Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-12-23 · 52 (23.12.1932) · p. Seite 525

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
52 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
Seite 525 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277991--07707-2288637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Firniss B-o&ss Basse oad IMJer Am 30. Juli 1031 hielt der berühmte Anthropologe Franz Boas, Professor an der üniversita^New York, bei Gelegenheit seines 50jährigen Doktorjubiläums einen Vortrag, der, wie die grosse Arbeit des Gelehrten, die seinen Namen bekannt machte, Rasse und Kultur4* benannt Ist. Nunmehr liegt das Referat im Drude (Gustav Fischer, Jena) vor und, auf wenigen Seiten meisterhaft zusa.mmengefasst, bildet es gleichsam das wissenschaftliche Bekenntnis des Gelehrten. Wir veröffentlichen nachstehend einige besonders bemerkenswerte Absätze: Biologische Elemente der RassengegensaSze Boas geht davon aus, dass in jüngster Zeit durch das enge Zusammenleben verschiedener Mcnschengruppen ein Rassen- Bewusstsein erweckt worden sei. Eine Untersuchung der Grundlagen dieser R&ssengegensätze, die sehr lohnend sei, müsse die rein biologisch bestimmten Elemente von den sozial bedingten trennen. Er fährt dann fort: GrnuMace für unsere Untersuchung ist eine scharfe Bestimmung des Begriffes Nasse. Wenn wir im gewöhnlichen Leben von einer Nasse sprechen, so meinen wir damit eine Menschsngruppe, die gewisse Körpermerkmale, vielleicht auch Geisteseigenschasi en gemeinsam hat. Die Europäer, mit Heller Hautfarbe, schlichtem eher gewelltem Haar und schmaler Nase sind scharf von den Negern mit dunkler Hautfarbe, spiraligem Haar und breiter, niedriger Nase geschieden. Der Unterschied zwischen Ostasiaten und Europäern ist nicht ganz so groß, weil hin und wieder Zwischensormen unter normalen Individuen beider Nassen Vorkommen, wie bei Europäern flaches Gesicht, straffes, schlvarzes Haar und usiüllschö Augei\jarnitn, oder umgekehrt europäer-ähnliche Typen bei Dlongoloiden. Bei Negern und Weißen dürfen wir daher in bezug auf die erwähnten Merkmale von erblichen Nasiermntagen sprechen. Bei Europäern mrd Mongoloiden ist der Unterschied nicht ganz so grundlegend, weil man einzelne Individuen finden kann, bei denen der Nasienunterschied nicht deutlich zutage tritt. Im germuen Sinne kann man in einem solchen Falle nicht von absolut gültigen Nassenmerkmalen sprechen . . . Wir sind geneigt zu vergessen, daß es sehr viele Individuen gibt, deren Erscheinung nicht mit dem Ideal übereinstmmst. Es würde ein kühnes Unterfangen sein, die Heimat eines Europäers nur nach seiner Körperform zu bestimmen. Es ist anzunehmen, daß gewöhnlich eine größere Zahl ähnlicher Formen in einem beschränkten Gebiete gefunden werden kann als in weit voneinander entfernten Gebieten, aber ähnliche Formen kommen in fast allen Teilen des Erdteils vor. Die Variationen der Körperformen in jedem beschränkten Gebiete sind so groß, und die mittleren Unterschiede so klein, daß die Varianten einander in ihrer Verteilung überkreuzem Es ist nicht gerechtfertigt. L priori anzunehmen, daß Individuen, die nicht in den ideell konstruierten Lokalchvns Hineinpassen, auf fremde Einwanderung zurüllzusühren sind, und nicht zu dem Lokaltypus gehören, denn es ist eine Grnndeigeuschaft aller Lokalformen, daß sie variieren — bei Tieren sowohl wie bei Menschen. Die Grenzen der Variabilität von Lokalformen homogener Abstammung im Gegensätze zu solchen heterogener Abstammung sind noch nicht genügend bekarmt. Bisherige Erfahrungen erlauben uns weder zu behaupten, daß Lokaltypen geringer Variabilität homogener Abstammung sind, noch daß stärker variable notwendigerweise heterogener Absiannnung sind . . . Die Verhältnisse liegen ganz anders, wenn man, statt von dem unklaren Rchsenbegrisi auszugehen. w-ahre Erblichkeit in Betracht zieht. d. h. wenn man Individuen nicht als Mitglieder einer Nasse, sondern einer Familie betrachtet. Raffenerölichkeit, genau gefaßt, bedeutet, daß die Mitglieder der Nahe gleiche Abstammung haben. Es muß einmal eine kleine Gruppe von Ahnen gleicher Körperformen gegeben haben, von denen die gegenwärtige Bevölkerung abstammt. Es ist nicht möglich, aus der jetzigen Bevölkerung eine solche Ahnengruppe zu rekonstruieren. Dagegen kann man Familienlinien durch einige Generationen verfolgen. In allen Fällen, in denen derartige Untersuchungen durchgeführt sind, zeigt es sich, daß die in einer Bevölkerung vertretenen Familienlinien stark variieren. In isolierten Gemeinden, in denen dieselben Familien Generationen hindurch untereinander geheiratet Haben, sind die Faunlien einander ähnlicher als in großen Mischungen Boas erörtert alsdann