Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932)
- Date
- 1932-11-18
- Page
- Seite IV (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I¥ Beim Brilleiisdileifer in Mijiisbiirg Von Gertrud Isolani Durch Hollands saftige Diesen, vorbei an emsig weidenden Kühen, schmalen Gewässern mit braunen SpwLzeugwitilliUühken. saus: unser Auto. Hier steigt in sattem Grün eine Nuisdael-Laudschast mrf, dort entzückt eine echte Potter-Gruppe das Auge. Mrt jedem Kilometer wächst unser Schauen und Fühlen mehr in die Landschaft Hollands hinein. Aus Leiden kommen wir. der alten, vornehmen Universitätsstadt, und unsere ‘ Fahrt geht Zum Meere, gen Nordwijk. Aber in einem ganz kleinen Torfe, in Rijnsburg, machen wir kalt. Es hat keine besondere Farbe, dieses Dörfchen, es ist so sauber und freundlich und zieaelvunt wie alle Dörfer , in Holland. Tie Einwohner/ alte Fischer, Pralle Bäuerinnen, viele blonde Kinder, sind ein bißchen ^erstaunt, daß da so ein Autoungetüm-in ihre friedliche Welt emdringen will, daß es gerade in die schmanie, unscheinbarste Sasst hrneinzrv fahren versucht. Aber sie wissen, es gab schon jedes Jahr, seit sie. denken können, immer ein paar verrückte Fremde, die gerade ihr stilles Törschen besuchten. Tas waren Menschen — für die Mjnsburger bedeuteten sie die große Welt.— von oft seltsamem Aussehen, mit Hornbrillen und flatternden Rockschößen, mit langen Haaren und Kalabresern, doch immer mit einer leuchtenden Sehnsucht im Auge, mit einem rätselhaften, nach innen gerichteten Blick. Mit einem verschämten Gefühl von Pietät betreten wir ein gewisses Haus der „Spiuozalaan" mn Ende des Torfes. Eschen beschatten dies stille ^Häuschen., in dem einst ein simpler Brillenschteuer zum Gottsucher wurde. Drei Jahre seines Lebens verbrachte in diesen zwei Räumen Darrrch'Spinoza; am Tage faß er emsig über die Schleifbank gebeugt, kunstvolle Linsen schock die schmale Gelehrtenhand. Nur am Abend folgte er ganz, seinein wahren Berus. — Verlegen, ehrfürchtig ' stehen wir vor der primitiven SchleisGank; stiller noch, ehrfurchtsvoller blicken wir nebenan in dem kleinen Studierzimmer umher, mit dem anheimelnden Kamin aus Telfter Kacheln, betrachten lächelnd die - alte, eisenbeschlagene Kassette Spinozas und sein zinnernes Tintenfaß. ' Tas Persönlichste aber in diesem Zimmer ist des Philosophen kleine Handbibliothek. Zahlreiche Bibelausgaben sdar'.rnter oine s mm Schell Werke von Lwius, Taeitus. Arrstvteles, Ovid, dmm die von Spinoza besonders geschätzten Schrillen des Teseartes (seines nachbarlich wohnenden Freundes). Machiavellis Werke, Senecas Briefe, Dichtungen des Cervantes, mathematische, astronomische Bücher, Hebraica — sie alle strahlen etwas von: Geiste ihres Besitzers aus. Behutsam streicht meine Hand über zerlesene Pappbünde und staubige Pergamentrücken. Aus den vergilbten Blättern wird mir, wenn auch nur für den Augenblick, das geistige Bild des großen Streiters lebendig, wie es mich schon einmal in der alten portugiesischen Synagoge zu Amsterdam gleich einer Bision überwältigte. Wir blättern noch ein wenig in den verschiedenen Ausgaben von Spinozas Werken und in den Zahlreichen Büchern, die sich mir seinem Leben und seiner Lohre beschäftigten, wecken dann einen neugierigen Blick in das Fremdenbuch. Ich muß lächeln bei dem Gedanken, welchen Eindruck mancher Gast dieses Hauses ans die braven, kopsschüttelnden Rijnsburger gemacht