Möglichkeit, zum Gottesdienst in. ursächliche Beziehung zu treten. Allem Mühen um innere W ah rha't sichert stellt sich aber ein falscher Traditiousbe^rich in den Weg. Er sollte an Hand des Folgenden nach Möglichkeit revidiert werden! Tradition ist dem Wortsinne nach nichts anderes als mündliche lieberl i e s e r u n g. In bezug auf jüdisches Musikgut fallen mit diesem Begriff nicht die üblichen Kompositionen, sondern nur die akustisch erhaltenen Weisen zusammen. .Sie sind durch das Ausschreiben zur wertvollen Quelle geworden,' der sich namentlich Hugo Adler 'in seinem „Aus- und Einheben der Thora" zu bedienen weiß. Wenn also kunstgerechte Kompositionen nicht in den Begriff „Tradition" einzuschließen sind, kann es ihn auch für diese nicht geben. Es hieße der Zeit und dem Be. griff Tradition* zuwiderhandeln, wollte man mit Gewalt einen vergangenen Musikstil aus reiner Gewohnheit für die Synagoge konservieren. Die Besprechung einzelner Werke wäre hier fehl am Ort. Dr. Hugo Leichtentritt hat dem Schatitschen Freitagabendgottesdienst bereits eine Würdigung angedeihen laßen, Hugo Adlers Werk hat der Verfasser in Nr. 10 des X. Jahrganges des „Mannheimer Gemeindeblattes" eingehend besprochen. Die Anerkennung seitens der Gemeinden wird für die Werke der jüngsten Epoche synagogaler Musik vielleicht noch lange auf sich warten lasten. Nachfolgendes Schiller-Wort aber wird unsere zielstrebigen jüdischen Komponisten von der Nichtigkeit ihrer Absichren eindeutig überzeugen: Leiste deinen Zeitgenosten aber was sie bedürfen, nicht, was sie loben!" Für hAmatgLschichtL örr deutschen Ju&zn Wie groß der Reichtum an wenig oder gar nicht bearbeiteten Gefäüchtsguellen und Literaturcrzsugrrisstn in Deutschland ist, zeigt aufs neue das soeben erschienene Doppelheft der „JrLtichrist für die Ocschichte der Juden in DerUrchLarrd" (Phiw- Verlag, Berlin W 15). Das Heft wird mit einer von Dr. Hann ah Arendt-Stern (Berlin) verfaßten, besonders beachtlichen gefchichisphilosophi scheu Abhandlung zur EmanzipaLionsgeschichte „Aufklärung und Judenfrage" eröffnet. Als wichtige Vorarbeit zu einer geplanten Gesamtgcschichte der Ju-den in der Schweiz kann der Beitrag von Professor Dr. M. Ginsburger (Straßburg) über Niederlassungen und wirtschaftliche Lage der Schweizer Juden unter der Regierung Kaiser Sigismunds (1411—1157) angesehen werden. Tie gründliche Arbeit über „Die hebräische Sprachwchenschast in Deutschland' im Zeitalter des Humanismus" von Dr. Otto Kluge (Berlin) wird mit einer ausführlichen Darstellung der Träger und Methoden des hebräischen Sprachunterrichts, vor allem an den deutschen llniversitäten beschienen. In die Epoche der Bemühungen um den innerdeutschen Religionsfrieden im 16. Jahrhundert fällt die Erneuerung der Privilegien Karls V. für die Judenschaft durch Kaiser Marimilian II. auf dem Reichstag zu Augsburg 1560. Rabbiner Dr. Mar Freuden thal (Nürnberg) hat zahlreiche, bisber unbekannt gebliebene Materialien und Urkunden zur Geschmus dieses Judenprivilegs zusammengetragen, lieber die Schwierigkeiten der Niederlasiung des ersten indischen Arztes in Fürth i,B. gegen Ende des llllsährigen Krieges berichtet Professor Tr. August Jegel (Nürnberg) in einem interesianten Aufsatz, betitelt ...Kampf um die Fürtber Judenavotbeke". Eine Spezialunterfuchung von Regierungsrat Dr. Bernl>ard W a ch - stein (WsiuA beschäftigt sich mit dem ..Statut der jüdischen Bevölkerung der Grüffchasi Wied-Runkel' <Hesien-Nanau). Die bekannte Renerscheinungsbibliograpbie („Die Juden in Deutschland") von Unir^rsitätsoberbibliotbekar Proiesior Tr. Heinrich Loewe (Berlins bildet den Abschluß des in jeder Beziehung gehaltvollen Heftes. E. G. L. Ernst Cshn-MrLNLv 50 Am 25. Dezember kann Dr. Ernst Cohn- Wiener, einer der führenden - Kunsthistoriker Berlins, seinen 50. Geburtstag und gleichzeitig sein Astähriges Dozentenjubiläum feiern. Wandte sich der junge Gelehrte der mittelalterlichen Kunst zu — er katalogisierte die KunstschMe des Elsaß —. so zog ian später die Kunst des Orients in ihren Bann. Mit Unterstützung der N o t g e m e i ii: f chaft de r dc u t s ch e n W rs f en s ch a f t unternahm Cohn-Wiener in den Jahren 192-1/25 mit feiner gelehrten Gattin eins Forschungsreise durch We st- T u r t e ft a n bis ükr die Greifen Chinas. Als erste .Europäer konnte das Ehepaar Cohn - Wiener dort wichtige Baudenkmäler des Islams ermitteln. Es folgte dann die Inventarisierung der russischen Kunstschstze in Moskau auf Veranlassung der russischen Regierung. Das vor kurzem erschienene Prachtwerk „Turkestanisckie Baudenkmäler" ist ein Beweis für den Erfolg dieser großen Reise. Seine anderen Bücher „A s i a", das ,F u n stg e w e r be des Ostens" und vor allein die „Sti lge s ch i ch t c" sind Zeugnisse seiner vielfältigen kunsthistorischen Studien. Aber der Schriftsteller Cohn-Wiener wird übertrofsen durch den Dozenten. In jaürzehnttlanaer Arl^it hat er. besonders zuletzt in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des D oz e n tc nkollrch u m s, mit u n ermüdlidKiu Eifer es verstanden, der von Map Hirsch gegründeter: Humboldt-Hochschule den Ruhm als

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