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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-18 · Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932) · p. Seite I

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
Zum 300. Geburtstage von Baruch Spinoza (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
Seite I (sequence 1)
Language
German
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# Zu Mw •Geburtstage von BARUCHkJD IN O ZA r~ ■15; i;! L..! , -?. \ \ : v : \ i\ G v ä) M." J ■ Was ist iiais'Spmosa? / Von Spinoza wurde am 24. November 163*2 in Amsterdam geboten. Dreihundert Jahre sind seitdem . vergangen. Bis in die Gegenwart versetzt sein Name die Kultnrwelt in heftige Erregung. Nie ist es um ihn ganz ruhig geworden. Man weiß, daß ihn der schwere Bann der Synagoge getroffen hat. Man entrüstet sich über die Synagoge. Man denkt in der Art der heutigen Zeit und verwirft die Männer, die in der harten Sprache des 17. Jahrhunderts den Fllrch über Spinoza au-gmprochen haben. Man sollte ruhiger denken und all das in Betracht ziehen, was andere Religionsgemeinschasten zur Zeit Spinozas getan haben, i um Menschen zu vernichten, die ihre Dogmen k verneinten. Es ist überflüssig, die Schauer der Inquisition hier aufznzeigen. Wir wi^en von - brennenden Scheiterhaufen und von ch"uudert-; tausenden von Menschen, die den Flammentod starben. Wir sollten uns an all die vielen un* gerecht Verfolgten erinnern, die im Namen Gottes zu allen Zeiten Dualen erdulden mußten. Spinoza traf der schwere Bann, weil er religiöse Einrichtimgen unserer indischen Gemeinschast aufgegeben mD bekämpft hat, denen damals *nt£ entscheidende.Bedeutung beiaemeffen wurde und die auch heute noch viele als wesentli ch i für das Judenkum erachten. Die Römer haben einen Rechtssatz geprägt: „Dem Wollenden geschieht kein Unrecht". Spinoza war ein Wollender. Er wußte, daß die öffentliche Verletzung ' der religiösen Vorschriften und die Verneinung der damals und in seiner Gemeinde besonders streng beobachteten Lehren des Judentums nicht ' geduldet werden konnten. So ging er den Weg s e l b st g e w ü h l t e n Schicksals. Man rui deshalb schweres Unrecht d e n M a n u ctn, die den Bann über ihn aussprachrn, wenn mau sie der . Engherzigkeit und Unduldsamkeit bcmhnldigt. ohne zu bedenken, daß in anderer Zeit und unter ganz anderen Derhältuisien polirischer, religiöser und wirtschaftlicher Art auch Urteile gefällt werden, die heute unverständlich sind. Wenn man sich heute, darüber klar ist, das; Spinoza den altüberkommenen' religiöstn Ärrmd- ' begriff des Judentums zum mindesten innerlich - veränderte, daß er das angriff, was der damaligen Gemeinde in heiliger Ehrfurcht vor Augen stand, daß er sich dazu noch von allen Zeremonien völlig lossagte und die Niägackstung der jüdischen Zeremonie nach außen betonte, : dann wird man begreifen, daß die gläubigen j, Juden jener Zeit sein Verhalten nicht hinnehmen l konnten. Man war nicht grausam gegen ihn. Man versuchte es im Guten. Man wollte seine : Existenz sichern, tvenn er das öffentliche Aergernis vermied. Mehr konnte mau nicht tun. Heute hat Konstantin Brunner die Folge« rtmgen ans der von ihm mit besonderer Tiesie i durchdachten spinozistischen Lehre gezogen. Er hat ausgewrochen, daß Spinoza im Sinne der religiösen Lehre des Judentums nicht als Jude betrachtet werden kann und will. Aber niemals hat Spinoza ein Wort der Anklage gegen unser Judentum gerichtet. Er hat erklärt, weshalb er sich von unserer Religion trennt. Stets hat er die Reinheit des Willens, die Innerlichkeit und die Weihe der jüdischen religiösen Gemeinschaft anerkannt. Spinoza konnte in der Zeit, in der er lebte, in der Zeit, in der er bedrückt war und wurde, nichr so rein die auchffvon ihm erkannte Größe des jüdischen Gedankens bekennen. Es ist falsch, ihn als Menschen ohne Widerspruch zu bezeichnen, und es setzt ihn nicht herab, wenn man sich über den Streit erhebend bcffen bewußt wird, daß auch Spinoza ein Mensch war, dem Menschliches nicht immer fern blieb. Wir wollen nicht unduldsam sein und unsererseits über jene Männer richten, die über Spinoza aus einer inneren Pflicht, die jeder anerkennen wird, der die Beweggründe, Zeit und Umstand zu bewerten vermag, zu Gericht saßen. Das Ewige an Spinoza bleibt deshalb ungeschmälert. Es wird