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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-18 · Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932) · p. Seite II

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
Seite II (sequence 2)
Language
German
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ns anderen zu übertragen. Teshalb entartet eine Regierung, wenn sie dem Geist Ketten auferlegt. „.Als aufrührerisch". sagt Spinoza, „haben nur Diejenigen Meinungen zu gelten, durch deren Vertretung der Vertrag hinfällig wird, kraft dessen sich ein jeder des Rechtes, nach eigenem Gutdünken zu handeln, begeben hat/ Damit soll ausgesprochen werden, daß ein jeder, der die Gr.ii ndlagen des Staates gewaltsam ändern will, dessen Existenz auf dem Wege des gewaltsamen Umsturzes umzubilden trachtet, als Ausrührer gelten muß: denn ohne staatliche Gemeinschaft herrscht die Barbarei. - Gedankenfreiheit und Vernunft im Staate sind die Hauptgrundlagen ' für ein vernünftiges Staatsleben. Spinoza hat sich "als Anhänger des Naturrechts bekannt. Darunter versteht er die Naturgesetze selbst oder die natürliche Ordnung, nach welcher alles geschieht. Aber diesem Naturrecht sind Grenzen'gezogen. Gerade die UebereinkunfL der Menschen, miteinander in Frieden zu leben und das Beste für die Gemeinschaft zu erreichen, fordert unter Umständen einen Zwang, der zu Zuständen führen kann, die der Natur widersprechen. Darum ist es keineswegs im Sinne Spinozas ausgeschlossen, daß eine kluge, nachdenkliche Staatsgewalt in gewissen Zeiten dann fest zugreift, wenn Ruhe und Ordnung im Staatsleben durch die Leidenschaft emer sanatisierten Menge gefährdet werden. So mahnt Epmoza.die Regierenden: „Es ist in gleicher Weise (es wird von den Gesetzgebern und den Hütern der Ordnung gesprochen) unmöglich, betrunken oder , nackt mit Dirnen durch die Straßen zu ziehen, die selbstgegebenen Gesetze zu verletzen oder zu mißachten, so wie es unmoglich ist, zugleich zu sein und nicht zu sein/ Spinoza lehnt jedes Sottesgnadentum ab. Spinoza meint: ,Aur ausgemachte Gimpel fallen ögf solchen Trug herein und erniedrigen sich selbst aus Untertanen Zu Sklaven/ Er schließt sich dxm Römer Seneka vollinhaltlich an, der einmal Gesagt hat: „Gewaltherrschaft hat sich niemals lange behauptet: nur die gemäßigte Regierung ist von Dauer/ In der Auffasiung. welche Staatsform zu bevorzugen sei, hat sich Spinoza aus Grund der Erfahrungen, die er im Leben gemacht hat, gewandelt. Zunächst befürwortet er die Demo- - kxaiie; spater zog er die aristokratische Republik vor. wobei man berücksichtigen muß, daß ^ünoza Aristokraten diejenigen nannte, die von d?r Bevölkerung zur Leitung des Staates gewählt worden sind. Es ist dabei also nicht vom Geburt-Zadel die Rede. Die so Gewählten nennt er Patrizier. Sie sollen so regieren, daß sie nicht dje Auflehnung des Volkes zu fürchten brauchen, und doch dem Volk nicht mehr Freiheit ejnräumen, als ihm nach der Verfassung zusteht. 5vtm soll aber nach der Ansicht Spinozas — und darin werden wir heute nicht mit ihm einig sein — eine solche aristokratische Regierung sich ans ihren eigenen Reihen ergänzen, ihre Nachfolger sollen nie wieder durch das Volk gewählt werden. Vielleicht stützt sich diese Anssasfnng auf die Erfahrung, daß im 17. Jahrhundert in Niederdcutschland, die Handwerkerinnungen öffentliche, die Allgemeinheit bedrückende Rechte für sich in Anspruch nahmen, die offenbar auf Spinoza, dem die Verhältnisie genau bekannt waren, unerträglich erschienen. Wer die Wirtschastsgeschichte kennt, weiß ja, wie gerade damals die Räte der deutschen Städte gegen Mißbrauch der Zünfte und Gilden von der oft gequälten Bürgerschaft angerusen wurden. Verfolgen wir die einzelnen Anschauungen- Spinozas über das Wesen der öffentiid>esi Dinge, so. ftctjt über allem der Leitgedanke: Die Verfassungen müsien so gestaltet sein, daß der. Staat mit dem Rechte des Stärkeren düs Schlechte verhütet. Ter Staat soll eben jeden Anreiz zum Verbrechen zu beseitigen suchen und jeden Ansatz zur Tugend fördern. Ist dieses sittliche Gesetz im Staat lebendig, so ist die Gestaltung der Staatsform im einzelnen Spinoza weniger wichtig. Sie muß nur dem Staate die Kraft verleihen, Unrecht zu verhüten. So ist der spinozistische Staat kein Staat, der durch Weltweise regiert wird, kein kirchlicher Staat, d^r auf religiöser Grundlage beruht, auch kein unbedingt autokratischer Staat, der die Menschen verschlingt und ihre Gesinnung beherrscht. Er soll keine Erziehungsanstalt, weder für die Weisheit, noch für den Glauben, sondern eine reine Rechtsordnung sein. Jede romantische Auffasiung, wie wir sie heute weitverbreitet sehen, wird abgelehnt. Spinoza genoß allerdings das Glück, bei der Auseinandersetzung mit der Mitwelt von Romantikern nicht behindert zu werden, die von der