Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 50 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- Seite 504 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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'K)4 . bewahrten jüdischen Volkstums faum so : schnell Zu klären gewesen/' Tann spricht Fechter sehr ausführlich über Heinrich Heine. Und er tut es in wosentftlichen Punkten positiver, als ich es innerhalb ' einer deutschen Literaturgeschichte tun würde! 'Er spricht von deutsch-völkischer Gegnerschaft - gegen Heine und fährt fort: „Es ist nicht zu leugnen, daß -Heine vieles --gesagt, getan, geschrieben hat, was diese feindliche Haltung durchaus gerechtfertigt erscheinen läßt. Es ist ein kleines, aus seiner -Prosa rmd Lyrik eine Auswahl zusammenzustellen, die für das geschärfte Volksgesühl 'von heute schwer erträglich wäre. Auf der Zandern Seite bleibt bestehen, daß eben dieser Mensch das volkstümlichste Volkslied der Deutschen gedichtet, daß er * eine unserer populärsten Sagen, wenn, auch 'auf Grund der Dichtung eines anderen, so in das Bolksbewußtsein eingeseukt hat, daß sie, wie aus Urzeiten gekommen, ummsrott- ' bar darin lebt. Tie Lurleygestalt und „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" — U)Ct so etrvas sckzafseu konnte, hatte bei aller Fremdheit Beziehungen zum deutschen Volkstum, wie sie nur ein Dichter zu haben vermag. . . Die Lurley ist nur möglich aus jenen: - instinktiven Wissen, das man aus bloßer Einstellung heraus nie bekommen kann." Was Ludwig Börne betrifft, so liebt ' ihn Fechter vor allen Dingen um seiner begeisterten Rede aus Jean Paul willen: „In der Sprache der Bibel betrauerte ' dieser jüdische Mann den deutschesten unter den Dichtern seiner Jugend und zeigt damit das Problem der in unserer Sprache schreibenden Menschen seines Volks von der anderen Seite . . . Börne, weit schwächer an Talent als Heine und ebenso literarisch gestimmt wie er, witterte trotzdem die Schwächung, die sich aus diesem Wege für die eigene beste Kraft ergeben mußte, und suchte die Verbindung zum Allgemeinen aufrechtzuerhalten." Fechter ist durchaus nicht gewillt, den Menschen jüdischer Abkunst die Möglichkeit eines Einlebens in das deutsche Volk, das er meint, zu bestreiten. Und ebensowenig natürlich die Möglichkeit, aus diesem Erleben heraus volk- 'mäßig Starkes zu gestalten. (Wie ja Fechters ^enthusiastisches Bekenntnis zur Heineschen ALoreley" beweist.) Er bemerkt auch schon bei ckHeine und Börne, daß auch die in seinem -Sinne negative Wirkung des Jüdischen in -nationaler und internationaler Richtung doch für die Gesamtentwicklung des deutschen Geistes 'ihren Wert' habe, und er betont ausdrücklich, daß in diesem Sinne auch noch in der Nachkriegszeit die gleichen Kräfte „durchaus sinnvoll" gewirkt hätten. Freilich, mit einiger Sympathie spricht er des weiteren mm noch Don den Halbjudeu Heyse und Hofmaunsthal. - chTen letzteren ehrt er besonders wegen seiner -späten Rede über -.das Schrifttum als den --geistigen Raum der Nation".) Aber den Vvich- ‘ -figen jüdischen Erscheinungen um die Zeit der 'Jahrhundertwende spricht er im wesentlichen Schur diese negative Bedeutung zu. Erist für ' seinen Standpuulr sehr charakteristisch, wenn -er bei Arthur Schnitzler wie fei Jalob Wassermann nur dort Positives fragen will, wo sie /-ihr „jüdisches Volkstum" gestalten: und es ' rjd^infc mir ein Beispiel für die Irreleitung 'des Fechterschen Urteils durch den überspannten ftBolksbegriff zu sein, wenn er aus solchen: Brun de Schnitzlers langwieriger: und schwach geformten Roman „Ter Weg ins Freie" höher 'stellt als die doch kaum überhörb'are, tief lebendige Musik im ..Einsamen Weg". Aus einer -ähnlichen Voreingenommenheit stellt Fechter noch ganz zum Schluß