Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 48 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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»} Ki:D psfßsr Zu Max Kolleuschers gleichnamiger Schrift Folien.*'iier cert in dieser soeben in der Buchhandlung ‘uiiri All a ß, Berlin, (Preis 70 Pstnmve)" er;cl;icnen£n Schrift von der Betrachtung der he urigen Lage aus. . Jede ^enieTttT'o der nationalen Konzentration, so führt ex aul, n:ürc sich mit der Jndenfragc auseinandLi'crcn. Er erkennt wohl die Notwendigkeit an, die Angris'e gegen die Ehre des Judentums zu dekämpün, hält aber die heutige Tätigkeit einegroßen Teiles der Judeucheit für völlig ungenüg-tnd. Eine neue Rcakiiorr der Juden aus die veränderte Nmwe-t, Rücklchr zu den alten Grundsätzen jüdi'ckw Lehre und ^jüdischen Lebens sei notwendig. Früher sei es Heger gewesen. Tie jüdische Gemeinde der alten Zeit mit ihrer alles in der Juden bei! beherrschenden Stellung habe viel mehr W-irkfamkeir desesicn als die heutigen Gemeinden. Tie sogenannte Emanzipation der Juden habe die Judenheit aukgelöst. Nie hätten die Juden aus die Se-mnungsart der sie unngebenden Völker eingehen därftn. Tie Angleichung der Juden an tlm*n£)[f fs» ntrrr UnrlVirP nit£npFrfifrr/i<jrt ralismus und Sozwlwmus seien dem Judentum fremd. Eine Setöstbesreiung der Juden müs'e erfolgen, der Primat des Judentums müsie wiedergewonncn werden. Dazu U\ die jüdö'che Gemeinde berufen, die in erster Linie durch die jüdische Schule das Judentum zurückgcwinnen könne. Nach jüdischer Ansiwstung sei Thorastudirnn und schule wichtiger als Krankendsiege. Teksnbestattnng, Arrnenunierslühung und ctzrragoge. Lsas bedeutet Gleichberecluigung? Getrennte Kreist sollten in gegenseitiger Anerkennung und Achtung von den jeweils Leteiligten verwaltet werden. Niemals dürfe der Jude ein kstLecepwr germanrae sein. Ter ausdringliche Versuch, die Juden als nationale Tcutsche hinzu stellen. eine Synthese zwischen Teutschtum und Judentum zu schassen, müsse aufgegeben weiden, denn er fei innerlich unwahr. Tem Staat siche keine Gewalt über das nationale Bckenntn's seiner Bürger zu. Kollew'cher verlangt zwar nicht nationvle Autonomie wir dir Juden in Teutschland, Wohl aber wünscht er Anerkennung der Gedanken, die einer solchen zugrunde llwen. Prüft man die Grundgedanken dieser Schrift, so wird mau neben einigen zutreffenden Erkenntnissen außerordentlich zahlreiche schwere Mängel in Tezründung und Beweisführung erkennen. Schon im geschichtlichen Teile finden sich erhebliche Jrrtümer, zum Beispiel die Behauptung. daß in vergangener Zeit überall die amtliche und private Bezeichnung für die Inden .LüLische Nanow' gewesen sei — eine Auffassung, die Proftssvr Elbogen in seiner grundlegenden Untersuchung ,stTie Bezeichnung jüdische alten" in der ^Monatsschrift für Geschichte und Wisseu'chaft des Judentums', Jahrgang 1919. eingehend widerlegt hat; aber auch darüber hinaus verkennt Kolleustchcr die wahre Bedeutung und den Inhalt der Begriffe, die er seiner Studie zugrunde legt. Lo ist der Begriff KlaL Israel Lei weitem nicht so eindeutig, wie er annimmt und hat nichts mit dem Primat des Judentums zu tun. den Kollenscher verlangt. Man lese die ein gehende Studie über diesen Begrtfs im Jüdischen Lexikon oder den Aufsatz ..Staatsgedankm und "Patriotismus' in der gleichen Enzyklopädie, daun wird ntan sich davon überzeugen,, Last Kollenscher mit einer gewissen Oberflächlichkeit au dem wahren Inhalt der Begrust voiL'ugeht. Ebenso ist die Annähme unrichtig, ^das geschichtliche Judentum fei dem Sozialismus wcftnksrewd. Gewiß sind manche neu-eielimeu Erscheinungen des Sozialismus, di? erst Felgen der wirtschaftlichen Vorschicbungen der legten Jahrzehnte sind, dem alten Judentum unbekannt. Ter Grundgedanke des bibli'chcn JlGentums aber enthaft sehr viele und selv bezeicbmen.de Aehnlichkeiten mit den arund-anlimeu Forderungen des