Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 51 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- Seite 510 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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510 Schlagworfe der Zeit ■A »nt *1 *>* f? .r* /-*> cJLIiLMd d§r^:r:ZN mäßig" nicht von den Bilderbogen deZ „Illustrierten Beobachters" unterscheiden. Nur würde der geistig interessierte Tnrchschnittsdeutsche und der ausländische Freund deutschen Kulturlebens auf dem „jüdischen" Bilderbogen hervorragende und weltbekannte Förderer deutschen Ansehens finden und wiedererkennen, auf dem nationalsozialistischen bestenfalls weltbekannte —-Schreier! Charakteristisch für den Kurs, den die N^-TAP. jetzt steuern will, ist die Besetzung der Reichsorganifationsleitung, deren Führung Gregor Straffer niedergetegt hat. Ter neue Leiter, Tr. Robert Ley, hat sich iu Deutschland einen Namen gemacht. Er war Teilnehmer an dem feigen Kölner Ueberfall aus den soziaLdernokratischen Parteivorsitzen-- denWels. Wir kennen Ley seit sehr langer Zeit als den Konkurrenten desNürnbergerSerual« spezialisten Streicher; auch streiten sie um Sjoeckl-fKondschuhe | 27 eigene Filialen in allen grösseren dj-UMJ Lajj Stadien des Reiches den Vorrang in der Enthüllung von Ritualmorderw „Es gibt Menschen jüdischer Raffe, die aus ihrem Raffeninstinkt heraus fremdes Blut fremder- Menschen trinken müssen. Nicht wegen ihrer Religion_, aber durch ihr unharmonisches und chaotisches Blut find sie gezwungen, Menschenblut zu trinken." Als Dr. Robert Ley in seinem Westdeutschen Beobachter", Köln, vom 25. Juli 1931 das schrieb, fragte die „E. V.-Zeitung" den Reichstagspräsidenten, ob ein Geisteskranker im Reichstage sitze. Als Otto 'Lirasser die NSDAP, verließ, erteilten er und seine Freunde der Partei eine Absage, weil sie „Ritualmordspezialiften" als Führer dulde. In dem Abschiedsbrief Gregor Straffers sollen sich einige unzweideutige Bemerkungen über den Hauptmann R o e h m finden. Es konnte vielleicht als Beweis innerer Sicherheit und Kraft gedeutet werden, daß Hitler so stark belastete Persönlichkeiten zu Repräsentanten seiner Bewegung zu erheben lvagt. Dieser Schluß wäre verfehlt. Tie „sieghafte" Partei ist nicht mehr das einheitliche, für jeden Kamps gestählte Gebilde. Ter Allszug des Herrn ^traper wird die Partei gewiß nicht verwaisen lassen. Aber die SA. ist unruhig, lveit der Garant der sozialpolitischen Richtung auf „Urlaub" gegangen ist. Ein neuer Riß ist im Parteigebäude aufgebrwchen. Rur mit Blühe wird sich dieses Gobällde, das man heut mit starke;! Worten zusammenzuktammern sucht, in der gegenwärtigen Form noch länger halten. Starke Worte können Sprünge nrchr ansgleichen. Tus Purtesgebäude wird eines Tages bersten, weit in ihm allzu viele, nach den verschiedensten Richtungen strebende Menschen künstlich zusammengepreßt sind. Ten unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Anhängern kapitalistischer und primitiv-sozialistischer Weltanschauung 'wird auch diese Partei aus die Tauer nicht überbrücken können. Bietleicht wird in diesem Sinne 1933 das Jahr der Entscheidung für die NSDAP, sein. - Es Ware zu fragen, wo dieses Wort zuerst ausgetaucht ist. Alle Schlagwörter entstehen wenn man cs philosophisch ausdrücken will, aus dem dialektischen Prozeß. Sie entstehen, um' irgendeine Position im Kampf der Bleinuugen scharf zu umreißen und abzngrenzen. Das Schlagwerk vom Asphaltliberalismus entstand — sofern es durch seinen ersten Bestandteil geprägt wird — aus der Auseinandersetzung mit der Großstadt und mit dem Geist der Großstadt — entstand, um diesen Geist zu erklären aus der Trennung des Großstädters von der natürlichen Lebenswirklichkeit von Boden, Blut, Ringen mit den Elementen — feiner Emanzipation aus dem alten ewigen Kreislauf, der ausgerichtet wurde, als über öen ablausenden Wägern der Sintflut der Bogen des Frieden,s erschien. Wer wollte leugnen^ daß mit dem Begriff „Asphalt" sich die volle Realität einer solchen Trennung verbindet? Wir erleben in der Gegenwart einen merkwürdigen allgemeinen Aufbruch der Bevölkerung ans den asphalteneu Straßen. Tie Großstädte streuen sich selbst und ihre Menschen in zahllosen kleinen Behausungen von seltsamster Primitivität in das Land hinaus. Tie Menschen scheuen keine Arbeit, keine Unbequemlichkeit, um von den Etagen herunterzukommen und lebendige Erde wieder unter den Füßen zu fühlen. Die Kraft und Breite dieses Aufbruchs hat etwas von einer modernen Völkerwanderung an sich. Sie deutet auf Lebensinftinkte, die sich scheinbar gegen die typnche Lebensform des technischen Zeitalters Plötzlich auflehnen, da ihre Zeit gekommen ist. Aber was hat die Verkümmerung des