Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- Seite 526 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S2ö stimmt. EZ ist gewiß richtig, daß jedes Volk gewisse durchschnittliche, obwohl stark variable Eharakterzüge trägt, so daß man von einer geographischen Verteilung von VoltZch2ratteren oder von ihrer Verteilung in sozialen Schichten sprechen kann. Gleichzeitig sind die anatomischen Typen landschaftlich, oft auch sozial, verteilt, so daß die Bevölkerung eines Gebietes oder einer sozialen Klaffe durch ihren Typus und Geistescharakter charakterisiert Werden kann. Dieses, beweist aber keineswegs, daß der Körperbau den GeistescharakLer bestimmt. Eine solche Schlußfolgerung^ beruht auf einem grundlegenden logischen Irrtum. Um den Beweis Zu führen, müßte man zeigen, daß es einen notwendigen inneren Zusammenhang zwischen Körpersorm und Charakter gibt, der nicht nur für eine besonders Region gilt, sondern individuell überall, wo der Typus vorkömmt-und umgekehrt, daß der gleiche Charakter nicht vorkommt, weder individuell, noch - vollsmäßig, wo verschiedenartige. Typen leben. Außerdem müßten die Wegs des inneren Zusammenhanges zwischen Körpersorm und Charakter nachgewiesen'werden. Ich möchte den Trugschluß durch ein Beispiel erläutern, daß einem ganz anderen Gebiete entnommen ist. Jedes Land hat sein Klima, seine geologische Bodenbeschassenheit, seine Flora, die deskriptiv das Land charakterisieren. Trotzdem erklärt das Klima die geologischen Verhältnisse und erklären die geologischen Verhältniffe und Klima die Flora nur insofern, als innere Zusammenhänge vor- - Liegen. Tie Zusammensetzung der Flora hängt von der historischen Entwicklung der Pflanzenwelt der ganzen Erde ab. Um den Beweis ad absurdum zu führen, könnte man sagen, die afrikanischen Neger haben'lange Beine und starke musikalische Änlage. Folglich find langbeinige Menschen musikalisch. Was zu erweisen ist, wird so als erwiesen angenommen. Eine wissenschaftliche Lösung dieses Problems erfordert andere Methoden. Geistige Tätigkeit ist eine Funktion des Organismus. Wir haben gesehen, daß physiologische Funktionen unter wechselnden Verhältnissen stark variieren. Ist nun das Verhalten geistiger Funktionen anders gestaltet? Das Verhalten von Idioten und Genies beweist gewiß, daß biologische Bedingungen ihren Einfluß auf geistige Tätigkeiten ausüben, aber dieses Hai nur geringe Bedeutung beim Vergleich ganzer Wlkermengen, in denen die verschiedensten Körpertypen Vorkommen. Wir haben darauf hrugewiesen. daß dieselben physiologischen Funktionen bei den Menschenrassen mit verschiedener Häufigkeit Vorkommen, aber daß keine wesentlichen qualitativen Unterschiede nachweisbar sind. Man muß daher fragen, ob ähnliche Verhältnisse bei geistigenr Verhalten vvrliegen. Wäre es möglich, zwei Volksmassen verschiedenen Körperbaues unter genau den gleichen äußeren Lebensbedingungen zu beobachten, würde die Antwort leicht sein. Die Schwierigkeit liegt in der Unmöglichkeit, wirklich gleiche Bedingungen zu schaffen. Forscher weichen stark in ihren Meinungen darüber ab, was gleiche Bedingungen sind, und wir müssen uns daher dieser Frage zuwcnden. Wenn wir prüfen könnten, ob Völker derselben Abstammung unter verschiedenen Lebensverhältnissen ganz verschieden reagieren oder ob sie sich immer gleich bleiben, wäre viel gewonnen. Es scheint mir, daß geschichtliche Taten sehr für wesentliche Aenderungen im geistigen Verhalten von Völkern konstanter Abstammung sprechen. Die Ungebundenheir der Engländer zur Zeit Elisabeths steht im Gegensatz zu der Prüderie der Zeit Viktorias; der Wiking und der jetzige norwegische Bauer Das' biologische Forschungsergebnis Ich glaube, nach dem jetzigen Standpunkt unserer Kenntnisse darf man sagen, daß, während Individuen derselben Raffe sich biologisch stark unterscheiden, die biologischen, funktionellen Verschiedenheiten zwischen Rassen klein sind. Es liegt kein Grund vor zu behaupten, daß eine Rasse durch ihre Körperstruktur so viel intelligenter, willenskrästiger, stabiler sei als eine andere, daß dieser Unterschied die Kultur Die sozialen Rückwirkungen Naehdem der Kreis der naiurwissenschädlichen Methode ahgewan&ert ist, komme die soziologische an die Reihe. Boas zeigt am Beispiel gewisser Tiergesellschaften das Wesen der „geschlossenen" menschlichen Gesellschaft auf, die den Aussen siebenden als Todfeind an sehe. . Es gibt keine geschlossene Gesellschaft ohne Feindseligkeit gegen Nichtmitglieder. Ter Grad der Feindseligkeit hat im Lause der Kulturentwicklung wohl aögenommen, aber darum bestehen doch geschlossene Gesellschaften in unserer Mitte. Ter Adel war bis vor-kurzem, zum Teil vielleicht jetzt noch, eine