Sozialisums. Auch die Behauptung, der Liberalismus sei nnjüdisch ist unrichtig. Kollenscher folgt viel zu sehr der heutraen Ablehnung des Lrberalismus seitens natiönalistucher Kreise, statt Friedrich Naumann zu folgen, der in zahlreichen Schriften die tic'e Bedeutung des. liberalen Gedankens und lein? Verbundenheit mit der heutigen Gesinnung un'ersr politischen und wirtschaftlichen V-rrhälUniw bis zur letzten Tiefe gezeigt hat. Tarnnch kann von einem Widerspruch zwischen richtig verstandenem Liberalismus und dem Geist des Judentums keineswegs gesprochen werden. Am schlimm den aber irrt Kollenscher in seiner völligen Ablehnung der Notwendigkeit aller jeder Arbeit, die aus eine Synthese, das heißt" auf eme innere Seme i n s ch a s t zwischen Deutschtum und Judentum ausgeht. Die Lebensarbeit eines Eugen Fuchs, eines Herrmann Cohen, eines M o r i tz Lazarus, eines Chajim Steinthal find auf dieses Ziel gerichtet gewesen. Diese Männer waren alles andere als „Assimilanlen'. von denen Kollenscher im verächtlichen Sinne spricht. Sie sahen, daß es dem deutschen Juden nicht nur möglich, sondern zutiefst notwendig ist, sein jüdisches Erbgut in den deutschen Gedanken einzubringen. weil der deutsche Jude gar nicht anders kann, als Deutscher zu sein; dabei brauche ar" ti"i5*iTiff-!r'rt fvrfimtfr tirrnfS aufzugebeu. Wenn jetzt eine immerhin erhebliche Anzahl deutscher Bürger immer wieder von der Fremdheit der Juden spricht, so dürfen wir uns von^einer solchen aus dem Augenblick geborenen Strömung in unserer inneren Empfindung weder beeinflussen noch abdrangerr lasten. Dieses „FrerrrdhcftZgesühL' ist nun keineswegs dem „nationalen" Staat eigentümlich, ^o hat Mugolim niemals Von solcher Fremdheit gegenüber den Juden gesprochen,' sondern Fm Gegenteil ihre völlige Verbundenheit mit Land und Boden häufiger betont und solche Gedankenführung, wie sie Kollenscher entspricht, stets abgelehnt. Aber auch die nationalistische Welle wird zurückgehen. Ter Versager dieser Besprechung hat kürzlich einem bekannten Führer der nationalistischen Seisteshaltung das tiefe Wort Goethes entgegengehalten: „Kein Lebendiges ist eins, immer ist es ein Vieles'. Es gibt keine deutsche Menschen, die nun sür sich aus irgendwelchen Gründen das Deutschtum in Pacht nehmen könnten. Der deutsche Mensch setzt sich aus mannigfachem Ursprung zusammen. Der Satz: ,Llie Juden sollten sich nicht als Lehrer des deutschen Volkes aufspielen', erinnert an ein „berühmt' gewordenes Wort von Erich Cohn aus dem Jahre 1918, welcher in Frage stellte, ob es dem nationalen Juden zieme, sich am deutschen politischen Leben aktiv zu beteiligen; es ist durch die Praxis, insbesondere durch das Verhalten maßgebender Nationaljuden, inzwischen beantwortet worden, allerdings in einem anderen Sinne, als Erich Cohn und Kollenscher dachten. Feige und verächtlich würden die Juden sein, wenn sie nicht in gleicher Weise wie andere unangefochten sich zu kritischer Mitarbeit am deutschen Eesamtleoen zur Verfügung stellten. Gewiß soll man nicht in aufdringlicher Weise hämische und gehässige Kritik an Erscheinungen üben, die änderet: Polksgenosien heilig find. Diese Art der Kritik, die den Juden so oft zum Vorwurf gemacht wird, findet man in Wahrheit restlos bei Leuten, die niemals Juden waren oder die dem Judentum längst den Nucken gekehrt haben. Eine verkappte nationale Autonomie, wie Kollenscher sie vorschlägt, wäre für Pas jüdische wie' für das melltsüdische Teutschland ein llnglück. Kollenscher sieht richtig, daß im Judentum eiu starker Auflösungsprozeß vorhanden sei. Auch wir verlangen Anerkennung und Vertiefung des jüdischen Lebens. Und von diesem Gesichtspunkte aus bejahen viel? Juden die jüdische Volksschule. Aber auch alle die, die sie ablehncn, find in dem Wunsch nach einer Vertiefung jüdischer Lebensinhalte einig. Tie Hauptaufgabe der jüdischen Gemeinden muß neben der Frage des Gottesdienstes und der jüdischen Lehre immer der Kampf gegen körperliche, geistige und wirtschaftliche Verelendung ihrer Mitglieder bleiben, und es ist unrichtig, alles das, was mau unter Gemiluth Chessed versieht, oM zweitrangig gegenüber der Schill? zu bezeichnen/ So gut gemeint die Kollenscherscheu Vorschläge sind: In ihrer Durchführung die Zahnpaste, die ven mehr als 5 Mi. 