Menschlichen im Abstrakten, Natursernen, wie sie am eindringlichsten von Eugen Dresel in seinem Buch „Weg aus den: Wirrsal" beschrieben worden ist, zu tun mit „Liberalismus"? Ist nicht auch dieser Ausbruch eine Freiheitsbewegung? Es wäre höchste Zeit, daß eimnal jemand das Wesen des Liberalismus wieder nach allen Seiten hin ktarstellre, nachdem man sich die überflüssige geistige Arbeit gemacht hat, dieses Wesen begrifflich so zu überschmieren, wie es in all den „antiliberalistischeu" Bemühungen geschehen ist. Was bedeutet insbesondere Asphattliberalisruus? Gero iß, der Großstädter wird durch den großen, mannigfaltigen und wandelreichen Leberts kreis, irr den; er sich bewegt. geistig bestimmt. Er hat vielerlei zu verstehen, sich in vielerlei Fremdes und Netles dauernd einzn- Nähten. Er hat in vieler', ihm zunächst freu:- den Erscheinungen das Wertvolle herausznsuchen. Durch diesen ständig auf ihn eindriugenden Anspruch kann er „relativiert" werden. Er kann zu einem Alles-Versteheu und Alles- Verzoihen kommen, bei dem er auch sich selbst alles verzeiht, das für ihn selbst Knochencrweichung und valllvsigkeit leimtet. Alter das braucht ja nicht zu geschehen. Elastizüät des Verstehens anderer ist durchaus vereinbar mit der Stählung des eigenen Willens und der eigenen Haltnng. Die Großstadt fordert auch in einem guten und positiver! Sinne den „liberalen" Menschen. Es ist furchtbar unpopulär, das auszusprechen, aber gerade darum muß es gesagt iverden. Sie demonstriert uns jeden Tag, daß wir nicht allein auf der'Welt sind — sie erzieht dazu. andere gelten zu lassen. Sie gibt Einblick in „all sorts and conditions of men". Sie stellt den Menschen in Gemeinschaften hinein: der Arbeit, der Politik, des Geisteslebens, die einander mannigfach überschneideu und die im Tempo des Lebens raschem Wandel unterliegen. 'Sie erzeugt den beweglichen, den „reizsamen", den elastischen Menschen, auch den „Intellektuellen". Alle diese Eigenschaften können durchaus positiv sein. Intellekt ist schließlich nicht gerade unbedingt ein Defekt oder eine Krantheit, trotzdem manche Leute sich das heute einreden lassen. Und nod) positiver wäre die Fähigkeit, aus diesem flutenden Vielerlei immer wieder das Sinnvolle und Zusammenhängende zu finden. Auch die Großstadt . kann — auch seelisch, nicht nur geistig — Reichtum schenken, dem, der sie zu bewältigen vermag. Tie Anklagen gegen sie können auch Geständnisse der Unzulänglichkeit der Schwäche, der Hilflosigkeit sein. Es ist nicht gesagt, daß es immer nur die Starken und Echten sind, die das Getümmel der Dinge sind Kräfte nicht aushalten. Auf diesem Schauplatz der unbegrenzten Möglichkeiten roächst also der „Asphaltliberalismus". Gemeint ist eine Betrachtungsweise und Haltung, die nicht mehr durch letzte Bindungen bestimmt ist. Also ein Erkennen, das, sich selbst überschätzende nicht mehr das Geheimnis im Grunde der Existenz sieht, ein Dun, in dem keine sinngebende Kraft von innen heraus mehr wirkt, sondern alles zweckhafte Anpaffung geworden ist, ein Urteilen, dem das feste Gerüst des Wertbewußtseins verlorengegangen ist, eine Haltung zu dem Nächsten, die ihn an Stelle der Verantwortung mit dem Eeltenlaffen absindet: Sehe jeder, wo er bleibe, sehe jeder, wie er's treibe und wer steht, daß er nicht falle. So wird das Leben selbst flach, dem Momentanen ausgeliesert, der Mensch atomisiert, sein Lebensziel die erfolgreiche Selbstbehauptung. Ist das Liberalismus? Wie wendig sind dock; Worte! Mit denselben Namen behängen sie das Entgegengesetzte. Ter echte Liberalismus sollte versuchen, das vieldeutige und aus alle Fälle unterwertige Fremdwort loszuwerden. Es entstellt ihn, wie wenn man sagt: keminin stattrvciblich oder maskulin statt wännlich. Liberalismus ist im Grunde die geschichtliche Kraft, die dem Menscheu das Eristenzmnümum für seine Würde. wir könne;; auch sagen: für seine Ehre sichert. Dadurch ist — positiv und negativ — sein Ziel bestiunnt. Cs ist höchste Zeit, daß wieder begriffen wird, wie notwendig die stete Wachsamkeit dieser Kraft ist — und wie groß die Gefahr, daß dieses Erister^minimum für die persönliche Würde in unseren; Volke verlorengeht. Alle Schichten mib Gruppen. die einmal in die Lage versetzt worden sind, um dieses Eristenzminimum für ihre Würde kämpfen zu müssen, haben oen Liberalismus — ihren eigenen Liberalismus — als eine ganz wurzelhafte Kraft, als eine sittliche Leidenschaft erlebt und wissen um ihn. Vielleicht unssen nur sie lvirklich um ihn: die Arbeitcr, die Frauen, die Juden. Honte sollte das ganze deutsche Volk um ihn wissen, das seit 1914 diesen KauPs mit der ganzen Welt um das Existenzminimum für seine Ehre hat käinpsen muffen, llnb es scheint mir immer