Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- Seite 522 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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522 nur das heilige Gesetz, und ein Judentum außerhalb oder oberhalb des Glaubens würden sie nicht begriffen haben. Wir hören aus ihrem Munde und aus den Psalmen dieser Zeit nur Klagen über die Entweihung des Heiligtums, über die Schändung der Religion, und der Tieg wird gefeiert im Tempel *u Jerusalem als religiöses Fest. Tas Foff stihrt auch nicht den Namen der Makkabäer, sondern heißt Chanukka, die Reinigung des Tempels von allem Heidnisch-Sinnlichen, die Nenweihe, d e r T r i u m p h G o t t e s. In den Gebeten des Festes weiden die Hasmonäer — das ist der eigentliche Name der Malta-- oäer — nur nebenbei erwähnt. Tas ist echt jüdisch. Die Person ist gar nichts, die Sache-alles. Aller Tieg ist Gottessieg, der der Quell aller Größe ist. Tie heilige Idee nur verleiht wahres Heldentum. Tas Heldentum der Makkabäer ist ein stilles, religiöses Heldentum, und dieses Heldentum ist später nach Verlust des jüdischen Ttaates, wo alles Jüdische den Weg der Verinnerlichung und Vertiefung nahm, zum jüdischen Heldentum geworden. Was die Juden in ihrer langen Leidensgeschichte erhalten hat, was sie alles überwinden ließ, das war die starke, schlichte Religiosität, frei von aller Politik. Tas Leben und Sterben für die Wahrheit wurde mehr zum ethischen Ziel ausgebildet, und das Martyrium wurde bestrahlt durch den Glauben an die Menschlichkeiksidee, durch das Hoffen auf den Fortschritt, auf die Erlösung der Menschheit von Finsternis und Wahn, von Han und Jciedrigkeit. Und darin sind sie beispielgebend für die Menschheit geworden. Tas Martyrium der Wahrheit ist das Höchste in der Ethik der Völker geworden. Und auch im Ghetto lebte das jüdische Heldentum als stilles Heldentum. Tie Erhaltung der Reinheit des Familienlebens Mitten im Sumpfe der Sinnlichkeit, die Hochhaltung des Ideals mitten im groben Materialismus, die Rettung des reinen Glaubens mitten in einer Welt voller Aberglauben und Fanatismus — ist das nicht etwas Großes und Gewaltiges? Tie Väter, die sich durch die schwersten Schicksale durchrangen, um den Kindern eine bessere, freiere Zukunft zu schaffen, die Mütter, die Dem Haust poetischen Glanz gaben und vieles erduldeten, ohne ihren Beruf als Frauen und Mutter zu vergessen — das war stilles Heldentum. Wenn das Judentum im Kern gesund blieb und wenn die spätere Generation als volle freie Bürger mit ihren nichtjüdischen Genossen an allem Schönen und Großen teilnehmen dursten, so verdanken wir es diesem stillen, religiösen Heldentum. Und heute? Tragerl wir nicht schwer an unserem Schicksal? Leiden wir nicht durch Haß und Verkennung? Müssen wir nicht einen großen Teil unserer Kraft daran wenden. um Anschläge auf unsere Eriftcnz, unsere Ehre abzuwehren? Und uw anders sotten wir neue Kraft schöpfen, als aus dem Glauben an das Gute im Menschen, das doch endlich siegen wird? Wir kämpfen trotz aller trüben Zeiten der Gegenwart für Wahrheit und Gerechtigkeit. und wir nutzen damit nicht nur der jüdischen, sondern auch der menschlichen Gemeinschaft. Wir kämpfen für die Erhaltung des Judentums, weit wir glauben, daß es der Menschheit noch viel zu geben hat lind wber stets bereit, mit der deutschen und mit der menschlichen Gemeinschaft für Fortschritt und Sittlichkeit, für Wahrheit und Gerechtigkeit mit aller Kraft einzutreten. Tas ist eine jüdische und im besten Zinne nt oderne A u f g a b e, die uns von der Geschichte und der Zeit diktiert wird. Man hat Chanukka das Fest des Lichtes genannt. Mit Recht, denn nicht das Schwert, sondern das Licht hat den Maktabäerkrieg geführt, und das Licht hat über die Finsternis gesiegt. Tie Freude am Lichte, das Symbol geistiger Hoheit, war der Judenheit stets Kraft und Stütze. Und wir haben unser Licht nie engherzig anderen vorenthalten, wir haben es freudigen Herzens hergegeben für alle, die sich nach Kultur und Fortschritt sehnen. Möge "dieses Lichr auch unserer Zeit leuchten, daß die Menschen endlich erkennen, daß es ihr Beruf ist, namentlich in w schwerer Lage, einander zu verstehen und zu fördern. D i e M e n s ch h e i t k ct n n n u r d u r ch M enschlichkeit g e r e r t c t werden. Li ÄÄI n }4i Wj II BM Mm. Dt. 8. Mmn Chanukka ist ein Fest des Lichtes. Licht aber ist im Judentum ein Symbol der Thora, der Lehre. Auch die Thora wurde von den Syrern verfolgt, ihre Rollen wurden zerrissen und verbrannt, dem Sieg der Makkabäer verdankt auch die jüdische Lehre ihre Rettung. Kmnpf um die Selbstbehauptung ist seitdem 'das Schicksal der jüdischen Lehre geblieben! Tie Lehre ist ein ^evensetemont des Judentums. Im Lernen, Forschen und Tenken hat Graetz neben dem Leiden einen durchgehenden charakteristischen Zug der jüdischen Geschichte erkannt. Nichts ging unseren Vätern über ihre Lehre; ihr Leben haben sie preisgegeben, um