'men j Menschen — allein in Deu'sc!-’ar.d—?.:-;lch; gebraucht wird. Vorzur.'ica in der UA.ll-nmg, sparsam im Verbrauch, von höchster. Qualität* Tube SO PL und SO Pf. Weisen i Sie jeden Ersatz daher zurück. bebcuten sie nur eine AngIeichung ß n die Forderung der Judenfeinde, und zwar eine Anglrederung, die uns innerlich fremd geblieben ist und bleiben rn u ß. sollten auch, was wir nicht glauben, die Schwarzseher recht behalten, niemals dürfen und werden wir unsere Forderungen als Deutsche aufgeben. Ter Auslösung indischer Werte ein Ende zu machen, wird sich niemand entziehen, der das Judentum erhalten will. Aber die von Kollenscher gewiesenen Wege werden Zu entgegengesetztem Ziel führen. Ludwig Holländer. Clst La§kr?-SchillLL Von Fritz Engel Der Kleist-Preis dieses Jahres ist zur Hälfte einer Dichterin zugcfacken, die üuchstreilbur einen eigenen und vereinzelten Platz in der zeitgenössischen deutschen Literatur ein nimmt. Vergleichsweise, was die besondere Artung botrifw, kann keine andere lebende Tichterpersonlichkeit neben sie gestellt werden; aus der Vcr- ' gangenheit kommt, bis zu ernem gewissen Grade mit ihr verwandt, jene Annette von Troste- Hülshosf daher, demselben westTlischeu Veden entsprossen und früh ebenso einem katholisch gefärbten Senrüt-christentum hingeacben. wie bei Else Laster-Schüler von einem sehr deutlichen Gemütsjudentum gesprochen werden kann. Tie Droste freilich war ein adliges Fräulein, und die Lasker-Schüler ist eine Frau aus bürgerlichem Milieu, die gern in der Auflockerung "der Boheme zu leben scheint Jene hielt sich fern der großen Welt, und die andere läßt sich schwer anderswo denken als m der Croßstadü Dennoch auch hier die Berührung. Man kann in der westfalischen Heide einsam sein, aber auch in Berlin im Umkreis des Romanischen Cafös. Man kann im Geschwätz der Menschen, im Lärm der Kaffeetassen plötzlich ein Gedicht erahnen und es niederschreiben. Strindberg läßt eine seiner Gestalten sagen: .Ich höre ein Erdicht kommen!' In der Tat, sie kommen oft von. selbst, ungesucht, aus geheimnisvoll gezeugte Art. Sie sind da, sie bilden sich wie aus der Luft. Wenn man die Gedichte Else Lasker- Lchülers lieft, fühlt man immer, daß dieses Schwebende, von irgendwo ihr Zugeströmte, darum scheinbar oder wirklich Improvisierte das Wesen ihrer Kunst ausumchn Man hat von ihr gesagt, daß ihrer Muse Heimat der Orient sei. Das ist wahr, aber nur halb wahr. Mau kennü vieles von ihr. vor allem die ..Hebräischen Balladen', das wie von jahrtausendalter Harfe losgrlöft ist. Darben und Bagdad sind Schauplätze oder doch Vonvando für ihre naa). Osten zu rückflutende Phantasie. Aber gerade in diesen Blättern mutz betont werden, mit voelebor inneren Sicherheit Else Lasker-Schüler die Brücke gchunden hat von der Ueberlieferung 'ihrer Glaubeusgonosien zu dem Teutschland ihrer Volksgenofsm, zwischen Ur» Heimat und Neu-Heimai. Sie ist aus beiden Usern zu Haufe. Sie lauscht in'eins Vorzeir zurück, die den Dichter neck; wehr als den Historiker anlocken mutz: dlchelde Frau aber hat das von moderner Industrie dröhnende Wuppertal, in deur sie geboren und erzogen worden ist, so völlig in sich aufgrnwmm-en, daß ihr Schauspiel ,Die Wupper' entstehen konnte. In etwas ungeklärter rmd heftig zn.stotzcndrr Form ein erregendes Bild, ein trüber, aber echter Lebensausschnikt aus der deutschen Wirklichkeit mit ihren sozialen Gegensätzen. Eine deutsche Jüdin.- ein? jüdische Deutsche. Tie gleiche Toppeiverbundeuhoit in dem eben (bei Norvohlt) erschienenen Buch „Arthur