mach von denen gewürdigt, die tief mit den Grundlehren der jüdischen Religion verbunden sind, weil es in vieler Beziehung über den Rahmen der jüdischen Bindung herausgeht. Spinozas Schriften sind nicht leicht zu lesen. Erschwert wird die Ausnahme seiner Gebauten durch die Art und Weise, wie er sie eiukleibet. Wir glauben, ein Werk der Matbcmatik zu finden, wenn mir uns in sein Hauptwerk („Ethik") versenken. So wie es jeder in der Schule gelernt hat, werben Lehrsätze mit Voraussetzungen. Behauptungen und Beweisen vorgetraaen. Zerlegt man aber seine Gedunkelt, belebt man seilte Beweisführungen, so findet mau, daß Grundsatz und entscheidende Forderung seiner Erkenntnis und seiner Lehre war: Tie Menschen müssen zur Leidenschaftslosigkeit u rt d damit z n r G e - r e d] t i.g f e i t gelange n. Das Lebert des einzelnen und der Gesamtheit darf keinen Daß kennen. Aus scharfem Ucberdenken der Natur und des Menschen muß jeder einzelne die Ueberzeugunz gewinnen, daß Wahrheit, Recht rmd Frieden nickw nur das von der Natur gebotene, sondern auch das letzte Ziel ist, das der Ärmchen geäst erreichen kann. Die Rotm-eudigkeit dieser spinozistischen Lehre zeigt uns die 3eit, in der wir leben. Wenn wir das Maß von Feindschaft mtd Haß überblicken, das heute Tag und Markt und Menge bewegt, wenn wir die Unvernunft, die uns umgibt, empfinden« wenn wir den Haß unter den Völkern, die Grausamkeit, mit der die Menscchn sich befehden, sehen, wenn wir uns iurmer wieder überzeugen müssen, daß die größte politische Partei Deutschlands mit allen Mitteln der Unwahrheit und Gehässigkeit unsere kleine Ge« Ludwig Holländer meinschaft zu vernichten sucht, dam? verstehen wir, welche Größe gerade heute noch einer Lehre innewohnt, die die Leidenschaftslosigkeit, die innere Ruhe und den klaren Sinn zum höchsten Ziel setzt. Schließlich sind alle Lehren Spinozas in seinen ver'chiedenen Werken darauf gerichtet, den denkenden Menschen zu überzeugen, daß diese Leidenschaftslosigkeit, diese Verbundenheit mit der Natur nicht eine überirdische Forderung bedeutet, sondern sich als die Folgerung aus der vernünftigen Betrachtung der Natur von selbst herausstellt. Spinoza sagt: „Tugend ist Macht, und Tugend beruht auf Erkenntnis/ Es liegt eine ewige Wahrheit darin, sich nicht ein Weltbild aus Vorstellungen und aus Träumen gestalten zu wollen, sondern zu forschen, wie die Welt ist. und auder gewonnemn Erkenntnis die rechte Einsicht 'und das rechte Tun abzuleiten. Das will Spinoza. Vor ihm haben andere Aehnliches ausgesprochen, ober keiner so rein, keiner so überzeugend wie er. Niemals hat Spinoza die praktischen Möglichkeiten und Wirklichkeiten des Lebens verkannt. Grundlage der Tugend ist.ihm das Streben nach Selbster Haltung. Niemand kann gut handeln wollen, der nicht bestehen will: der Mensch sündigt, weit er den Eindrücken äußerer Dinge offen steht, noch nteFir. weil er die Eindrücke zu stark auf sich wirken läßt und nicht überlegt, wie weit sie innerlich berechtigt sind, wie roeit aus äußerlicher Betrachtung innere Schlüffe gezogen werden dürfen. Diese ohne jede wissenschaftliche Zutat hier vorgetragenen Grundsätze seiner Lohre soll man immer und immer wieder aus unsere heutigen Zustände anwrmdom dann wird man die Wahrheit von Spinozas Lehre erfennen und zn d-ern Wunsch gelangen, daß die Welt lmd die Menschen von diesen ewigen Wahrheiten mehr durckchrungen würde. Konstantin Brunner hat in seinem trefflichen Werke über den Deutschenhaß urb den Judenhaß diese Einsicht im Hinblick au? unsere Tage noch dahin vertieft, dctz der Haß nichd nur unsittlich und unmoralisch, sondern schädigend und vernichtend über den Kreis box unmittelbar Betroffenen hinaus ruch auf alle Menschen wirken muß. daß er eine Vermeimmg nicht nur der Moral, sondern des Willens zum Leben ist. - Spinozas politische Anstauungen mögen vergänglich sein. Aber sie sind doch, weil sie aus einem so reichen und edlen Geiste stauuuen, wichtig genug, um gerade in einer Zeitung behandelt zu rverden, deren Inhalt Erörterungen über das öffentliche Leben gewidmet ist. Nach Spinozas Lehre vermag kein Mensch sein Rocht auf Ged a nkens reihe i t zu verlieren und seinen Anspruch, sich aus eigener Vernunft ein Urteil über alle Tinge deö Himmels und der Erde zu bilden, auf einen

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