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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-18 · Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932) · p. Seite III

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
Seite III (sequence 3)
Language
German
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Das Spiiaozä-Meft des „Morgen“ •Von Wilhelm Midie! (Oarmstadt) - Es steht längst fest, daß der Hingang Julius Gold st eins seiner, im „Morgen" begonnenen Arbeit weder ein Abbrechen noch eine Wertminderung gebrach: hat. Denn irgendwo, so kann man hier von einer Fort* * setzung im echten Geist der Anfänge reden. Eicher und klar ist die Zeitschrift ihren Höhenpfad unter der neuen Leitung weitergegangen; den Weg eines großenGesprächs über jüdische Tinge, zur Klärung innen und außen, wobei die undogmatische Osteuheit mr ständig neu auftretende- Fragen- und Werrkreis-e immer wieder lebendig hervortrat. Gerade auch der Nichtjude wird bekennen müssen, daß manches tzeft des „Morgen" ihm Entscheidendes an Einsicht. Belehrung und Besinnung gebracht hat. Zu besonderer Höhe erhebt sich das soeben erschienene Tezemberheft, dem Andenken Spinozas gewidmet, dessen Geburtstag sich, am 24. November zum 300, Male fahrt. In drer gewichtigen Beiträgen wird zum Gedächtnis des großen Tenkers gesprochen. Ernst Cassirer behandel: „Spinozas Stellung in der allgemeinen G e i st e s g e s chicht e". Er hebt Schnozr aus den mannigfachen Verdunkelungen, die Freund und Feind ihm angetan haben, heraus und seht ihn an seinen ursprünglichen Ort. Es ist Spinoza hinter und vor eitern „epin05:5:^11*3", was er klarstellt. Cassirer gibt einen geistig Wenn die Menschen frei geboren würde::, würden sie, solange sie frei wären, keinen Begriff von Gut und Böse bilden. * Ter freie Mensch trachtet danach, sich die übrigen durch Freundschaft zu verbinden. Ter von der Vernunft geleitete Mensch ist im Staate, wo er nach gemeinsamem Beschlüße lebt, freier als in der Einsamkeit, wo er sich allein gehorcht. * Es ist für das Leben vor allem von Nutzen, den Verstand oder die Vernunft soviel als möglich zu vervollkommnen, und hierin allein besteht das höchste Glück oder die Glückseligkeit des Menschen; denn die Glückseligkeit ist nichts anderes als eben die Zufriedenheit der Seele, die aus der intuitiven Erkenntnis Gottes entspringt; den Verstand vervollkommnen ist aber auch nichts anderes, als Gott und Gottes Attribute und Taten verstehen; die aus der Notwendigkeit seiner Natur entspringen. * Die Herzen werden nicht durch Waisen, sondern durch Liebe und Edelmut überwunden. * Je mehr Vollkommenheit jedes Ding hat, um so mehr ist es tätig und um so weniger leidet cs, und anderseits, je mehr es täng ist, um so. vollkommener ist es. * Wenn nun auch der Weg. der. wie ich gezeigt habe, zur Seelenruhe führt, sehr sinwicrig zu fein scheint, so laßt cr sieg doch finden; allerdings muß etwas schwierig sein, was -so selten angetroffen wird. Tonn wie wäre es möglich, wenn das Heil io zur Hand wäre und ohne große Anstrengung gesunden werden könnte, daß es fast vonallen vernachlässigt würde? Aber alles Erhabene ist ebenso schwer wie selten. tief durchleuchteten ADriß seines Systems. Er macht Spinozas Denken deutlich' in seinen Crundmeinungen und inneren Zmammenhängen, und er leistet damit dem heutigen Menschen, für den