haben mochte. Berühmte Rabbiner sind unter den Besuchern, forschungseifrrge 'Gelehrte und auch Menschen ganz anderer Geistesckchstmg, Männer des öffentlichen Lebens, die irgendwo in.einem unbekannten Winket ihres Herzens die Liebe zum tapferen Autor der „Ethik" bewahrten. Angern verlassen wir diese lieben bedenkzimmer. Als wir hinausgehen, grüßen uns noch zum Abschied Worte Sully Prudhornmes. ein kleines Gedicht aus Spinoza, dessen ersten Bors ich so verdeutschen möchte: „War mal ein kränklicher Mann, arm an Gesundheit und Geld. lieber der Brillen-Schleifbant er glstmche Wcksbe'n erlcnme And sie gleich Linsen schliß und in Favunln bannte. Vor dieser Formeln Klarbeit erschrak ciust die- . Welill Als wir dann sräter am Meere den glutroten Sonnenbatt langsinn versinken sehen, kommt mir ein feines Wort Bert hold Auerbachs in den Sinn: „Spinoza habe", so sagt er, „als er die Gesetze der Weltordnung erkannte, ähnlich wie Kopernikus, das Sonnensystem des Tenkens geklärt und gefügt/' Das Schicksal eines Gesinnungsverwandteii Za Josef Kasteins Buch: „Uriei da Costa“ Rowohlt Verlag, Berlin 1932 Kaste ins Biographie Ariel da Costas offenbart eine geradezu beklemmende Allgemeingültigkeit dieses Sonderschicksals. Tiefe „Tragödie" der Gesimnmg" Ger Untertitel des Buches), die der Dichter aus der Problematik des Marannenschicksals entwickelt, wird uns aus der Aehnlichkeit der Lage heraus Abbild unserer eigenen weltanschaulichen Auseinandersetzungen. An da Costas Schicksal, an dieser' Lebenstragödie des spanischen Katholiken jüdischer Herkunft, wird uns der Kamps der SeldsterhaÜung einer differenzierten Minderheit gegen eine Mehrheit vor Augen geführt. Ter Widerstreit von Gesinnung und Interesse — auf dieser Ebene spielt sich immer wieder der Kamps des Bleu scheu um die Formung des Weltbildes ab — ist damals wie heute Kern- Problem der Ausemand er s e hu na en zwischen Judenrlim und Umwelt. Misch ebenverbot, der Ausschluß von Aemtern. das Verbot, christliche Sklaven zu. halten auch damals schon Isolierung, Diffamierung und wirtschaftliche Pression — Mittel, die zur Vernichtung des Judentums führen sollten. Kampfmittel der Jnteresienwelt gegen die Welt der Gesinnung, sollten damals die Inder; Spaniens zur Annahme der Taufe Zwingen. Soweit sie nicht flohen oder Selbstmord verübten, mußten sie die Taufe entgegenrrehm.cn. Diese Maraunen lebten mit dem geheimen Vorbehalt ihres Judentums. Sie nahnwn um der Erhaltung der Idee willen den Zwiespalt eines nach außen und innen gerichteten Daseins auf sich. Ariel da Costa, katholisch erzogen, aufgewackchen mit der katholischen Sehnsucht, durch' die Disziplin der Exerzitien und die Beichte Ausgleich für ein erregtes Gewitzen zu schaffen und Erlösung zu finden, kann so den Frieden seiner Seele nicht finden. Der ihm zugewiesene religiöse Lebensramn ist ihm zu eng. Wie viele -seiner Gesiuntmgs<zenotzen geht er nach Amsterdam und wendet sich dem .Judentum zu. Ko. stein entwickelt uns mit nie versagender psychologischer Folgerichtigkeit, wie dieser leidenschaftliche Kämpfer und Zweifler immer mehr zerbricht. Immer erneut muffen seine Versuche/ der Gemeinschaft zu begegnen, daran scheitern, daß er fremdes, katholisches Gedankengut in die jüdische Ideenwelt hineinträgt und daß cr imfähig ist, seine Persönlichkeit in die Gesamtheit einzuordnen. In der Thora sieht er eine „Gesamtheit von Erlösungsvorschriften". Ihr