solche. Patrizier und Plebejer in Rom, Griechen und Barbaren, die Rotten von Straßenjungen, Mohammedaner und Ungläubige, die modernen Nationen, in aufgeregten Zeiten die politischen Parteien, sind in diesem Sinne geschlossene Gesellschaften, die nicht ohne Feindseligkeit gegen außenstehende bestehen können, oder die wenigstens in allererster Linie die Wohlfahrt der eigenen Gesellschaft-im Augs haben. Tie Grundlagen der Vereinigungen sind außerordentlich Zusammenfassung Boas fasst seine Untersuchung folgendermaßen zusammen: Rasssnbewußtsein ist nicht in der biologischen. Menschennatur begründet, sondern ein Resultat von Kulturbedingungen und geographisch bestimmter Raffenverteilung. . Ter vollständige Mangel geschlechtlicher Antipathie, die schwache Entwicklung des RassenbLwußtseins in Gesellschaften, in denen Kinder verschiedener Rassen als eine gleichartige Gruppe gemeinsam aufwachsen; das Vorhandensein gleich starker Antipathien zwischen religiösen Bekenntnissen, oder zwischen sozialen Schichten, wie zwischen Patriziern und Plebejern, Lacedaemoniern und Heloten, ägyptischen Kasten, bei uns zwischen arm und reich, in Amerika nach dem Bürgerkriege zwischen Nord- und Südländern, b» rveiscn, daß es sich immer um soziale, nicht inn biologische Probleme handelt. Ich glaube, man darf eine Nutzanwendung aus diesen Betrachtungen ziehen. Für. jedes Gemeinwesen lauert eine Gefahr in der Bildung scharf geschlossener Gemeinschaften, weil diese unweigerlich heftige Antagonismen Hervorrufen. Tie Identifikation von Rasse und sind nicht dieselben Menschen; der Römer der Republik 'und sein verweichlichter Nachkomme der Kaiserzeit sind grundverschieden. wesentlich beeinflussen könnte. Besonders ist diese Annahme in dem ganzen europäisch-westasiatischen' Völkerkreise wissenschaftlich unzulässig. Es wurde oft gesagt, daß der verschiedene Charakter der Menschenrassen den verschiedenartigen Charakteren der Haustiere entspreche. Pudel und Dogge sind gewiß aus biologischen Gründen charakteristisch verschieden. Wir müssen aber im Auge behalten, daß reingezogene Haustierrassen nicht den Menschenrassen oder Bevölkerungen entsprechen, sondern durch Inzucht entwickelten Familieulinien, die integrierende Bestandteile der Bevölkerung bilden. verschieden, aber allen gemeinsam ^sind Verpflichtungen gegen Mitglieder der Gruppe, die gegen Außenstehende keine Gültigkeit haben. Rassenbewüßtsein und Rassenantipathie unterscheiden sich durch ein Merkmal von den Eigenheiten der oben erwähnten Gruppen. In .diesen gibt es kein äußeres Merkmal, das jedes Jrrdividuum kennzeichnet. Bei ausgesprochenem Unterschiede in den Körpermerkmalen sieht man jedem einzelnen ohne weiteres an, wohin er gehört. — -- Wenn wirklich Rassenantipathie im biologisch bestimmten menschlichen Wesen läge, würde sich das in geschlechtlicher Aversion äußern. Dieses ist aber nie der Fall gewesen. In Amerika finden wir zur Zeit der Sklaverei freien geschlechtlichen Verkehr 'der Sklavenbescher mit ihren Sklavinnen, mit der Folge, daß die Zahl der Vollblutneger sehr gering geworden ist. Ebenso beobachten wir dort eine fortschreitende Mischung zwischen Indianern und Weißen und größte Bereitwilligkeit, Indianer zu heiraten, wenn dadurch ökonomische Vorteile zu erreichen sind. Die große Zahl von europäischen Mischheiraten zwischen Christen und Juden, Nord- und Südeuropäern, West- und Osteuropäern brauchen kaum erwähnt zü werden, da es sich hier nur um verhältnismäßig geringe Typenverschicdenheiten handelt. Kultur beruht auf zwei grundlegenden Denkfehlern. Einmal werden die Beobachtungen über individuelle Erblichkeit auf Völkergruppen übertragen, ohne daß man bedenkt, daß jede Volksgruppe aus unendlich vielen, untereinander stark verschiedenen Erblinien besteht, die sich zudem in verschiedenen- Völkern wiederfinden. Ferner wird die geographische Verteilung verschiedener Kulturen-, die mehr oder weniger mit der Verteilung der Volkstypen zusammenfällt, als ein geistiger Ausdruck der Typen ausgesaßt, ohne daß der Versuch gemacht wird, einen inneren Zusammenhang nachzuweisen. Eine genaue Prüfung beweist, daß der Zusammenhang nur scheinbar ist, da dieselben Typen unter verschiedenen Verhältnissen auch verschiedenes Verhalten ausweisen, während verschiedene Typen unter gleichen Verhältnissen gleich reagieren. Tie Anpassungsfähigkeit verschiedener Typen an dieselben Kulturbediugungen darf meines Erachtens nach als ein Axiom ausgestellt werden. Das Verhalten eines Volkes wird nicht wesentlich durch seine biologische Abstammung bestimmt, sondern durch seine kulturelle Tradition. Tie Erkenntnis dieser Grundsätze wird der Welt und besonders Deutschland viele Schwierigkeiten ersparen.