Spinozas Urtexte nur noch schwer lesbar find, einen sehr wesentlichen Dienst. David Baumgardts Ausführungen über „Spinozas Bild im deutschen und jüdischenDenken" verfolgen die Wirkung und Würdigung des Philosophen durch die Zeiten hin. Sie kommen zu der Feststellung, daß Spinoza bisher stets stärkerauf deutsches als auf jüdisches Tanken gewirkt hat. Bekannt ist Goethes Bewunderung für Spinoza. Aber auch im gesamten deutschen Idealismus wirken spinozistische Denktrtebe fort, von Le s fing bis -Schleier mach er bildete seine Philosophie einen Gegenstand leidenschaftlicher, wiederholt ermuerter Erörterung, während gerade führende jüdische Geister, w:e Mofas Mendelssohn oder Hermann Cohen, zu ihr in heftiger Abwehr standen. Das ist aus Spinozas Stellung zur jüdischen Umwelt seiner Zeit, aber auch aus feiner Ablehnung jeder positiven, geschichtlich erwachsenen und lebenden Religion zu erklären. Baunigardt, dessen Denken jüdisch-national geführt ist, halt diese jüdische Stellung zu Spinoza für revisionsbedürftig. „Wir haben bis heute noch keine Formel dafür gewonnen, wie wir Spinoza wirklich zentral hineinftellen in das ewige Leben des jüdischen Geistes. Und trotzdem kann ihn auch. 003 Judentum gewiß nicht entbehren." Bamngardt steht in Spinozas unerschrockenem Zusam mendenken der oberen und unteren, der guten und bösen Kräfte ein ewiges Motiv des jüdischen Denkens durchgesührt. Er halt Spinozas ethische Würdigung der Machttriebe für bedeutungsvoll im Hinblick auf heutige Probleme der Judenheit. die nicht gestatten, sich ausschließlich .Fuf ein Ethos jüdischer Humanität zurückzuberufen. das sich früher bewährt hat." Baurn- ,gardt stellt sich damit entschlossen auf den Boden heutigen Denkens, das ja in der Tat die Fragen der Macht, des Staates, der Eeschichtskräkre überhaupt anders ansicht als das frühere. Nicht ohne Grund vermutet Baumgardh daß das Weiterwirken des Spinozismus seine letzte neue Wendung mit Nietzsche genommen habe (was natürlich nicht heißen kann, daß Nietzsche faktisch und ausschließlich von Spinoza etwas überkommen habe, was als A s i a t i s m u s und G n 0 st i z i Z n: 11 s längst schon sein Leber: hatte und in breiten Denkströmungen seit Jahrhunderten durch Europa gegangen war). So sehr Baun: gar dt widersprochen werden muß. wenn er Nterr und Freud als die Vertreter einer ..Treue zur Erbe" verherrlicht — denn das Haste Ul an der unorganisierten Materie hat nicht das geringste zu tun mit Treue zu jener Erde, die Ort und'kosmischer Repräsentant des lebendigen Menschen ist —. so bedenkenswert ist seine neue Zuweisung Spinozas zu Judentum und jüdischer Denkart, selbst wenn sich ergeben sollte, daß diese Zuweisung nicht leicht zu derarbenen ist. Ter dritte Aussatz ..Motive in Spinozas Leben" von Leo Dneck, ist geführt von dc:u Grundgedanken: ..In jeder Philosophie, die mehr ist als bloße Spekulation, will der Mensch auch sich selbst und sein Loben erweisen-. sie soll nicht zuletzt Lebensamwort sein". Baeck siebt Spinozas Denken als ..Erweisung" (Rechtser: ignnch Durckdeukuno, Darlebuua) feiner Ausstoßung aus der Gemeinde. also jener gr.mdsatz- IB lichen Einsamkeit und Eememschaftslosigkeit. die von Anfang in ihm angelegt war und sich im Konflikt mit den Glaubensgenossen biographisch erfüllte. Tadurch „wurde der Platz seines Daseins ihm zur Ausgabe des Denkens". Baeck ficht