Wert scheint ihm als ..Bartel zum Heil" herabgesetzt, weil das Judentum der damaligen Zeit die Bibel in liberaler Weise fortentwickelt batte. Seine von solcher Kritik erfüllten „Thesen" haben den Bann zur Folge. Die Lehren des Judentums von der Unsterblichkeit der Seele und der Wiederauferstehung der Toten, deren tieferer Sinn darin liegt, daß weniger die Erlösung des einzelnen als die der Gesamtheit erstrebt wird, vermag da Costa, der Aeberindividualist. nicht zu umfassen. Er versteift sich auf die ^Vorstellung von der Erlösung der Einzelseele, ^eine .Thesen über die Sterblichkeit der Seele* ballen erneuten und verschärften Bann zur Folge. Aber seine Erkenntnisse tragen ihn nicht/Letztlich strebt er doch wieder nach Geborgenheit in der Gemeinschaft. Auf sein Betreiben wird er, nachdem er alles bisher Behauptete widerrnst. in allerdings diffamierender Form in die Gemeinde wieder ausgenommen. So opfert er seine Gesümung dem eigensüchtigen Jntereffe, Geborgenheit zu finden. ^Tie Tragödie seines Lebens legt er in seiner selbst biograplsie „Beispiel eines menschlichen Lebens" weder — und erschießt sich.. Küstern zeichnet den Marannen da Costa mit' meisterlicher Kraft. Selbst da. wo seine teils sogar nurpersöulicheu religiösen Kämpfe uns heute vielleicht an sich fern liegen, weiß der D'ichter nach durch allgemeingültige Formulierungen zu den Problemen unserer Tage hinzuführen. In der Selbstvernichtung oa Costas sieht Kasiein das logische Schicksal der Maranwn. Er leugnet die ^Möglichkeit gegenseitiger Befruchtung von Judentum und Amwelt. Vielleicht verkennt er, daß dem dogmatisch eingestellten Menschen der damaligen Zeit etwas Starres, um nicht zn sagen Intolerantes, eigen war, während — so will es mir scheinen — die geistige Struktur des modernen Menschennicht so sehr von der „Kraft des Beharrens" als vielmehr von der Bereitschaft zu geistigem Austausch bestimmt wird. Aicht mehr gebunden durch starre. Glaubenssätze und Tcukvorschristen, vermag der Mensch unserer Tage leichter fremdes Ge- ~ dankengut mit eigenem fruchtbar zu verbinden, d. h. geistig zu assimilieren. Ich kann nicht anerkennen, daß in „Selbswernich-ung oder bedingungsloser Einordnung" oder starrern Beharren'im ^ureignen sich alternativ die Lebensrnöglichkeitc!? des modernen Inden erschöpfen. Kasteins Werk ist — wie seine ..Geschichte der Juden" — erfüllt von kraftvoller, jüdischer Geisteshaltung. Das geäußerte Bedenken kann das Gesalntwerk nicht schntälern. Das Bull) mahnt, die Ackraft der uns eingeborenen Idwu nicht zu unterschätzen. Es wird jedem der erliest, in dem Kamp' der Minderheit der Gesinnung gegen die Mehrheit der Inte rosten, den auch" wir wieder gegen eine Uebennach: durchlfechten Hatzen, neue innere - Kraft geben, astein mahnt uns alle, in dieser Zeit, die mit ihrer Schwere den Lebensmut einer ganzen Generation zu erdrosseln scheint, und in der der Ungeist und die Vormacht der Interesten inthronisiert sind, der beglückenden Wahrheiten eingedenk zu sein, daß, wo immer eine Gesinnung gegen ein Interesse steht, das Jntercsie nn Anrecht ist; daß der wahre Heroismus im Gesinnungsträger, nicht im Interesse nvertrewc liegt; im geistig Zielstrebigen, nicht im Krieger, nicht in; Politiker „Das nobile officium der- Gesinnung ist nicht, das; sie siegt, sondern daß sie sich bemüht. Das Siegentön non ist mtr ihre Hoffnung." Wir Juden leben in dieser Hoffnung.