die Frage, welche Wirkungen Mischungen verschiedener Typen herrorrufen können, wobei er feststellt, dass gewisse Lander ihre grösste Blüte zur Zeit der grössten Mischung ihrer Bevölkerung erreicht hauen. Die wichtigste Frage, die wir beantworten müssen, ist, ob die Nachkommen stark verschiedener Eltern von verschiedener Abstammung weniger widerstandsfähig, weniger kräftig sind, als ihre Eltern. . . . Diese' Bemerkungen beziehen sich nicht auf Mischheiraken Zwischen Rasten, die bedeutendere Verschiedenheiten anfweisen als die europäisch-' wesiasiatifchen TMn untereinander. Es ist nicht leidst, wirklich überzeugende Daten über den Einfluß derartiger Mischehen auf Körperform. Gesundheit und Lebensenergie zu geben. Wenn man nur die anatomischen Formen und die ge- Die Auslese-Theorie Zur vielerörterten Auslese-Frage lasst Boas zusammen: Die Wichtigkeit der Auslese wird oft übertrieben. Gewiß werden manche Defekte erbmäßig übertragen, aber es ist kaum zu beweisen. daß eine ganze Bevölkerung durch Zunahme defektiver Familien degeneriert, wie das in den kleinen Jnzuchtgebieten vorkommt. Die sogenannten Degenerierten bestehen immer zum Teil an? den phvsifch Unbrauchbaren, znm Teil aber auch ans Gesunden, den Opfern äußerer Verhältnisse. Die gegenwärtige ökonomische Lage beweist, wie leicht vollkommen kompetente Menschen in äußerste Armut geraten töimcii und sich Tchwierigkeiten gegenüber finden. welche nur die geistig stärksten erfolgreich Die geistigen Funktionen Der Referent wendet sich der Betrachtung zu, ob Xvörperlorm oder Körperfunktion irgendwelche ausschlaggebenden Elemente der Rassenunterschiedliehkeiten ermitteln lassen, um sodann die geistigen Funktionen als Bevölkerungen. Auf Grund dieser Beobachtungen kann man sagen, daß jede Bevölkerung und jede Raste ans vielen Familienlinien verschiedener Körpersorm besteht. Manche dieser Famiiienlinien kommen auch in anderen Bevölkerungen vor, und je mehr dieses der Fall ist, um so weniger kann man von grundlegenden Rasseneigenschasten sprechen. Diese Verhältnis liegen in Europa so klar zutage, daß wir uns beim Studium der Rasientypen darauf beschränken mästen, die Häufigkeit gewisser Familienlinien in ihrer geographischen und sozialen Verbreitung zu untersuchen. Die Verschiedenheiten zwischen den Familienlinien innerhalb einer Bevölkerung sind viel größer als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den ganzen Bevölkerungen, die noch immer zu oft zur Charakterisierung eines Typus gebraucht werden. sundheitlichen Verhältnisse von Mischvölkern in Betracht zieht, scheint es nicht, als ob die Mischung schädliche Einflüsie zeitigte, weder rn der ersten, noch in späteren Generationen. Die Mestizen, Nachkommen von Europäern und Indianern, sind größer und kinderreicher als die reinölütigen Indianer. Die sind sogar größer als beide Elternrasten. Eine größere Zahl der Kinder überlebt das Kindesalter. Die Bastarde in Südafrika, Rachkvmuwn von Holländern und Hottentotten, unv, die Halbblutmalaien von Krsar stehen im Durchschnitt anatomisch zwischen ihren Elternrasten und weisen keine Anzeichen von Degeneration am. Tie Völker des Sudan, Mischungen von Mittelmeervötkern und Negern, haben sich stets durch große Energie ausgezeichnet. Im östlichen Rußland darf man wohl einen beträchtlichen Einschlag asiatischen Blutes an nehmen. Auch die biologischen Verhältnisse unter den Mulatten Nordamerikas deuten nicht zwingend auf schädliche Einflüsie der Rastenmischung hin. weder in bezug auf anatomische Forin itodj auf physiologische Funktion. überwinden können. Ebensowenig gerechtfertigt ist die Behauptung. daß Krieg zwischen Nationen oder sozialen Klaffen ein Auslesevorgang ist, der für den Fortschritt der Menschheit unentbehrlich ist. Rein biologisch betrachtet ist das Endresultat moderner Kriege die Vernichtung der gesundesten Volkskräfte. Krieg vermehrt die verheerendsten Krankheiten. wie Tuberkulose und Seschtechtskrankheiten, und er schwächt die Heranwachsende Jugend. Wohl löst Krieg die gefühlsgebundene Energie der Masten aus, aber die Geschichte beweist, daß andere Kräfte die gleiche Wirkung ausüben können. Tie religiösen Bewegungen des Mittelalters; die Phantastische Gewinnsucht der Goldsieberjahre Amerikas und Australiens: die fanatische Hingabe der jetzigen russischen Jugend an ihre Ideale sind Beweis genug. Grundlage derartiger Voraussetzungen zu untersuchen: In den letzten Jahrzehnten hat sich eine ungeheure Literatur über die geistigen 'Anlagen der Völker angehäuft. Die blonden Nordeuropäer, Lüdiraliener. Juden, Neger, Indianer, Chinesen find beschrieben worden, als seien ihre Geisteseigenschafton biologisch be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.