so Spinozas Verherrlichung des absolutistischen Staates zwangsläufig hervorgehen aus dem Bedürfnis des vereinzelten, freien Geistes, die Staatsmacht Zu errichten als einen Schuh gegen , geistige Vergewaltigung (ähnlich wie heute der' „totale Staat" ersehnt wird als Rettung aus der Parteiherrschast). Auch. die innere Richbung von Spinozas Denken bestimmt sich für Baeck aus dem Motiv: „Dem religiösen Denken des Mannes, der seiner Gemeinschaft fremd geworden war und den sie dann gebannt hatte, war es Zur bestimmten Aufgabe geworden, die Religion des Menschen, der ohne die Gemeinschaft ist. Zu erweisen". Deshalb. hat er sich „mit entscheidenden Gedanken von dem Gewordenen, dem Geschichtlichen, dem Konstituierten seines Daseins fort Zu dem Allgemeinen hingewandt... Ter Mensch, der in Gott lebt ohne die Gemeinde, ohne dre Geschichte, der gewissermaßen/ wie aus der Kirche in den absoluten Staat, so auch in die absolute Substanz geflüchtet ist, das ist so der anfängliche und anhebende Gedanke . im . philosophischen System Spinozas." Baeck findet im Verfolg seines Grundgedankens ein Wort über Spinoza, das tief und enträtselnd ist: „Dem, der allein ist, weitet sich sein Ich zu allem hin, in alles hinein, und dehnt sich alles, hin zu seinem Ich." Spinoza ist „allein'' nicht nur als der Ausgestoßene, sondern schon als ver lediglich auf Ich, Geist, Bewußtsein gestellte Mensch. Man denke das durch, und man wird seinen mehr als fragwürdigen Gottesdegriff, seine geometrische Methode und namentlich seine begeisterte Rezeption durch den deutschen Idealismus ursächlich erhellt finden. Von größter Wichtigkeit ist neben der Spinoza-Huldigung des „Morgen" — die alles andere ist als blinde Lobpreisung — der Aufsatz Martin B ubers über „Die Brennpunkte der jüdischen Seele". Das ist großgeprägte Wesensaussage, an der sich täglich Leben erfrischen kann zu neuem Mut, wie durch ein Herantreten an die strömende, aus dem Erdreich drängende Duelle. Buber sieht die Zwei Brennpunkte der jüdischen Seele (,ckne auch noch für den säkularisierten Juden, soweit er nicht entseelt ist, fortbestehen") in der Unmittelbarkeit zum Dasein und im Wirken der versöhnenden Kraft in einer unversöhnten Welt; anders gesagt: in der Jnkarnationslosigteit des dem ..Fleisch" sich offenbarenden Gottes und in der Zäsurlosigkeit der auf Erfüllung ausgerichteten Menschen geschich Le. Büber „begründet" das nicht. Er sagt es aus. Er weiß, daß hier nur Aussage gelten kann, denn Seele ist Leben, und alles besondere Leben ist unbegründete und grundlose Aussage Gottes, nur von ihm letzthin zu deuten, nur von ihm zu betreuen, zu fördern und auch zu löschen. Bubers Sprechen erhebt sich hier zum Rang jenes Sprechens, von dem gesagt werden kann: cs kann nicht widerlegt werden, und es widerlegt seinerseits nichts von dem, was ihm ent-' gcgcnfteht. Es sind Worte der Feiertage, nur dem Herrn des Lebens zum Preis. Erwähnt sei noch Jakob Wassermanns ..Ansprache an die europäische Ju»!]ctt b", in der ein Leid und eine Hoffnung herzbewegende Worte finden. Nochmals: überall wird hier von einer Höhe aus geredet und gewirkt. und selbst, wenn nichts anderes zugunsten dieser Zeitschrift zu sagen wäre, so bliebe bestehen, daß scharr im Halten dreier Höhe ein Verdienst liegt, das heute jeder Schätzung wert ist.

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