des Buches Julius Lew in ' sehr positiv dem Alfred Döblin aeaenütxr, weil er „in seinem feinen Roman ,Zwoi und der liebe Gottmit sicherem Instinkt aui rein jüdisches Volkstum zurückgrftft. Aber hirr bezeugt doch schon der bedeutende Raun.;, der der Darstellung Döblins gnnidn.iet wird, das starke Gefu.st, das er von. eim gewöhn, ichcn Energie dieses Autors besiyr, der „einer der wenigen geborenen Grvßstädrer der Literatur" ist uiiö von dem es am Ende heißt: „Döblin ist trotzdem der wesentlichste Fall auf der Literaturseite — der, ans dem die Wendung zu einer Dichtung aus dem Bolksganzen und für das Volksganze sicher cinmn£ am interessantesten sich darstAckn mied, eben weil er von ganz entgegengesetzten Voraussetzungen ansgegangen unö doch ebenfalls zum Ergebnis dieser Notwendigkeit gekommen ist." Man sieht auch hier, daß Fechters lebendiges Gefühl meist stark genug ist, um einer vorgefaßten Meinung zu trotzen und sich am Ende mit seinem Urteil in der Nahe des künstlerisch Wahren einzufinden. Gewiß, die Ueberftmnmmg des völkischen Begriffs, der die kulturgeschichtlichen. Notwendigkeiten des Fremdeiuftuffes zuweilen leugnet, der die 'Men.schheitsgütcr, die a:w dem Nationalen herauszuenstvick em sind. c.:iv[\::c\i:q betont — diese IteOorfnannung zeigt a::.,; hier H;ve Eesabr. Es gior größere Beisriete dafür, als ich sie bei dem Ausschnitt, der vom Sinn. dieser Blätter geboten war, bringen konnte. (Das größte ist wohl eine alle selbstverständliche Hochachtung und Bewunderrrng immer wieder durchbrechmde Fremdheit und sogar Gegnerschaft Fechters zur Gestalt Goethes!) Aber trotzdem wird man erkennen, daß in diesem hervorragend lebensstarken, ununterbrochen fesselnden Buch die völkische Betrachtung eine Kulturhöhe erreicht hat. die eine Auseinandersetzung mit diesen Gedankengäugen erst möglich und fruchtbar macht. Eine Höhe, die auch für den Gegner das Positive solcher Gedankengäugo erkennen läßt und auf der zu verweilen für niemanden ohne Wert sein kann. Asm § Lion Feuchtwaugcr: „Der jüdische Krieg." PropyLäerr-Berlag, Bcrtirr 1932. Preis 5,— M. Es ist merkwürdig: die gewaltigsten Ereignisse der jüdischen Geschichte haben die wenigster: dichterischen Bearbeitungen in der Literatur gesunden. Die erschütternde Tragödie des Unterganges des jüdischen Volkes (um freilich eine Neugeüurt als religiös-ethische Gemeinschaft zu erfahren) ist dichterisch bis 'jetzt relativ/wenig behandelt worden. Den Juden lag das große Ereignis dem Herzen zu nah, den Christen zu fern. Das Geschichtliche mußte erst durch das psychologische Verstehen gehen, das düstere, seelenerdrückende Bild durch die Zeit eine Abklärung finden, um daraus ein großes Werk schaffen zu können. Lion Feuchtwanger, der mit seinem prächtigen „Jud Süß" vor einigen Jahren in den Meistersaal der Literatur einzog, war der Berufene, auch diesen Stoff voller Dissonanzen zu meistern und einen Roman von eigenartiger Schönheit zu gestalten. Die Achgabe lvar hier schwieriger als beim ,Lud Süß" — nicht nur hx der Zeit ferner, sondern auch schicksalhaft verwackelter, innerlich problematischer. Nur die Genialität des Herzens — eine spezifisch jüdische Eigenschaft — durste sich an diese lockende und erschreckende Ausgalv heramvagen. Ist hier der Dichter der Geschichte gerecht geworden? Ja, was ist Geschichte? Doch nur die Vergangenheit, wie sie sich in uns spiegelt, Ereignisse, deren Zusammenhang wir nur ahnen, ftihlen. Der Mitlebende ist zu sehr mit seinem Wesen daran beteiligt, um klar' zu sehen. Und der Nachlebende muß sich aus den Bausteinen nach eigener Architektur ein neues Gebäude zim- ' mern. Im Mittelpunkt des Romans steht Josephus Flavius, den Fcuchtwauger — vielleicht ein wenig zu modern — in „Doktor Joseph" verwandelt. Wer und was war