ihre Lehre zu erhalten. Tie Gemeinden scheuten kein Spier, um dem Studium der religiösen Urkunden eine Stätte zu sichern, selbst tu Zeiten bitterer Not ließen sie das Erbe der Väter nicht verfallen. So haben unsere Vater in allem äußeren Elend sich ihre Geistigkeit bewahrt, so konnten sie, als die Stunde dazu gekommen war, mit bereiter Empfänglichkeit in das allgemeine SristcAeden eintreten. Es ist eine Tragik, daß sie von da au ihr eigenes Geisteserbe vernachlässigten, für die Aufgabe, welche es in der Neuzeit zu erfüllen hat, wenig Verständnis ausbrachteu. Tie Gleichberechtigung, nach der sie strebten, zeigt gerade an dieser Stelle eine klaffende Lücke; cher Staat, der an den Universitäten für alle Wissenszweige Lehrstühle, für alle Konfessionen theologische Fakultäten erhält, hat für jüdisches Gedankengut, für jüdische Religionswissenschaft keine Stelle. Statt einen langen Kamps auch um dieses Stück Gleichberechtigung zu führen, haben wir durch Selbsthilfe Ersatz zu schassen gesucht. In Breslau und in Berlin sind theologische Bildungsanstalten errichtet worden, die aus der Höhe der staatlichen Fakultäten stehen, die das geistige Erbe des Judentums verwalten und mehren sollten. Sie haben gewirkt, haben den Namen des deutschen Judentums weithin zu Ehren gebracht; es haben Männer von Weltruf an ihnen gearbeitet und unsterbliche Werke geschaffen — wie diese Institute sich aber erhielten, welch ein heroischer Kampf ständig geführt werden mußte, um sie nicht verkümmern zu lassen, darüber haben die deutschen Juden sich wenig Gedanken gemacht. Es ist nicht das erfreulichste Kapitel unserer Geschichte während der lehren hundert Jahre, das vom Daseinskampf der indischen Forschung und Lehre berichtet, aber es wußte doch von zäher Arbeit, von hart errungenen Fortschritten zu berichten, es gab sogar einmal eine schwache Hoffnung, daß auch dieses Gebiet seine befreienden Makkabäer finden könnte. Allein die letzten 20 Jahre mit ihren verhängnisvollen wirtschaftlichen Peripetien haben einK zu schwere Belastungsprobe gebracht, als daß die schwach fundierten Anstalten ihr hätten standhalten können. Sie haben lange und bart gekämpft, sehen sich aber schließlich am Ende ihrer Kraft. Sie wollen den Kampf nicht aufgcbcn, bedürfen aber des Rückhalts in den breiten Schichten der jüdischen Gemeinschaft, bedürfen des Bewußtseins, daß ihr Kampf Würdigung und Verständnis findet. Tie Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die 1872 in Berlin eröffnet wurde, hat einen neuen Weg zur Annäherung zwischen der wissenschaftlichen Arbeit und der "Gemeinde gesucht. Sie Veranstalter an einem der Chanukkatage, Montag, den 2 6. Dezember, vor mit iiiyS 11 Ul)r, in Berliner G e m e i n d e s yn a go g en (Linde n st r a ß e, R i) f e ft r a b e, Fasanenü r a b e, F r i e d e n s t e m p e l) einen „T a g der jüdischen Wissens ch a f t". Sie will die Berliner Judenbeit über ihre Arbeit, ihre Aufgaben und ihre Ziele unterrichten, sie will Freunde gewinnen, die für ihr Wirken Verständnis finden und es in weitere Kreise tragen. Es ist der Geist, der sich den Körper baut; die Jüdische Gemeinde soll sich denen bewußt werden, welcher Geist an der Arbeit ist, ihren Körper zu bauen. Er soll wie das Chanukka, licht leuchten, an Kraft und Helligkeit immer starker werden! Mmüchss Ehrengericht gegen den ßopiott 3n einer Stadt MittelfrankenZ gab ein Arzt ein zunächst neutrales Blatt heraus, das jedoch später, als er zur nationalsozialistischen Bewegung übertrat, zum Parteiwochenblatt um gewandelt wurde und seitdem regelmäßig ans der ersten Seite in großen Leitern die Schlagzeile: „Meidet jüdische Aerzte und Rechtsanwälte" trug. Auf Antrag jüdischer Aer.fte wurde gegen den Herausgeber des Blattes ein ehrengerrcynrches Verfahren eröffnet: er wurde vom ärztlichen Berufsgericht zn einer Geldstrafe von IM Reichsmark und' zum Ersatz der Kosten verurteilt. In den Nrteilsgrüudeu heißt cs: „Es bedarf keiner besonderen 'Ausführung, daß die Aufforderung, jüdische Aerzte zu meiden, für den jüdischen Arzt kränkend ist. namentlich, wenn di-est Aufforderung öffentlich crwlgt und wenn sie in einer Zeitung erfolgt, von deren Herausgeber in den Bezirken, 'in denen die Zeitung erscheint, allgemein bekannt ist, daß er Arzt ist. Es ist auch klar, daß biete Aufforderung gleichbedeutend ist mit einer Warnung, jüdische Aerzte zu nehmen, und daß manche der Leier zu dem Glauben kommen können, es werde vor den jüdischen Aerueu gewarnt, weil' diest als Aerzte minderwertig sind, weshalb das Publikum sich hüten soll, jüdische Aerztc zu nehmen, damit die Vanemeu keinen Schaden an ihrer Gesundheit und ihrem Geldbeutel erleiden. Es ist auch klar, daß manche Patienten sich durch die erwähnte Aufforderung abhalten lassen, einen jüdischen Arzt zu konsultieren, und zwar teils unmittelbar, teils mittelbar, indem sie Zurredestellung oder auch Terrorakte seitens Dritter befürchten . . A