Staatsmacht alles und jedes verlangen, ohne zu wissen, woher der Staat die Mittel und die Macht zur Turchsttzung aller dieser Ansprüche nehmen soll. Auch Spinozas Staatslehre beruht ans der Natur der ewigen Gesetze, aus der Natur der wunderlosen und unwandelbaren Notwendigkeiten. Wenn die Menschen so zu formen wären, wie Spinoza es erstrebt, so wäre seine Staatslehre zweifellos allein richtig und befolgenswert. AVer man wird an ihr irre, wenn man sieht. Es gibt in der Natur nichts Zufälliges, sondern alles ist gemäß der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisie Weise da zu sein und zu wirken. * Die Vollkommenheit der Dinge muß nach ihrer Natur und ihrem Vermögen allein geschätzt werden, und die Dinge sind deshalb nicht mehr oder minder vollkommen, weil sie den Sinn der Menschen ergötzen oder beleidigen, weil sie der menschlichen Natur Zusagen oder ihr entgegen sind. Denen aber, die fragen, warum Gott nicht alle Menschen so geschaffen hat, daß sie bloß durch die Führung der Vernunft geleitet werden, antworte ich nur: weil er Stofs hatte, alles zu schassen von der höchsten bis zur niedrigsten Stufe der Vollkommenheit.. * Die geistige Liebe zu Gott ist ewig. * Die Ewigkeit ist das Wesen Gottes. * Unter „gut" werde ich das verstehen, wovon wir gewiß wissen, daß es ein Mittel ist, uns dem Urbilds der menschlichen Natur, das wir uns vorsetzen, mehr und mehr zu nähern: unter „böse" aber das, wovon wir gewiß wissen, daß es uns hindert, eben diesem Urbild zu entfprechcn. * Das höchste Gut dos Geistes ist die Erkenntnis Gottes, und die höchste Tugend des Geistes ist. Sott zu erkennen. * Insofern die Menschen den. Leidenschaften unterworfen find, sofern kann man nicht sagen, daß sie von Natur überein.ffimme n. Es gibt in der Natur nichts einzelnes, was dem Menscherl nützlicher wäre als der Mensch, der nach der Leitung der Vernunft lebt. wie wenig die Grundlagen, allss staatlichen Lebens, die Spinoza als notwendig voraus sc?t, vorhanden sind. Denn Tugend ist für Spinoza -Lebenserhaltung: der /ei't der Lebensfreude beherrsche seine Sitte mehre. Ein Mann, der sagt, daß alle Gemürserrcaungen des innerlich freien Menschen Gemütserregungen der Freude sin), kann und darf in einem Staate leben, bei dem im Grunde genommen das politische Rech: des einzelnen verhältni-m/ßig gering nt, weil drs Rocht der Gesamtheit ihm die Erhaltung seines eigenen Rcchrskreises verbürgt. Wir sehen ai% Spinoza ist ein Freund einer autoritären Regierung, aber nur insoweit, als diese Regierung gewillt ist, leidenschaftslos und gcrccht zu sein, jeglichen unnützen Zwang Zu vermeiden, die EeistessreiheiL zu wahren, den-Frieden nach innen und nach außen zu erhalten, und die innere Würde des Vaterlandes und der gesamten Menschheit zu achten. Tie höchüe Tugend aller Bürger war Spinoza die Liebe zum Vaterland. Er war — und das steht bei Spinoza nicht in Widerspruch zuseiner Vaterlandsliebe — ein Weltbürger und ein Friedensfreund im bellen Sinne des Wortes, weil es ihm um die innere Sittlichkeit der Menschheit zu Lun war. Wir. die wir die Begrenztheit seiner MaßAäbe in politischer Hinsicht erkennen. lernen von ihm, daß das heute noch ferne Ziel nicht durch brutale Gewalt, nicht durch Gruppenseindschaft erreicht werden kann, sondern allein durch das Strebvn nach Leidenschaftslonakeir. nach Eeistessreiheit und nach innerer Erkenntnis. Tie Menschen werden die Erfahrung machen, daß sie durch gegen'eiiige Hilfeleistung sich das, was sie bedürfen, viel leichter verschaffen, und nur durch vereinte Kräfte die Gefahren, die ihnen überall drohen, vermeiden können. * Die Begierde, gut zu handeln, die daraus herdorgeht, daß wir nach der Leitung der Vernunft leben, luuue ich Frömmigkeit. * Tie Begierde, wodurch der Mensch, der gemäß der Leitung der Vernunft lebt, gehalten ist, sich die übrigen durch Freundschaft zu verbinden, nenne ich Ehrbarkeit. Haß kann nie gut sein. * Wahrlich nur ein düsterer und trübseliger Aberglaube verbietet, sich zu erfreuen. Denn weshalb ziemt es sich mehr, Hunger und Durst zu stillen, als den Mißmut zu verjagen?.. . . * Wer nach der Leitung der Vernunft lebt, strebt, soviel er kann, Haß, Zorn, Verachtung usw. eines anderen gegen ihn durch Liebe oder Edelmut zu vergelten. Wer Beleidigungen mit Haß erwidern und rächen will, hat gewiß ein trauriges Leben. Wer hingegen Haß mit Liebe zu bekämpfen trachtet, der karnp'r gewiß mit Freude und Zuversicht. # Wer von Furcht geleitet wird und das Gute tut, um das Böse zu vermeiden, der wir) nicht von der Vernunft geleitet. * Ter freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod, und seine Weisheit ist nicht ein. Nachdenken über den Tod sondern über das Leben. B^mgssssjagBgBBi»^ Aus der ElMEi §pimosa§ Mitgeteilt von Professor Ludwig Marx (Bruchsal)

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