Josephus in Wirklichkeit? In den alten jüdischer'. Quellen — Jossiphun genannt — kommt er sehr schlecht weg und auch die Historiker der Neuzeit Graetz, Dubnow und Haler» i behandeln rhu mit werug Svmvathie. War dieser Politiker, Geschichtsschreiber und Dichter ein übernationaler Held, der tiefer und weiter als seine Volksgenossen sah? War er ein Abenteurer und Strever mit heißem Geltungsdrang? Vielleicht alles da? und noch mehr zusammen. Feuchstoauger laßt den römischen General über ihn urteilen: „Mit dem Kopse ist er bei uns und mit dem Herzen bei ihnen. Man kann aber . nur eins sein." O nein, niemand von ums ist ein?. Vielleicht ist dieses das richtigste Wort über Joüphus. Was war Prinz Titus, der bei der gewaltigen Szerw des Temvelbrandes (in der attjüdischcn Literatur „Ghurdon" - Zerstörung genannt) eine so große Rolle spiel:? War er der edle MenMs. wie ihn die Römer innen? /bar er Gw Döse („Titas horoscho", der Böse, neun: ihn der Talmud), wie ihn die Inden nomnten? Wahrscheinlich etwas von beiden und doch nicht ganz: ein Mensch mit gutem Wollen und unzulänglichem Können, ein Mensch voller Widersprüche, Schwächen und Leiden schaßen. Beide Männer aber sind für den Historiker wie für deri Psychologen umgemein intereuante Gestalten, und es ist das gute Recht des Dichters, die Menschen so zu schildern, wie er sie seelisch empfindet. Feuchtwcmger läßt uns eine Epoche der jüdischen Geschichte von so gewaltiger Bedeutung mit einer Dynamik und einer Lebendigkeit wiederauserstehen, daß sie uns bis ins Innerste packt und erschüttert. Und dafür wollen wir ihm dankbar sein. Wir wollen ja heute nicht Geschickte ^aus einem Romane studieren, sondern etwas Besseres haben: eine Nachbildung der geschichtlichen Ereignisse in dichterischer Phantasie. Und Fer geschichtlich Denkende — nicht geschichtlich studierende — lieft den Roman mit tiefstem Verstehen, ja mit Andacht. Geschichtliche Bilder tauchen auf und nehmen uns gefangen, und manches erscheint uns, als wenn es heute wäre. Das große Seelische bleibt sich zu aller: Zeiten gleich, weil es etwas Ewiges ist, es nimmt nur immer neue Formen an. Die Schilderung der Städte, des Volkslebens, des zerfahrenen und gemeim/chaftlichen. die Kraft der Wiedergabe der Ereignisse, die schlichte, schöne Gestaltung der sichren den und geführten — auch verführten — Atouschen vereinigen sich hier zu einem Kunstwerk von dichterischem und daher dauernden: Wert. Gewiß ist es bedauerlich, daß der Dichter die alten hebräischen Duellen, wie es scheint, nicht kennt. Nicht, als wenn sie objektiv ein richtiges Bild geben (wer verlangt von den Der-. nichtetcn, daß sie.ihren Vernichtern gerecht werden?). aber psychologisch ist beispielLweise die Schilderung dos Ehurban ungemein interessant und sie hätte den Dichter beeinflußt. Vielleicht hätte er dann auch die Fchler der Juden milder gesehen. A'uch bei den hebräischen und aramäischen Wörtern nimmt der Dichter zu viel dichterische Freiheit für sich in Anspruch. Nt an hat nicht das Recht, nur wegen der phonetischen Schönheit falsche Wörter zu gebrauchen. Aber — der Laie merkt diese kleinen Schönheiwsehler gar ni-hr, und der Kenner übersieht sie gerrp in der Freude über das Ganze, über den großen Wurf, die mächtige Konzeption. Ja, gerade der Fmchunann weiß, wieviel Fleiß und Arbeit hier steckt. Und auch Genialität — die Torheit und Unwissenheit den Juden so gern abspricht. Rianche Partien dieses Buckes sind von dramaLisa-er Wucht und zündendem Leben. Bei den Schilderungen des Krieges ist der Leser in fieberbaiwr Spannung. Das innere und äußere Schicksal des Judentums lc-bt hier ans und wirkt erscijütiernd und erhebend zugleich — weit wir hier so viel Großes zerstört und so viel Großes erhalten und für immer forNeb-en sehen.